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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Misshandlungen in Flüchtlingsheimen

Ein Skandal und seine Bewältigung

Nach Bekanntwerden der Misshandlungen von Flüchtlingen sind die Verantwortlichen geschockt, entsetzt, empört und beschämt. In Wahrheit sind sie aber um Schadensbegrenzung bemüht – für ihre Presse, ihr Amt, ihr Geschäft und vor allem ihr Land. Ein Kommentar von Prof. Dr. Arian Schiffer-Nasserie.

VONArian Schiffer-Nasserie

Der Verfasser, Prof. Dr. phil., ist Hochschullehrer für Politik an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Schwerpunkte: Sozial- und Migrationspolitik, Rassismusforschung

DATUM10. Oktober 2014

KOMMENTARE6

RESSORTLeitartikel, Meinung, Politik

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Eine Mehrheit der braven Bürger akzeptiert inzwischen sogar, dass man qualifizierte Ausländer in einer führenden Wirtschaftsnation tolerieren muss, sofern Kapital und Staat deren Anwerbung als Hochbegabte oder Erntehelfer, als Soldaten oder Forscher für nutzbringend erachten. Eines aber – so finden Viele, die sich ihren Gürtel bereitwillig immer enger schnallen lassen – müsse man sich dann aber doch nicht bieten lassen: Dass schutzsuchende Ausländer, also Menschen, die weder zur Nation gehören noch ihr irgendwie dienen, vom Staat bis zur Entscheidung, d.h. meist Ablehnung ihres Asylverfahrens in Heimen gehalten und alimentiert werden. Wenn sie sich die Missachtung ihrer eigenen Anliegen im Namen der Nation schon gefallen lassen, also recht betrachtet für Deutschland Opfer erbringen, dann glauben sie zumindest das Recht auf Genugtuung durch Schlechterbehandlung all jener erworben zu haben, die der Nation nicht (so) dienen. Alte, Arbeitslose und vor allem arme Ausländer…

Den nationalistischen Neid der Gedeckelten nutzen Politiker gerne aus, um damit weitere Einsparungen im Sozialbereich und schärfere Abschreckung gegen unerwünschte Not zu begründen. Manchen Bürgern – insbesondere jenen, die die kapitalistische Logik der Nation nach der Wiedervereinigung fraglos akzeptiert haben und dadurch selbst in schweren Nöten sind – geht das noch nicht weit genug.

Wenn Politiker dann zwecks weiterer Kostensenkung und erhoffter Steuereinnahmen ihre Flüchtlingsheime privatisieren, die Ausführung ihres auf Abschreckung berechneten Asylbewerberleistungsgesetzes in die Hände privater Geschäftsinteressen legen – wie Rot-Grün in NRW – und damit die Verantwortung für die entsprechenden Folgen wegdelegieren, wenn diese Unternehmen dann zwecks weiterer Kosteneinsparung Subunternehmen engagieren und damit die Verantwortung für die entsprechenden Folgen wegdelegieren, und wenn dann die Subunternehmen unqualifizierte Flüchtlingsbetreuer und Wachleute im Schichtsystem, befristet und schlecht bezahlt beschäftigen und die Verantwortung nochmals wegdelegieren, dann sieht manch einer dieser braven Wachknechte seine Stunde gekommen: Wenn er schon nichts an seiner eigenen Lage verbessern kann, und wenn die Politik doch allem Vernehmen nach überfordert ist, so kann er wenigstens zu seiner moralischen Genugtuung das Leben der Flüchtlinge noch etwas verschlechtern und davon ein erbauliches Filmchen fürs eigene Handy drehen…

Damit fügen die eifrigen Wachleute dem Gemeinwesen – ungewollt – einen Schaden zu. Denn die Nation besteht bei aller flüchtlingspolitischen Härte auf einem Unterscheidungsmerkmal zum Rechtsvorgänger,_ auf ihrem Selbstbild als Hüterin der Menschenrechte, als hilfreich, edel und gut. Die Repräsentanten ihrer höheren Werte beherrschen deshalb die Kunst des Schämens, wenn aus Kasernen, Polizeiwachen, Geheimdiensten, Flüchtlingslagern, Kinderheimen, Gefängnissen und Kriegseinsätzen etwas in die Öffentlichkeit gerät, was da so nicht hingehört. Mit einer Sorge um die Opfer der Misshandlungen hat das ebenso wenig zu tun wie mit der Auseinandersetzung mit den Ursachen. Es wird also auch nicht der letzte Skandal dieser Art bleiben…

Fazit
Die schlimmen Misshandlungen sind weder die Folge kaum zu bewältigender „Flüchtlingsströme“ – wie dies der Meinungsmainstream in rassistischer Manier glauben macht. Sie sind auch nicht die Konsequenz der unkontrollierten Privatisierung „sozialer Dienstleistungen“ im „schlanken Staat“ – wie dies die linke Opposition und Flüchtlingsverbände konstruktiv kritisch anmahnen. Die Misshandlungen sind erst recht keine unglückliche Verkettung krimineller Einzelfälle, die mit diesem Staat und seiner Flüchtlingspolitik nichts weiter zu schaffen haben.

Die skandalisierten Misshandlungen von Flüchtlingen durch private Wachleute sind vielmehr die perverse, unautorisierte und unerwünschte Fortsetzung des allgemein anerkannten Erfolgswegs der Nation. Einer Nation nämlich,

  • deren Unternehmer auf Grundlage der erzwungen Billigkeit und Produktivität ihres deutschen Arbeitsvolks die Ökonomien anderer Länder kaputt konkurrieren und den Menschen dort ihre Lebensgrundlage nehmen,
  • deren Außenpolitik im Bündnis mit USA und NATO global an der Ruinierung ganzer Staaten und Regionen mitwirkt,
  • die als Führungsmacht in Europa eine Abschottungspolitik gegen die unerwünschten Opfer ihrer globalen Interessen aufrecht erhält, die in den letzten zwei Jahrzehnten schon über 25.000 Flüchtlingen das Leben kostete,
  • die innerhalb Europas alles dafür tut, um „die Überflüssigen“ anderen, von ihr abhängigen EU-Staaten aufzubürden,
  • die angesichts des wachsenden Flüchtlingselends gebetsmühlenartig wiederholt „Wir können nicht!“ wenn ihre Politiker beschließen „Wir wollen nicht!“
  • die die Ideologie von der nationalen Gemeinschaft, die ihren Mitgliedern nutzt, zwar im Alltag praktisch dementiert, dafür aber den Geist der Gemeinschaft durch das Ressentiment gegen das feindliche Ausland und schädliche Ausländer zu pflegen sucht,
  • die deshalb schließlich auch noch weiß, dass man mit Programmen gegen „Rechtsextremismus“ auf die braven patriotischen Bürger aufpassen muss, damit die in Sachen Ausländer nicht wieder übers Ziel hinaus schießen…

Bei den bekannt gewordenen Fällen unautorisierter Misshandlungen von Flüchtlingen in deutschen Heimen durch private Wachleute handelt es sich also um eine bizarre Sumpfblüte der Nation. Vor lauter Empörung über die skandalöse Blüte übersieht die staatstragende Öffentlichkeit mal wieder – den Sumpf.

Nachtrag
Zeitgleich feiert man „25 Jahre Freiheit“ und erinnert an eine unmenschliche Diktatur, die Menschen davon abgehalten hat, über die Grenze zu fliehen.

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6 Kommentare
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  1. Wiebke sagt:

    Hier redet jemand Klartext. Danke!

  2. Petra sagt:

    Danke für diesen Kommentar. Klar und verständlich.

  3. Mike sagt:

    Im Gegensatz zu meinen Vorrednern halte ich den Artikel für komplett misslungen. Der Autor missbraucht die steigenden fluechtlingszahlen für eine Generallabrechnung mit der Bundesrepublik wirft ihr ihre angeblich zu Lasten der Nachbarländer erworbene Wirtschaftskraft und -groesse vor, verkennt gleichzeitig dass ohne diese Deutschland nicht in der Lage wäre Flüchtlinge aufzunehmen und angemessen zu versorgen, lebt noch rasch seinen Antiamerikanismus und seine Anti-Nato-Haltung mit eigenartigen Theorien aus und bleibt leider jede Antwort schuldig auf die Fragen und Probleme beispielsweise der Kreise und Gemeinden bei der Unterbringung der Asylbewerber. Ein Artikel der sehr stark von den persönlichen Ansichten und Einstellung des Verfassers geprägt ist und daher eben auch leider sehr einseitig ist.

  4. WUT sagt:

    Hoyerswerda…. Nichts aber auch gar nichts hat sich in diesem Land geändert.

  5. […] bemüht – für ihre Presse, ihr Amt, ihr Geschäft und vor allem ihr Land…” Ein Kommentar von Prof. Dr. Arian Schiffer-Nasserie vom 10. Oktober 2014 im  im Online-Magazin &#82… . Zentrale Aussage lt. Autor: “Die Misshandlungen sind weder die unschöne Folge einer […]

  6. […] Misshandlungen in Flüchtlingsheimen – Ein Skandal und seine Bewältigung: http://www.migazin.de/2014/10/10/misshandlungen-fluechtlingsheimen-ein-skandal-bewaeltigung/> […]



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