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Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Die Macht der Schlagzeilen

Über sachliche Moscheebrände und hysterische Kinderspiele

Können Sie sich noch erinnern? „Scharia Polizei in Wuppertal“, hießen die Schlagzeilen vergangener Wochen vereinzelt und „Übergriffe auf Moscheen werden auf deutschem Boden nicht geduldet“, titelten nahezu alle Medien. Nein?

VONVykinta Ajami

 Über sachliche Moscheebrände und hysterische Kinderspiele
1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus.

DATUM15. September 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die letzten Wochen zeichneten sich unter anderem durch zwei Ereignisse aus: mehrere Moscheebrände und die provokative Aktion der sogenannten„Scharia-Polizei“ in Wuppertal. Beides Islamrelevant mit einem Unterschied: das eine ist kriminell, das andere lächerlich. Und weil sich brennende Gebetshäuser mit einem Streich einiger weniger Jugendlicher kaum vergleichen lässt, sind die Reaktionen der Mainstream Medien umso bizarrer.

Auf insgesamt fünf Moscheen wurde in den vergangenen Wochen Anschläge verübt: zwei in Bielefeld, jeweils eine in Berlin, in Gladbach und in Oldenburg. Die Schlagzeilen dazu lauteten: „Brand in Gladbacher Moschee“, „Erneut Brandanschlag auf Bielefelder Moschee“, „Großbrand an der Mevlana Moschee“ oder „Ermittlungen nach Moscheebrand“. Wie sachlich und nüchtern dazu, nicht wahr? Ganz anders bei der sogenannten Scharia Polizei: „Bundesinnenminister: Scharia wird auf deutschem Boden nicht geduldet“, „NRW-Innenminister: ‚Scharia-Polizei‘ ein Problem für Europa“, „Merkel fordert, entschieden gegen ‚Scharia-Polizei‘ vorzugehen“.

Warum rufen Bilder von brennenden Moscheen keine Empörungsschlagzeilen hervor, dafür aber ein Streich einer Handvoll Jugendlichen?

Wie würde es wohl klingen, wenn man das Empathieverhältnis der beiden Fälle umkehren würde? Drehen wir den Spieß doch einfach mal um: „Scharia Polizei in Wuppertal“ oder „Ermittlungen gegen Scharia Polizei“. Und weil die Wenigesten die „Scharia Polizei“ kennen – so ganz ohne Hysterie verbreitet sich so eine Meldung sehr langsam – würden viele Redaktionen wahrscheinlich sogar folgendes Titeln: „Wuppertaler Salafisten spielen Polizei“. So oder so ähnlich würde es klingen, wenn diese provokative Aktion nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen hätte, als sie wert ist.

Übertragen wir die Empörung über die „Scharia-Polizei“ auf die Moscheebrände, hätten wir ein Zitat von der Bundeskanzlerin oder zumindest dem für die innere Sicherheit verantwortlichen Bundesinnenminister gelesen: „Übergriffe auf Moscheen werden auf deutschem Boden nicht geduldet.“

So hätte es laufen können, müssen. Ist es aber nicht – wäre auch eine schöne Abwechslung gewesen. Aber die Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Und die Wahrheit? Irgendwo zwischen der Feder und der Perspektive des Schreibenden.

Aber weder Schönheit noch Wahrheit können etwas ohne Macht. Und wer hat sie? Jene, für die diese Schlagzeilen geschrieben werden: die Mehrheit und ihre Erwartungshaltung nach Unterhaltung – sonst wird nicht konsumiert. In dem Sinne: erwarten Sie noch oder differenzieren Sie schon? Ganz schön viel Macht für so eine kleine Zeile – und ganz schön viel Ohnmacht dazu.

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4 Kommentare
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  1. K.G. sagt:

    Und wäre es nicht gut gewesen, hätte es gestern in Berlin nicht eine exklusive Veranstaltung nur gegen Antisemitismus gegeben, sondern eine gegen jede Art von Rassismus und Fremdenhass?!
    Antisemitismus und Antiislamismus werden leider nicht gleichermaßen abgelehnt.

  2. karakal sagt:

    In einem anderen Beitrag in MIGAZIN führt der Verfasser die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher großenteils auf ein unbefriedigtes Gerechtigkeitsbedürfnis zurück. Genau das geschieht hier im Umgang unverantwortlich handelnder Massenmedien und Politiker mit den beiden Themen „Brandanschläge auf Moscheen“ und „Scharia-Polizei“. Jugendliche sind in solchen Dingen häufig weitaus sensibler als Erwachsene. Mit seiner dummen Äußerung „Die Scharia wird auf deutschem Boden nicht geduldet“ hat der Bundesminister des Inneren vermutlich wieder einen Beitrag zur weiteren Radikalisierung einiger Muslime geleistet.
    Daher fordere ich, daß solche sich äußerst unklug äußernden und den Muslimen gegenüber völlig unsensibel handelnden Menschen, wie Thomas de Maisière, als Politiker auf deutschem Boden nicht geduldet werden sollten.

  3. Saadiya sagt:

    @K.G. da kann ich Ihnen nur beipflichten! Das wäre sicher passender gewesen, als sich nur hinter historischer Vergangenheit zu verstecken.

  4. karakal sagt:

    Die islamische Schari´a ist das umfassende Gebäude aller Vorschriften, Verbote und Empfehlungen zur Regelung der meisten Lebensbereiche der Muslime, wobei die gottesdienstlichen Handlungen den größten Raum einnehmen, während das Strafrecht – das außerhalb einer islamischen Ordnung ohnehin nicht zur Anwendung kommen kann – ganz am Ende steht und nur einen relativ geringen Raum einnimmt. Man kann also sagen, daß die Schari´a den äußerlichen Islam darstellt. Die Äußerung des Bundesministers für das Innere, Thomas de Maizère, „die Scharia werde auf deutschem Boden nicht geduldet“, ist daher in den Ohren derjenigen, die wissen, was die Schari´a bedeutet, gleichbedeutend mit „Der Islam wird auf deutschem Boden nicht geduldet.“ Ich sehe das als einen Aufruf, das Grundrecht auf freie Religionsausübung für die Muslime abzuschaffen, und einen Beweis für die Disqualifikation dieses Menschen, als Minister zu fungieren.



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