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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Ein historischer Überblick

Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus

Der moderne Antisemitismus beerbt ältere Formen der Judenfeindschaft. Wurzelnd im christlichen Antijudaismus löst sich der neuzeitliche Judenhass von religiösen Motiven ab, gipfelt im NS-Vernichtungsantisemitismus und wirkt bis in die Gegenwart fort – von Prof. Gideon Botsch

VONGideon Botsch

Dr. phil., geb. 1970; Politikwissenschaftler, Forschungsschwerpunkt Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung, Moses Mendelssohn Zentrum – Universität Potsdam

DATUM21. Juli 2014

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Gideon Botsch für bpb.de

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Diese Vernichtungspolitik, an der sich antisemitische Gesinnungsgenossen der verbündeten oder besetzten Länder beteiligten, wirkte sich für das europäische Judentum verheerend aus. Etwa sechs Millionen Menschenleben fielen ihr zum Opfer. Viele Überlebende verließen den Kontinent und siedelten sich in Palästina/Israel oder Übersee an. Die europäischen Gesellschaften scheinen seither vom Antisemitismus geläutert, offene Judenfeindschaft zu einem Randphänomen geworden zu sein. Doch der Schein trügt.1

Judenfeindschaft „nach Auschwitz“

Seit der Gründung des Staates Israel 1948 entstand eine neue Form der Judenfeindschaft, die als israelbezogener Antisemitismus bezeichnet wird. In der Sowjetunion und einigen Ländern des sozialistischen Lagers überlagerte sich diese Form des Antizionismus mit überkommenen Motiven und Stereotypen aus der je nationalen antijüdischen Tradition. Im Stalinismus verband sie sich mit der Verschwörungsfantasie des Kosmopolitismus. Schauprozesse und Säuberungen in der Sowjetunion, in Ungarn, Polen und weiteren Ländern trafen Juden nicht direkt als Juden, aber durch die quasi beiläufig erwähnte jüdische Herkunft der Beschuldigten entstand der Eindruck einer Unzuverlässigkeit dieser Minderheit gegenüber dem sozialistischen Staat.

Der Antizionismus bildet eine spezifische Deutungsmöglichkeit des jüdisch-arabischen beziehungsweise israelisch-palästinensischen Konfliktes. Der Antisemitismus ist nicht die Ursache des Konflikts, doch beeinflussten und radikalisierten judenfeindliche Motive den arabischen Nationalismus. Dabei ließ sich an spezifisch islamische Stereotype über Juden anknüpfen.2 Besonders nach dem „Sechs-Tage-Krieg“ 1967 solidarisierten sich viele Angehörige der neuen Protestbewegungen in Westeuropa und Nordamerika mit dem palästinensischen Nationalismus. Antijüdische Motive solcher „Israel-Kritik“ lassen sich schwer übersehen. In der jüngsten Diskussion um einen „neuen Antisemitismus“3 wird unter anderem auf „doppelte Standards“ verwiesen, wenn an Israels Politik andere Maßstäbe angelegt werden als an andere Staaten.

In Deutschland kommt ein Motiv hinzu, das eng mit der zweiten Form des Antisemitismus „nach Auschwitz“ verbunden ist und in der Literatur als Entlastungsantisemitismus oder „sekundärer Antisemitismus“ bezeichnet wird.4 Bei diesem Phänomen geht es um Abwehr von Scham- und Schuldgefühlen seitens einer Gesellschaft, die sich der schmerzlichen Auseinandersetzung mit historischer Täterschaft stellen muss. Offene Auschwitz-Leugnung ist nur die Spitze des Eisbergs. Typischer und verbreiteter ist das radikale Einfordern eines Schlussstrichs unter die Vergangenheit, begleitet von bagatellisierenden Vergleichen mit anderen Menschheitsverbrechen und aggressiven Vorwürfen an „die“ Juden oder „den“ Staat Israel. Solcher Antisemitismus äußert sich beispielsweise in Leserbriefen, auf Internetforen oder in spontanen Zuschriften an jüdische oder israelische Institutionen. Seine Träger sind häufig gebildet und unterschreiben mit vollem Namen.5 Es ist daher zu fragen, ob die für die Bundesrepublik der Zeit bis 1989 konstatierte „Kommunikationslatenz“6 antisemitischer Einstellungen sich in der Zwischenzeit aufgeweicht hat.7

„Ein todtes Meer voll Gift und Haß“

Ältere Schichten der Judenfeindschaft verschwinden nicht einfach. Auch heute noch gibt es einen aggressiven, zumeist von Neonazis vorgetragenen Rassenantisemitismus.8 Überkommene Stereotype bündeln sich zu hysterischen Verschwörungsfantasien – etwa wenn Kritiker des Weltfinanzsystems eine „falsche Konkretheit“ in ihre Argumentationen einbauen und versuchen, einen personell greifbaren Gegner zu konstruieren, den sie mit einzelnen Juden oder „dem“ Judentum identifizieren. Den Kirchen und Konfessionen gelingt es – trotz beachtlicher Anstrengungen von Theologen, Klerus und Laien – angesichts der tiefen Verwurzelung antijüdischer Elemente in der christlichen Überlieferung nicht, diese Tradition gänzlich hinter sich zu lassen. Und auch in säkularisierter Form wirken antijüdische Stereotype bis in die Gegenwart hinein fort. Die einzelnen Erscheinungsformen von Judenfeindschaft werden diffus und überlagern sich.

Aus „jüdischer“ Sicht ist das weder überraschend noch neu. Bereits 1838 nannte der Jurist Gabriel Riesser (1806–1863) die Judenfeindschaft einen „Haß (…) ohne bestimmten Inhalt (…), der seinen einstigen religiösen Gehalt überlebt hat, (…) ein todtes Meer voll Gift und Haß“.9 Für die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno stellte der Antisemitismus eine „pathische Projektion“ dar.10 Er bezieht seine beharrliche Persistenz auch daher, dass er als Passepartout funktioniert und diffuse, teils widersprüchliche Motive der Feindseligkeit miteinander verbindet. Judenfeindschaft wird zum „beweglichen Vorurteil“.((Vgl. Ch. v. Braun/E.-M. Ziege (Anm. 5).))

In ihrer Sammlung antisemitischer „Vorurteile und Mythen“ führen Julius H. Schoeps und Joachim Schlör allein vierundzwanzig Bilder, die vom „Gottesmörder“ über den „Wucherer“, die „Dunkelmänner“, den „Intellektuellen“ und den „Zersetzer“ bis zum „Israeli“ und zur „Auschwitz-Lüge“ reichen.11 Diese Bilder sind historisch gewachsen, aber in vielfältiger Mischung leben sie bis heute fort.

  1. Vgl. Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hrsg.), Politics and Resentment. Antisemitism and Counter-Cosmopolitism in the European Union, Leiden–Boston 2011. []
  2. Die komplexe Frage nach Judenfeindschaft und Antisemitismus im Islam muss hier ausgeblendet bleiben. []
  3. Doron Rabinovici/Ulrich Speck/Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. 2004. []
  4. Vgl. Lars Rensmann, Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2004. []
  5. Vgl. Monika Schwarz-Friesel/Jehuda Reinharz, Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin–New York 2013. []
  6. Werner Bergmann/Rainer Erb, Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 38 (1986), S. 209–222. []
  7. Vgl. L. Rensmann (Anm. 15), S. 39; Werner Bergmann/Wilhelm Heitmeyer, Communicating Anti-Semitism. Are the „Boundaries of the Speakable“ Shifting?, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 33 (2005), S. 70–89. []
  8. Vgl. Rainer Erb/Michael Kohlstruck, Die Funktionen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit für die rechtsextreme Bewegung, in: Stephan Braun et al. (Hrsg.), Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten, Wiesbaden 2009, S. 419–439; Gideon Botsch/Christoph Kopke, A Case Study of Anti-Semitism in the Language and Politics of the Contemporary Far Right in Germany, in: Matthew Feldman/Paul Jackson (Hrsg.), Doublespeak. The Rhetoric of the Far Right Since 1945, Stuttgart 2014, S. 207–221. []
  9. Zit. n. Gideon Botsch/Christoph Kopke, „Im Grunde genommen sollten wir schweigen …“ Jüdische Studien ohne Antisemitismus – Antisemitismusforschung ohne Juden?, in: Gideon Botsch et al. (Hrsg.), „… und handle mit Vernunft“. Beiträge zur europäisch-jüdischen Beziehungsgeschichte, Hildesheim u.a. 2012, S. 303–320, hier: S. 309. []
  10. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung, in: dies., Dialektik der Aufklärung und Schriften 1940–1950, Frankfurt/M. 1987, S. 197–238, hier: S. 217ff.; vgl. Lars Rensmann, Kritische Theorie über den Antisemitismus. Studien zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Berlin–Hamburg 1998. []
  11. Vgl. Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, Frankfurt/M. o.J. (1995). []
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7 Kommentare
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  1. Hakki Cavus sagt:

    Ein faschistischer Staat wird gegründet, der das einheimische Volk in die Enge drängt, ihm kein Recht auf Leben zugesteht, das palästinensische Volk zwingt, sich zu radikalisieren, um dann zu sagen, dass man das Recht hätte sich gegen Terroristen vertedigen zu dürfen. Dieses Recht auf Selbstvertedigung räumt das Recht ein, Neugeborene zu ermorden. Die westliche Welt spielt mit und deckt die Ausrottung eines ganzen Volkes. Jeder, der ein Fünkchen Menschlichkeit in sich verspürt und auch nur leiseste Kritik äußert, wird als Antisemit denunziert. Ich verurteule den Holocaust, es waren unmenschliche Greueltaten, die den Juden in Deutschland angetan wurden, aber die Vergangenheit darf uns nicht davon abhalten, heutiges Unrecht zu kaschieren. Die Vergangenheit verpfichtet uns auf das Unmenschliche, das die Palästinenser erleiden müssen, hinzuweisen.

    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

  2. surviver sagt:

    Es werden jeden Tag Kinder im Gaza umgebracht und deutsche Politiker und Medien reden von Antisemitismuss.
    Wessen Mariounette sind einige Politiker in Deutschland und die Nachrichtensender- und/oder kanäle eigentlich?
    Was soll die Volksverarschung ? Die halten die Menschen in Deutschlan für Volltrottel. Definitiv.
    Die meisten Nachrichten sind verdreht oder zensiert.

  3. aloo masala sagt:

    @Hakku Cavus

    —-
    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

    Der aktuelle Hintergrund könnte auch der Judenhass und die antisemitischen Entgleisungen von Pro-Gaza Demonstranten in Europa sein.

    Wenn deutsche Demonstranten bei einer Demonstration gegen islamistischen Terror „Sieg-Heil“ und „Muslime ins Gas“ brüllen, hoffe ich, das Migazin darüber berichtet, auch vor dem Hintergrund der brutalen Verbrechen von Islamisten, die unschuldige Zivilisten umbringen.

  4. Joshua sagt:

    @Hakki

    Haben Sie auch nur einen Funken Ahnung von der Gründung Israels? Von den jüdischen Siedlern und der Prosperität, die auch vielen Arabern Arbeit und Brot brachte? Die gleich am nächsten Tag nach der Unabhängigkeit Israels beginnende arabische Aggression? Sie wissen, dass die Araber jeden Teilungsplan bis heute abgelehnt haben, zb den UN-Teilungsplan von 1947? Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Schuld auf Israel schieben.

    Der arabische Antisemitismus in deutschen Städten muss aufs schärfste verfolgt werden. Es darf keinen Unterschied zwischen deutschem und islamischen Antisemitismus bzw. Antizionismus geben. Ich denke, da sind sich alle einig.

  5. Lionel sagt:

    Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Juden in Deutschland sind keine Repräsentanten des Staates Israel.
    Wie jeder andere haben sie ein Recht darauf nicht beleidigt, bedroht oder körperlich attackiert zu werden.
    Es spielt daher für das friedliche Zusammenleben in Deutschland überhaupt keine Rolle, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht.

  6. Global Player sagt:

    @surviver

    Es werden jeden Tag Kinder und Alte und Frauen in Gaza umgebracht, weil sich die ehrenwerte Hamas hinter diesen versteckt! DAS ist mal ehrenwert…. da werden Schulen, Kindergärten, Wohnsiedlungen und Krankenhäuser zu militärischen Zwecken umgewandelt.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-gaza-ban-ki-moon-empoert-ueber-raketen-fund-in-uno-schulen-a-982624.html

    http://www.ingenieur.de/Branchen/Luft-Raumfahrt/Hamas-baut-40-Prozent-palaestinensischen-Raketen-im-Gaza-Streifen

  7. Marianne sagt:

    Um es ganz klar zu sagen, Herr Lionel: Wenn sich der Zentralrat auf seiten der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung stellt, und das tut er, ist er zwar kein direkter Repräsentant des Staates Israel, aber ein Verteidiger der menschenrechtswidrigen Politik des Staates Israel. Demzufolge ist es absolut legitim, den Zentralrat scharf zu kritisieren. Dass bei den Demonstrationen Juden in Person körperlich bedroht oder körperlich attackiert wurden, ist mir neu. Sicher können Sie Ihre diesbezüglichen Behauptungen belegen, oder? Und selbstverständlich spielt die Moral für das friedliche Zusammenleben eine Rolle, die entscheidende Rolle sogar, um das klar auszudrücken. Und da Deutschland die Verteidigung der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung seit Jahrzehnten zur Staatsräson erjklärt hat und exakt nach dieser Maxime handelt, ist es bei Demonstartionen in Deutschland selbstverständlich von geradezu entscheidender Bedeutung, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht. Von entscheidender Bedeutung ist es außerdem, dass in Gaza unschuldige Menschen nicht nur bedroht, sondern zu Hunderten getötet wurden und weiter werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Antisemitismusgeschrei einer Regierung, die sich nicht dazu aufraffen kann, die Menschenrechtsverletzungen und die Tötung unschuldiger Zivilisten aufs Allerschärfste zu verurteilen, als geradezu makaberes Ablenkungsmanöver.



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