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Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Ein historischer Überblick

Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus

Der moderne Antisemitismus beerbt ältere Formen der Judenfeindschaft. Wurzelnd im christlichen Antijudaismus löst sich der neuzeitliche Judenhass von religiösen Motiven ab, gipfelt im NS-Vernichtungsantisemitismus und wirkt bis in die Gegenwart fort – von Prof. Gideon Botsch

VONGideon Botsch

Dr. phil., geb. 1970; Politikwissenschaftler, Forschungsschwerpunkt Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung, Moses Mendelssohn Zentrum – Universität Potsdam

DATUM21. Juli 2014

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Gideon Botsch für bpb.de

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Die paradoxe Situation der Juden im christlichen Abendland ergab sich aus einer theologischen Annahme über die heilsgeschichtliche Rolle Israels. Aus christlicher Perspektive führten die Böswilligkeit und Blindheit der Juden, denen die Kreuzigung Jesu zugeschrieben wurde, zu ihrer Verwerfung als auserwähltes Volk Gottes. Doch wurden sie gerade in ihrem selbst verschuldeten Elend zu Zeugen für den Anspruch des christlichen Glaubens, die Wahrheit zu verkünden. Daher waren sie zwar auszugrenzen, aber nicht zu vernichten, denn am Ende der Heilsgeschichte stünde ihre Bekehrung. Diese Theologie wurde bildlich dargestellt durch das Figurenpaar Ecclesia und Synagoga, das sich in gotischen Domen des Mittelalters findet. Der Figur der Synagoga sind die Augen verbunden, ihr Stab ist gebrochen und ihre Krone herabgerutscht; doch Ecclesia, Sinnbild der Kirche, wendet ihr Antlitz mitleidsvoll der irre geleiteten Schwester zu.

In Judengassen und Judenvierteln von der mittelalterlichen Mehrheitsgesellschaft abgesondert, wurden die Juden durch Kleiderordnungen und andere Markierungen (Judenhut, gelber Fleck) stigmatisiert. Von den wichtigsten beiden Wirtschaftszweigen, der Landwirtschaft und dem Handwerk, waren sie ebenso ausgeschlossen wie vom Klerus. Das christliche Zinsverbot galt indes nicht für Juden. In der Nische des Geldverleihs, wie in manchen anderen Bereichen des Handels, wurden sie geduldet. Mit der Expansion der Geldwirtschaft seit dem Hochmittelalter wuchs die Bedeutung dieses Sektors, während sich das Zinsverbot aufweichte und die Konkurrenz zu christlichen Geldverleihern stieg. Das Stereotyp des jüdischen Wucherers verbreitete sich. Eine angeblich besonders enge Verbindung des Judentums zum Geld zählt seither zu den festen Bestandteilen judenfeindlicher Agitation.

Gegen Ende des Mittelalters wurden die religiösen Feindseligkeiten durch Elemente des Volksaberglaubens ergänzt. Mitte des 14. Jahrhunderts kam es zu grausamen Überfällen und der Vernichtung ganzer jüdischer Gemeinden, als den Juden vorgeworfen wurde, durch Vergiftung der Brunnen die Pestepidemie verursacht zu haben. Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Juden von den britischen Inseln vertrieben, während des 14. Jahrhunderts aus Frankreich und gegen Ende des 15. Jahrhunderts von der iberischen Halbinsel. Doch auch in den mitteleuropäischen Fluchtorten waren sie vor Verfolgungen und systematischen Austreibungen nicht sicher. Bis etwa 1520 wurden sie aus den meisten wichtigen Städten und Ländern des alten Reichs verdrängt.

Charakteristisch für den Wandel der mittelalterlichen Judenfeindschaft ist die Ausbreitung des Motivs der „Judensau“ seit dem 13. Jahrhundert. Es illustriert die beginnende Ablösung der Judenfeindschaft von ihren religiösen Quellen. Die Juden werden nun als Artverwandte der Schweine dargestellt; die Feindseligkeit bezieht sich nicht mehr nur auf das religiöse Bekenntnis, das ein Jude individuell ändern kann, sondern auf die Herkunft. Die Möglichkeit der Erlösung fehlt: Keine gütige Schwester Ecclesia wendet sich den Juden zu.

Frühe Neuzeit

Schweine, marranos, war das im Spanien des 15. Jahrhunderts aufkommende Schimpfwort für getaufte Juden, denen man vorwarf, insgeheim weiter an ihrer Religion festzuhalten. Ein Klima der Verdächtigung breitete sich aus und verband sich mit den ersten Äußerungsformen eines neuzeitlichen Rassismus. Die spanischen Blutsgesetze, die limpieza di sangre, diskriminierten Menschen jüdischer und muslimischer Herkunft. 1492, nach der Verdrängung der Muslime von der iberischen Halbinsel, verkündeten die „katholischen Könige“ Ferdinand II. (1452–1516) und Isabella I. (1451–1504), nun seien auch die Juden nicht länger zu dulden. Am Epochenbeginn der Frühen Neuzeit stehen Zwangstaufen, brutale Übergriffe mit zahlreichen Opfern und die Vertreibung der nicht Bekehrten aus Spanien. Verdächtigt, angefeindet und verfolgt wurden nun zunehmend nicht mehr nur Angehörige der religiösen und kulturellen Minderheit des Judentums, sondern auch ihre Nachkommen und darüber hinaus diejenigen, denen eine jüdische Herkunft oder zu große Nähe zu Juden unterstellt wurde.

Uneinheitlich ist das Bild der Reformatoren. Martin Luther (1483–1546) hoffte zunächst, dass eine erneuerte Kirche die Juden für Christus gewinnen werde. Aus seinen späteren Schriften spricht dann glühender Judenhass. Luther forderte ihren radikalen Ausschluss, ein gewaltsames Vorgehen und betonte, dass die getauften Juden eine besonders große Gefahr darstellten.

Die jüdische Existenz hing fast überall von der Duldung der Obrigkeit ab, die sich an den Juden bereicherte. Für sozialrevolutionäre Bewegungen „von unten“ wurden sie wegen dieser vermeintlichen Nähe gleichzeitig zur Zielscheibe. Den Finanzakteuren, die den Aufstieg der neuzeitlichen Territorialstaaten mitfinanzierten, den sogenannten Hofjuden, wurde ihre Treue selten gedankt. Traten Krisen auf, wurde ihnen die alleinige Verantwortung aufgebürdet, und nicht selten erreichte ein Thronfolger einen „Schuldenschnitt“, wenn er sich des Hofjudens seines Vorgängers entledigte, indem er ihn gemeinsam mit den anderen Juden seines Landes verwies oder gar physisch verfolgen ließ. In Osteuropa standen jüdische Verwalter zwischen Gutsbesitzern und Landbevölkerung. Während des Kosakenaufstands seit 1648 kam es in der heutigen Ukraine zu grausamen Massakern an den Juden.

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7 Kommentare
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  1. Hakki Cavus sagt:

    Ein faschistischer Staat wird gegründet, der das einheimische Volk in die Enge drängt, ihm kein Recht auf Leben zugesteht, das palästinensische Volk zwingt, sich zu radikalisieren, um dann zu sagen, dass man das Recht hätte sich gegen Terroristen vertedigen zu dürfen. Dieses Recht auf Selbstvertedigung räumt das Recht ein, Neugeborene zu ermorden. Die westliche Welt spielt mit und deckt die Ausrottung eines ganzen Volkes. Jeder, der ein Fünkchen Menschlichkeit in sich verspürt und auch nur leiseste Kritik äußert, wird als Antisemit denunziert. Ich verurteule den Holocaust, es waren unmenschliche Greueltaten, die den Juden in Deutschland angetan wurden, aber die Vergangenheit darf uns nicht davon abhalten, heutiges Unrecht zu kaschieren. Die Vergangenheit verpfichtet uns auf das Unmenschliche, das die Palästinenser erleiden müssen, hinzuweisen.

    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

  2. surviver sagt:

    Es werden jeden Tag Kinder im Gaza umgebracht und deutsche Politiker und Medien reden von Antisemitismuss.
    Wessen Mariounette sind einige Politiker in Deutschland und die Nachrichtensender- und/oder kanäle eigentlich?
    Was soll die Volksverarschung ? Die halten die Menschen in Deutschlan für Volltrottel. Definitiv.
    Die meisten Nachrichten sind verdreht oder zensiert.

  3. aloo masala sagt:

    @Hakku Cavus

    —-
    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

    Der aktuelle Hintergrund könnte auch der Judenhass und die antisemitischen Entgleisungen von Pro-Gaza Demonstranten in Europa sein.

    Wenn deutsche Demonstranten bei einer Demonstration gegen islamistischen Terror „Sieg-Heil“ und „Muslime ins Gas“ brüllen, hoffe ich, das Migazin darüber berichtet, auch vor dem Hintergrund der brutalen Verbrechen von Islamisten, die unschuldige Zivilisten umbringen.

  4. Joshua sagt:

    @Hakki

    Haben Sie auch nur einen Funken Ahnung von der Gründung Israels? Von den jüdischen Siedlern und der Prosperität, die auch vielen Arabern Arbeit und Brot brachte? Die gleich am nächsten Tag nach der Unabhängigkeit Israels beginnende arabische Aggression? Sie wissen, dass die Araber jeden Teilungsplan bis heute abgelehnt haben, zb den UN-Teilungsplan von 1947? Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Schuld auf Israel schieben.

    Der arabische Antisemitismus in deutschen Städten muss aufs schärfste verfolgt werden. Es darf keinen Unterschied zwischen deutschem und islamischen Antisemitismus bzw. Antizionismus geben. Ich denke, da sind sich alle einig.

  5. Lionel sagt:

    Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Juden in Deutschland sind keine Repräsentanten des Staates Israel.
    Wie jeder andere haben sie ein Recht darauf nicht beleidigt, bedroht oder körperlich attackiert zu werden.
    Es spielt daher für das friedliche Zusammenleben in Deutschland überhaupt keine Rolle, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht.

  6. Global Player sagt:

    @surviver

    Es werden jeden Tag Kinder und Alte und Frauen in Gaza umgebracht, weil sich die ehrenwerte Hamas hinter diesen versteckt! DAS ist mal ehrenwert…. da werden Schulen, Kindergärten, Wohnsiedlungen und Krankenhäuser zu militärischen Zwecken umgewandelt.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-gaza-ban-ki-moon-empoert-ueber-raketen-fund-in-uno-schulen-a-982624.html

    http://www.ingenieur.de/Branchen/Luft-Raumfahrt/Hamas-baut-40-Prozent-palaestinensischen-Raketen-im-Gaza-Streifen

  7. Marianne sagt:

    Um es ganz klar zu sagen, Herr Lionel: Wenn sich der Zentralrat auf seiten der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung stellt, und das tut er, ist er zwar kein direkter Repräsentant des Staates Israel, aber ein Verteidiger der menschenrechtswidrigen Politik des Staates Israel. Demzufolge ist es absolut legitim, den Zentralrat scharf zu kritisieren. Dass bei den Demonstrationen Juden in Person körperlich bedroht oder körperlich attackiert wurden, ist mir neu. Sicher können Sie Ihre diesbezüglichen Behauptungen belegen, oder? Und selbstverständlich spielt die Moral für das friedliche Zusammenleben eine Rolle, die entscheidende Rolle sogar, um das klar auszudrücken. Und da Deutschland die Verteidigung der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung seit Jahrzehnten zur Staatsräson erjklärt hat und exakt nach dieser Maxime handelt, ist es bei Demonstartionen in Deutschland selbstverständlich von geradezu entscheidender Bedeutung, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht. Von entscheidender Bedeutung ist es außerdem, dass in Gaza unschuldige Menschen nicht nur bedroht, sondern zu Hunderten getötet wurden und weiter werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Antisemitismusgeschrei einer Regierung, die sich nicht dazu aufraffen kann, die Menschenrechtsverletzungen und die Tötung unschuldiger Zivilisten aufs Allerschärfste zu verurteilen, als geradezu makaberes Ablenkungsmanöver.



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