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Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Neukölln ist überall

Rassismus im „Volkstheater“

Drei Monate nach der Veröffentlichung des offenen Briefes „Wir sind keine Schlitzaugen!“, der die Ausstellung eines rassistischen Bildes im Berliner Heimathafen Neukölln problematisiert, lässt der Mitinitiator Kien Nghi Ha diese Kampagne Revue passieren und zieht eine Zwischenbilanz.

VONKien Nghi Ha

 Rassismus im „Volkstheater“
Der Verfasser, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, ist Fellow des Instituts für post­koloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Heidelberg und Tübingen zu postkolonialer Kritik, Migration und Asian Diasporic Studies geforscht und gelehrt. Als Kurator hat er u.a. im Haus der Kulturen der Welt (Berlin) und am Hebbel am Ufer-Theater (Berlin) verschiedene Projekte realisiert. Zahlreiche Preise und Stipendien u.a. der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Heinrich Böll Stiftung, der Carl-Duisberg-Gesellschaft und der FAZIT-Stiftung. Seine Monografie Unrein und vermischt. Post­koloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen „Rassenbastarde“ (transcript 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet. Weitere Bücher: Ethnizität und Migration Reloaded (Westfälisches Dampfboot 1999/WVB 2004); Vietnam Revisited (WVB 2005), Hype um Hybridität (transcript 2005) Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond ;(Assoziation A 2012, Hg.) und re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Unrast 2007, Co-Hg.). Frühjahr 2014 gab er das Online-Dossier „Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ für die Heinrich Böll Stiftung heraus.

DATUM7. Mai 2014

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Diskriminierung als interkulturelle Kompetenzressource?
Nachdem die Beschwerden sich häuften, versuchte die Intendanz des Heimathafens es mit einer anderen Beschwichtigungstaktik und löste damit eine neue Welle des Protestes aus. Erneut bestätigte sich, dass diese Institution weder ernsthaft gewillt ist, sich mit kulturellen Rassismus, noch mit ihrer eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen: „Der Heimathafen Neukölln beschäftigt sich seit Jahren unter anderem mit den Themen Migration und Heimat, wir machen Stücke über junge Menschen mit arabischen Wurzeln, wir arbeiten mit Autoren und Künstlern aus Syrien und Marokko zusammen und wir zeigen mit der Bühne für Menschenrechte seit über einem Jahr erfolgreich die Asyl-Monologe. Auf unserer Bühne standen schon hessisch sprechende Iraker und Österreicher, die die Hosen runterlassen mussten“ (4.2.2014). Statt die Hintergründe und Prozesse für die Produktion und Publikation des rassistischen Bildes – sei es auch nur ansatzweise – öffentlich aufzuarbeiten, schreiben die Macherinnen des Heimathafens sich in dieser knappen E-Mail – sichtlich unbeirrt – weiterhin interkulturelle Kompetenz groß auf die eigene Fahne, während das Bedauern nur im Konjunktiv ausgesprochen wird. Man muss sich nicht wundern, wenn diese surreale Eskapade im Rahmen der aktuellen Beschwerde wie eine Verhöhnung des berechtigten Anliegens wirkt.

Die vietnamesisch-deutsche Bloggerin Danger Bananas beurteilt diese Erklärung wie folgt: „Es ist eine typische Mail, die PR-Profis formulieren, um als Krisenkommunikation schnell die Wogen zu glätten. Sie illustriert, dass der Heimathafen Neukölln sein soziales Engagement für Menschen mit Migrationshintergrund als eine Art Erlaubnis nutzt, um in anderen Zusammenhängen rassistische Stereotype wiederholen zu dürfen. Der ‚Ich-bin-eine-Stunde-gelaufen-also-darf-ich-mir-jetzt-Sahnetorte-genehmigen‘-Effekt. Man ist nicht automatisch vor rassistischen Denkstrukturen geschützt. Ähnlich wie mit Didi Hallervoorden in seiner ‚Ich bin nicht Rappaport‘-Aufführung [wo Weiße Schauspieler ihr Gesicht in Blackfacing-Manier schwärzen] hat sie [Stefanie Aehnelt] sich nicht ausreichend damit beschäftigt, was Rassismus alles bedeutet. Das ist nicht nur Steine und Brandsätze auf Asylbewerberwohnheime zu werfen oder PoC [People/Personen of Color] auf offener Straße zusammenzuschlagen. Sondern auch beleidigende Gesten. Es geht nicht um Humor oder Humorlosigkeit, sondern um Sensibilisierung für implizite Privilegienstrukturen.“1 (6.2.2014)

Fundamentalismusverdacht: Öffentliche Diskussionsverweigerung und institutionelle Abschottung
Letztlich wurde das verletzende Bild nach mehr als einer Woche doch noch entfernt. Warum dieser Vorgang so lange gedauert hat, ist ungeklärt. Klar ist nur, dass der Heimathafen zunächst fahrlässig handelte und in seinem Beschwerdemanagement zu spät und unzureichend reagiert hat. Um eine Reihe offener Fragen zu klären, die öffentliche Diskussion zu diesem Problemfeld zu fördern und die Leitung des Heimathafen Neukölln zur Übernahme von Verantwortung durch eine öffentliche Stellungnahme zu bewegen, initiierten korientation und Korea Verband mit anderen asiatisch-deutschen Organisationen den offenen Brief „Wir sind keine Schlitzaugen!2 (7.2.2014). Diese herkunfts- und generationsübergreifende Zusammenarbeit, die bisher sehr selten stattfindet, ist eine positive Auswirkung dieses Falls. Erstmalig fand auch eine Community-übergreifende Bündnispolitik statt, so dass die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und der Migrationsrat Berlin-Brandenburg den offenen Brief als Erstunterzeichnende von Anfang an mittragen. Genauso positiv ist die breite Unterstützung des offenen Briefes, der inzwischen von rund 30 Organisationen und mehr als 80 Einzelpersonen unterschrieben wurde, darunter Bühnenwatch, Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen, Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland, LesMigraS, Berlin Postkolonial und der Rat für Migration.

Trotz des zunehmenden zivilgesellschaftlichen Drucks und dem ansteigenden Klärungsbedarf aus den Communities entschloss sich der Heimathafen dazu das Problem auszusitzen. Mehr als sechs Wochen lang hüllte sich der Heimathafen komplett in Schweigen und verweigerte sich hartnäckig der aufklärerischen Wirkung öffentlicher Diskussionen. Erst als im Zuge journalistischer Recherchen die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin als Urheberin des diskriminatorischen Performance ermittelt wurde,3 sah sich der Heimathafen zu einer öffentlichen Stellungnahme genötigt: „Wir haben erkannt, dass die dargestellte Geste eine Form von Alltagsrassismus ist und verletzend wirken kann. Gerade als Theater, das sich inhaltlich viel mit Multikulturalität beschäftigt, hätten wir die Sensibilität haben sollen, dies zu erkennen. Wir glauben, dass es wichtig ist, Sprache und Gestik immer wieder auf ihre denunzierende Wirkung zu hinterfragen. Wir entschuldigen uns für den Vorfall. Es war ein Fehler, dass wir das Foto unbedacht aufgehängt haben und dass wir es versäumt haben, es sofort abzunehmen.“4 (19.3.2014)

Ungeachtet der großen Verzögerung und den wenig vertrauenserweckenden Begleitumständen begrüßte das antirassistische Aktionsbündnis in einer Pressemitteilung diese Entschuldigung.5 Damit ging auch die Hoffnung einher, dass der Heimathafen seine Abschottungspolitik aufgibt und sich für weitergehende Dialogangebote öffnet. Um den Heimathafen bei seiner angekündigten Aufarbeitung zu unterstützen, verteilte das Aktionsbündnis am 22.3.2014 Informationsflugblätter an das Publikum und trug die Beschwerdebriefe im Freien vor. Der Heimathafen versuchte die Aufklärungsarbeit bereits im Vorfeld durch inakzeptable Konditionen zu behindern und drohte mit dem Hausrecht. So wurde den Community-Aktivist_innen auf Anfrage nur eine fünfminütige Rede im Foyer zugestanden, wobei der Heimathafen das Schlusswort halten sollte. Ebenso durchsichtig war die kurzfristige Ansetzung einer nicht-öffentlichen Diskussionsrunde, die die Informationsaktion ersetzen sollte.

In diesem Stil ging es dann weiter: Zunächst sollte nach Ansicht der Heimathafens bei einem Arbeitstreffen ergebnisoffen über eine öffentliche Veranstaltung zum Thema „Rassismus in der Kulturarbeit“ diskutiert werden, während das Aktionsbündnis über die Modalitäten dieser Veranstaltung sprechen wollte. Da diese Forderung von Anfang an bekannt ist, stellt sich die Frage, warum der Heimathafen keine klare Position in dieser Frage einnimmt, sondern hier bewusst verschleiert. Die Aussichten wurden wenige Tage vor dem ersten Arbeitstreffen erneut vernebelt, da der Heimathafen nun ankündigte, vor jeder öffentlichen Diskussion einen Schlussstrich ziehen zu wollen: „Wir möchten gerne [bei diesem Treffen] alle noch offenen Fragen zu dem Vorfall klären und sind gerne bereit, Ihre Vorschläge anzuhören. Eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zum Thema Alltagsrassismus ist von uns nicht geplant.“ (7.4.2014)

Trotzdem erklärt sich das Aktionsbündnis bereit am 11.4.2014 an dem lang geplanten Arbeitstreffen teilzunehmen, um jede Chance für einen konstruktiven Dialog zu nutzen. Am Ende des zweistündigen Gruppengesprächs, das auf Wunsch des Heimathafens von Christian Römer (Kulturreferent der Heinrich Böll Stiftung; früherer Geschäftsführer der Neuköllner Oper) moderiert wurde, wurde einvernehmlich eine Perspektive für ein weiteres Treffen erarbeitet, welches dann unter der Moderation von Mekonnen Mesghena (Referent für Migration und Diversity der Heinrich Böll Stiftung) die nächsten Schritte für eine gemeinsame Veranstaltung besprechen sollte. Eine Woche später sagte der Heimathafen den angepeilten öffentlichen Dialog mit einer bemerkenswerten Begründung wieder ab: „Ihre Forderung, eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung zum Thema ‚Rassismus in der Kulturarbeit‘ durchzuführen, haben wir intern ausführlich diskutiert. Dabei sind wir zu dem Entschluss gekommen, es nicht verantworten zu wollen, dass man sich durch die Anwendung öffentlichen Drucks Zugang zu unserer Bühne oder unserer Mitarbeit verschafft. Wir stehen daher als Veranstaltungsort und Kooperationspartner für diese Veranstaltung nicht zur Verfügung.“6 (18.4.2014).

  1. Danger Bananas: Liebe für Neukölln – Alltagsrassismus für AsiatInnen: Der Heimathafen. 06.02.2014 (4.5.2014).  []
  2. Siehe hier: Wir sind keine Schlitzaugen (4.5.2014). Englische Fassung (4.5.2014).  []
  3. Susanne Memarnia: Siehe Entgleiste Gestik – „Heimathafen“ entschuldigt sich. die tageszeitung, 21.3.2014. (4.5.2014).  []
  4. Stellungnahme des Heimathafens Neukölln zur Debatte um ein Foto der Aktion „I love NK – Neukölln wird in die Welt getragen“. 19.3.2014. (5.5.2014) oder hier  []
  5. Rassismus im Heimathafen Neukölln. Pressemitteilung 21.3.2014. (5.5.2014).  []
  6. Antwortschreiben des Heimathafen Neukölln  []
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4 Kommentare
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  1. […] Nghi Ha: “Neukölln ist überall: Rassismus im ‘Volkstheater’”, MiGAZIN, […]

  2. […] Lesenswert: Rassismus im “Volkstheater” (Migazin, 07.05) […]

  3. […] Premiere. Wir hoffen, dass diese Produktion bald auch an anderen Spielorten wie etwa dem Berliner Heimathafen Neukölln aufgeführt werden kann, der in dieser Hinsicht noch einiges wieder gut zu machen hat. Aus diesen […]

  4. […] Anmerkung: Der Beitrag erschien erstmalig am 07.05.2013 unter dem Titel “Neukölln ist überall: Rassismus im ‘Volkstheater’” auf […]



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