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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Wohnungssuche

Nach und nach kommen die Absagen

Hochgebildet, das Einkommen stimmt, keine Haustiere, keine Musikinstrumente. Mustermieter, wie ihn sich eigentlich jeder Vermieter wünscht. Karim Saleh und seine Frau bekommen trotzdem keine Wohnung. Suchen sie im falschen Viertel? Diskriminierung?

VONKarim Saleh

 Nach und nach kommen die Absagen
Der Verfasser, geb. 1985 in Tübingen, hat ägyptische und deutsche Wurzeln. In Freiburg hat er Islamwissenschaft und Katholische Theologie mit Schwerpunkt Religionsgeschichte studiert. Derzeit macht er ein Praktikum im Baden-Württembergischen Landtag (Grünen-Fraktion) und wird im Anschluss über interreligiöse Beziehungen promovieren.

DATUM21. März 2014

KOMMENTARE3

RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

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Vielleicht bekommen wir keine Wohnung, weil wir arabische Namen tragen. Frustriert über eine weitere Absage, kam uns dieser Gedanke. Wenn Bildung und Einkommen stimmen, fängt man an zu Grübeln und versucht Faktoren für Erfolg bzw. Misserfolg zu identifizieren. Schließlich kommt einem der Gedanke, den man nicht denken wollte. Vielleicht liegt es an unserer Herkunft. Einmal gedacht, wird man ihn dann auch nicht mehr so leicht los.

Meine Frau und ich suchen nach einer Wohnung in einem der schönen und ‚guten` Stadtteile, d.h. Altbau, nah am Grünen, ruhig. Zu Beginn läuft alles reibungslos, auch wenn wir am Telefon unsere Namen mehrmals buchstabieren müssen bis Makler oder Vermieter sie richtig notiert haben. Unsere Anfragen werden immer beantwortet und wir erhalten Besichtigungstermine.

Bei den ersten Besichtigungen sind wir noch nervös, wollen einen möglichst guten Eindruck hinterlassen. Meistens sind es Massenbesichtigungen und vor den Augen der Mitbewerber bleibt nur wenig Zeit sich dem Vermieter vorzustellen. In der Regel sind wir die einzigen Interessenten mit Migrationshintergrund. Makler oder Vermieter mit einem solchen Hintergrund sind uns noch gar keine begegnet.

Dem Gefühl nach sind unsere Auftritte meistens gelungen. Nach und nach kommen aber die Absagen. Dann nimmt auch noch die Zahl der Makler und Vermieter zu, die nicht auf unsere Anfragen reagieren. An sich noch kein Grund stutzig zu werden. Die Zahl der Suchenden ist groß. Ein Maklerbüro erklärte uns, dass sie 1000 Kunden mit ähnlichem Suchprofil in der Kartei hätten.

Wenn der direkte Kontakt aber einmal hergestellt ist und Makler oder Vermieter sich dann nicht mehr melden oder Termine kurzfristig abgesagt werden, beginnt das Nachdenken. Warum bekommen wir keine Wohnung? Welche Faktoren sprechen gegen uns? Wir sind doch Akademiker, unser Einkommen reicht locker für die geforderten Mieten, wir haben keine Haustiere und keine Musikinstrumente. Eigentlich ein Traum für jeden Vermieter.

Der Verstand sucht nach Erklärungen und aus der Summe der negativen Momente erwächst schließlich ein Gedanke: Vielleicht bekommen wir keine Wohnung, weil wir arabische Namen tragen. Vielleicht sind sie das Zünglein an der Waage, wenn wir mit Bewerbern deutschen Namens gleichauf liegen. Das Problem dabei ist, es gibt keinen offensichtlichen Grund dies anzunehmen. Uns widerfährt nichts, was nicht schon tausenden von anderen Wohnungssuchenden widerfahren ist.

Dieser misstrauische Gedanke scheint irgendwo tief verwurzelt zu sein. Er ist eine Art Radar, das manchmal angeht, weil man weiß, dass diese versteckte Diskriminierung existiert und man mit dem eigenen Anderssein schon so oft konfrontiert wurde, ohne dabei Diskriminierung und Rassismus offen erfahren zu haben.

Bei den darauffolgenden Besichtigungen wollten wir bei den Vermietern einen so guten Eindruck hinterlassen, dass das der Klang unserer arabischen Namen in den Hintergrund tritt. Allein das Gefühl sich mehr anstrengen zu müssen, um das Gleiche zu erreichen wie ein Paar, das seinen Namen nicht ständig buchstabieren muss, ist ermüdend. Gebracht hat es nichts und die Phase der zusätzlichen Mühen fand bald ein Ende.

Über den Einfluss unserer arabischen Namen auf Erfolg und Misserfolg bei der Wohnungssuche können wir letztlich nur spekulieren. Das zu tun, hilft aber nicht weiter. Wir können nichts an unseren Namen ändern und wer weiß, welche Wohnungen wir nicht bekommen haben, weil wir zu viel Eindruck hinterlassen haben. Wenn man das Kriterium Einkommen erfüllt, wobei es auch eine Rolle spielen könnte, dass meine Frau die Hauptverdienerin ist, wird die Menge der Faktoren einfach unüberschaubar. Ein befreundetes Paar hat seine Wohnung wegen der Handschrift auf der Selbstauskunft erhalten.

Wir haben schließlich aufgehört uns Gedanken zu machen. Wir wollen uns nicht mehr verstellen. Lediglich bei einer unserer letzten Besichtigung haben wir sogar explizit auf unseren arabischen Hintergrund hingewiesen. Die Wohnung war im zweiten Stockwerk und die Schlange der Interessenten ging bis zum Erdgeschoss. Es schien die einzige Möglichkeit zu sein, sich aus der Masse der Bewerber abzuheben.

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3 Kommentare
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  1. LiliSoz sagt:

    Lieber Karim,
    das ist ein sehr schöner, perfekt balancierter Artikel – denn ihr habt versucht bei euren Gedankengängen nicht in Extreme zu verfallen. Euer Entschluss, euch nicht zu verstellen kann ich nur bestärken. Es gibt diesen versteckten Rassismus, aber er muss nicht bei jeder Absage der Grund sein.
    Die Familie meiner Schwester – eine ‚Musterfamilie mit deutschem Name‘, um bei deiner Wortwahl zu bleiben- erlebt gerade genau dasselbe.
    Courage!

  2. Kathrij sagt:

    Hallo
    Ich bin zwar Deutsche,aber mit ausländischem nachnamen. Mir haben viele Vermieter und Makler direkt gesagt sie wollen nur deutsche Mieter,da Ausländer oder Mischpärchen zuviele Kinder kriegen und immer viel Besuch haben und dann laute Musik hören. Jetzt suche ich mit meinem Mädchennamen( übrigends auch bei jobangeboten) und habe auch relativ schnell was gefunden.

  3. Astrid sagt:

    Lieber Karim!
    Ich kann sehr gut nachvollziehen was ihr durchmacht, leider trauriger Altag für Wohnungssuchende, besonders für die mit Migrationshintergrund.
    Ich habe 2 Jahre bei einer „alteingesessenen“ Wohnungsbaugesellschaft in der Vermietung gearbeitet, ich kenne die Kriterien genau, die ein potenzieller Mieter erfüllen muss! Es ist einfach nur grotesk und ungerecht!



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