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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Kategorisierung

Biodeutsch mit Migrationshintergrund

Die Stadt Hamburg fragt ihre Mitarbeiter nach deren „Wurzeln”. Man wolle feststellen, wie viele „Menschen mit Migrationshintergrund” bei der Stadt arbeiten. Sicherlich gut gemeint – doch diese Kategorisierung ist weitestgehend wertlos, wie ein prominentes Beispiel zeigt.

Ministerin mit Migrationshintergrund
Die Migrationshintergrund-Erhebungsverordnung der Bundesagentur für Arbeit verleiht sogar Bundesbürgern einen Migrationshintergrund, wenn sie im Ausland geboren wurden.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen Ernst Albrecht und dessen Ehefrau Heidi Adele – und sie hat demnach einen Migrationshintergrund. Von der Leyen wurde nämlich 1958 in Brüssel geboren. Damit hat sie sich möglicherweise besonders für das Amt der Verteidigungsministerin qualifiziert, kann sie doch mit ihrer interkulturellen Kompetenz viel eher nachvollziehen, wie die Taliban ticken…

Von der Leyen ist aber in guter Gesellschaft, denn im Jahr 2006 gab es in Deutschland 7,9 Millionen Menschen, die einen Migrationshintergrund sowie die deutsche Staatsangehörigkeit hätten. Das entspricht fast 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland bzw. 53 % der Menschen mit Migrationshintergrund. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sind also Deutsche; bei vielen Lesern und Fernsehzuschauern dürfte als Botschaft aber „Ausländer” ankommen.

Deutsche zweiter Klasse
Und was sagen die Leute dazu, die in Deutschland durch offizielle Kriterien plötzlich selbst zu einem „Menschen mit Migrationshintergrund” gemacht werden? Sie dürften sich oft als Bürger zweiter Klasse fühlen. Sie gehören irgendwie nicht richtig dazu oder verursachen Probleme, da die Debatten über Migration eher selten positiv besetzt sind. Es ist von Deutsch-Türken die Rede, wenn Deutsche gemeint sind; von Deutsch-Schweden liest man übrigens eher selten.

In Hamburg wird auch abgefragt, in welchen Ländern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre „Wurzeln” hätten. Gleichzeitig sollen die Befragten auch angeben, in welcher Behörde, Schule oder welchem Bezirksamt sie tätig sind, seit wann sie für die Stadt arbeiten und in welcher Laufbahngruppe sie sich derzeit befinden.

Alles anonym, aber recht detailliert: Befragung in Hamburg.

Alles anonym, aber recht detailliert: Befragung in Hamburg.

Wie erwähnt: Die Erhebung soll freiwillig sein, doch angesichts dieser Fragen erscheinen Rückschlüsse darauf, wer sich nicht beteiligt hat, zumindest denkbar. Ein Mitarbeiter der Stadt fühlt sich auf jeden Fall zum einen unter Druck gesetzt – zum anderen versteht er nicht, warum er plötzlich einen Migrationshintergrund haben sollte.

Weitestgehend unbrauchbar
Der Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ verschleiert mehr, als er erklärt. Er ist euphemistisch, weil er oft „Ausländer” meint. Auch und gerade im journalistischen Bereich ist die Kategorisierung somit weitestgehend unbrauchbar, weil sie kaum dazu beiträgt, Realität zu beschreiben.

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4 Kommentare
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  1. Wiebke sagt:

    Als was gilt ein Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund wenn er in die Türkei (zurück)geht? Dort doch wohl auch als jemand mit Migrationshintergrund?

    Und dementsprechend ist doch endlich mal die Frage zu stellen, wie viele Leute mit deutschem Pass Migrationshintergrund haben, obgleich sie deutsche Namen tragen und vielleicht sogar deutsche Großeltern haben, aber jahrzehntelang in einem anderen Land lebten, vielleicht dort aufgewachsen sind oder eine Schule besucht haben, eine andere Sprache sprachen und dann zurückkamen.? (Deutsche ‚ integrieren‘ sich nämlich auch nicht so gern anderswo) So addiert sich die Zahl in weitere Millionenhöhen um alle jene, die jahrelang in den USA jobbten, im europäischen Ausland lebten, auf Mallorca, Griechenland oder den Kanaren, oder in LA oder sonstwo ihr Leben fristeten. Auch für sie ist Deutschland ‚anders‘ geworden. Man/frau sieht Dinge anders, wertet sie anders, hat erstmal kein Netzwerk mehr, um in den Arbeitsmarkt reinzukommen, falsche Bildungsascbhlüssse,Probleme in die Krankenkasse zu kommen, hat andere Umgangsformen kennen gelernt, kennt die ‚codes‘ nicht mehr usw. Und ich würde mal annehmen und aus eigener ERfahrung sagen: die meisten fühlen sich nicht mehr so ‚deutsch‘.. Also, auch das sind Leute mit Migrationshintergrund.

  2. Nobody is perfect sagt:

    Die Evolution hat den Menschen hervorgebracht. Der ist jedoch nicht perfect, bestückt mit Fehlern. Unsere Augen sind nicht perfect konstruiert, unsere Ohren sind nicht in der Lage alle Frequenzbereiche abzudecken. Der Hund riecht viel besser als wir. Die Evolution geht hoffentlich geht noch weiter und wir sind hoffentlich in der Lage eine perfektes Gehirn, Augen…. zu bekommen. Die Probleme mit Migration, Religion, Rasse…. wird sich dann von alleine regeln.

  3. Florian Grawan sagt:

    Sehr geehrter Herr Gensing,

    sehr gelungener Artikel über die staatliche Einteilung von Menschen und die Infragestellung von ‚deutsch-sein‘. Ich stimme zu: Was ist das denn genau? Vor allem doch eine Orientierung an etwas ENTGEGEN anderen Personen. Auch pflichte ich bei, dass das Ankreuzen eines ‚Ja‘ bei der Frage zum Migrationshintergrund nicht direkt interkulturelle Kompetenzen (was auch immer damit gemeint ist) unterstellen darf. Vielmehr wird mit dem Fragebogen aber auch die Einordnung der eigenen Person in abgegrenzte Kategorien verlangt. Kreuz ≠ Diverse Gesellschaft. Diese Fragen ordnen Gruppen und die sind unnötig.

  4. posteo sagt:

    Die kulturelle Identität ist wie ein nasses Stück Seife, einfach nicht richtig zu fassen.
    Der Auffassung des Artikels, nach 50 Jahren Aufenthalt in Deutschland sei der Migrantenbegriff unsinnig und der „Migrant der dritten Generation“ sei ein Widerspruch an sich, wurde allerdings bei einer politischen Veranstaltung mit unserer Integrationsministerin Bilkay Öney widersprochen.
    Nur eines möchte ich trotzdem feststellen. Die deutsche Politik definiert Migranten folgendermaßen:
    – Alle Menschen die keinen deutschen Pass besitzen =Ausländer
    – Alle die erst ab 1950 hierher gezogen sind
    – Alle, die mindestens einen Elternteil haben, der erst nach 1950 hierher gezogen ist.
    Aber inzwischen gibt es zahlreiche Enkel der 1. Einwanderergeneration,
    deren Eltern bereits in Deutschland geboren wurden und vor der Geburt ihrer Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben. Und damit sind diese Kindern eben keine Migranten mehr, wie immer sie sich selbst definieren.



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