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Von Heimat und Muttererde

Die Geschichte eines muslimischen Friedhofs in Deutschland

Erst seit einigen Jahren vollzieht sich in Bundesländern ein Sinneswandel – immer mehr muslimische Friedhöfe entstehen. Dabei ist die Bestattung von Muslimen in Deutschland nach islamischen Regeln nicht neu, wie die Entstehungsgeschichte der muslimischen Gemeinde Forchheim zeigt.

VONJochen Menzel

Jochen Menzel: Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt und Berlin, Turkologie in Bamberg und Ankara; 1993 Gründung von transfers-film; Auftrags-Produktionen mit Schwerpunkt Migration und Interkultur für BR, ZDF, Goethe-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung. Produktion zahlreicher Bildungs-Medien. Regelmäßige Teilnahme mit eigenen Filmen an Filmfestivals (Dokfilmfest München, Feminale Köln, Ankara, Alanya, Nürnberg, Boston usw.)

DATUM24. Januar 2014

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Das islamische Gräberfeld als Provisorium – wie lange noch?
Nach dem Tod von Sultan-Sade am 23. Dezember 1988 – die Mutter verstirbt 1990 – war die Verantwortung für das Gräberfeld auf den Türkischen Kulturverein übergegangen. Seit ungefähr acht Jahren obliegt sie nun der Yunus-Emre-Moschee-Gemeinde, die sich auch um die geistliche Begleitung der Verstorbenen kümmert.

Vater Sultan-Sade und Sohn Malik auf dem muslimischen Friedhof Forchheims, 15. Juni 1977, Foto: Familie Sultan-Sade

Vater Sultan-Sade und Sohn Malik auf dem muslimischen Friedhof Forchheims, 15. Juni 1977, Foto: Familie Sultan-Sade

Im Jahr 2013 werden die Reihengräber zu Wahlgräbern. Die Ruhezeit beträgt dann 25 Jahre, mit der Möglichkeit zur Verlängerung, sodass kein Platz für weitere Grabstellen besteht. Wie Ilgar Coskun, der Vorsitzende der Yunus-Emre-Moschee-Gemeinde berichtet, ist vom Friedhofsamt die angrenzende Grünfläche in Aussicht gestellt worden. Auch wenn weitere Grabstellen geschaffen werden, ist der islamische Bestattungsritus noch unvollständig: Es fehlt die Möglichkeit der Waschung, der Aufbahrungs-Stein (Musallah-Stein), die Ausrichtung der Gräber nach Mekka und die Zustimmung zur Bestattung im nahtlosen Leichentuch.

Mahi Ünal, der uns vor 20 Jahren diesen Ort zeigte, verstarb kurz nach seinem Ruhestandseintritt im Jahr 1997. Wie viele seiner, der ersten Generation wollte er nach islamischem Ritus in der türkischen Heimaterde seine letzte Ruhe finden. Er wurde daher überführt und in Kahraman bei Konya in der Türkei bestattet.

Inzwischen jedoch hat ein Wandel stattgefunden, wie heute ein Blick auf die Grabsteine zeigt. An die Stelle der Provisorien von einst treten Grabsteine, die geschmückt sind mit Widmungen und Koranversen. Die Gräber werden nicht nur vor den muslimischen Feiertagen besucht, sondern sind für die Hinterbliebenen zu Orten des Erinnerns geworden.

Bestattung auf dem muslimischen Gräberfeld Forchheim, Foto: Jochen Menzel, 22. November 2011

Bestattung auf dem muslimischen Gräberfeld Forchheim, Foto: Jochen Menzel, 22. November 2011

Es ist Sommer, ich stehe mit den Söhnen von Sultan Sade auf dem kleinen islamischen Gräberfeld. Ihre Jahre der Kindheit in der Bügstraße und Erinnerungen an die Nachbarn werden wach: „Auf einmal sind sie wieder lebendig“, wie Murat Sultan-Sade sagt, die hier ruhenden Muso, Huseyin Bajric, Demirovic, Pulic.

So erleben wir auf diesem kleinen Gräberfeld, wie die Geschichte der Familie Sultan-Sade zu einer Forchheimer Familiengeschichte wurde, die uns darüber hinaus so wertvolle Hinweise geben kann auf die Herkunft und das Leben der ersten muslimischen Gemeinde der Stadt, auf Einwanderer, die in Forchheim eine neue Heimat gefunden haben.

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5 Kommentare
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  1. Sejfuddin sagt:

    Sehr interessanter Beitrag. Danke!

  2. Danke Sejfuddin! – Am Anfang dieser Geschichte stand Mahi Ünal einer der erster „Gastarbeiter“ Forchheims (er wurde in Konya Kahraman/Türkei bestattet – er ruhe in Frieden), – er nahm uns mit für unseren ersten Film „Als die Gäste blieben…. “ (1993) auf das kleine islamische Gräberfeld, das ganz im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit entstanden war – und heute schreiben wir die Geschichte weiter – da ist noch vieles zu entdecken und v.a. zu erzählen … wir brauchen Fortsetzungen (ein Film soll daraus werden)

  3. Türkiz sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag! Wie kann man denn an den Film „Als die Gäste blieben“ kommen? Der würde mich ebenfalls sehr interessieren! Gibt es eine Bezugsquelle?

  4. @Türkiz – danke! Schreiben Sie mir bitte eine Mail, s. http://www.transfers-film.de – dann sehen wir weiter…

  5. Florian Demirovic sagt:

    Wow… Danke für diesen tollen Artikel. Mein Vater ist dort aufgewachsen, Sejdo Demirovic war mein Großvater,der leider viel zu früh verstarb und ich ihn somit nicht kennen lernen konnte. Falls jemand noch mehr Bilder hat,vielleicht sogar von meinem Großvater,würde ich mich sehr darüber freuen



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