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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Von Heimat und Muttererde

Die Geschichte eines muslimischen Friedhofs in Deutschland

Erst seit einigen Jahren vollzieht sich in Bundesländern ein Sinneswandel – immer mehr muslimische Friedhöfe entstehen. Dabei ist die Bestattung von Muslimen in Deutschland nach islamischen Regeln nicht neu, wie die Entstehungsgeschichte der muslimischen Gemeinde Forchheim zeigt.

VONJochen Menzel

Jochen Menzel: Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt und Berlin, Turkologie in Bamberg und Ankara; 1993 Gründung von transfers-film; Auftrags-Produktionen mit Schwerpunkt Migration und Interkultur für BR, ZDF, Goethe-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung. Produktion zahlreicher Bildungs-Medien. Regelmäßige Teilnahme mit eigenen Filmen an Filmfestivals (Dokfilmfest München, Feminale Köln, Ankara, Alanya, Nürnberg, Boston usw.)

DATUM24. Januar 2014

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Der Wunsch nach einem islamischen Gräberfeld
Körperliche und seelische Kriegsverletzungen drückten sehr auf die Lebenserwartungen der Muslime aus Bosnien und dem Kaukasus. Nachdem die ersten Verstorbenen mangels Alternative auf dem Forchheimer Alten Friedhof bzw. zwischen anderen Gräbern auf dem Neuen Friedhof bestattet wurden regte sich bald der Wunsch nach einer eigenen islamischen Abteilung. „So ergriff unser Vater die Initiative, unterstützt durch den damaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden Paul Mikolaschek. Er hatte dabei nur an die bosnischen und anderen Muslime aus der Bügstraße gedacht. Die Türken waren ja noch nicht da.“ Schon am 17. Oktober 1961 beantwortete der Oberbürgermeisters Ritter von Traitteur diesen wohl mehrfach vorgetragenen Wunsch mit einem positiven Bescheid, adressiert an den Vorsitzenden der Islamischen Gemeinschaft München, in deren Namen dieser Antrag gestellt worden war, und an Sultan-Sade „Forchheim, Bügstraße zur Kenntnis“. In dem kurzen Schreiben heißt es: „Auf Ihr erneutes Ersuchen vom 26.6.1961 um Bereitstellung eines Grabfeldes für Angehörige der Islamischen Gemeinschaft Forchheim hat der Stadtrat in seiner Sitzung vom 28.9.1961 beschlossen, die Friedhofsverwaltung anzuweisen, auf die Wünsche der Angehörigen des Islam und auf die Besonderheit ihrer Bestattungsart nach Möglichkeit einzugehen.“

Mit dieser Entscheidung beginnt nun die Geschichte des kleinen islamischen Gräberfeldes. Am südlichen Ausgang des Neuen Friedhofes wird ein Platz gefunden für 39 Reihengräber mit einem auf 15 Jahre begrenzten Belegungsrecht, d.h., ohne Möglichkeit der Verlängerung.

Als erster wird hier am 4.5.1963 der Bosnier Huso Camdic aus der Bügstraße bestattet. Seine Grabstelle wurde vor einiger Zeit aufgelöst und ist inzwischen neu belegt. Die beiden Söhne Sultan-Sades erinnern sich an den Mann, der in ihrer Nachbarschaft lebte und der, nicht einmal 40jährig, plötzlich verstarb:

„Wir hatten ihn immer Huso genannt, das war der Huso, der Familienname war Camdic. Der hat eine Kriegsverletzung am Auge gehabt. Aber er hat nicht das Glasauge gehabt wie beim Mujo, er hat ein Pflaster gehabt. Er war ein schlanker drahtiger Kerl. Er war nicht so dunkel wie die anderen Bosnier, obwohl er auch Bosnier war.“

Doch schon zwei Jahre später, 1965, wird anlässlich des tödlichen Autounfalls von Yüksel Bilal erstmals auch von der türkischen Gemeinde von diesem Bestattungsort Gebrauch gemacht. Bald spricht sich diese einzigartige islamische Bestattungsmöglichkeit herum, und es werden daher in den kommenden Jahren auch Muslime bestattet, die nicht in Forchheim lebten. Auf diese Entwicklung reagiert die Stadt mit einem Schreiben des Oberbürgermeisters an Sultan Sultan-Sade mit dem Hinweis: „Diesen Tatbestand hat der Liegenschaftsausschuss bei seiner Ortsbegehung am 29.9.73 zur Kenntnis genommen und in der Stadtratssitzung vom 25.10.73 beschlossen, dass dies in Zukunft nicht mehr möglich ist. Es müssen vielmehr Gemeinden, in denen Personen mohammedanischen Glaubens sterben, dafür sorgen, dass diese in entsprechenden Abteilungen beigesetzt werden können. …wir bitten um Verständnis für diese Einschränkung, da sonst diese Abteilung sehr schnell vollbelegt sein würde.“ Der Brief geht diesmal auch an die Arbeiterwohlfahrt Forchheim, mit der Bitte, ihn den „türkischen Gastarbeitern“ zur Kenntnis zu geben.

Schnelle Belegung des kleinen Gräberfeldes

Murat und Malik Sultan-Sade vor dem Grabstein des Bosniers Husejn Bajric, - Muslimischer Friedhof Forchheim, 3.8.2012, Foto: Jochen Menzel

Murat und Malik Sultan-Sade vor dem Grabstein des Bosniers Husejn Bajric, – Muslimischer Friedhof Forchheim, 3.8.2012, Foto: Jochen Menzel

Wie groß der Zusammenhalt der bosnischen Muslime damals war, zeigt 1983 die Bestattung von Huseyin Bajric, einem angesehenen Mann aus der Bügstraße, der mehrere Sprachen beherrschte und allgemein als Dolmetscher fungierte. Er war der 2. Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Forchheims und hatte sich in dieser Funktion auch im Namen der türkischen Landsleute um den kleinen Friedhof gekümmert. Huso Bajric, sein in Forchheim lebender Neffe, erinnert sich an den Tag der Beerdigung: „Da kamen bestimmt 1000 Menschen zu seiner Beerdigung, eine riesige Menschenschlange von der Aussegnungshalle bis zum Grab.“ Und wenn er heute mit seiner Tochter an diesem Friedhof vorbeigeht, halten beide inne zu einem kurzen Gedenkgebet.

Inzwischen war die türkische Gemeinde schnell angewachsen und zählte bereits Ende der 90er Jahre über 2000 Menschen. So kommt zum Jahresende 1999 eine Aufstellung des Friedhofamtes zum Ergebnis, dass 38 Grabstellen belegt waren und bei 30 Gräbern das Nutzungsrecht bereits abgelaufen war.

Auch erfahren wir aus dieser Übersicht, dass in den Jahren 1963 – 1999 elf Erwachsene und 29 Totgeburten hier bestattet wurden. Ob sich in der auffällig hohen Zahl an bestatteten Totgeburten die Sorgen und Nöte der ersten türkischen Einwanderergeneration widerspiegelt, die großen körperlichen und seelischen Strapazen, der Schmerz über die verlorene Heimat und die ungewisse Zukunft, bleibt eine berechtigte Frage, der in einer gesonderten Untersuchung nachzugehen wäre.

Nachdem keine Friedhofsordnung die Bestattungen der vergangenen Jahre regelte – das Friedhofsamt registrierte nur das Datum des Todes und der Beisetzung, nahm die Gebühren ein und sorgte für die Aushebung der Grabstelle – glich das Gräberfeld mit zunehmender Belegung in den kommenden Jahren einem verwildertem Acker.

Um die Gestaltung zu verbessern, ergreift wieder Sultan-Sade, der neben Persisch und Russisch vor allem auch gut Deutsch und Türkisch sprach, zusammen mit dem türkischen Kulturverein Forchheims die Initiative. 1977 wird in einer Spendensammlung Geld zusammengetragen, um die Grabstellen mit schlichten, einheitlichen Grabsteine zu versehen. „Und ich muss den Türken ein ganz großes Lob aussprechen. Wie mein Vater ihnen das gesagt hat, konnten wir sammeln für die Grabsteine, ganz einfache mit Geburtsdatum, Sterbedatum, und dass er Muslim ist, noch Halbmond mit Stern. Da haben die Türken bereitwillig mitgemacht, also da gab‘s nichts.“

Diese Steine prägen noch heute das Bild dieses kleinen Gräberfeldes. Sie sind Zeugen der ersten Gastarbeiterjahre, geprägt von Provisorien mit dem Jahr für Jahr hinausgeschobenen Rückkehrwunsch, der dann doch nie in Erfüllung ging.

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5 Kommentare
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  1. Sejfuddin sagt:

    Sehr interessanter Beitrag. Danke!

  2. Danke Sejfuddin! – Am Anfang dieser Geschichte stand Mahi Ünal einer der erster „Gastarbeiter“ Forchheims (er wurde in Konya Kahraman/Türkei bestattet – er ruhe in Frieden), – er nahm uns mit für unseren ersten Film „Als die Gäste blieben…. “ (1993) auf das kleine islamische Gräberfeld, das ganz im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit entstanden war – und heute schreiben wir die Geschichte weiter – da ist noch vieles zu entdecken und v.a. zu erzählen … wir brauchen Fortsetzungen (ein Film soll daraus werden)

  3. Türkiz sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag! Wie kann man denn an den Film „Als die Gäste blieben“ kommen? Der würde mich ebenfalls sehr interessieren! Gibt es eine Bezugsquelle?

  4. @Türkiz – danke! Schreiben Sie mir bitte eine Mail, s. http://www.transfers-film.de – dann sehen wir weiter…

  5. Florian Demirovic sagt:

    Wow… Danke für diesen tollen Artikel. Mein Vater ist dort aufgewachsen, Sejdo Demirovic war mein Großvater,der leider viel zu früh verstarb und ich ihn somit nicht kennen lernen konnte. Falls jemand noch mehr Bilder hat,vielleicht sogar von meinem Großvater,würde ich mich sehr darüber freuen



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