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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Von Heimat und Muttererde

Die Geschichte eines muslimischen Friedhofs in Deutschland

Erst seit einigen Jahren vollzieht sich in Bundesländern ein Sinneswandel – immer mehr muslimische Friedhöfe entstehen. Dabei ist die Bestattung von Muslimen in Deutschland nach islamischen Regeln nicht neu, wie die Entstehungsgeschichte der muslimischen Gemeinde Forchheim zeigt.

VONJochen Menzel

Jochen Menzel: Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt und Berlin, Turkologie in Bamberg und Ankara; 1993 Gründung von transfers-film; Auftrags-Produktionen mit Schwerpunkt Migration und Interkultur für BR, ZDF, Goethe-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung. Produktion zahlreicher Bildungs-Medien. Regelmäßige Teilnahme mit eigenen Filmen an Filmfestivals (Dokfilmfest München, Feminale Köln, Ankara, Alanya, Nürnberg, Boston usw.)

DATUM24. Januar 2014

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Die „Bügstraßler“ – die erste muslimische Gemeinschaft Forchheims

Murat und Malik Sultan Sade  in der heutigen Bügstrasse

Murat und Malik Sultan Sade in der heutigen Bügstrasse

Sohn Murat Sultan-Sade vor der Büg-Siedlung, 14. August 1961 - Foto: Familie Sultan-Sade

Sohn Murat Sultan-Sade vor der Büg-Siedlung, 14. August 1961 – Foto: Familie Sultan-Sade

Beim Gang durch die heutige Bügstraße wird für die beiden Sultan-Sade-Söhne die Kindheit wieder lebendig. In ihren Erinnerungen war es eine vertraute Gemeinschaft, die sie die Bügstraßler nannten, die zu 80 % aus bosnischen Muslimen bestand. Nach einer Liste, in die der heute 63 jährige Murat aus dem Gedächtnis 19 Namen von muslimischen Familien und Nachbarn eingetragen hat, lässt sich auf eine Gruppe von rund 70 Personen schließen, die damals in der Bügstraße lebte. Beiden Söhnen ist in Erinnerung, dass viele Männer der Nachbarschaft durch Kriegsverletzungen am Auge oder fehlende Körperglieder gekennzeichnet waren.

25. Februar 1963, Büg-Siedlung Forchheim, vor dem Gang zum Feiertagsgebet - In der Mitte mit Fellmütze Sultan Sultan-Sade, dritte von links der bosnische Imam aus Nürnberg Ibrahimovic

25. Februar 1963, Büg-Siedlung Forchheim, vor dem Gang zum Feiertagsgebet – In der Mitte mit Fellmütze Sultan Sultan-Sade, dritte von links der bosnische Imam aus Nürnberg Ibrahimovic

Auch diese bosnischen Muslime hatten auf Seiten der deutschen Wehrmacht gekämpft. Da eine Rückkehr in ihre Heimat ausgeschlossen war – ihnen drohte die Todesstrafe, wie die beiden Söhne oft genug vom Vater hörten – wurden sie nach dem Krieg von amerikanischer Seite betreut, wohl auch um sie für Propagandazwecke einzusetzen. So weiß Murat zu erzählen, dass sein Vater während der Nürnberger Zeit häufig nach München fuhr, wo er als Sprecher im amerikanischen Radio Free Europe mitarbeitete. Diese antikommunistischen Propagandasendungen zielten in der Zeit des Kalten Krieges in den Herrschaftsbereich der Sowjetunion, um ihn zu schwächen.

„Bayram“ in der Zentralschule – erste muslimische Feste in Forchheim
Die Bügstraßler verband neben allen Unterschieden der Herkunft der gemeinsame muslimische Glaube. Ihr geistliches Leben war daher eng verbunden mit der islamischen Gemeinschaft in München, für die ein bosnischer Geistlicher sorgte, der häufig auch in Forchheim zu Gast war.

Dass bereits in den frühen Jahren sich der Wunsch nach einem Ort für gemeinsame religiöse Zusammenkünfte regte, belegt ein einzigartiges Foto, das mir Sohn Murat Sultan-Sade überreicht. Es wurde aufgenommen in der damaligen Zentralschule – heute benannt nach dem ehemaligen Oberbürgermeister Ritter-von-Traitteur – wo die Kinder der Familie Sultan-Sade zur Schule gingen. „Wir hatten ja damals keinen Gebetsraum, und mein Vater ist dann auch wieder losgedüst, ist dann zur Schule gegangen, ob es nicht möglich wäre, irgendwie einen Schulraum freizumachen, dass wir zumindest zum Bayram-Fest da beten können. Und das hat tatsächlich geklappt. Sie sehen hier auch eine Aufnahme vom 25.2. 63. Schauen Sie mal, ob Sie meinen Bruder und mich erkennen!“

25. Februar 1963, Bayram im Keller der Forchheimer Zentralschule - dritter von links Malik, schräg dahinter Murat Sultan-Sade

25. Februar 1963, Bayram im Keller der Forchheimer Zentralschule – dritter von links Malik, schräg dahinter Murat Sultan-Sade

Das Foto zeigt einen kleinen Raum der Schule, den die Mütter in den frühen Stunden geputzt hatten. Die beiden Sultan-Sade-Söhne – sie sind auf dem Foto in Anzug und Festkleidung zu sehen – erzählen. „Wenn man sich vorstellt, wie unsere Mütter vorher mit Schrubber und diesen schweren Eimern dorthin gezogen sind am Morgen und den Raum geschrubbt und geputzt haben. Und dann die Teppiche, die ausgelegt wurden.“ Wie einige Jahre zuvor waren auch diesmal Muslime aus der Umgebung gekommen, um hier den Festtag, den Bayram, nach Ende des Fastenmonats Ramadan zu begehen. Auf eine weitere Besonderheit machen mich die Brüder Murat und Malik aufmerksam: Sie zeigen auf ein junges Geschwisterpaar, am Tisch sitzend, das an diesem Tag vor der muslimischen Gemeinde das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, ablegen sollte. Die festliche Stimmung dieser kleinen Versammlung kann auch die behelfsmäßige Bescheidenheit und Enge dieses Raumes nicht verbergen. Nach der Erinnerung der beiden Sultan-Sade-Söhne war dieses Fest das letzte, das hier begangen wurde.

Neuer Friedhof Forchheim, 23.April1958 - Die Geschwister Murat und Farida Sultan-Sade vor dem Grabstein eines hier bestatteten Muslimen aus Naltschyn/Kaukasus

Neuer Friedhof Forchheim, 23.April1958 – Die Geschwister Murat und Farida Sultan-Sade vor dem Grabstein eines hier bestatteten Muslimen aus Naltschyn/Kaukasus

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5 Kommentare
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  1. Sejfuddin sagt:

    Sehr interessanter Beitrag. Danke!

  2. Danke Sejfuddin! – Am Anfang dieser Geschichte stand Mahi Ünal einer der erster „Gastarbeiter“ Forchheims (er wurde in Konya Kahraman/Türkei bestattet – er ruhe in Frieden), – er nahm uns mit für unseren ersten Film „Als die Gäste blieben…. “ (1993) auf das kleine islamische Gräberfeld, das ganz im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit entstanden war – und heute schreiben wir die Geschichte weiter – da ist noch vieles zu entdecken und v.a. zu erzählen … wir brauchen Fortsetzungen (ein Film soll daraus werden)

  3. Türkiz sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag! Wie kann man denn an den Film „Als die Gäste blieben“ kommen? Der würde mich ebenfalls sehr interessieren! Gibt es eine Bezugsquelle?

  4. @Türkiz – danke! Schreiben Sie mir bitte eine Mail, s. http://www.transfers-film.de – dann sehen wir weiter…

  5. Florian Demirovic sagt:

    Wow… Danke für diesen tollen Artikel. Mein Vater ist dort aufgewachsen, Sejdo Demirovic war mein Großvater,der leider viel zu früh verstarb und ich ihn somit nicht kennen lernen konnte. Falls jemand noch mehr Bilder hat,vielleicht sogar von meinem Großvater,würde ich mich sehr darüber freuen



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