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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Die Keupstraße nach NSU

„Ihre Enttäuschung stammt nicht nur von diesem Anschlag“

Am 9. Juni 2004 explodierte auf der Köln-Mülheimer Keupstraße eine Nagelbombe, die 22 Menschen zum Teil schwer verletzte. Der NSU hat sich Jahre später zu der Tat bekannt. Mitat Özdemir ist Vorsitzender der „Interessensgemeinschaft Keupstraße“. Dr. Ayla Güler-Saied ist Migrationsforscherin. Beide arbeiten in einer Initiative mit, die im Frühjahr mehrere gut besuchte Veranstaltungen auf der Keupstraße organisierte.

DATUM6. August 2013

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RESSORTAktuell, Interview

QUELLE LOTTA, eine ehrenamtlich betriebene, nicht-kommerzielle antifaschistische Zeitschrift aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, gegründet 1999. Die Redaktion betreibt außerdem den Blog "NRW rechtsaußen"

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Sind diese Vorstellungen der Grund dafür, warum der rassistische Hintergrund von Seiten der Behörden nicht erkannt werden konnte?

Ayla Güler-Saied: Auch bei den anderen Morden war es ähnlich, wenn man sich zum Beispiel die Geschichte der Familie Şimşek anguckt. Der Vater war Blumenhändler und ist zum Einkauf nach Holland gefahren. Die Polizei hat dort auch eine Geschichte konstruiert, dass er aus Holland Drogen einführt. Es ist also nicht nur die Keupstraße. Hier ist es vielleicht verstärkt, weil sie als „türkische Straße” gilt, obwohl die Menschen, die hier leben größtenteils schon seit Generationen in Deutschland sind und auch nicht alle „Türken” sind. Niemand sprich von Köln-Lindenthal als deutschem Wohnbezirk. Das ist einfach Lindenthal und fertig. Warum muss bei der Keupstraße extra betont werden, dass das hier eine „türkische Straße” ist?

Es ist schon sehr verwunderlich, dass die Behörden so früh einen rechten Hintergrund des Anschlags ausgeschlossen haben. Gerade in so einer Straße. Die Opfer haben selber gesagt: „Wir leben hier. Wir haben hier Familie und Freunde. Jeder, der hier ein- und ausgeht, hat hier Familie und Freunde. Niemand wirft eine Bombe, die vielleicht seinen Bruder oder seine Schwester umbringt.“ 2006 gab es diese Schweigemärsche in Kassel und Dortmund. Dort forderten die Teilnehmenden: „Kein 10. Opfer!“. Sie haben den Zusammenhang erkannt. Warum wurde das von den Behörden nicht ernst genommen? Jetzt wird offen über all das geredet. Die sogenannten Pannen der Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden werfen dabei nach wie vor viele Fragen auf, und angesichts der Vielzahl an Pannen fällt es schwer, daran zu glauben, dass alles Zufall war, beispielsweise das Schreddern von Akten.

„Warum schließt man Rechtsradikale nach ein paar Stunden aus? Woher bekommt der Innenminister so schnell diese Sicherheit? Welche Informationen hat er? Auf der Keupstraße haben sich die Leute gefragt, wer kann der Täter sein und alle meinten: Das sind Rechtsradikale.“

Mitat Özdemir: Für mich ist das ein Rätsel. Ich habe ein paar Fragen, die ich mir immer wieder stelle. Warum die Keupstraße? Und warum mit einem Fahrrad? Warum eine Nagelbombe? Warum gerade vor diesem Friseur? Es gibt andere Friseure, andere Restaurants, die Straße geht noch weiter. Wenn man naiv ist, denkt man an einen Zufall. Ich glaube, es ist hochintelligent gewesen. Zu diesem Friseur kamen ein paar Jungs zum Haareschneiden, die Boxsport und Karate machen. Wenn man sich die Leute anguckt, dann kann man sagen, die sind ja alles Zuhälter. Die kommen mit dem Mercedes und sind alle wie ein Schrank gebaut. Das müssen Zuhälter sein.

Es geht mir nicht aus dem Kopf, warum dieser Laden? Wo sie dieses Fahrrad hingestellt haben, ist gegenüber ein Kindergarten. Wollten die alle Kinder töten? Wenn das eine Zuhältergeschichte oder eine Mafiageschichte gewesen wäre: Wieso mit Nägeln? Wenn ich ein Zuhälter bin, gehe ich rein und rechne mit jemandem ab. Aber nicht die Straße. Nicht die Leute, die unschuldig vorbeigehen.

Warum schließt man Rechtsradikale nach ein paar Stunden aus? Woher bekommt der Innenminister so schnell diese Sicherheit? Welche Informationen hat er? Auf der Keupstraße haben sich die Leute gefragt, wer kann der Täter sein und alle meinten: Das sind Rechtsradikale. Man sollte die Leute auch anhören. Hinterher hat man versucht zu behaupten, alle würden zusammenhalten. Aber gegen wen, gegen die Mafia? Was soll denn das? War das eine Ermittlungstaktik, ist das bewusst oder unbewusst geschehen? Unwissen kann ich mir nicht vorstellen.

Bei einer unserer Filmvorführungen hat ein Geschäftsmann gesprochen. Ich bin dankbar, dass er bei uns geredet hat. Er erzählte, wie ihn ein Ermittlungsbeamter fragte: „Jetzt sagen sie mal, wer könnte der Täter sein?” Er sagte: „Das sind Rechtsradikale”. Aber das wollte der Beamte nicht hören. Es sollten ihm Namen aus dem Bekanntenkreis genannt werden. Der Innenminister hat sich damals festgelegt. „Fremdenfeindlicher Hintergrund? Ausgeschlossen!” Was bleibt, wenn diese Wege abgeschlossen sind, dann muss die Polizei woanders weitermachen. Und macht bei den Türken weiter. Einseitig. Das ist die nicht akzeptable Geschichte.

Vielen Dank für das Gespräch!

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