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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Der Spiegel & Sarrazin

Das gutgläubige Leitmedium

Im „Fall Sarrazin“ scheitert der Spiegel bis heute am eigenen Aufklärungsanspruch: Statt selbst zu recherchieren, verbreiten die Redakteure lediglich, was Prominente ihnen in den Block diktieren.

VONMartin Niggeschmidt

Der Verfasser ist Mitherausgeber des Buches „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz – Von Galton zu Sarrazin: Die Denkfehler und Denkmuster der Eugenik“

DATUM1. August 2013

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel, Meinung

QUELLE Der Artikel ist zuerst erschienen in: Message – internationale Fachzeitschrift für Journalismus (2/2013)

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„Er weiß, wovon er redet“
Das Unvermögen oder der Unwille, auf eigene Faust zu recherchieren, zog sich wie ein roter Faden durch die Spiegel-Berichterstattung über die von Sarrazin aufgebrachten Themen. „Der Begabungsforscher Detlef Rost ist ein Mann, der es wissen muss“, heißt es demütig in dem bereits erwähnten Artikel über die zehn Mythen der Intelligenz. „Er weiß, wovon er redet.“

Auch vor dem mittlerweile 81-jährigen Historiker Hans-Ulrich Wehler haben die Spiegel-Redakteure offenbar gehörigen Respekt. Er habe Sarrazin in der öffentlichen Debatte verteidigt, weil dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ viele gesellschaftliche Fehlentwicklungen richtig beschrieben habe, sagt Wehler in einem Spiegel-Interview vom 9. Februar 2013. Denn: „Im Gegensatz zu vielen Spaniern, Griechen oder Italienern, die als Gastarbeiter kamen und ihre Kinder bald auf weiterführende Schulen schickten, sind die Türken erstaunlich resistent geblieben gegen jede Form von Aufstiegsdenken oder Weiterbildungsangeboten.“

Diese Aussage gehört zu den populären Überzeugungen, die sich als Nachwirkung der Sarrazin-Debatte im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt haben. Vom Spiegel gegenrecherchiert wurde sie nicht. Nun hätte der Interviewer zumindest mal nachfragen können, auf welche Belege sich diese Behauptung stützt. Er tat es nicht.

Da sich in Wehlers Büchern nichts Substantielles zum Thema findet und er auf diesbezüglichen E-Mail-Anfragen nicht reagiert, wird man davon ausgehen können, dass es solche Belege nicht gibt. Was der Spiegel da weiterverbreitete, waren Ressentiments.

Ähnliche Bildungsstruktur
Ein junger Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität hatte das Thema im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte längst aufgearbeitet: Personen mit italienischem und türkischem Migrationshintergrund weisen demach in Deutschland eine ganz ähnliche Bildungsstruktur auf.1

Es kommt beim Bildungserfolg offenbar nicht auf Religionszugehörigkeit, sondern auf sozio-strukturelle Faktoren an. Iranische Flüchtlinge beispielsweise sind mit hohen Qualifikationen eingewandert – und geben ihre bildungsrelevanten Ressourcen an die nachfolgenden Generationen weiter. Die Kinder klassischer Arbeitsmigranten hingegen haben in der Schule mit Startnachteilen zu kämpfen – egal ob es sich um türkisch- oder um italienischstämmige Deutsche handelt oder um mexikanische Einwanderer in den USA.

Was auch immer die Gründe sein mögen: Im Zusammenhang mit den Thesen von „Deutschland schafft sich ab“ beschränkte sich der Spiegel überwiegend darauf, Prominenten und Experten ein Megaphon hinzuhalten. Durch den Vorabdruck von Auszügen aus „Deutschland schafft sich ab“ hat das Nachrichtenmagazin nach Kräften dazu beigetragen, Sarrazins Thesen zu popularisieren. Kein anderes Sachbuch erhielt in Deutschland jemals eine so große mediale Aufmerksamkeit, keines verkaufte sich so gut, keines war derart wirkungsmächtig. Doch diese Verantwortung hat den Spiegel bislang keineswegs zu außergewöhnlichen Rechercheleistungen angestachelt. Im Gegenteil: Was die Causa Sarrazin betrifft, grenzt die Haltung des einstigen deutschen „Sturmgeschützes der Demokratie“ beinahe an Arbeitsverweigerung. Das ist eines Nachrichtenmagazins mit diesem Aufklärungsanspruch nicht würdig.

Lesen Sie hierzu auch den Hintergrundartikel „Sarrazins wichtigste Fehler im Überblick

  1. Coskun Canan: „Über Bildung, Einwanderung und Religionszugehörigkeit“. In: Michael Haller / Martin Niggeschmidt (Hg): „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz“, Wiesbaden 2012 []
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14 Kommentare
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  1. Torgey sagt:

    Sehr guter Artikel. Ich habe mich im Zuge der Debatte auch geärgert, dass viele Teile der Wissenschaft zwar unter sich die Nase über Sarrazins pseudo-wissenschaftliche Kurzschlüsse gerümpft haben, sich aber in der Öffentlichkeit zu fein waren, dazu Stellung zu beziehen. Das trifft zwar nicht auf alle zu, aber es waren doch vergleichsweise wenige. So konnte Sarrazin auch noch Wochen nach der Veröffentlichung behaupten, inhaltlich und methodisch habe ihn keiner widerlegen können, obwohl die meisten seiner Thesen, die er nicht vom Institut für Bevölkerung und Entwicklung hatte, völlig hahnebüchen sind.

  2. korbmacher sagt:

    „Doch statt aufzuklären, präsentierte der Spiegel-Redakteur seinen Lesern nebulöse Andeutungen über „Forschungsergebnisse“…..“

    Nun, wo bleiben denn dann hier bei MIGAZIN die „gegenläufigen“ Forschungsergebnisse, unterfüttert mit belastbarem Zahlenmaterial ?
    Wo MIGAZIN sich doch so darüber beklagt ?

    Na los,Butter bei die Fische…..

  3. Josef Özcan sagt:

    Der absurde Kern dieser ganzen debilen „Intelligenzdiskussion“ liegt tatsächlich darin, dass wir noch gar nicht wissen was „Intelligenz“ wirklich ist und das die „Intelligenztests“ , die angeblich Intelligenz messen alles Andere besser messen als „Intelligenz“. Der Hohn des Ganzen liegt nämlich in der Tatsache dass Intelligenz als das definiert wird was der Intelligenztest misst d.h. aber zugleich das keiner weiß was da im Kern gemessen wird, wenn überhaupt etwas von Belang gemessen werden sollte, denn das ist damit ja ebenso unklar. Meine Untersuchungen zum Thema legen nahe, dass der „IT“ den (Un)Wert vor Zeitungsrätseln hat.

    Einmal ganz abgesehen von der Kulturrelativität von kognitiver Welterfassung, denn schon die Frage, ob die kognitive Welterfassung überhaupt zur „Intelligenz“ zu zählen wäre, lässt sich kulturell und subkulturell ganz divergent beantworten.

    Alle Feststellungen von höherer und angeblich mangelnder Intelligenz oder gar von mangelnder Intelligenz bei Menschen anderen ethnischen Herkommens gründen also in Absurditäten die ihresgleichen in der Wissenschaft kaum hat. Eine Schande auch für die Psychologie, die viel Schuld an dieser Sache trägt.

    Der Grund warum die „IT“ Thematik immer noch eine gewisse Anziehung besitzt ist jedoch klar … das Ganze eignet sich wunderbar zu faschistischen faschistoiden pseudowissenschaftlichen „Diagnosen“. Und die Medien springen mit ihrem noch größeren Unverstand auch auf diesen Zug auf, denn damit lässt sich immer noch Auflage machen.

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Amnesty International)

  4. Josef Özcan sagt:

    Ergänzung zu meinen Ausführungen:

    Wer sich fundiert über den Widersinn der „Vermessung des Menschen“ informieren möchte, dem sei dies empfohlen;

    http://de.wikipedia.org/wiki/The_Mismeasure_of_Man

  5. Lionel sagt:

    Intelligenz ist kein körperliches Merkmal wie die Augen- oder Haarfarbe und kann daher nicht vererbt werden.
    Vererbbar ist allenfalls der Grad der Fähigkeit zur Ausbildung von Intelligenz.
    Ob es so ist oder nicht, ist eigentlich völlig unerheblich.
    Unser Bildungssystem muss mit den Menschen umgehen, die da sind – und hier ist die bestmögliche Förderung anzustreben.

  6. LL cooler sagt:

    In Mathe-Olympiade seit Jahren schon….
    schneiden die Türkei besser ab als das deutsche Team…
    so what?

  7. Saadiya sagt:

    Sehr guter Artikel. Freue mich schon auf die Fortsetzung!

  8. Michael sagt:

    Ein Astrophysiker hat sich mal, eher etwas interdisziplinär, zum Thema „Zukunft von Erde und Mensch“ völlig unfreiwillig sehr amüsant geäußert:
    „Nun, wir sind ja jetzt erst grad intelligent. Niemand kann sagen, ob und wie stabil sich das verhält.“

  9. Lionel sagt:

    @LL cooler

    Genau das hat Sarrazin doch gesagt: Deutschland verblödet immer mehr…

  10. Süperhorst sagt:

    Dank, Herr Niggeschmidt, fuer diese klare Kritik und den Beleg über den Ursprung des Gedankengutes bei Sarazzin.

    Allerdings würde ich von Redakteuren des Spiegel, und übrigens auch der Zeit, ARD, ZDF – den sogenannten Leitmedien – erwarten, dass sie rassistische Thesen erkennen, wenn sie ihnen begegnen! Auch ganz ohne Hintergrundwissen! Da gibt es noch viel Schulungsbedarf in den Redaktionen! Und übrigens auch in der Bildredaktion. Ich möchte nur an die unsägliche N-Wort Debatte in der Zeit erinnern… Als ob eine zeithistorische, berühmte Person schon von sich aus vor den rassistischen Stimmungen ihrer Zeit immun gewesen wären. Da will man nur sagen: Kopf und Herz an! Bauch aus!


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