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Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Kısmet

Im Schoß einer türkischen Familie

Seine Kosenamen lauten jetzt „Yavrum“ „Aşkım“ oder „Canım benim“. Wie es dazu gekommen ist, beschreibt Florian Schrodt in einem kleinen Resumee.

VONFlorian Schrodt

 Im Schoß einer türkischen Familie
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM1. August 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Platsch! Ich unterhalte mich mit der Tochter des Nachbarn aus dem oberen Stock, als eine Ladung Wasser direkt neben ihr landet. Besagter Nachbar, ein grauhaariger, braungebrannter Mann mit Oberlippenbart und viel Gesprächsbedarf, grinst schelmisch. Kein Wunder, dass er sich mit Baba so gut versteht. Von einigen Zentimetern Körpergröße abgesehen, könnten die Attribute ebenso auf ihn zutreffen. Die Wasserladung verfehlte ihr Ziel nur knapp. Oder auch nicht. „Die spinnen doch, diese Türken“, hätte ich vor einiger Zeit vielleicht gedacht.

Aber die Jahre im Schoß meiner türkischen Familie vergehen und auch ich lerne. Zum einen weiß ich mittlerweile, dass das Wasser ein Zeichen für den Wunsch ist, dass die Tochter schnell und gesund wiederkehren soll (manchmal werden die südländischen Herren doch sentimental). Obendrein weiß ich, dass meine Nachbarn Iraner sind und keine Türken. Das kapieren jedoch nicht alle Hausbewohner. Ja, in den vergangenen sechs Jahren habe ich ein Studium der Kulturwissenschaften im Alltasgsmodus erhalten. Und es bleibt nach wie vor spannend, zumal ich nun seit einem Jahr hier darüber berichten darf. Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer, wo ich dem türkischen Gesprächstempo gerade nicht mehr folgen kann, überlege ich, warum ich eigentlich darüber schreibe. Zeit für ein Resümee.

Noch in meinen Gedanken hole ich die Kanne Cay aus der Küche und gieße nach. Als ich Anne einschenke, versucht sie einen Nieser zu unterdrücken. Ganz automatisch sage ich „cok yasa“. „Aferin!“, ruft sie aus und umarmt mich mit ehrlichem Mutterstolz. Sie erfreut sich immer noch an meinen kleinen Bemühungen, wenigstens etwas türkisch zu kommunizieren und lobt mich als einen „sehr, sehr guten Sohn.“ Diese kleinen, aber herzlichen Anerkennungen charakterisieren meine Schwiegereltern recht gut. Sie haben mich in ihre Familie aufgenommen und bedingungslos daran teilhaben lassen.

Ganz fürsorgliche, ehrliche und strebsame Menschen, der erste Eindruck konnte verdammt täuschend sein. Türken? Diese Familie hätte sicherlich nicht in mein Bild gepasst. Meine Freundin hätte ich optisch ohnehin nicht als Türkin eingeordnet. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich sie zum ersten Mal sah und fasziniert war von ihrer Ausstrahlung. Meinen Freunden erzählte ich, dass ich eine Südländerin gesehen hatte. Wahrscheinlich Spanierin. Aber nein, keine Spanierin, sie war Türkin. Und damit kam irgendwie ein anderes Bauchgefühl. Heute ist das anders. Das Bauchgefühl ist einem warmen Gefühl in der Herzgegend gewichen. Obwohl unsere Kulturen in Deutschland tagtäglich aufeinandertreffen, wusste ich zugegeben nicht viel über die türkische Kultur. Deshalb wollte ich darüber schreiben. Es verbirgt sich im Zwischenmenschlichen so viel Neues, Interessantes, Erstaunliches und Lehrreiches, dass ich andere gerne daran teilhaben lassen möchte.

Unser Alltag kann so viel vielfältiger sein. Das bestätigen mir auch andere. So schrieb mir doch ein Leser der Kolumne, dass er in Kalk mittlerweile mit einem freundlichen „Merhaba“ den Dönerladen seines Vertrauens betritt und ihm von hinter der Theke ein „Jooooten Tach“ entgegen hallt. Darüber müsse er immer aufs Neue schmunzeln. Schmunzeln musste ich, als mir eine andere Leserin schrieb, ich solle meine Schwiegermutter Anne grüßen. Ich muss in der Retrospektive gestehen, dass auch ich anfangs verwundert war, dass ich Baba Baba nennen sollte und meine Schwiegermutter bei ihrem Namen. Dass Anne Mutter heißt, wurde mir erst nach einiger Zeit bewusst. Zwischenzeitlich hat mich Anne aus ihrer Umarmung entlassen und dankt mir vielmals, dass ich ihr unaufgefordert Cay „geschenkt habe“, greift aber sogleich wieder zu, weil ich „bir sey degil“ unbewusst als kleines Bonmot eingestreut habe. Eigentlich ist es um meine Türkischkenntnisse nach sechs Jahren nicht gut bestellt, dennoch bin ich verwundert darüber, wie intuitiv ich mittlerweile einige Redewendungen adaptiert habe. Der kulturelle Austausch scheint doch nicht auf ganz unfruchtbaren Boden zu stoßen.

Apropos fruchtbarer Boden. Auch wenn ich früher sicherlich kein Kostverächter war, wenn es um einen Döner ging, hat sich nunmehr eine regelrechte Liebe zur türkischen Küche ergeben. Die Vielfalt hätte ich nie erahnt und bedauere zutiefst, dass es hierzulande in der Gastronomie wenig verbreitet ist, die wahren türkischen Köstlichkeiten darzubieten. Zum Glück gibt es Schwager samt Frau, die immerzu mit viel Mühe Köstlichkeiten auftischen. Eline sağlık. Liebe geht eben auch durch den Magen. Ebenso hat mich überrascht, wie groß die Zuneigung (nicht nur) meiner Familie für deutsche Küche ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zuvor so oft Knödel und Rotkraut gegessen hätte. Und würde ich jetzt in die Küche gehen, um ein Schnitzel in die Pfanne zu hauen, würde Baba mich wahrscheinlich genauso in den Arm nehmen, wie es Anne gerade immer noch tut.

Das tut er nicht, dafür befreit er mich aus der Umklammerung. Anne muss einfach mal wieder mit ihm schimpfen. Seine geistigen Höhenflüge sind nicht jedermanns Sache, obwohl ich seine Vorliebe für philosophische Gedankengänge sehr schätze. Weil nicht alle zugehört haben, wiederholt sich Baba, wobei er gegen Annes Intervention anreden muss, er solle nicht so einen Unsinn erzählen: „Du kannst einen Eimer mit Loch nicht befüllen.“ Noch und nöcher, oder „loch und löcher“, wie einige Familienmitglieder sagen würden, eskaliert die Situation wieder einmal zu einer Diskussion, deren Ursprung nach Kürze schon niemand mehr kennt. Harte Schale, weicher Kern, sage ich dazu. Denn nach einer Weile regiert wieder die Herzlichkeit. Diesmal verzögert sich das Ganze jedoch etwas, weil ich auf die familiäre Sprichwortschwäche hingewiesen habe, weshalb sich meine Freundin gerade über meine Rechthaberei echauffiert. Mittlerweile ist es bei uns eher ein Necken, ich konnte aber auch kennenlernen wie verletzend es sein kann, wenn man in seiner gesellschaftlichen Umgebung immer mit dem Maßband der Perfektion gemessen wird. Und gleich Vorurteile entgegengeworfen werden, weil die Eltern aus einem anderen Land kommen. Im Moment werden mir aber einige Vokabeln entgegen geschleudert, die ich nunmehr ganz gut kenne, aber hier nicht wiedergeben will. Auch das ist ein Lerneffekt. Türkische Frauen haben öfter, als ich früher dachte, die Hosen an.

Beim Thema Kleidung fällt mir ein, dass ich heute beispielsweise die Kopftuchdebatte aus einem ganz anderen Blickwinkel bzw. mehreren sehe, weil mir früher gar nicht bewusst war, wie laizistisch die Türkei eigentlich geprägt ist (war). Das Land gänzlich von der Mentalität her zu erschließen wird sicher eine Lebensaufgabe. Ich freue mich darauf. Mit diesem Thema will ich gar nicht erst vertiefend anfangen, politische Exkurse sind ohnehin häufig bei meiner Familie angesagt. Zum Glück beendet meine Freundin die Diskussion mit einem „Sense Gelände“. Wie war das mit den Sprichwörtern? Aber ich will mich nicht beklagen, denn auch ich muss noch arg an meinem Türkisch arbeiten. Es wird schon werden. Immerhin hätte ich nie gedacht, dass meine meistbenutzten Kosenamen einmal „Yavrum“, „Aşkım“ oder „Canım benim“ sein würden. Nun herzt mich meine Freundin, weil ich letzteres entschuldigend in ihr Ohr gesäuselt habe. Die Blumigkeit der türkischen Sprache habe ich schätzen gelernt. Passt irgendwie zur Herzlichkeit meiner Familie. Und das ist meine größte Motivation über diese Menschen zu schreiben: Sie sind außergewöhnlich, aber doch oftmals unterschätzt worden. Nur weil sie ihre Wurzeln nicht von Geburt hier hatten. Es stimmt mich noch nachdenklicher, als meine Schwiegereltern gehen, weil ich weiß, dass sie sich wohl einige Tage langweilen werden. Einladungen zum Teebesuch schlagen viele Nachbarn aus. Dabei liegt das gegenseitige Verständnis doch in der zwischenmenschlichen Neugier. Und es macht so viel Spaß! Als Anne und Baba zum Auto gehen, würde ich ihnen am liebsten Wasser hinterher schütten. Sie sollen bald wiederkommen. Ich bin gespannt auf neue und alte Anekdoten. Seni seviyorum.

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Ein Kommentar
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  1. Feriah F. sagt:

    Oh wie rührend Herr Schrodt, wiedermal wunderschön geschrieben…
    gegenseitiges Respekt, Verständnis und Neugier, das macht eine kulturelle Beziehung erst möglich.
    Wir können aus ihnen nur lernen Herr Schrodt 
    P.S. Viele meine Freunde lesen ihre Kolumne und wir alles sind nur begeistert



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