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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

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Islam-Studie: Niederländer zeigen Moslems die rote Karte

Im Auftrag von Geert Wilders’ PVV hat der Meinungsforscher Maurice de Hond gut 1.900 Niederländer nach ihrem Islam-Bild und ihren Ansichten über muslimische Immigranten befragt.

VONAndré Krause

 Islam-Studie: Niederländer zeigen Moslems die rote Karte
Der Verfasser (geb. 1981 in Dortmund) ist Historiker. Er promoviert am Zentrum für Niederlande-Studien in Münster und arbeitet als Biograf und Autor (Facebook). Im September 2010 hat er die ersten, längeren deutschsprachigen Arbeiten über Geert Wilders veröffentlicht.

DATUM27. Juni 2013

KOMMENTARE11

RESSORTAktuell, Meinung

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Laut De Hond sagen 77% der Befragten, dass der Islam die Niederlande nicht bereichere. Unter denjenigen, die bei den letzten Wahlen zur Zweiten Kammer im Jahre 2012 die PVV gewählt haben, liegt dieser Wert sogar bei 99%.

Während die Aussage der Wilders-Anhänger nicht erstaunt, sind die Zahlen im linken Lager als bemerkenswert einzustufen: Nur 26% der Befragten, die beim zurückliegenden nationalen Urnengang die progessive Partei D66 bevorzugt haben, vertreten den Standpunkt, dass der Islam eine Bereicherung für ihr Land sei. Nota bene: D66 profiliert sich seit Jahren als Anti-Wilders-Partei! Auch die Wähler der sozialistischen SP und der sozialdemokratischen PvdA stechen diesbezüglich heraus: Jeweils 68% sehen im Islam keine Bereicherung für das Polderland.

Dieses Muster setzt sich bei allen weiteren Fragen fort: Die PVV vertritt die Meinung der Mehrheit. Und auch die Wähler linker Parteien sind äußerst kritisch.

Drei Beispiele:

  1. 55% aller Befragten meinen, dass die Einwanderung aus muslimischen Ländern gestoppt werden müsse. Unter den PVV-Wählern liegt dieser Wert bei 100%. Im linken Lager sieht das Bild folgendermaßen aus: Jeweils 48% der PvdA- und SP-Wähler teilen die Ansicht der Wilders-Anhänger – 40% bzw. 35% nicht. Nur bei D66 sehen die Verhältnisse anders aus: 68% lehnen einen Einwanderungsstopp aus muslimischen Ländern ab.
  2. 63% aller Befragten meinen, dass in den Niederlanden keine neuen Moscheen gebaut werden sollten. Unter den PVV-Wählern liegt dieser Wert bei 97%. Während 47% der SP-Anhänger diese Ansicht teilen (43% nicht), vertreten nur 36% der D66- und 41% der PvdA-Wähler diesen Standpunkt – 59% bzw. 51% nicht.
  3. 68% aller Befragten meinen, dass es in den Niederlanden mittlerweile „genug Islam“ gäbe. Unter den PVV-Wählern liegt dieser Wert bei 99%. Auch bei den linken Parteien findet diese Ansicht viel Zuspruch: PvdA 42% (38% nein), D66 57% (22% nein) und SP 53% (25% nicht).

Wenn man Punkt 3 herausgreift, sind noch die folgenden Ergebnisse der Studie zu anzuführen:

Frauen unterschreiben häufiger die These „Inzwischen gibt es genug Islam in den Niederlanden“ (73%, Männer: 63%).
Selbiges gilt für Befragte über 50 Jahren (74%, unter 30: 55%) und Menschen, die sich zu einer Religion bekennen (74%, ohne Religion: 63%).

Auch in Bezug auf das Bildungsniveau sind signifikante Unterschiede feststellbar: Während 81% der Geringqualifizierten meinen, in den Niederlanden gäbe es genug Islam, denken dies „nur“ 70% derjenigen mit einem mittleren Bildungsabschluss und 55% der Hochqualifizierten.

Befragte mit einem mittleren Einkommen tendieren ebenfalls eher dazu, die These zu unterschreiben (zwischen 70-74%). Bei den Personen mit einem niedrigen Einkommen sind es 61%, bei denjenigen mit einem hohen Einkommen 53%.

Kurzum: Die Mehrheit der Niederländer zeigt den Moslems die rote Karte. Besonders kritisch sind laut Maurice de Hond PVV-Wähler, Frauen, Ältere, Angehörige einer Religion sowie Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau und einem Durchschnittseinkommen. Bei dieser Aufzählung muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen mitunter nur recht gering sind.

Auf der Basis dieser Zahlen ist vorherzusagen, dass Geert Wilders’ PVV – Auftraggeberin der Studie – in der Zukunft wieder mit elektoralen Erfolgen rechnen kann, wenn die Themen „Islam“, „Immigration“ und „Integration“ im Mittelpunkt des Wahlkampfes stehen. Zumindest laut Meinungsforscher De Hond ist die PVV derzeit virtuell die größte Partei in den Niederlanden. Im Politieke Barometer des Institutes Ipsos Synovate rangiert Wilders „nur“ auf Platz 3.

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11 Kommentare
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  1. Lionel sagt:

    Die Niederländer scheinen offensichtlich mehrheitlich der Ansicht zu sein, dass „viel“ nicht unbedingt ein „mehr“ ist.
    Es überrascht allerdings, dass auch unter den Anhängern der parlamentarischen Linken sich eine relative Mehrheit für einen Zuzugsstopp aus islamischen Ländern ausspricht.

  2. Josef Özcan sagt:

    Nun, „Bereicherung“ zu erwarten zeigt schon, wo der Fehler im System liegt.

    Sich zu Bereichern an Anderen, dass ist der Kern der struktural-faschistischen Mehrwertideologie … Das Verhältnis der Menschen untereinander wird „kapitalisiert“ … Der Eigenwert des Menschen wird unkenntlich, in diesem Falle, weil es seiner Religionszugehörigkeit angeblich an „Mehrwert“ mangelt. Das ist ein bekanntes faschistisches Muster und es ist erschreckend soviel den einzelnen Menschen verachtenden Faschismus im Herzen von Europa offenbar werden zu sehen …

    Josef Özcan (Amnesty International/Kölner Appell gegen Rassismus)

  3. Aaron sagt:

    Herr Özcan,

    Der einfache Bürger meint wohl eher die kulturelle oder zwischennmenschliche „bereicherung“.

    Die Materielle, rein auf den nutzwert bezogen kommt wohl eher von der Wirtschaft.

    Aaron (Arbeiter)

  4. Marie sagt:

    Nun ja – es überrascht mich nicht, dass die Saat der Muslimhetze auf sehr breiter Basis aufgegangen ist und in Deutschland dürfte das Ergebnis bei einer derartigen Umfrage nicht wesentlich anders sein.

  5. Lionel sagt:

    Wie schaffen eigentlich die linken Parteien in den Niederlanden den Spagat zwischen dem, was die Parteiführungen verkünden und dem, was die Basis ihrer Anhängerschaft meint?

  6. Josef Özcan sagt:

    Nun, Arbeiter Aaron … zwischenmenschliche Bereicherung lässt sich erfahren, wenn wir auf den fremden Anderen zugehen … uns offenen Herzens für ihn und seine Situation / Belange interessieren … ich kenne Menschen, die dies tun und sie werden es nicht glauben, diese Menschen fühlen sich zutiefst bereichert … im Besten und humansten Sinne dieses Wortes … Aaron (Arbeiter) … sie erhalten oft sogar mehr zurück als sie geben Aaron Arbeiter …

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Amnesty International

  7. […] Auch in einer sehr ereignisreichen Woche darf natürlich meine neue MiGAZIN-Kolumne an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Ich wünsche euch wie immer viel “Spaß” beim Lesen. […]

  8. Lionel sagt:

    Im Rahmen dieser Studie wäre es sinnvoll gewesen, einmal nach den Gründen für das negative Islam-Image zu fragen, also etwa die Rolle der Medien, persönliche Erfahrungen, etc.

  9. Bei den drei von André Krause genannten Beispielen finden wir die Anteile für Zustimmung und Ablehnung (somit auch die für „weiß nicht“ als Rest), leider muß man aber in der Studie (http://www.pvv.nl/images/stories/Reactie_op_Islam_in_Nederland.pdf) nachsehen, um diese Angaben für die These, der Islam stelle eine Bereicherung dar, zu erfahren:

    sortiert nach Ablehnung, jeweils ja, nein, weiß nicht
    PVV: 0%, 99%, 1%
    50plus: 0%, 94%, 6%
    VVD: 4%, 93%, 3%
    CDA: 10%, 77%, 12%
    SP: 19%, 68%, 13%,
    PvdA: 20%, 68%, 12%,
    D66:26%, 65%, 9%

    Nicht ganz zufrieden bin ich mit der Charakterisierung der Demokraten 66 als „progressive Partei“. Sie sind linksliberal, aber nicht das macht sie zur profilierten PVV- oder Wilders-Gegnerin, sondern ihre leidenschaftlich proeuropäische Einstellung.

    In Fragen der Meinungsfreiheit gab es durchaus gemeinsame Ansichten, etwa als der Karikaturist Gregorius Nekschot 2008 vorübergehend festgenommen und verhört wurde. Obwohl der scharf islamkritische Zeichner auch vor OppositionspolitikerInnen wie Alexander Pechthold (D66) und Femke Halsema (Groenlinks) nicht halt machte, verlangten alle Oppositionsparteien Meinungsfreiheit.

    Eine D66-Politikerin, Fatma Koşer Kaya, soll 2006 bei den Wahlen durch eine türkische Kampagne, ihr „voorkeurstemmen“ zu geben (Stimmen nicht für den Listenführer, sondern eine andere Person auf der Liste), statt eines höher plazierten Parteifreundes in die Zweite Kammer gewählt worden sein, nachdem die Partei anders als CDA und PvdA nicht von türkischstämmigen BewerberInnen verlangt hatte, den Völkermord an den Armeniern, den sie allerdings nicht in Abrede stellte, zu verurteilen. Das mag die Unterstellung erklären, D66 sei besonders ausländerfreundlich. Wieso eigentlich?

    In dieser Hinsicht scheinen mir aber nicht D66, sondern GroenLinks, die bei der letzten Parlamentswahl sehr schlecht abschnitt und in der Untersuchung Maurice De Honds gar nicht erwähnt wird, vielleicht weil es in der Stichprobe nicht genügend AnhängerInnen gab, und die Partei der Arbeit PvdA, die von Wilders als „Partij van de Alloctonen“ (Partei der Ausländer) verhöhnt wird, die Hauptfeindbilder der PVV zu sein.

  10. Michael sagt:

    Mit tatsächlichen, kulturellen Zusammenstößen oder Disharmonien auf den Straßen der Niederlande hat diese Umfrage natürlich überhaupt nichts zu tun – denn es existieren keine solchen Zusammenstöße.
    Die Umfrage gibt weitab jeder belegbaren Realität nichts anderes wieder als ein unbestimmtes, unangenehmes bis quälendes Bauchgefühl der Bürger, dass irgendwas nicht stimmt. Wie auch in Deutschland, nimmt in den Niederlanden die Qualität von Bildung eher ab als zu; das Bildungsniveau sinkt kontinuierlich, Bildung aber ist beinahe das einzige, taugliche Gegenmittel gegen Rassismus. Sowenig wie der Rechtsradikalismus in Deutschland, der ja über beinahe 100 Prozent seiner Mitglieder den Bogen der Verblödung spannt, sowenig haben im Durchschnitt die Niederländer intellektuelle Munition zur Abwehr von Xenophobie und Rassismus. Dabei waren sie aufgrund ihrer historisch gewachsenen, ausgezeichneten Verbindungen zu allen Kontinenten der Welt in dieser Hinsicht einmal vorbildlich.
    Aber nun regieren in den Niederlanden triviale wie primitive Polit-„Rezepte“ in grotesker Eintracht mit einschlägig arbeitenden Medien, denen rassistisch angehauchte Headlines natürlich auch viel mehr Auflage in die Kasse spülen als positive Beispiele friedlichen Zusammenlebens.
    Wilders bedient sich nicht der Ursache des Problems, sondern profitiert ausschließlich nur von dessen Symptomen, er erzeugt keinen Antisemitismus, er öffnet dem vorhandenen bloß breitere Kanäle und formuliert aus einst eher individual ausgesprochenen Meinungen eine Massenbewegung, die immer mehr ungebildete Rand- und Unterschichten anzieht.


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