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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Bewusstseinswandel!

Einwanderung statt Zuwanderung

„Zuwanderung“ ist ein bürokratischer Kunstbegriff zur Vermeidung des Terminus „Einwanderung“. Deutschland ist aber schon längst ein Einwanderungsland. Also begrabt endlich den Ausweichbegriff!

VONPhilipp v. Brandenstein

 Einwanderung statt Zuwanderung
Philipp Freiherr von Brandenstein (37) diente über zwei Jahre als Chief-of-Staff von Karl-Theodor zu Guttenberg in Berlin. Diesem folgte er Ende 2008 als Leiter der „Strategie und Kommunikation“ in die Landeslei-tung der CSU nach. In dieser Funktion – verantwortlich für die Kampagnenführung der CSU - erstellte er ein vertrauliches Strategiepapier, in welchem er gegen eine „Anti-Türkei-Kampagne“ der CSU bei den Europawahlen 2009 Stellung nahm. Der Autor ist heute Vorsitzender des Landesfachausschusses Integration der FDP NRW, der die Landespartei in Fragen von Migration und Vielfalt berät. Der Autor lebt und arbeitet in Zürich und Düsseldorf.

DATUM13. Mai 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Katrin Göring-Eckardt postet auf Facebook: „Heute in der Presse: Immer mehr Zuwanderer kommen nach Deutschland. Gut so, wir brauchen sie und sollten sie auch willkommen heißen!“ Ohne Zweifel ist das gut gemeint. Doch indem Frau Göring-Eckardt den Begriff „Zuwanderer“ benutzt, heißen Sie die nach Deutschland kommenden Migranten eben leider nicht ohne jeden Vorbehalt willkommen.

Denn „Zuwanderung“ ist ein bürokratischer Kunstbegriff zur Vermeidung des Terminus „Einwanderung“. In den 1990er Jahren, das heißt auch im Kontext einer teils furchtbar geführten Asyldebatte, hieß es nicht nur in der seinerzeit regierenden Union nahezu unisono „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Gleichzeitig mussten aber Normen und Verordnungen erlassen werden, welche die real stattfindende Einwanderung reglementieren sollten. Ein Dilemma.

Ein „Einwanderungsgesetz“ hätte den zuständigen und immer wieder wahlkämpfenden Innenminister (CSU-Innenminister und Herr Kanther galten da als besonders humorlos) in erste Schwierigkeiten gebracht. Also suchte man einen Ausweichbegriff, einen Neologismus. Man fand ihn: „Zuwanderung“. Deswegen haben wir in Deutschland ein „Zuwanderungsgesetz“. Diese Wortkreation ist weltweit einmalig. Deutsche Bürokratien sind also nicht nur effizient, sondern auch erfindungsreich.

Doch Menschen kommen, um blieben. Und so ist Deutschland – allen sprachlichen Vermeidungsmanövern – zum Trotze ein Einwanderungsland geblieben und langsam setzt sich diese eigentlich triviale Einsicht auch politisch durch.

Die FDP hat dieser Erkenntnis inzwischen auch in sprachlicher Hinsicht Rechnung getragen. In ihrem Bundestagswahlprogramm verzichten die Liberalen vollständig auf den Begriff „Zuwanderung“ (die SPD übrigens auch). Stattdessen heißt es im sogenannten Bürgerprogramm 2013 der FDP: „Deutschland ist ein Einwanderungsland. Darüber freuen wir uns“.

Frau Göring-Eckhard hat diese Entwicklung offenbar verschlafen. Das allein erscheint nicht tragisch. Dass aber ausgerechnet eine Partei, die ihrerseits zahllose Sprachregelungen (Gendering) per bürokratischem Erlass durchsetzen möchte, sich nolens volens die Wortschöpfungen konservativer Etatisten zueigen macht, die nicht aussprechen wollten, was nicht sein durfte, ist nicht ohne jede Ironie.

Und es ist durchaus nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet jene Politiker, welche die FDP in gesellschaftspolitischen Fragen als rückwärtsgewandt stigmatisieren, nun selbst hinter den außergewöhnlich progressiven und wachen diskursiven Stand der so geschmähten liberalen Partei zurückfallen. Ein ähnliches Bild bot sich im Zuge der „Beschneidungsdebatte“ als aus den Reihen der Grünen verstörende Signale ausgesandt wurden, während die liberale Justizministerin eine pragmatische und respektvolle Lösung durchsetzte. Auch darauf darf man hinweisen.

Gerade die Grünen werden künftig also deutlich mehr in die Waagschale werfen müssen, als ein paar belanglose Postings, um in gesellschaftspolitischen Fragen wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist eine gute Nachricht für den demokratischen Wettbewerb, für die nun inhaltlich stärker geforderten Grünen und, ja, auch für die Migranten, die in Zukunft ein zunehmend differenziertes Wahlangebot vieler verschiedener Parteien vorgesetzt bekommen werden.

Ist die Frage um die Begriff „Zuwanderung“ und „Einwanderung“ nun semantische Haarspalterei oder Ausdruck eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels? Auch hierüber darf man streiten. Aber zu einer notwendigen Willkommenskultur für die moderne Einwanderungsgesellschaft gehört es meiner Meinung auch, bewusst auf Vermeidungsbegriffe wie „Zuwanderung“ zu verzichten.

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9 Kommentare
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  1. Alles Blödsinn sagt:

    Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, dass nicht Migranten, sondern „echte“ Deutsche Ihre Zeitung lesen?

  2. Realist sagt:

    Ah ja, als ob man mit Wörtern gravierende Probleme beseitigen könnte.

  3. Nayla sagt:

    Man muss sich letztlich endlich mal die Frage stellen, ob die Mehrheitsgesellschaft überhaupt in der Lage ist, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein. Das halte ich für sehr fraglich.

  4. Lionel sagt:

    Eine Gesellschaft die überwiegend oder wenigstens etwa zur Hälfte aus Einwanderern besteht, darf sich sicher Einwanderungsgesellschaft nennen.
    Die „Mehrheitsgesellschaft“, die hier zu mehr als 90% eben nicht aus Migranten zusammengesetzt ist, kann deshalb schon rein logisch keine Einwanderungsgesellschaft sein, bestenfalls eine Gesellschaft in die eingewandert wird.
    Jetzt wird den Deutschen schon etwas Unmögliches abverlangt: Etwas sein zu sollen, was sie nicht sein kann.

  5. Kigili sagt:

    @Nayla: Sehe ich genauso. Ich würde sogar noch weiter gehen. Integration scheitert am jahrzehntelangen Unwillen des rassistischen deutschen Staates und der ignoranten deutschen Mehrheitsgesellschaft, Integration zuzulassen.

  6. Rollstuhlfahrer-Gemeinde sagt:

    Es ist unschwer zu erkennen das nicht der deutsche Staat das Problem ist, sondern deren Bürger und die Gesellschaft ein seit 1933 Zecken ähnliches dasein fristet

  7. Lionel sagt:

    „Deutschland ist ein Einwanderungsland. Darüber freuen wir uns.“

    Banal gefragt, wer hat Deutschland eigentlich zu einem Einwanderungsland gemacht?
    Gab es darüber eine Entscheidung, im Bundestag etwa?
    Wenn ja, war diese Entscheidung Ausdruck eines intensiven demokratischen Willensbildungsprozesses des Souveräns, des Staatsvolkes also?
    Immerhin ist Frage, ob Einwanderungsland oder nicht, ihrer Bedeutung und Auswirkung nach nur mit der Wiedervereinigung zu vergleichen.

  8. posteo sagt:

    Betrachtet man die beiden Artikelüberschriften unter dem Bericht, „Gesundheitsminister fordert erleichterte ZUwanderung… und Zahl der ZUwanderer…gestiegen, fällt auf das Migazin selbst auf die begriffliche unterscheidung zwischen einwanderern und Zuwanderern nicht verzichten will.

    Warum? Ich würde, sagen, weil es sie gibt.
    Nicht jeder Zuwanderer kommt als Einwanderer hierher. Zuwanderung umfasst auch jene Einreisen, die über das Touristenvisum hinausgehen, aber dennoch zeitlich befristet sind. Dazu zählen z.B. auch Au pairs, Studenten, Austauschschüler und andere Einreisende, die einen befristeten Aufenthalt planen. Einwanderung oder als Entsprechung Auswanderung meint einen dauerhaften Wechsel seines aufenthaltslands. Daher ist die sprachliche Unterscheidung zwischen Einwanderern und Zuwanderern sinnvoll und notwendig.

  9. […] sagen wir also künftig nur noch Einwanderung. – Das schlägt Philipp von Brandenstein im MiGAZIN vor. – Ich folge ihm dabei gerne und würde am liebsten alle Stellen, bei denen ich selber […]



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