Bewusstseinswandel!

Einwanderung statt Zuwanderung

„Zuwanderung“ ist ein bürokratischer Kunstbegriff zur Vermeidung des Terminus „Einwanderung“. Deutschland ist aber schon längst ein Einwanderungsland. Also begrabt endlich den Ausweichbegriff!

Katrin Göring-Eckardt postet auf Facebook: „Heute in der Presse: Immer mehr Zuwanderer kommen nach Deutschland. Gut so, wir brauchen sie und sollten sie auch willkommen heißen!“ Ohne Zweifel ist das gut gemeint. Doch indem Frau Göring-Eckardt den Begriff „Zuwanderer“ benutzt, heißen Sie die nach Deutschland kommenden Migranten eben leider nicht ohne jeden Vorbehalt willkommen.

Denn „Zuwanderung“ ist ein bürokratischer Kunstbegriff zur Vermeidung des Terminus „Einwanderung“. In den 1990er Jahren, das heißt auch im Kontext einer teils furchtbar geführten Asyldebatte, hieß es nicht nur in der seinerzeit regierenden Union nahezu unisono „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Gleichzeitig mussten aber Normen und Verordnungen erlassen werden, welche die real stattfindende Einwanderung reglementieren sollten. Ein Dilemma.

___STEADY_PAYWALL___

Ein „Einwanderungsgesetz“ hätte den zuständigen und immer wieder wahlkämpfenden Innenminister (CSU-Innenminister und Herr Kanther galten da als besonders humorlos) in erste Schwierigkeiten gebracht. Also suchte man einen Ausweichbegriff, einen Neologismus. Man fand ihn: „Zuwanderung“. Deswegen haben wir in Deutschland ein „Zuwanderungsgesetz“. Diese Wortkreation ist weltweit einmalig. Deutsche Bürokratien sind also nicht nur effizient, sondern auch erfindungsreich.

Doch Menschen kommen, um blieben. Und so ist Deutschland – allen sprachlichen Vermeidungsmanövern – zum Trotze ein Einwanderungsland geblieben und langsam setzt sich diese eigentlich triviale Einsicht auch politisch durch.

Die FDP hat dieser Erkenntnis inzwischen auch in sprachlicher Hinsicht Rechnung getragen. In ihrem Bundestagswahlprogramm verzichten die Liberalen vollständig auf den Begriff „Zuwanderung“ (die SPD übrigens auch). Stattdessen heißt es im sogenannten Bürgerprogramm 2013 der FDP: „Deutschland ist ein Einwanderungsland. Darüber freuen wir uns“.

Frau Göring-Eckhard hat diese Entwicklung offenbar verschlafen. Das allein erscheint nicht tragisch. Dass aber ausgerechnet eine Partei, die ihrerseits zahllose Sprachregelungen (Gendering) per bürokratischem Erlass durchsetzen möchte, sich nolens volens die Wortschöpfungen konservativer Etatisten zueigen macht, die nicht aussprechen wollten, was nicht sein durfte, ist nicht ohne jede Ironie.

Und es ist durchaus nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet jene Politiker, welche die FDP in gesellschaftspolitischen Fragen als rückwärtsgewandt stigmatisieren, nun selbst hinter den außergewöhnlich progressiven und wachen diskursiven Stand der so geschmähten liberalen Partei zurückfallen. Ein ähnliches Bild bot sich im Zuge der „Beschneidungsdebatte“ als aus den Reihen der Grünen verstörende Signale ausgesandt wurden, während die liberale Justizministerin eine pragmatische und respektvolle Lösung durchsetzte. Auch darauf darf man hinweisen.

Gerade die Grünen werden künftig also deutlich mehr in die Waagschale werfen müssen, als ein paar belanglose Postings, um in gesellschaftspolitischen Fragen wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist eine gute Nachricht für den demokratischen Wettbewerb, für die nun inhaltlich stärker geforderten Grünen und, ja, auch für die Migranten, die in Zukunft ein zunehmend differenziertes Wahlangebot vieler verschiedener Parteien vorgesetzt bekommen werden.

Ist die Frage um die Begriff „Zuwanderung“ und „Einwanderung“ nun semantische Haarspalterei oder Ausdruck eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels? Auch hierüber darf man streiten. Aber zu einer notwendigen Willkommenskultur für die moderne Einwanderungsgesellschaft gehört es meiner Meinung auch, bewusst auf Vermeidungsbegriffe wie „Zuwanderung“ zu verzichten.