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Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Binationale Paare

Dänische Hochzeit

Die Liebe kennt keine Grenzen, sagt ein Sprichwort. Geht es aber um die Eheschließung, so werden besonders die Grenzen Europas zu einer bürokratischen Hürde. Deshalb treibt es viele Paare zum Heiraten nach Dänemark.

San Ignacio, zweitgrößte Stadt Belizes am 21. September. Die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag sind in vollem Gange. Eine Parade zieht durch die Stadt und Schaulustige drängen sich auf der von Restaurants und Bars gesäumten Straße. Unter ihnen die Berlinerin Rosa und ihr Bruder. Während die Geschwister noch überlegen, wo sie diesen Abend essen sollen, entdeckt Rosa Zane.

Er war ihr schon am Vorabend aufgefallen. Trotz der Menschenmenge finden sich ihre Blicke, scheu, von weitem. Rosa möchte ihn kennenlernen, andererseits kann sie ihren Bruder, den sowieso alle für ihren Mann halten, ja schlecht stehen lassen. Als der nach dem Essen zum Aufbruch drängt, kommt der Kellner und läd sie ein, eine nahe Bucht zu besuchen. „Geh du nur“, sagt sie und bleibt am Tisch zurück, hoffnungsvoll. Eine Sekunde später tritt Zane schüchtern an sie heran: „Ich wollte dir nur sagen, dass du sehr hübsch bist.“ Aus Rosa platzt es: „Du hast wohl nur darauf gewartet, dass mein Bruder weg ist!“ Rosa ist keine scheue Person, sie wirkt wie eine, die weiß was sie will und das auch bekommt. Zane antwortet erleichtert: „Das ist dein Bruder!?“

Sieben Monate später in Berlin. Rosa lacht, als sie von Zanes Annäherungen erzählt, rührt in ihrem Kaffee, blickt zu ihm. Der erste Moment der Verliebtheit ist noch nicht abgeklungen. Die beiden, inzwischen verheiratet, sitzen in ihrem Café und lassen die Erinnerungen aufleben.

Noch in Belize treffen sie alle Vorbereitungen, damit Zane Rosa besuchen kann. Denn dass sie zusammenbleiben wollen, das steht fest, zur Not werden sie eben heiraten.

2011 wurde jede achte Ehe in Deutschland zwischen binationalen Paaren geschlossen. Kommt einer der Partner aus dem nicht-europäischen Ausland, wird die Heirat zu einem bürokratischen Hürdenlauf. Oft dauert es Monate, bis die Papiere auch im Heimatland auf deutsche Normen geprüft sind. Nicht zuletzt gilt es, den Verdacht einer Scheinehe abzuwehren.

Zurück in Deutschland ist Rosas Zeit geteilt zwischen langen Skype Telefonaten und den Vorbereitungen zur Eröffnung ihres Cafés, auf die sie schon so lange hinarbeitet. Zane setzt sich derweil in den Nachtbus und tritt am nächsten Morgen in der deutschen Botschaft in Guatemala an. In Belize selbst gibt es keine deutsche Vertretung. Der zuständige Beamte schlägt vor, es mit einem Touristenvisum zu versuchen, begrenzt auf drei Monate. Hauptsache ich sehe meine Rosa wieder, denkt Zane und der Beamte fragt verschmitzt: „Sicher, dass du zurück kommst?“ Zane bejaht und der Beamte lacht: „Bis dahin musst du noch ein Tier erlegen, in Berlin ist es kalt, da brauchst du ein Fell!“ Am Samstag darauf sitzt Zane im Flieger, wenige Stunden später bereits an Rosas elterlichem Wohnzimmertisch und noch ein paar Wochen darauf steht er vor seiner Zukünftigen, trägt ein Gedicht über seine Liebe zu ihr vor und sie sagt: „Ja!“

Von einer Freundin weiß Rosa von der Möglichkeit, in Dänemark zu heiraten. Dort geht es weniger bürokratisch und deutlich schneller zu, als in den deutschen Ämtern. Zudem ist es in Dänemark möglich, mit einem Touristenvisum zu heiraten, in Deutschland geht das nicht.

Das Paar setzt sich vor den Computer und recherchiert zunächst die Gemeinden, die in Frage kommen. In Dänemark variieren die Auflagen der Gemeinden, zum Beispiel, wie lange man vor der Hochzeit eingereist sein muss und wie lange die Bearbeitung der Papiere dauert. Schnell hat sich eine Webseite mit einer Übersicht über die verschiedenen Konditionen gefunden. Die haben sich richtig auf den ausländischen Hochzeitsmarkt eingestellt, denkt Rosa und hat ein wenig Angst, dass sie ihre Hochzeit vom Fließband feiern muss. Dann stoßen sie auf die Seite der Gemeinde Tonder: „Congratulations on your decision to getting married!“ Sie haben sich entschieden zu heiraten, herzlichen Glückwunsch! Da geht Rosa nach ihrem Bauchgefühl, wenigstens wird hier erst mal gratuliert, bevor der bürokratische Teil kommt.

Das grenznahe Tonder ist Dänemarks älteste Stadt und gilt bereits seit den 1960er Jahren als Heiratsparadies. An die 2000 Paare werden hier jährlich getraut, nur ein kleiner Teil davon sind Paare aus der Region.

Dann ist es soweit. Sogar der Himmel hat sich für ihren Hochzeitstag herausgeputzt, es ist der erste sonnige Tag seit Wochen. Das Ja-Wort geben sie sich im Standesamt, sie im weißen Kleid, er im schwarzen Anzug, ganz klassisch. „Es war genauso wie wir es in Deutschland gemacht hätten, nur mit weniger Gästen und eben nicht in der Kirche.“

Zurück in Berlin müssen sie mit ihrem Heiratszertifikat zum Bürgeramt und schließlich zum Standesamt, um Rosas Namen zu ändern. „Ach, sie sind aus Belize, da war ich mal im Urlaub“, sagt die Beamtin mit feuchten Augen und Zane lächelt. Jetzt sind sie Herr und Frau Mossiah. Noch wissen sie nicht, ob Zane eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, Eheleute hin oder her. Zur Not würde Rosa auch nach Belize ziehen, ihr Café aufgeben, aber daran wollen sie jetzt noch nicht denken.

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3 Kommentare
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  1. Sinan A. sagt:

    Eine binationale Eheschließung ist in Deutschland immer ein Problem. Das gilt nicht nur für tropische Fälle – für die ist es nahezu unlösbar – sondern auch für ganz übliche Fälle. (Stichwort: Gastarbeiter-Nationen) Und wenn dann zwei Menschen da sitzen, die hier geboren bzw. aufgewachsen sind, mit tadellosen Papieren, sollte es eigentlich keine größeren Probleme geben.

    Gibt es aber doch. Wir haben es selbst erlebt. Die Behörden handeln nämlich nicht nur bürokratisch, sondern schikanös. An den Gesetzen liegt es nicht. Die Gesetze sind klar und verständlich. An den Standesbeamten liegt es auch nicht. Die tun nur ihre Arbeit. Aber auf dem langen Weg von Gesetz zur Praxis wird jede Direktive von unbekannten Quälgeistern so verschärft, dass am Ende zwar nicht mehr jede Regel plausibel ist – im Klartext: keinen Sinn ergibt – aber dennoch befolgt werden muss.

    Wir haben uns das angetan. Wir wollten hier heiraten, nicht woanders. gemeinsam mit Freunden & Bekannten und beiden Familien. Und als kleines Zeichen fand die Trauung im Kölner Gürzenich statt, der guten Stube der Stadt. Ganz nach dem Motte: Do simmer un he blieve mer.

  2. Robert K. sagt:

    @Sinan

    Schwierig ist das, richtig. Aber wenn sie hier „simm“ und hier „blieve“ wollen, warum nimmt man dann nicht die Staatsangehörigkeit dieses Landes an? Sicherlich hätte ich auch Schwierigkeiten, mit meinem deutschen Pass eine deutsche Frau in Konya zu heiraten. Gut, da wird es keine Kirche/Standesamt geben, aber sagen wir mal Istanbul. Geht das? Wenn nein, warum nicht? Und was halten Sie davon?



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