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Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Buchtipp zum Wochenende

Neger, Neger, Schornsteinfeger: Meine Kindheit in Deutschland

Der Journalist und Schriftsteller Hans-Jürgen Massaquoi stirbt im Alter von 87 Jahren und hinterlässt (s)eine bemerkenswerte Geschichte von der Dichotomie des Lebens und Überlebens als „Neger“ unter den Nazis.

VONMarcello Buzzanca

 Neger, Neger, Schornsteinfeger: Meine Kindheit in Deutschland
Geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. Sein erstes Buch: „Periodischer Patriotismus: Deut(sch)liche Erfahrungen eines provisorischen Italieners“ erscheint voraussichtlich im März 2013 im Verlag Sibylla Wegener“

DATUM25. Januar 2013

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„Ich habe keine großen Träume, dass mein Buch die Menschen ändert, aber wenn der eine oder andere nachdenklich würde, das wäre doch schon was!“ Dieses Zitat des Journalisten und Schriftstellers Hans-Jürgen Massaquoi zeigt, wie bescheiden und realistisch seine Einschätzung hinsichtlich der Wirkung seines berühmtesten Buches, seiner Autobiographie „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ war.

Am 19.01.2013 starb Massaquoi, an seinem 87. Geburtstag. Er wurde 1926 in Hamburg geboren, wuchs im Nazi-Deutschland als einer der damals wenigen Afro-Deutschen auf und emigrierte nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Liberia und später in die USA, studierte dort und arbeitete als Chefredakteur des Magazins Ebony, einem der wichtigsten Formate afro-amerikanischer Kultur. Hier wurde er Teil der Bürgerrechtsbewegung, führte Interviews mit Martin Luther King, Malcolm X oder auch Muhammad Ali und war ein prägender Teil der afro-amerikanischen Medien-Kultur in den USA.

Dichotomie des Überlebens
Als Sohn eines liberianischen Vaters und einer deutschen Mutter wächst Hans-Jürgen Massaquoi in Nazi-Deutschland auf. Sein Vater ist seinerseits Sohn des ersten afrikanischen Diplomaten in Deutschland. Er wird irgendwann zusammen mit der Botschaft zurück nach Liberia berufen. Massaquoi bleibt mit seiner Mutter in Hamburg zurück und die einst großbürgerlichen Residenz wird durch ein Arbeiterviertel eingetauscht. Was sich jedoch nicht wechseln lässt, ist Massaquois Hautfarbe. Der Widerspruch, einerseits inmitten der Nazis zu leben und diesen als Kind auch angehören zu wollen und andererseits aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt zu werden und latent von Verfolgung bedroht zu sein, wird Massaquoi erst später bewusst.

Aus dieser Erkenntnis und auch aus der Ermutigung eines anderen bekannten Autors, Alex Haley (Roots), heraus, entsteht 1999 im US-amerikanischen Exil Destined to Witness, was später auf Deutsch übersetzt und als „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ berühmt und (leider auch mit Veronica Ferres) verfilmt wurde. Tatsächlich ist seine Geschichte nicht nur spannend, weil sie von einem Jungen erzählt, der als einer der wenigen Schwarzen in Deutschland lebt, sondern, dass er überlebt hat. Schließlich wollte der junge Massaquoi dazugehören – zu seinen Klassenkameraden und damit zur Hitlerjugend und schließlich auch zu den Soldaten, um für sein Land zu kämpfen. Glücklicherweise wurde er nicht eingezogen.

Neger raus aus der Literatur
Hans-Jürgen Massaquoi wanderte Ende des Zweiten Weltkrieges aus, während andere „Neger“ blieben – unter anderem in Büchern, besser gesagt in Kinderbuchklassikern wie beispielsweise in Ottfried Preußlers Kleine Hexe oder auch Pippi Langstrumpfs Vater („Negerkönig“) und Jim Knopf. Doch diese wurden und werden immer noch verbannt, umbenannt und politisch korrigiert. Das gilt übrigens auch für andere Länder, beispielsweise Schweden. Hier entschloss sich die Autorin und Zeichnerin Stina Wirsén, ihre sechs Bücher, in denen Lilla Hjärtat vorkommt, nicht mehr zu verkaufen – um sich dem Vorwurf rassistischer Stereotype nicht mehr stellen zu müssen. Gott sei Dank, werden einige sagen. Doch, wie war das noch mal? Der, die, das Gott?

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