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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Brückenbauer

Der Gott des Grundgesetzes ist nicht euer Gott!

Mehdi Chahrour zu den Worten von Volker Kauder: „Der Gott, der die Mütter und Väter des Grundgesetzes leitete, war der Gott der Christen und der Juden. Moslems waren an der Erarbeitung des Grundgesetzes nicht beteiligt.“

VONMehdi Chahrour

 Der Gott des Grundgesetzes ist nicht euer Gott!
Der Autor (23) studiert Rechtswissenschaften an der FU-Berlin. Sein Schwerpunkt ist internationales Recht. Er ist Mitgründer des Vereins "Muslime aller Herkünfte deutscher Identität (M.A.H.D.I.-e.V.)", Mitglied der Jungen Islam Konferenz und in vielen Projekten ehrenamtlich engagiert, wie zum Beispiel im Arbeitskreis Zukunft des Sozialen des Bildungswerks der Heinrich-Böll-Stiftung. Er schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multiethnisches und multikonfessionelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundesebene für Integration engagieren. Hervorgegangen ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspektivischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM13. Dezember 2012

KOMMENTARE37

RESSORTAktuell, Meinung

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Klar, der Wahlkampf hat begonnen und die Zeit des Vertuschens, des Retuschierens, des Manipulierens und des (leeren) Versprechens folglich auch. Aber muß es gleich in dieser Widersprüchlichkeit und Abartigkeit passieren?

Unionsfraktionschef Volker Kauder sagt in klaren Worten: „Der Gott, der die Mütter und Väter des Grundgesetzes leitete, war der Gott der Christen und der Juden. Moslems waren an der Erarbeitung des Grundgesetzes nicht beteiligt.“

Was-zu-wem-gehört- und wem-was-gehört-Debatten sind in Mode gekommen. So wurde in letzter Zeit heftig darüber gestritten, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nur die Muslime. Während andere Länder den Mars besiedeln wollen, diskutieren wir in Deutschland noch darüber, ob die Erde rund ist oder einer Scheibe gleicht. So schafft sich Deutschland ab, hätte ich fast gesagt.

Diskussionen über die Zugehörigkeit der Geschöpfe gehen dem Unionspolitiker wohl nicht weit genug, jetzt ist der Schöpfer selbst an der Reihe. Der in der Präambel des Grundgesetzes der BRD erwähnte Gott, sei der Gott der Christen und Juden, allen anderen, die das Grundgesetz nicht mit verfassten, hätten folglich keinen Anspruch auf ihn. Viele Verfehlungen und Widersprüche in wenigen Worten, zumindest in dieser Kategorie ist der Unions-Fraktionsvorsitzende allen weit voraus.

Historische Umstände des Grundgesetzes
Der erste seiner Widersprüche deckt gleichzeitig die niederen Beweggründe seiner Aussagen auf. Ihm ist das Grundgesetz fremd, zumindest in seinen Inhalten und den zeitlichen Umständen seiner Entstehung.

Herr Kauder, das Grundgesetz füllte ein Vakuum, in dem der Mensch seiner Würde entledigt worden war, gerade dann, wenn dieser Mensch nicht in das staatlich vorgegebene Muster passte. Die Schrecken der Zeit vor dem Grundgesetz dürften Ihnen, als dem „selbsternannten Kommentatoren“ des Hauptregelwerks unseres Zusammenlebens, wohl bekannt sein. Die passende Antwort auf die Finsternis der Nazi-Diktatur mit der ihr immanenten Ablehnung des Anderen war das Licht der Akzeptanz, der Gleichheit und des Schutzes von Minderheiten im Grundgesetz.

Zu sagen, dass der Gott des Grundgesetzes der Gott bestimmter Gruppen sei, ist ein Widerspruch zum Grundgesetz, welches in seinem Artikel 3, nicht zwischen Gruppen und Menschen unterscheidet. Es ist das Grundgesetz aller in Deutschland lebenden, und folglich ist der Gott des Grundgesetzes der Gott aller. Alles andere impliziert die Exklusion einiger Gruppen aus dem Schutzbereich der Normen des GG und erinnert an vergangene Zeiten, die niemand in Deutschland vergessen sollte.

Die Historie erlaubt nicht nur den Rückblick, sondern auch das Lernen aus den Fehlern und den Hass der Vorgänger. Es ist folglich, und ich möchte in klaren Worten formulieren, eine Pflicht, und keinesfalls eine Wohltat, alle Minderheiten zu schützen und sie nicht für niedere politische Ziele zu missbrauchen. Ich lehne es nicht nur ab, solche Gedanken zu wählen, sondern lehne diese Form des Wahlkampfes ab.

Hier enden meine Worte als Befürworter des Grundgesetzes und ich führe fort als Monotheist, ohne dass das eine das andere ausschließt.

Ist Gott nicht der Schöpfer aller Menschen?
Welchen Gott meinen Sie Herr Kauder? Und welcher Gott gab Ihnen die Kompetenz seiner Stellvertretung auf Erden? Welcher Gott gab Ihnen das Recht, zwischen seinen Geschöpfen zu unterscheiden? Welcher Gott gab Ihnen das Recht, andere Geschöpfe aus seinem Schutzbereich zu werfen? Welcher Gott gab Ihnen das Recht, seine Barmherzigkeit nur bestimmten Menschen zu gewähren, obwohl diese wie die Sonne ist, allen ihre Wärme schenkt?

Es ist nicht der Gott der Christenheit, dessen Barmherzigkeit Sie verunglimpfen. Der Gott, zu dem Jesus der Sohne der Maria aufrief, ist nicht der Gott, den Sie meinen. Gegrüßt seist du, oh Sohne Marias! Verzeih ihm, denn gewiss, deine Barmherzigkeit erstreckt sich auf alle … auch auf solch schamlose Politiker.

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37 Kommentare
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  1. Atem sagt:

    Super Kommentar, Herr Chahrour!
    Welch traurige Wahrheit eines „christlichen Menschen“ zu dieser doch so besinnlicher Weihnachtszeit, Herr Kauder! Ihre Antwort zu den oben gestellten Fragen zu Gott, würden mich brennend interessieren!

  2. Soli sagt:

    Das Grundgesetzt kam von Menscnen – für die Menschen. DAs sollte mit mit keiner Religion etwas zu tun haben, sondern sich auf menschliche WErtee beziehen.
    Allerdings – wenn man sich naschaut wie die Verfassungen/Gesetze in den mehrheitlich islamischen Öändern aussehen (oder gerae versucht wird in Ägypten umzusetzen) ist schon ein deutlicher Unterscheid zu unserem sichtbar….

  3. Wolfram Obermanns sagt:

    Die Einlassungen Kauders sind in einer Weise sowohl in juristisch/ideengeschichtlich wie auch theologischer Weise unsinnig, daß sich eine Gegenrede erübrigt.
    Dieser dumme Spruch wendet sich an ein Publikum, daß ich weniger als konservativ, sondern eher als denkfaul einstufen würde.

    Trotzdem kann man daraus eine Aufforderung an Muslime ableiten, sich mit dem nicht nur die Presse beherrschenden Petroleumislam (unbetreitbar energiereich, Geld ohne Ende, die Umwelt verpestend) wahhabitischer Prägung, der nicht mit dem GG in Einklang zu bringen ist, kritischer und entschiedener auseinander zu setzen.

  4. Bonhomius sagt:

    Heißt es nicht im GG: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ und „Es besteht keine Staatskirche.“? Das hat Herr Kauder wohl nicht ganz verstanden, vielleicht würde es ihm helfen, das Grundgesetz noch einmal selbst zu lesen?

  5. Kati Alt sagt:

    Ein gefährlicher Ausspruch! Im 3. Reich war der Gott der Christen auch ein anderer als der, der Juden. Und damit hat man deren Verfolgung leichter gemacht. Jetzt soll es für die Muslime einen anderen Gott geben, als für Christen und Juden? Was kommt als nächstes? Mir macht das Angst, könnte man doch leicht auf die Idee kommen, dass die Muslime nicht unter dem Schutz des Grundgesetzes stehen.

  6. MiTho sagt:

    Hmmm …. hat sich Kauder selber reden gehört? Falls ja, müsste ihm aufgefallen sein, dass man nur wenigsteVokabeln aus seinem Interview umstellen müsste um ihn beinah schlimmer als den übelsten, islamischen Hetzer klingen zu lassen.
    Und das mit der „christlich-jüdischen“ Tradition bzw. Kultur sollte er noch einmal überdenken: denn die war geprägt von insgesamt vielen millionen von umgebrachten Juden, die den Weg Deutschlands quer durch die Geschichte pflastern. Wann immer es genehm schien, nahm man Juden her, verbrannte ihre Häuser, zerstörte ihre Synagogen, raubte ihr Eigentum, konfrontierte sie mit wahrlich haasträubendsten, erlogenen Vorwürfen, nannte sie „Ungeziefer“, folterte und tötete sie auf vielfältigste und grausamste Art oder jagte sie einfach nur davon, wenn man es „gut“ mit ihnen meinte. DAS, Herr Kauder, ist ihre „christlich-jüdische“ Tradition!

  7. Murat sagt:

    @ Chahrour
    Was Kauder gesagt hat ist nicht falsch. Das GG ist von Juden und Christen gemacht worden und nicht von Muslimen. Ob irgendein Gott diesen Menschen das GG zugeflüstert hat ist nochmal eine ganz andere Frage.

    Ich glaube, dass es Herrn Kauder nur darum ging zu betonen, dass das GG eher christlich jüdische Werte vertritt als islamische und das ist ja auch ganz klar zu erkennen. Schlussendlich haben wir unser GG aufgeklärten Christen und Juden zu verdanken. Islamische Einflüsse oder Werte kann ich in unserem GG nicht erkennen.

    Auch wenn man es als Gläubiger nicht wahrhaben will, aber man sollte davon aus gehen, dass weder ein islamischer Gott noch ein christlicher Gott das GG geschrieben hat. Es waren Menschen!

  8. mrv sagt:

    Danke liebe/r Soli für diese überaus überflüssige Feststellung. Dass UNSER Grundgesetz von Menschen für Menschen ist hinterfragt niemand. Es geht darum, dass der werte Herr von der CDU eine -religiöse- Gruppe ausschließt, ausgrenzt. Du aber billigst eine solche Haltung, indem du mit den vermeintlichen Zustand in -„islamischen“- Ländern anführst… Sicher äußerst relevant für uns deutsche Muslime 😉 Bravo!
    Salam Alaikum.

  9. mrv sagt:

    Ah ja lasset die nationalen Mythen auspacken – es ist Wahlkampfzeit!

    Toller Beitrag von M. Chachrour.

  10. Musti sagt:

    Also, wenn Herr Kauder mal dazu kommt keinen Kauderwelsch zu verbreiten,
    sondern mal seine Mitmenschen anhört statt sie zu verhören, dann soll er
    folgendes wissen: Wir schweigen nicht  Herr Kauder, wir sind da und unsere
    Sprache ist die Sprache aller Religionen, d.h. Miteinander. Sie können es
    in ihrem Wörterbuch nicht finden, genauso wenig, wie ihre Freunde, die
    Geldgeber der Salafisten, die sie ja für  in Ordnung halten.

    Noch eine Sache an dieser Stelle:  Wir schließen keine Minderheiten aus und
    das nicht seit der NS-Zeit.

    Der Autor bringt es auf den Punkt und spricht mir aus der Seele: Sie, Herr
    Kauder, sind schamlos. Ich wünsche ihnen einen guten Rutsch.


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