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Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Österreichische Befindlichkeiten

100 Jahre Islamgesetz in Österreich

Der Erlass des Islamgesetzes durch Kaiser Franz Josef im Jahre 1912 war Grundlage für die Gleichstellung der islamischen mit anderen anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich. Dass die Umarmung der Muslime durch die Monarchie nicht dem Toleranzgedanken entsprungen war, zeigt der Rückgriff in die Geschichte.

VONHelga Suleiman

Die Autorin schreibt aus dem Nachbarland für das MiGAZIN. Sie publizierte über Integrationspolitiken, u.a. Musliminnen in der Arbeitswelt. Über den Aufbau einer Migrantinnen-Selbstorganisation war sie in der Jugendarbeit, in der antirassistischen Beratung und internationalen Lernwerkstätten tätig. Sie arbeitet als Bildungsberaterin und ist in der Friedensbewegung aktiv. Geschichtestudium.

DATUM28. November 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Nunmehr mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung in einem strategisch höchst wichtigen Gebiet konfrontiert, beschloss die Monarchie dem Artikel 25 des Berliner Kongresses Folge zu leisten und der Gemeinschaft der muslimischen Bosniaken Schutz zu bieten und Fortschritt zu ermöglichen. Damit hat sich, wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte, ein dominierend katholisches Reich dazu verpflichtet, eine muslimische Gemeinschaft zu schützen.

Angemerkt sei, dass dies 415 Jahre nach dem Erlass von Sultan Mehmed Al-Fatih geschah. Der hatte dem Franziskanerorden in Bosnien Recht auf persönliche Freiheit, Religionsfreiheit, Eigentum, Recht auf Versammlung und auf Reisen durch das gesamte osmanische Reich zugesichert. Die besagte Urkunde befindet sich im Franziskanerkloster Duha Svetoga in Fojnica/Bosnien.

1882 wurden Strukturen für die islamische Gemeinschaft in Bosnien initiiert, Scharia-Gerichte für den privaten Bereich anerkannt und eine Scharia-Schule gebaut. Die Islamische Hochschule in Sarajevo war eine der wenigen Bildungseinrichtungen, die 474 Jahre lang ununterbrochen betrieben wurde. Nach dreißig Jahren k.k-Verwaltung wollte die Monarchie 1908 Bosnien gegen den Willen der Mächte Türkei, Serbien und Russland endgültig annektieren.

Der Widerstand unter der bosnischen Bevölkerung war heftig. Erst nach schweren Kämpfen – Sarajevo leistete drei Monate lang Widerstand – konnte die k.k.-Armee das Land unterwerfen.

General Conrad von Hötzendorf – auch ein Namensträger vieler Kilometer Asphalt in Österreich – war ein glühender Verfechter der Annexionspläne. Ihn trieb eine politische Idee an: Alle West- und Südslawen sollten der österreichischen Herrschaft unterworfen werden, zum Zweck der Erhaltung und Verbreitung westeuropäischer Kultur.

Propagierte Überlegenheit einer Kultur über eine andere ist das geistige Unterfutter jeder kolonialen Eroberung. Deutschtümlerische k.k.-Ideologen betrachteten die „slawische Kultur“ als minderwertig; – ein Denken, das seine verheerenden Schatten vorauswirft.

Die Annexion selbst schadete den Interessen der Monarchie, da sich dadurch die schwelenden Unabhängigkeitsbestrebungen in den unterworfenen Ländern weiter entzündeten und den Zerfall des österreichisch-ungarischen Imperiums vorantrieben.

Als schließlich 1912 das diesjährig gefeierte Islamgesetz verabschiedet wurde, stand die Monarchie – bezeichnenderweise – nur zwei Jahre vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. In ihrer Logik war sie bestrebt an sich zu binden, was sich noch binden ließ. Der Erlass des Islamgesetzes, der geplante Moscheebau in Österreich und der Einsatz bosnischer Leibgarden an der Seite des Kaisers, war nützliche Taktik, um bosnische Soldaten für den Einsatz an den vordersten Kriegsfronten der Monarchie anzuwerben. Für ihren „tapferen Einsatz“ als Elitetruppen werden sie heute noch gefeiert. Tatsächlich sind sie, wie rund 17 Millionen Menschen und mehr, in einer der grausamsten Kriegsmaschinerien des 20. Jahrhunderts auf den Schlachtfeldern Europas, Asiens, Afrikas und den Weltmeeren zermahlen worden.

Mit diesem 1914 -1918 auf dem Rücken der Bevölkerungen ausgetragenen Kampf europäischer Herrscherhäuser und Großmächte um Macht und Reichtum, ging die k.k-Monarchie unter.

Für die Muslime ist das Gesetz mit Reichsblattnummer 159 geblieben, welches sogar die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium voranbrachte, wie die älteste in Österreich approbierte Ärztin zu berichten wusste: Man wollte die medizinische Versorgung allgemein sichern und Musliminnen berücksichtigen, die sich nur von Frauen untersuchen ließen.

Der 1979 gegründeten IGGiÖ und zahlreichen Gemeinschaften und Engagierten ist es über die Jahre hinweg gelungen, dieses Gesetz lebendig zu halten und wesentliche Änderungen, wie die Anerkennung anderer Rechtsschulen zusätzlich zur hanafitischen, durchzusetzen.

Dank der muslimischen MigrantInnen verschiedenster Herkunft kann sich Österreich heute als Vorzeigestaat hinsichtlich Toleranz und Anerkennung des Islam präsentieren. Sie haben das Recht in ihre Hände genommen und aus einem ursprünglich politisch-taktischen Kalkül eine nicht nur spirituelle Errungenschaft für alle Muslime in Europa geformt.

100 Jahre Islamgesetz zu feiern bedeutet daher vor allem, die unermüdlichen Aktivisten und Aktivistinnen der ersten und zweiten Stunde zu ehren. Zusätzlich zu ihrem Arbeitseinsatz für den Wiederaufbau Österreichs haben sie das Erbe des Islam in Europa wiederbelebt.

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3 Kommentare
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  1. SuLinn sagt:

    Ein toller, informativer Artikel!
    DANKE für die Einblicke in ein Stück europäischer Geschichte…

  2. mustafa sagt:

    „Innerhalb des rechtlichen Rahmens von der Gleichstellung hin zur Gleichbehandlung bleibt noch viel zu tun. Die de facto bevorzugte Stellung der traditionsbewussten katholischen Kirche wird dabei noch lange unangefochten bleiben“

    Leider, das ist halt der Rassismus in den westlichen Ländern. Wir Muslime werden immer hinten anstehen müssen. Man gönnt uns immer nur ein bisschen was, damit sie nicht sagen können, sie würden nichts tun. In echt aber tut man gar nichts.

  3. Einspruch sagt:

    @Mustafa
    In islamischen Ländern ist es schon immer normal das Andersgläubige hinten anstehen. Da regieren auch die Muslime und zwar total. Also was soll dieses gejammer?



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