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Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Verwaltungsgericht Karlsruhe

Wieso ist Emine nicht integriert?

Emine lebt seit 30 Jahren in Deutschland, hat 20 Jahre gearbeitet, sechs Kinder großgezogen – allesamt deutsche Staatsbürger mit Uni-Abschluss – und noch nie staatliche Hilfe bekommen. Laut VG Karlsruhe ist sie trotzdem „in besonderer Weise integrationsbedürftig“.

DATUM19. November 2012

KOMMENTARE30

RESSORTLeitartikel, Recht

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Emine1 (62) lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Von 1992 bis 2007 hat sie ihren Ehemann, ein Lebensmittelhändler, im Familienbetrieb unterstützt – sie hat geputzt und aufgeräumt, bis sie aufgrund körperlicher Beschwerden aufhören musste.

Nebenbei hat Emine sechs Kinder großgezogen. Sie sind deutsche Staatsbürger, haben eine Ausbildung absolviert oder studieren. Auch Emine selbst hat noch nie Sozialhilfe bekommen. Heute betreut sie ihre Enkelkinder, damit ihre Kinder arbeiten können.

Den Alltag meistert Emine ganz gut. Ihr Deutsch ist zwar nicht sonderlich gut, zum Einkaufen oder für einen kleinen Plausch reicht es. Auch während ihres Krankenhausaufenthaltes aufgrund einer größeren Operation konnte sie sich mit den Krankenschwestern und den Ärzten verständigen.

Der plötzliche Sprachbefund
Emine hat nur einen Makel: sie besitzt nur einen befristeten Aufenthaltstitel. Deshalb muss sie alle Jahre wieder in die Ausländerbehörde und dort eine Verlängerung ihres Aufenthaltserlaubnisses beantragen. So auch im Jahre 2010. Reine Routine, für die 62-Jährige. Diesmal sollte es aber anders kommen. Die Beamten attestierten Emine mangelnde Sprachkenntnisse. Bei einem Test habe sie sechs von 13 Fragen nicht beantworten können. Folge: Sie wurde per Bescheid zu einem Integrationskursbesuch verpflichtet.

Das fällt Emine aber aus mehreren Gründen schwer: ihr fortgeschrittenes Alter, ihre körperlichen Beschwerden, die Betreuung der Enkelkinder sowie die Tatsache, dass Emine weder lesen noch schreiben kann. Hinzu kommt, dass sich Emine nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, wie ein Neuzuwanderer behandelt zu werden. Sie habe mehr für Deutschland geleistet, als so manch anderer.

Emines Wille interessiert nicht
Das interessierte die Ausländerbehörde aber nicht. Der Integrationskurs müsse sein. Emine blieb – überzeugt von ihrer Lebensleistung – nichts anderes übrig, als zu klagen. Zu Unrecht, entschied das Verwaltungsgericht Karlsruhe im Oktober 2012 (4 K 2777/11). Emine müsse den Integrationskurs besuchen. Denn sie sei in „besonderer Weise integrationsbedürftig“.

Laut Aufenthaltsgesetz gehöre zur Integration auch die Eingliederung in „das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben“ in Deutschland. So habe es der Gesetzgeber geregelt. Und bei Emine gebe es keinerlei Anhaltspunkte, dass sie „außerhalb ihrer Familie gesellschaftlich und kulturell integriert“ sei. Ob Emine das wolle, sei unerheblich.

Nur geputzt und aufgeräumt
Ihre besondere Integrationsbedürftigkeit sei jedenfalls „nicht dadurch weggefallen, dass sie im Bundesgebiet sechs Kinder zur Welt brachte, die die deutsche Staatsangehörigkeit und eine Ausbildung besitzen“, so das Gericht. Ebenso sei die Teilnahme an einem Integrationskurs auch nicht wegen der Betreuung ihrer Enkelkinder und ihres Gesundheitszustandes unmöglich und nicht unzumutbar.

Schließlich komme auch der Beschäftigung von Emine im Betrieb ihres Ehemannes kein entscheidendes Gewicht für ihre Integration zu, weil sie, so die Urteilsbegründung, „im Geschäft nur putzte und aufräumte.“ (es)

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30 Kommentare
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  1. Meine 5 cents zu einem umstrittenen Urteil: Konkret wiehert der deutsche Amtsschimmel, der eine 61-jährige Analphabetin (!) dazu verdonnern will, einen „Integrationskurs“ zu machen. Das ist tatsächlich blödsinnig, müsste sie wohl erst einmal lesen und schreiben lernen.

    Allgemein gibt es aus der islamischen Tradition heraus wenig zu widersprechen. Wer sich in einem Land niederlässt, im Gegensatz zu einem Reisenden, der einer bestimmten Zeit der Gebet wieder abzieht, für den gilt die Sunna, die Sprache des Landes zu lernen. „Lernt die Sprache des Landes und zieht euch an wie die Leute“, sagte der Prophet sinngemäß. Welche islamische Begründung gibt es, den Zustand der Migration Jahrzehnte lang zu verewigen? Und bitte nicht wieder den schal gewordenen Opfer- und Rassismus-Diskurs verlängern. Der Migrantismus nervt genauso wie das „deutsche“ Ressentiment.

  2. Glux sagt:

    Ich verstehe die Aufregung nicht. Der Frau wird die Moeglichkeit gegeben einen Deutschkurs zu besuchen, der ohnehin hoechst angebracht ist, wenn sie immer noch kein Deutsch kann. In der Zeit, die sie mit der Klage zugebracht hat, haette sie auch damit verbringen koennen schonmal das Alphabet zu lernen. Wie soll sie in Deutschland integriert sein, wenn sie kein Deutsch kann? Ohne schreiben und Lesen zu koennen, waere sie noch nicht einmal in ihrem „Heimatland“ integriert. Es ist keine Schande mit 60 nicht schreiben zu koennen und kein Deutsch zu sprechen, aber es noch nicht einmal zu wollen, wenn einem die Moeglichkeit gegeben wird, ist eine Schande.

  3. Lutheros sagt:

    Da lebt jemand 30 Jahre in einem Land und kann nach 30 Jahren die Sprache nicht – wie bezeichnet man den wohl? als gut integriert?

    Die Dame ließ gemäß dem Gerichtsurteil in Ihrem WIderspruch gegen den Bescheid ausrichten, „Sie verstehe Begriffe wie Kartoffel, Tomate, Haus, Wohnung und Kindergarten…“ — Nach 30 Jahren!

    Was weiß die Dame von der Kultur, der Geschichte, den Gepflogenheiten, dem politischen System, den täglichen Geschehnissen des Landes inn dem sie lebt? Wer 30 Jahre so dort lebt, bringt sehr deutlich zum Ausdruck, dass er nicht Teil dieser Gemeinschaft ist.

  4. tosun sagt:

    Deutschland hat ein Rassismusproblem“..genau so ist es und nicht anders!

  5. Hyper On Experience sagt:

    „Deutschland hat ein Rassismusproblem”..genau so ist es und nicht anders!“

    Wirklich? Dann ist das einfordern von Leistung – genauer: das Einfordern eines gewissen Bildungsgrades – bereits rassistisch?

    Ich zitiere nochmals aus dem Urteil: „Sie verstehe Begriffe wie Kartoffel, Tomate, Haus, Wohnung und Kindergarten […]“.
    Nach 30 Jahren in Deutschland?? Hallo???

    Es ist zu diesem Urteil – wie auch in diesem Artikel – immer wieder zu lesen, die Dame seit bereits über 60. Außerdem habe sie sechs Kinder groß gezogen, mit Universitätsabschluss, alle bestens integriert.

    Aha. Dann hängt also der eigene Grad der Integration von der Anzahl der Kinder und deren Schulabschluss und Berufsausbildung ab? Wäre dann eine Migrantin ohne Kinder, dafür aber mit sehr guten Sprachkenntnissen, weniger gut integriert?
    Und was das fortgeschrittene Alter angeht – werden wir nicht immer dazu aufgefordert, dass wir lebenslang lernen müssten? Ich möchte wissen, wie man einem gestressten G8-Gymnasiasten erklären will, dass er in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Bildungsabschlüsse mit den bestmöglichen Noten erreichen soll und sich später auch im Berufsleben ständig weiterzubilden und -qualifizieren hat, während man andererseits bei Migranten über 60 noch nicht mal mittelprächtige Deutschkenntnisse verlangen darf.

  6. vulkanstum sagt:

    In einer globalisierten Wirtschaft ist es wichtig gut Englisch zu sprechen.
    Die deutsche Sprache ist nicht so wichtig.
    Wieviel Energie geht sinnlos dafür verloren, diese extrem schwierige chaotische Sprache zu lernen.
    Schon Menschen wie Mark Twain haben gelernt diese schwierige Sprache zu hassen.
    Bin selber Biodeutscher, der damals in der Türkei lebend, versucht hat, Deutsch zu unterrichten.
    Bei Menschen, die wie früher normal, nur 5 Grundschuljahre in der Türkei absolviert haben, ist es fast unmöglich Deutsch zu unterrichten,
    Sehr viel einfacher war es bei Realschülern und Gymnasiasten Deutsch zu lehren.
    Warum soll man noch eine alte Frau damit quälen?

  7. Andy sagt:

    @ Vulkansturm:“BEI MENSCHEN, die wie früher normal, nur 5 Grundschuljahre in der Türkei absolviert haben, ist es fast unmöglich Deutsch zu unterrichten,“
    Ach ja? Meine Lebensgefährtin hatte nur drei Jahre lang eine Grundschule irgendwo in Fernost besucht. 1993 kam Sie nach Deutschland,nach 3 Monaten nen Job als Küchenhilfe und 1995 den Führerschein ohne Dolmetscherhilfe bekommen. Nach 8 Stunden Arbeit noch jeden Tag zwei Stunden lang ne Sprachschule besucht neben den häuslichen Pflichten die ihr noch von ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern auferlegt wurden.
    Verallgemeinern Sie nicht. Sie haben doch in der Türkei unterrichtet. Warum schreiben Sie nicht „BEI TÜRKEN (statt BEI MENSCHEN) die wie früher normal, nur 5 Grundschuljahre absolviert haben, ist es fast unmöglich deutsch zu unterrichten.“
    Wenn man sich bemüht lernt man schnell. Emine hat sich 30 Jahre lang nicht bemüht und will trotzdem in Deutschland eingebürgert werden obwohl sie ihren Lebensabend in der Türkei verbringen will. Fragt euch: wozu?
    „In einer globalisierten Wirtschaft ist es wichtig gut Englisch zu sprechen.“
    Da stimme ich Ihnen zu. Und auch als Reisender ist die englische Sprache das A & O. Ich kam zwar auch schon oft in Gegenden vorbei wo ich mich mit Händen und Füßen verständigen musste aber hauptsächlich war Englisch die „Umgangssprache“ Und wo auf der Welt auch immer habe ich mich mit Leuten aus vielen verschiedenen Nationen unterhalten.
    Türken trifft man außerhalb Europas ehr selten. Englisch liegt denen auch nicht so.

  8. Hyper On Experience sagt:

    Wenn Sie Ahnung von der Deutschen Sprache hätten, wüssten Sie, dass sie alles andere als chaotisch aufgebaut ist.
    Deutsch zu lernen als „Energieverschwendung“ zu bezeichnen, ist so ziemlich das Dämlichste, das ich seit langem gehört habe.

  9. epze030 sagt:

    €Hyper On Experience

    Ergänzung zu „… Deutsch zu lernen als “Energieverschwendung …“
    – und das sogar noch für jemandem – der IN DEUTSCHLAND wohnt – als quasi als unmenschliche Tortur darzustellen …. 🙁
    … aber wo (k)ein Wille ist, ist auch (k)ein Weg …


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