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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Beschneidungsurteil

Kulturalisierung des Strafrechts

Angeblich geht es um das Eindämmen religiös motivierter Gewalt gegen Kinder, doch in Wirklichkeit steckt mehr hinter dem Urteil – Zum Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts.

VONÇefli Ademi

 Kulturalisierung des Strafrechts
Der Autor hat an der Universität Bielefeld Rechtswissenschaften studiert und an der Bucerius Law School in Hamburg promoviert. Gegenwärtig ist er stellvertretender Leiter des Fachbereichs Recht der Stadt Gütersloh. Daneben arbeitet er an seiner Habilitation zum Thema: "Islamische Jurisprudenz mit Blick auf den bundesdeutschen Verfassungsstaat - Religionsverfassungsrecht mit Blick auf den Islam" und ist Lehrbeauftragter zur "Einführung in die islamische Jurisprudenz".

DATUM6. Juli 2012

KOMMENTARE18

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE islam.de

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Der vorgenannte Argumentationsstrang ist insgesamt unschlüssig. Denn: Mit Blick auf § 1631 Abs. 2 BGB hat die Strafkammer eine eigensinnige Wertung vorgenommen, die sich in der von ihr gewünschten Allgemeingültigkeit nicht abstrahieren lässt. Satz 1 der besagten Norm bestimmt nämlich, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Satz 2 konkretisiert, dass körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig sind. Fachgerecht durchgeführte, über Jahrtausende tradierte und allseits bekannte Beschneidungen hatte der Gesetzgeber des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) bei der Normierung des § 1631 Abs. 2 BGB – anders als die Strafkammer suggeriert – sicher nicht gemeint. Die Jungenbeschneidung implizit als unzulässige körperliche Bestrafung, seelische Verletzung oder eine entwürdigende Maßnahme (vgl. § 1631 Abs. 2 Satz 2 BGB) zu werten, ist nicht nur in der bundesdeutschen Judikative historisch ohne Beispiel. Dass der Körper des Kindes durch die Beschneidung ferner dauerhaft und irreparabel verändert wird, kann nicht bezweifelt werden. Nolens volens nimmt die Strafkammer hier aber eine weitreichende Wertung vor. Denn die Ausführungen der Strafkammer konsequent zu Ende gedacht würde bedeuten anzunehmen, dass alle körperlich-irreversiblen Eingriffe an Kinder – mit Ausnahme der medizinisch indizierten – rechtswidrig sind, und damit etwa auch das Stechen von Ohrläppchen. Eine Differenzierung etwa hinsichtlich der Intensität des körperlich-irreversiblen Eingriffs wird versäumt. Zudem stuft das Gericht körperlich-irreparable, aber fachgerechte Maßnahmen, implizit und unbegründet als schwerwiegendere Beeinträchtigung ein, als geistige, ebenso dauerhafte und irreparable Eingriffe mit möglicherweise viel verheerenderen Folgen für das Kind und die Gesellschaft. Schlicht falsch ist die Erwägung der Strafkammer, dass diese körperliche Veränderung dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können, zuwiderlaufe. Trotz der fehlenden Vorhaut bleibt es nämlich jedem unbenommen, die Religion zu wechseln. Schließlich wird nicht die Selbstbestimmungsfreiheit auf Dauer entfernt, sondern die Penisvorhaut. Letztendlich argumentiert die Strafkammer – daran sei noch einmal erinnert –, dass umgekehrt das Erziehungsrecht der Eltern nicht unzumutbar beeinträchtigt werde, wenn sie gehalten seien abzuwarten, ob sich der Knabe später, wenn er mündig sei, selbst für die Beschneidung als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam entscheide.

Der verkürzte Blick der Strafkammer wird durch diese insoweit abschließende Erwägung abgerundet. Das Erziehungsrecht der Eltern wird insoweit beeinträchtigt, als ihnen von vornherein das Recht genommen wird, entscheiden zu dürfen, ob ihr Junge beschnitten werden soll oder nicht, und zwar aus mehreren in Betracht kommenden und nicht bloß religiösen Motiven. Beschneidungen können u.a. ästhetisch, medizinisch und/oder religiös motiviert sein. Dies erklärt auch, warum die Zirkumzision als die häufigste Operation im Kindesalter gilt. Über 70 Prozent der Amerikaner sind beschnitten, und dies in großen Teilen sicherlich nicht aus islamischen Gründen. Die Frage der Zumutbarkeit der Beeinträchtigung des Elternrechts entscheidet sich an der Frage, ob die Knabenbeschneidung dem Kindeswohl dient (darin erfährt auch das Recht des Kindes auf Körperliche Unversehrtheit eine Konkretisierung), vor der sich die Strafkammer unter Verweis auf die vermeintlich „herrschende Auffassung in der Literatur“, dass es eben nicht so sei, augenscheinlich gedrückt hat.

Dieser Umstand gemeinsam mit dem gerichtlichen Verweis auf die Feststellung des Sachverständigen, wonach jedenfalls in Mitteleuropa keine Notwendigkeit bestehe, Beschneidungen vorbeugend zur Gesundheitsvorsorge vorzunehmen, offenbart, dass die Strafkammer Beschneidungen ausschließlich im Falle ihrer medizinischen Indikation als dem Kindeswohl dienlich annimmt. Damit die stellvertretende Einwilligung der Sorgeberechtigten aber über medizinisch zwingend indizierte Eingriffe hinaus noch selbständige Bedeutung haben kann – wie es verfassungsrechtlich vorgesehen ist –, darf die positive Feststellung, was in der konkreten Situation objektiv im besten Interesse des Kindes ist, gerade nicht dem Gericht obliegen. Ansonsten kämen wir einer staatlichen Bevormundung nahe, die wir meinten überwunden zu haben. Pointiert drückt es Bijan Fateh-Moghadam aus: „Die Wahrnehmung und Ausfüllung der auch körperbezogenen Selbstbestimmungsinteressen als grundrechtlich geschützter Teil der Personensorge obliegt vorrangig den Eltern.“ Vor diesem verfassungsrechtlichen Hintergrund bleibt dem Gericht lediglich die negative Feststellung, ob die Dispositionsbefugnis der Sorgeberechtigten nicht objektiv-evident missbraucht wird. Weil die fachgerechte Beschneidung ungefährlich ist, Folgeschäden äußerst selten sind und sie aus präventiv-medizinischen Gründen gar empfohlen wird, ist ein objektiv-evidenter Missbrauch der Dispositionsbefugnis als strafrechtliche Grenze der stellvertretenden Einwilligung nicht ersichtlich (vgl. insgesamt nur Bijan Fateh-Moghadam, RW – Heft 2 2010, Religiöse Rechtfertigung? Die Beschneidung von Knaben zwischen Strafrecht, Religionsfreiheit und elterlichem Sorgerecht, S. 115, 131 ff.). Aus diesem Grund ist ein „Abwarten“ der Eltern doch nicht zuzumuten bzw. wird das Erziehungsrecht der Eltern unzumutbar beeinträchtigt, wenn ihnen die Entscheidung darüber genommen wird.

„Die Kirche im Dorf lassen“
Nach diesem bemerkenswert oberflächlich begründeten Urteil mit ausschließlich religionskritischen (um nicht zu sagen religionsfeindlichen) Tendenzen erschließt sich mir, warum die meisten Stellungnahmen dazu religionsperspektivisch und kaum juristisch ausgefallen sind. In dieser Form wirken diese aber kontraproduktiv, zumal man sich dadurch bewusst oder unbewusst an einer strafrechtlich verkleideten Kulturkampfdebatte beteiligt, die man aber gerade verhindern will. Vielmehr sollte die Kirche im Dorf gelassen und das strafrechtliche Beschneidungsurteil nüchtern auf den juristischen Prüfstand gestellt werden. Auf diese Weise lässt sich die Kulturkampfrhetorik von begründeten juristischen Erwägungen ausdifferenzieren und das Urteil entblößt sich als das, was es ist: Ein (leider rechtskräftiges) Fehlurteil. Ohne Zweifel lässt sich dem Beschneidungsurteil abgewinnen, dass es zumindest für das diffizile Thema sensibilisiert hat, denn tatsächlich geht mit der Knabenbeschneidung auf immer ein Stück Vorhaut verloren, auch wenn man sie – und auch das soll vorkommen – zu Erinnerungszwecken aufbewahren sollte. Die körperliche Unversehrtheit des Kindes, die bei der Beschneidung beeinträchtigt wird, wiegt ohne Zweifel schwer. Dem Anspruch auf eine differenziert-sachgerechte Abwägung, die ein Schöpfen aus dem „Vollen“ voraussetzt, sowie auf Rechtssicherheit und –klarheit ist die Strafkammer mit dieser Entscheidung allerdings nicht gerecht geworden. Abgesehen von der kulturalis­tischen Überfrachtung dieser Strafrechtsproblematik wirkt das Urteil schlicht bevormundend, insoweit die Strafkammer ohne stichhaltige Argumente bestimmt, dass (medizinisch nicht zwingend indizierte) Beschneidungen per se nicht dem Wohl des Kindes dienten und sie somit nicht von der Dispositionsbefugnis der Sorgeberechtigten gedeckt seien. Ein verfassungsrechtlich garantierter Ermessensspielraum wird den Sorgeberechtigten insoweit unbegründet vorenthalten. Ganz abgesehen davon, wird diese de jure Entscheidung de facto dem Kindeswohl definitiv nicht dienen, sondern eher schaden.

Apropos Kulturalisierung des Strafrechts: Wenn schon die Beschneidungsproblematik in der Frage der Reichweite der Religions(ausübungs)freiheit der Sorgeberechtigten erschöpft wird, dann sollte letzteres aber zumindest gebührlich gewichtet werden. Insoweit soll mit Blick auf den Gesetzgeber noch einmal daran erinnert werden, dass nach Rechtsansicht der o.g. Strafkammer, die zwar für andere Gerichte nicht bindend ist, jedoch Nachahmer finden könnte, kein neugeborenes Kind auf dem Boden der Bundesrepublik Jude im jüdisch-rechtlichen Sinne werden darf! Schließlich ist die (Knaben-) Beschneidung im jüdisch-rechtlichen Verständnis konstitutiv für die jüdische Zugehörigkeit. In orthopraktischer und damit entscheidender Hinsicht gilt Vergleichbares für Muslime: Wenn schon nicht islamrechtlich so aber jedenfalls „muslimfaktisch“ wird die Knabenbeschneidung ebenso identitätsstiftend gewertet.

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18 Kommentare
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  1. Mel sagt:

    „… in der „durch die strafrechtliche Blume“ die eine oder andere Kulturkampfdebatte ausgetragen wird.“

    Eine zentrale Stelle, wie ich finde. Danke Herr Ademi, für Ihre sachliche Diskussion des Urteils. Ich denke, Sie haben mit obiger Aussahe den Kern der Sache getroffen. Als Nichtreligiöse beobachte ich das streufeuerartige Schauspiel mit ordentlichem Argwohn und gesunder Distanz.
    Ich habe das Gefühl, dass hier eine bereits seit längerem als Sünden- und Prellbock gebrauchte gesellschaftliche Gruppe weiter ins Abseits geruckt wird, indem sie künstlich Kriminalisiert wird. Als solches steht dieses Ereignis nicht alleine da, auch weitere Bestrebungen weisen deutlich in diese Richtung (siehe Radikalisierungskatalog von Herrn Schünemann).

    Gleichzeitig fallt mir folgendes auf:
    Während Vertreter islamischer Gemeinden und auch Einzelpersonen nicht müde werden hier die Ähnlichkeit zwischen Islam und Judentum zu betonen – ähnlich, wie Sie selbst – Stelle ich von andere Seite klare Abgrenzungstendenzen fest. Zumindest in der medialen Spielegung. Der Eondruck verhärtet sich, dass hier kulturell und strafrechtlich mit zweierlei Maß gemessen wird und vermehrt werden soll.

    Zusätzlich werde ich das Gefühl nicht los, dass es auch hier wieder nicht zufällig ist, in welchem auch zeitlichen Kontext dir Debatte losgetreten wurde. Im Grunde kommt die islamische Gemeine nicht dazu in Ruhe Luft zu holen, weil eine Scheindebatte nach der anderen auf ihrem Rucken ausgetragen wird. Halb so schlimm wär das Ganze ja, ja wenn es sich nicht um Menschen handeln würde.

    Hier wird bewusst die Fremdmachung und -werdung forciert, statt Gemeinsamkeiten hervorzuheben. Welche zahlreicher sind, als die tatsächlichen Unterschiede. Und was auch eher dem gesellschaftlichen Gemeinwohl dienlich wäre.

    Welche Folgen es haben kann eine (religiöse) Gruppe als „Schädling im System“ zu diffamieren, hat die deutsche Geschichte ja bereits unter Beweis gestellt.

  2. Beschneidung bleibt verfassungs- und menschenrechtswidrig!

    Ich finde es absurd und schädlich für das Ansehen des Islam und Judentums, ein eigenes Gesetz für die Erlaubnis der Beschneidung von Jungen bekommen zu wollen.

    Von Seiten der Juden wurde gegen das Kölner Urteil nach Beratung von verschiedenen Juristen keine Revision eingelegt! Somit ist jenes Urteil schon längst rechtskräftig, wonach jene Beschneidung nach dem Grundgesetz und den Menschenrechten eine strafbare, da absichtlich herbeigeführte Körperverletzung, also eine Misshandlung, darstellt. Und zwar nicht nur in ganz Deutschland: Da Kinder eben Menschen (und keine Objekte) sind, stehen sie auch weltweit unter dem Schutz der Menschenrechte, welchen allen(!) Menschen auf dieser Erde gleichermaßen körperliche und seelische Unversehrtheit garantieren!
    Es gibt keine „Rechtsunsicherheit“ mehr, wie manche Muslime und Juden seltsamerweise noch immer meinen.

    Diese Beschneidung stellt nicht nur eine nicht mehr rückgängig zu machende körperliche Veränderung dar, sondern ist – wie jede Operation – mit Risiken verbunden (wie der Fall in Köln zeigt, wo der Junge nach der Operation in die Notaufnahme gebracht werden musste).
    Außerdem können bei ihr zum Teil langwirksame körperliche und/oder seelische Schmerzen (Traumata) auftreten (besonders dann, wenn die Operation – wie die jüdische Lehre grausam fordert – ohne Betäubungsmittel durchgeführt wird, was verständlicherweise sogar als „Folter“ erlebt werden kann). Zusätzlich können danach lebenslang etliche Nachteile entstehen, wie man im Internet übers „Googeln“ erfahren kann.

    Darum sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass eine medizinisch nicht notwendige Operation erst nach einer umfangreichen Aufklärung – speziell über die Risiken und Nachteile – gemacht werden darf und mit der eigenen Unterschrift gebilligt werden muss (idealerweise sollte die betreffende Person also volljährig sein). Jüdische und muslimische Männer möchten ja sicher schließlich auch nicht, dass bei ihnen eine problematische Operation ohne ihr Einverständnis durchgeführt wird!

    Religiöse Traditionen sind nicht dafür da, ständig weitergegeben und unkritisch durchgeführt zu werden, sondern sollten stets offen gegenüber neueren Erkenntnissen sein, um dann gegebenenfalls geändert zu werden – gemäß dem Bibelwort: „Prüfet alles und (nur) das Gute behaltet!“

    Schließlich: Heutzutage ist es für eine gelungene Integration von religiösen Menschen in die sehr multiweltanschauliche Gesellschaft unbedingt notwendig, die Menschenrechte stets wichtiger als irgendwelche religiöse Regeln anzuerkennen!

  3. Zensus sagt:

    Man könnte sicher ellenlang auf die hier verbreiteten Religionsthesen antworten, allein schon die Behauptung, vielen hänge die Beschneidungsdebatte zum Hals herraus. Ich bestreite das aus Sicht einer freien Gesellschaft. Es handelt sich schlicht und einfach um einen kalten Krieg der Kulturen. Wenn die islamische Seite denn dem Trugschluß aufgesessen war, unsere jahrhundertelang gewachsene Gesellschaft würde sich, quasi per Handstreich, islamoreligiös gefärbte Handlungsweisen unterschieben lassen, muß sie nun einsehen, daß das Pendel auch entgegengesetzt ausschlagen kann. Damit muß sie sich arrangieren, ob sie will oder nicht
    Schließlich sind wir hier in Deutschland.

  4. BiKer sagt:

    @ moysich

    ihnen scheint nicht klar zu sein, dass es im koelner fall weder ein jude noch die juedische gemeinde haette revision einlegen koennen. denn sie waren nicht beteiligt. insofern hat auch niemand abstand davon genommen nach einer vermeintlichen pruefung oder dergleichen. gegen das urteil des lg haette selbst der betroffene arzt keine revision anlegen koennen weil er freigesprochen wurde. sie schreiben und suggerieren etwas, das so schlicht nicht stimmt. aber an alle: macht euch keine sorgen! die beschneidung ist und bleibt legal. hier hat nur ein lg entschieden. die staatsanwaltschaft berlin kann es ganz anders beurteilen und eine beschneidung nicht einmal vors gericht bringen. und zum abschluss: hier sind interessen der juden betroffen. schon deshalb wird der gesetzgeber aktiv werden. 😉

  5. Eroberer sagt:

    Dem Autor sei gedankt, da er die Thematik nüchtern und mit dem notwendigen juristischen Feingefühl kommentiert .

    Die „Debatte“ um die Muslime und den Islam wird zweifelsohne weitergehen…

  6. Michael sagt:

    Liebe Mitleser,
    ich habe heute im Tagesspiegel vom 3.6. von der Seite Migazin gehört und es hat mich interessiert, was hier für Informationen zu finden sind.
    Ich leite ein Gymnasium und eine Fachoberschule und es ist mir sehr an dem Thema Integration gelegen und ich glaube, dass wir an unserer Schule auch gut mit dem Thema zurecht kommen. Zunächst muss man sich über den Anderen informieren, um ihn zu verstehen. Danach solle man die vielen Gemeinsamkeiten (z.B. zwischen den Religionen) erkennen und herausstellen. Vorsichtig sollte man dann Unterschiede erkennen und gemeinsam überlegen, wie man damnit umgeht, ohne sich gegenseitig zu verletzen. Häufig kann man Unteschiede neben einander stehen lassen und als kulturelle Bereicherung annehmen ohne sich gegen einander zu stellen. Vielfalt ist meist Bereicherung, man muss nur ein Stück von seiner (eingefahrenen) Position abgehen.
    Ich finde es grundsätzlich toll, dass hier alle Meinungen geschrieben werden, würde aber doch für etwas mehr Zurückhaltung werben wollen, schließlich geht es wohl darum, Intergration zu verstehen und zu fördern.
    Als ich von dem Beschneidungsurteil gehört habe war ich doch etwas schockiert. Einen Jahrtausende alten Brauch, der meines Wissens kaum größeren Schaden hervorruft und einen wesentlichen Bestandteil zweier großer Religionen darstellt, einfach auf eine rechtliche Ebene herunterzubrechen zeigt mit erneut: Recht hat nichts mit Gerechtigkeit (oder Kultur) zu tun sondern mit unreflektierter Rechthaberei von Menschen, die keinen Glauben haben.
    Diese Beschneidung ist wohl kaum mit der bestialischen Beschneidung von Frauen in Afrika vergleichbar.
    Ansonsten finde ich reine Schönheitsoperationen viel unmoralischer und würde viel eher hier ein Verbot wünschen, denn diese OPs sind eher entwürdigend, soll doch durch sie ein Prototyp dargestellt und gleichsam die Anderen entwürdigt werden, eben genau das, was letztlich auch bei Fremdenfeindlichkeit vorliegt.

  7. alphaomega sagt:

    @BiKer
    “ aber an alle: macht euch keine sorgen! die beschneidung ist und bleibt legal.“

    Eher andersrum: Die Beschneidung war noch nie legal und ist auch jetzt noch nicht legal.
    Und da sie ja zu den Leuten hier im Forum gehören, die behaupten sie wären Rechtsanwalt: Warum steht, denn das Grundrecht des Kindes auf Unversehrtheit selbst im GG über der Religionsfreiheit? Warum soll eine aus religiösen Gründen herbeigeführte Verletzung weniger schlimm sein, als die gleiche Verletzung ohne religiöse Gründe? Vor allem Sie, als angeblicher Rechtsanwalt müssten doch wissen, dass die meisten Argumente die für eine Beschneidung sprechen, vor Gericht niemals eine Begründung sein könnten, nicht abwarten zu können , bis das Kind mündig ist. Das wissen alle Muslime und Juden und dass man sich jetzt hier so aufregt, liegt allein daran, dass man rein gar nichts dagegen tun kann, weil die Argumentation, anders als hier im Artikel dargestellt, sehr vernünftig ist und ich kann nicht verstehen, wie man als religiöser Mensch komplett veraltete Traditionen noch aufrecht erhalten kann.

    Ich glaube, was viele Menschen hier in Deutschland erschreckt hat, ist das Unvermögen Gläubiger Menschen (vor allem bei Juden und Muslimen) ihre eigene Religion kritisch zu betrachten und dass man als Gläubiger immer gleich davon ausgeht, dass die eigenen religiösen Gesetze unumwerflich sind, aber alle Anderen um einen herum sich anzupassen haben. Wenn man nicht mal religiöse Bräuche abschaffen kann, die ganz offensichtlich nicht zum Wohle des Kindes beitragen, sondern ganz im Gegenteil, diesen sogar eine wichtige(!!!) und nicht rückgängig machbare Entscheidung vorwegnimmt.

    Es ist nicht nur außerhalb jeder normalen Logik und der Vernunft, sondern auch noch Gesetzeswidrig, einem Kind die Vorhaut ohne sein einvernehmen abzuschnippeln. Das ist nichts anderes, als eine Beschneidung Typ I bei einer Frau (also nur die Schamlippen) und das wurde auch verboten und dafür gab es auch ganz gute Begründungen aus den religiösen Reihen, das beizubehalten und es auch heute noch beizubehalten. Gut dass wir die Frauen jetzt vor religiöser Willkür gerettet haben, aber jetzt müssen die kleinen Jungen auch gerettet werden.

    Ausserdem: Dies ist bereits der 4. Artikel bei Migazin der sich mit dem Thema Beschneidung beschäftigt und erstaunlicherweise (ironie) sind alle der gleichen Meinung. Nein, es gibt keinen einzigen kritischen Artikel über die Beschneidung bei Migazin und das obwohl es auch unter den Juden und den Muslimen genügend Beschneidungsgegner gibt oder Männer die sich um ihre Männlichkeit betrogen fühlen. Nicht einmal der Grünen Politiker Ali Bas war halbwegs im stande sich für die Rechte des Kindes einzusetzen. Es gab nur Argumente auf folgendem Niveau:

    „Eine Beschneidung ist so irreversibel, wie Ohrlöcher stechen lassen und deshalb müsste es auch verboten werden, Kindern Ohrlöcher stechen zu lassen.“

    1. Vielleicht ist es ihnen nicht bewusst, aber ein Ohrloch kann schnell wieder zuwachsen (manchmal auch zu schnell). Und auch wenn es zu einem Substanzverlust bei Ohrstechen kommt, so kann der Körper dies immer wiederherstellen, aber eine Vorhaut bleibt, für immer weg.
    2. Ja, man sollte es auch verbieten, denn es ist genauso unnötig wie eine Beschneidung. Und wenn irgendjemand mal gegen die Eltern von den betroffenen Kindern klagen würde, dann wäre dies auch verboten.

  8. alphaomega sagt:

    Was der Autor noch verschweigt:
    aus dem Tagesspiegel:
    „Daneben hat Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert, die in Artikel 24 dazu verpflichtet, dass alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen getroffen werden, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen. Wenn die Kritiker nun eine unzumutbare Einschränkung der Religionsfreiheit monieren, dann geht schon die Begrifflichkeit fehl, denn es handelt sich um die Einschränkung einer durch die Tradition begründeten Ausübung ihrer Religion zulasten ihrer Kinder. Die Eltern entscheiden sich unter Berufung auf ihre Religion für eine irreversible Körperverletzung ihres Kindes, das nicht in der Lage ist, eigenverantwortlich und selbstbestimmt darüber zu entscheiden, ob es in diese gravierende lebenslange Einschränkung wegen der Religionszugehörigkeit seiner Eltern einwilligt.“

  9. BiKer sagt:

    @ alphaomega

    wieso ihre kommentare an der sache vorbeigehen wird auch hoffentlich ihnen klar sein, wenn sie die urteilsbegruendung lesen. da steht u.a.: „Die Frage der Rechtmäßigkeit von Knabenbeschneidungen aufgrund Einwilligung der Eltern wird in Rechtsprechung und Literatur unterschiedlich beantwortet. Es liegen, wie sich aus dem Vorstehenden ergibt, Gerichtsentscheidungen vor, die, wenn auch ohne nähere Erörterung der wesentlichen Fragen, inzident von der Zulässigkeit fachgerechter, von einem Arzt ausgeführter Beschneidungen ausgehen, ferner Literaturstimmen, die sicher nicht unvertretbar die Frage anders als die Kammer beantworten.“

    es gibt also auch meinungen vor, die beschneidungen nicht fuer strafbar halten und sogar g e r i c h t s e n t s c h e i d u n g e n. na was sagen sie dazu? baff, wa? so eindeutig wie sie uns das krampfhaft zu vermitteln versuchen scheint es
    also ncht zu sein.

    zur kinderrechtskonvention: dort steht, dass alle gesundheitsschaedlichen eingriffe verboten sind. impfungen bspw. nicht, obwohl sie starkes fieber verursachen koennen weil sie auch vorbeugend schuetzen fuer einen krankheitsfall, der nicht einmal eintreten muss. bei der beschneidung ist der fall aehnlich gelagert. hinzu kommt ein grundrecht, dass – auch wenn ihnen das nicht passt – doch gewicht hat.

  10. Optimist sagt:

    Ich kann mich an meine Beschneidung noch recht gut erinnern, weil ich damals etwa 7 Jahre alt war (relativ spät). Ich wurde ohne Betäubung beschnitten. Ich musste zwar bitterlich weinen, aber nicht aus Schmerz, sondern wegen dem Bewusstsein, daß mir gleich etwas abgeschnitten werden sollte. Den Schnitt selber hab ich nicht gespürt. Ich hatte sogar drauf gewartet, daß es gleich los geht, obwohl ich schon längst beschnitten war. Daran kann ich mich eben deswegen so genau erinnern, weil ich noch dachte: „Wie, das wars schon? Hab ja gar nichts gespürt.“. Den ersten Tag hatte ich im Bett verbracht, aber bereits am zweiten Tag konnte ich schon wieder (zunächst noch vorsichtig) herum gehen. Nach wenigen Tagen war alles vorbei. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind nicht traumatisch, sondern fast durchweg positiv, weil durch das rituelle Beschneidungsfest fast alle meine Freunde und Familie gekommen waren, um mich zu beglückwünschen und mir Mut und Stolz zuzusprechen. Daneben gabs ja dann noch Geld und ne Menge anderer Geschenke. All diese Erfahrungen sollen also jemandem durch so ein hirnrissiges Urteil verwehrt werden. Vielleicht sollte der eine oder andere Gegner einer Beschneidung sich mal mit jemandem unterhalten, der sich an seine Beschneidung erinnern kann. Ich kenne niemanden, der ein Trauma davon getragen hätte, im Gegenteil. DIe positiven Auswirkungen einer Beschneidung muss man an dieser Stelle wohl kaum heraus heben, fragt mal einen Chirurgen. Unzählige Betroffene erzählen, daß die Eichel sogar empfindlicher wird, daß Man(n) länger kann, daß es in hygienischer Sicht einfacher und sauberer ist, daß die Beschneidung sogar Geschlechtskrankheiten (oder durch Geschlechtsverkehr übertragbare Krankheiten) vorbeugen kann (-15% HIV-Ansteckungsgefahr),. uswundsofort.

    Der Umgang mit diesem Thema spricht Bände. Selbstverständlich geht es hierbei um einen Kulturkampf. Da lamentieren manche Kommentatoren, man sei ja hier schließlich in Deutschland. Aber, wo wird denn ein muslimisches Kind aus der Gesellschaft in irgendeiner Weise heraus geholt, wenn der Junge beschnitten ist? Man läuft doch nich nackig rum und in den Umkleideräumen versuchen die Türken ohnehin meistens, sich schamhaft zu bedecken. Also wo tangiert ein beschnittener Mann die Ordnung der Gesellschaft in irgendeiner Form? Richtig, nämlich gar nicht. DIe Muslime versuchen nicht, den Deutschen ihren Stempel aufzudrucken, sondern umgekehrt. Wir versuchen ja schließlich nicht, irgendeinen Christen oder sonstwas zu einer Beschneidung zu bewegen. DIe Bevormundung ist gegen die Muslime gerichtet und nicht umgekehrt. Dies ist lediglich ein weiterer Schritt, unsere Religion zu diffamieren, indem man ihr zur Frauenfeindlichkeit jetzt auch noch Kindesfeindlichkeit mit anhängen will. Es wird von oben herab eine Thesenkette argumentiert, wovon die Urteilsbegründer nicht den Hauch eines Schimmers zu haben scheinen. Ich glaube eher, mancher Richter versteht sich als moderner Inquisitor im kampf gegen die Übernahme des Islam in Deutschland. DIe „Heiden“ sollen auf den rechten Weg der Tugend gebracht werden, weil sie selber barbarisch sind.

    Letztlich bedeutet das wieder mal folgendes: Hier sind wir und dort seid ihr. Bei uns ist alles gut, ihr (eure Kultur, eure Religion, einfach alles) seid schlecht. Macht es wie wir, seid wie wir, gebt euch auf und assimiliert euch einfach vollständig. Dadurch seid ihr dann zwar immer noch nicht wie wir, aber wir haben einen Kritikpunkt weniger, was allerdings nichts bedeutet.

    Nichts wird sich ändern, einzig die Kriminalisierung einer ganzen Religionsanhängerschaft wird vorangetrieben.


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