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Critical und Incorrect

Ayaans Ruf nach Mord blieb nicht ganz ungehört

Ayaan Hirsi Ali erhielt einen Springer-Ehrenpreis. Im Dankesvortrag machte sich die Argumentation des norwegischen Massenmörders Breivik zu eigen. „Ein Skandal“, schreibt Sabine Schiffer. Wenn Meinungs- und Pressefreiheit nur noch Lüge bedeuten.

VONSabine Schiffer

 Ayaans Ruf nach Mord blieb nicht ganz ungehört
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM29. Mai 2012

KOMMENTARE19

RESSORTAktuell, Meinung

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Bisher scheint Stefan Buchen der einzige Journalist zu sein, der nach der Vergabe des Axel-Springer-Preises auf den Skandal hinwies, dass die Preisträgerin die Untat des Massenmörders Breivik in ihrer Dankesrede rechtfertigte. Dies beschreibt er nachlesenswert in einem Kommentar für Cicero-online am 18. Mai 2012 unter der Überschrift „Wie Ayaan Hirsi Ali Breiviks Massenmord erklärt“. Er erwähnt die Reaktion seines Kollegen Daniel Gerlach, Chefredakteur von Zenith-online, dem das Ungebührende sofort auffiel und fragte: „Träume ich das jetzt oder geschieht das gerade wirklich?“ Ja, es passierte und dafür gab es Standing Ovations1 von Friede Springer, Mathias Döpfner, Henryk Broder und vielen mehr.

Für die in Somalia geborene, aber in Kenia aufgewachsene Afrikanerin wurde dieser Preis extra erfunden, weil sie offensichtlich nicht in die Reihe der Jungjournalisten passt, die ansonsten mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet werden. Buchen schreibt: „Die Ehrenpreisträgerin beruft sich direkt auf Breiviks politisches Manifest. Darin schreibe er, dass die Anwälte des Schweigens ihn zum Morden inspiriert haben. ,Er (Breivik, Anm. der Redaktion) sagt, weil alle Möglichkeiten, seine Ansichten öffentlich kundzutun, zensiert worden seien, habe er keine andere Wahl gehabt als zur Gewalt zu greifen‘, trägt Hirsi Ali vor.“

Gerlach hat es richtig erkannt: „So reden rechtsradikale Verschwörungstheoretiker.“ Dass Frau Hirsi Magaan, die sich Hirsi Ali nennt, ein passendes Mittel zum Zweck für Kuratoriumsmitglieder wie Arnulf Baring oder den Vorstandsvorsitzenden der Axel-Springer AG Mathias Döpfner ist, wird diejenigen wenig überraschen, die die rassistischen Ausfälle des einen und die islamischen Weltverschwörungsphantasien des anderen erinnern. Mathias Döpfners Kommentar zur von ihm imaginierten „Freiheitsfalle“ in der Welt vom 23.11.2010 kann als Meilenstein der „islamis(tis)chen Weltverschwörungstheorie“ in deutschen Medien gelten. Eine Verschwörungstheorie, die am Abend der Preisverleihung aus dem Munde der Preisträgerin ebenso zu hören war, wie aus der ihres Lautators Leon de Winter.

Erstaunlich jedoch, dass der niederländische Botschafter anwesend war, denn in unserem Nachbarland ist die Dame inzwischen nicht mehr so recht gelitten, nachdem das niederländische Fernsehen ihre Lügengeschichten aufgedeckt und die Frage nach ihren wirklichen Absichten und einem möglichen Auftrag gestellt hat. Die Dokumentation, in der Frau Hirsi Magaan mit ihren Lügen über Herkunft, Zwangsheirat und angeblicher Flucht konfrontiert wurde, heißt „Ayaan Hirsi Ali Lies Exposed“ und ist in vier Teilen auf der Website dailymotion.com einsehbar. Darin kommen ihre Familie, ihr Ehemann in Canada und niederländische Flüchtlingshelfer zu Wort und zeichnen ein ganz anderes Bild der Frau, die als glaubwürdige „Islamkritikern“ in Deutschland nach wie vor gehandelt wird. Konfrontiert mit den Recherchen der Journalisten gibt sie ihre Lügen sogar zu.

Was muss geschehen, dass Lügner dieses Kalibers nicht mehr bei Medienevents und peinlichen Preisverleihungen für Mord und Todschlag eintreten können? Ein Aushängeschild für das, wofür sie geehrt wurde, ist sie jedenfalls nicht! Sie kann weder glaubhaft für Mut und Tabubruch sowie für Meinungs- und Pressefreiheit oder gar kritischen Journalismus stehen – es sei denn der Journalismus ist nicht der Wahrheit verpflichtet.

  1. Die Passage findet sich am Ende der Dankesrede, ca. 32. Minute der Aufzeichnung.  []
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19 Kommentare
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  1. ja sagt:

    Ich lese mir jeden Tag alle Texte auf migazin.de durch und muss sagen, dass ich euch dankbar bin für jeden einzelnen Text. Schade, dass die Medienlandschaft nicht ein Beispiel an euch nimmt.

  2. susi zoller-mathies sagt:

    um welche lügen geht es da? ich verstehe den artikel nicht recht, würde gerne mehr verstehen, hab aber nicht die zeit, mir dafür 4-teilige dokus anzuschauen

  3. Sinan A. sagt:

    Eine salonfähige, rechtsradikale Bewegung wünschen sich viele, und die journalistische Mitte nimmt das hin. Dagegen zu schreiben ist nicht populär. Auch die Niggemeiers vom BildBlog sind da sehr zwiespältig.

    http://www.bildblog.de/39089/islamhass-ist-fuer-bild-nicht-der-rede-wert/

    Zitat:
    „Dafür, dass der ‚Bild‘-Artikel nun, so wie er veröffentlicht wurde, in der Islamhasser-Szene bejubelt wird, kann ‚Bild‘ nichts. Beifall von der falschen Seite ist leider nie völlig ausgeschlossen.“

  4. Mathis sagt:

    …das erinnert mich jetzt an Sabatina James, der man ähnliches vorgeworfen hat.Auch dahinter könnte man nun „System“ vermuten, diesmal nur von der anderen Seite.
    Die „Lügen“ hätte ich auch gerne hier benannt gesehen, ohne noch weiter nach deren „Wahrheitsgehalt“ recherchieren zu müssen.Soviel „Journalismus “ sollte schon sein!

  5. AI sagt:

    @Mathis: Es geht nicht um Verfehlungen. Es geht darum, dass Menschen die „Integrationsdebatte“ bestimmen, die mit der Bürgerschaft relativ wenig zu tun haben. Durch solche Fälle wird man das Gefühl nicht los, dass diese „Wortführer“ handverlesen sind. Oder wieso nennt Frau Hirsi Ali nicht die Staaten mit deren Waffen „die“ Islamisten die Weltherrschaft anstreben.

  6. Norman Fuglsang sagt:

    „Wenn Meinungs- und Pressefreiheit nur noch Lüge bedeuten.“ –
    Sagt mal habt Ihr Euch diesen Satz wirklich gut überlegt?!

    Frau Ayaan Hirsli hat sich in ihrer Rede wirklich total vergriffen, hat, wie man im Cicero-Artikel lesen kann, den verdienten Gegenwind bekommen. und wird wahrscheinlich bald nur noch in der rechten Pro-NRW-Ecke auftreten.

    Aber eine funktionierende Demokratie muss(!!) auch solche Leute aushalten können.

    Wenn hier „Presse+ Meinungsfreiheit“ mit „Lüge“ gleichgesetzt werden, frage ich mich, wofür Ihr mit dieser Seite hier eigentlich stehen wollt.

  7. Mathis sagt:

    Wenn Frau Ayaan Hirsli von ihren Erfahrungen spricht, steht ihr das zu.
    Die Entscheidung, ihr ein Forum zu bieten, hat sicher mit ihrer Popularität zu tun.
    Wenn sie sich im Ton „vergriffen“ hat, wird man ihr dies, wie ja auch geschehen, zu verstehen geben.
    Um mich darüber aufzuregen, müsste ich jetzt wohl die entscheidenden Websites anklicken und mich in den Sog der Entrüstung ziehen lassen.Mag ich aber nicht.

  8. Leseübung sagt:

    Für die, die weder Englisch noch Niederländisch verstehen, hier das Wichtigste aus dem Film: die Frau war auf einer höheren Mädchenschule in Nairobi, sie wollte aber entgegen dem Willen der Eltern nicht studieren. Sie hat einen Candadier somalischer Abstammung geheiratet und auf dem Weg nach Canada ist sie in Europa geblieben. Auf die Dienste der Fluchthelferin hat sie verzichtet, weil sie sich auskannte. Und sie hat ihren Mann in Holland getroffen auch entgegen alter Aussagen. Im Interview windet und wendet sie sich und versucht die Widersprüche zu erklären…

  9. Norbert Schnitzler sagt:

    Hier wird einiges vermischt, versuchen wir mal etwas Überblick zu schaffen

    1. Die Lügnerin
    „Leseübung“ hat die Fakten schon zusammengefaßt. Bekannt wurden sie aber nicht durch Dailymotion 2009, sondern durch das sozialidemokratische (von der PvdA-nahen VARA produzierte) Fernsehmagazin „Zembla“, Ausgabe 11.5.2006 Die ihr bewiesenen Lügen waren Aussagen, um die Einbürgerung in die Niederlande zu erlangen. Die damalige Ministerin für Fremdensachen und Integration, Rita Verdonk, gehörte zwar noch der gleichen Partei wie Hirsi Ali (der VVD des heutigen Ministerprüsidenten Rutte), an, war aber als Hardlinerin bekannt und wollte wohl nicht den Eindruck erwecken, eine Parteifreundin zu schonen. Die Einbürgerung (naturalisatie) wurde für nichtig erklärt.

    2. Wahrheiten
    Ayaan Hirsi Alis politischer Weg begann in der PvdA (Partei der Arbeit, sozialdemokratisch) – eigenen Wiardi Beckman Stichting, die sie 2002 Richtung VVD verließ, um freier Kritik am Islam (zu dem sie sich nicht mehr zählte) äußern zu können. Darauf bezieht sich de Winter in seiner Laudatio, wo er die Fernsehdebatte mit 2 Moslemmännern erwähnt, in der Ayaan ihre Kritik zum 1. Jahrestag der Attentate auf das WTC übte

    Seither wurde sie mit dem Tod bedroht und war unter Polizeischutz. Das geschah doch nicht, weil sie für ihre Einbürgerung gelogen hatte. Abfall vom Glauben gilt im Islam als todeswürdig und wird auch nur in einigen moslemischen Ländern mit der Todesstrafe bedroht. Trotz allem, was sie vorher falsch gemacht hatte, war sie damals sicher mutig. Wäre sie weiter für Multikulti eingetreten, hätte sie es zumindest leichter gehabt, wenn auch nicht mit Rita Verdonk.

    Als Mohammed Boujeri am 2.11.2004 den Filmregisseur Theo van Gogh, der mit Hirsi Ali den Film Submission (Unterwerfung) gedreht hatte, ermordete, beendete er die Tat damit, daß er mit einem Messer einen Drohbrief an Ayaan Hirsi Ali auf van Goghs Brust befestigte. Das geschah sicher nicht, weil er schon wußte, was Zembla 2006 berichten würde.

    Daß Leute, die wahrscheinlich nur noch leben, weil sie ständig unter Polizeischutz stehen, nicht gerade positiv von denen denken, die sie bedrohen, ist eigentlich selbstverständlich. Daß Ayaan nicht nur bei der Einbürgerung gelogen hat, sondern auch über den Islam, ist so logisch wie die Behauptung, daß die Shoa erfunden ist, weil Bruno Dössekers Biografie als angebliches KZ-Opfer Binjamin Wilkomirski erfunden war.

    3. Der Brevik-Vergleich
    Das entschuldigt aber nicht, daß sie Breiviks Behauptung, er habe keine andere Wahl gehabt, als zur Gewalt zu greifen, weil alle Möglichkeiten, seine Ansichten öffentlich kundzutun, von den „Anwälten des Schweigens“ (über die sie selbst vorher lange gesprochen hatte) zensiert worden seien, so in ihre Dankesrede einbaut. Ich verstehe den Zusammenhang zwar nicht so, daß sie ihm Recht gibt, aber so, daß sie die von Breivik zustimmend zitierten „IslamkritikerInnen“ (zu denen sie selbst, Broder, aber auch John Stuart Mill gehören) von der Mitschuld freispricht. Nicht mit dem bei denen Gelesenen begründe er die Tat, sondern mit der Zensur durch die Anwälte des Schweigens. Da fiel ihr wohl ein Stein vom Herzen.

    Ein paar klare Worte dazu, daß weder die einen, noch die anderen diese Tat rechtfertigen, wären jetzt angebracht gewesen, aber darauf verzichtete sie. Auch auf Alternativen geht sie nicht ein. Breivik hätte jemanden mit Schuhen bewerfen oder ohrfeigen können, Karikaturen zeichnen können, die zu Polizeischutz für ihn geführt hätten, oder sich wie seinerzeit Jan Palach, Oskar Brüsewitz, Hartmut Gründler, Semra Ertan (vor 30 Jahren und 4 Tagen wegen Ausländerfeindlichkeit) oder Mohamed Bouazizi, von denen man noch jetzt mit Bewunderung.spricht, selbst verbrennen oder, da er Schußwaffen hatte, selbst erschießen können wie der griechische Rentner Dimitris Christoulas auf dem Syntagmaplatz vor ein paar Wochen.

    Sabine Schiffer geht zu weit, wenn sie daraus macht: „Im Dankesvortrag machte [sie] sich die Argumentation des norwegischen Massenmörders Breivik zu eigen“. Stefan Buchen hat vor seinem Cicero-Artikel noch mal nachgefragt und meldet immerhin auch die Zurückweisung der Unterstellung. Schiffer schreibt:

    Gerlach hat es richtig erkannt: „So reden rechtsradikale Verschwörungstheoretiker.“

    So einer ist Breivik. Aber die bei der Preisverleihung versammelten Kreise, insbesondere die Preisträgerin, scheinen die Grenze noch nicht überschritten sondern allenfalls geschrammt zu haben.
    Im übrigen ist es nicht ungewöhnlich, daß man bei einer Rede etwas zu hören meint, was im gedruckten Text anders wirkt, man denke an Philipp Jenningers berühmte Gedenkrede zum 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ 1988.

  10. Leseübung sagt:

    Das mit den „Anwälten des Scheigens“ wäre amüsant, wenn es nicht so falsch wäre. Denn gerade der nicht ganz kleine Springer-Konzern macht doch seit Jahr und Tag bei der Hetze mit, nicht nur bei der gegen den Islam. Sich hier als Ehrende einer Tabubrecherin zu geben, ist doch lächerlich. Ein Schweigekartell lässt sich da einfach nicht ausmachen, aber Behaupten kann man es ja mal, wie es die vielen anderen „Tabubrecher“ von Sarrazin über pi-news bis Grass auch und erfolgreich tun.


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