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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985
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Distanzierung

Der „pawlowsche Muslim-Reflex“

Der NSU-Staatsskandal wurde nahezu vollständig aus der medialen und politischen Öffentlichkeit „plötzlich“ weggedrängt. Nach nur wenigen Monaten reden wir fast ausschließlich über sog. „Salafisten“ und Muslime reagieren so, wie es von ihnen bevormundend erwartet wird.

VONÇefli Ademi

Volljurist, hat an der Universität Bielefeld Rechtswissenschaften studiert und an der Bucerius Law School in Hamburg promoviert. Gegenwärtig ist er stellvertretender Leiter des Fachbereichs Recht der Stadt Gütersloh. Daneben arbeitet er an seiner Habilitation zum Thema: "Islamische Jurisprudenz mit Blick auf den bundesdeutschen Verfassungsstaat - Religionsverfassungsrecht mit Blick auf den Islam" und ist Lehrbeauftragter zur "Einführung in die islamische Jurisprudenz".

DATUM25. Mai 2012

KOMMENTARE23

RESSORTAktuell, Meinung

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Über zehn Jahre morden Naziterroristen frei durch Deutschland. Hohe Behörden hatten sogar – jedenfalls mittelbar – „Geheimdienst“-Ausweise für sie ausgestellt. Ermittlungsbehörden diskreditieren die Opfer und ihre Angehörigen mit falschen Verdächtigungen und nehmen letzteren so das Recht auf menschenwürdiges Trauern. Sie verhöhnen gar die Opfer, die fast allesamt türkischen »Migrationshintergrund« haben, mit dem Unwort des Jahres 2011: „Dönermor-de“.

Ein Staatsskandal sui generis, wie sich sträflich spät, also erst im Jahre 2011, herausstellte. Die insoweit offensichtlichen und eklatanten Ermittlungsdefizite kosteten bisher keinem Führungsermittler den Posten, geschweige denn einem verantwortlichen Minister. Eine kurze Welle der (authentischen) medialen und politischen Empörung – mit Ausnahme einiger CDU-Funktionäre, die stattdessen in einer für sie zu liberalen Einwanderungspolitik nach Entschuldigungsgründen suchten –, und eine vom Bundespräsidenten a. D. Christian Wulff initiierte offizielle Gedenkfeier für die Opfer sollten reichen, um jedenfalls ideell zu entschädigen. Manche sprachen von „Augenwischerei, immerhin“. Eine emotionale Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen blieb in breiten Teilen der „urdeutschen“ Mehrheitsgesellschaft aus. Dies korrespondiert schließlich – wie Michel Friedmann in einem Fernsehinterview zutreffend konstatierte – mit der mangelnden Handlungssolidarität der Ermittlungsbehör-den.

Es dauerte nur wenige Monate bis dieser beispiellose Staatsskandal nahezu vollständig aus der medialen und politischen Öffentlichkeit „weggesprengt“ wurde. Und welches Sprengmittel eignete sich dazu am besten: Zurechtgeschmiedete, das „christliche Abendland“ gefährdende „Salafisten“, die – wer oder was auch immer damit gemeint ist – seit der flayermäßigen Verteilung von Koranübersetzungen auf einigen Fußgängerzonen Deutschlands wie auf Knopfdruck die „Tagesthemen“ beherrschen.

Nicht wenige Muslime springen dem vorgelegten (Ablenkungs-) Knochen reflexartig hinterher und sind fleißig dabei, sich vom „Salafisten“, dem begrifflich neuen, aber substanziell nicht hinreichend ausdifferenzierten Staatsfeind, möglichst scharf zu distanzieren. Politische und mediale Wortschöpfungs- und Deutungshoheiten sowie bevormundend signalisierte Erwartungshaltungen gegenüber Muslimen werden nicht in Frage gestellt. Dies mündet schließlich im permanenten Gefühl der Muslime, einer Buschrhetorik ausgesetzt zu sein: „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“.

Vor dem Hintergrund, dass „hohe Behörden bei den Morden durch Neonazis blind waren auf dem rechten Auge“, findet Gesine Schwan es „makaber, dass jetzt plötzlich die Angst in Deutschland vor den Salafisten grassieren muss“.

Gut, dass sie ausspricht, was ausgesprochen werden muss. Muslime scheinen gegenwärtig nämlich verdammt zu sein, sich unermüdlich selbstkritisch um der bevormundend erwarteten Selbstkritik willen vom sog. „Salafisten“ loszusagen. Und die reflexartige aber unreflektierte Selbstkritik als Selbstzweck oder allenfalls als wertloses Glaubwürdigkeitssiegel erfreut sich unter Muslimen immer mehr an Beliebtheit. Pawlow würde sich in seiner Theorie der klassischen Konditionierung vollends bestätigt fühlen.

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23 Kommentare
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  1. Misti sagt:

    Natürlich, ist der Reflex da!

    Erst gegen Hartzler, dann … und nun sind es die Muslime, die SCHULD sind …

    Es ist mehr als ein Refelx gemäß dem Pawlowsschen Hund, dem dass Wasser die Kleffen runtertropft …

    … es ist die Verwarlösung und Verodung von Werten, die Tragfähigkeit von gesllschaftfähiger Polemik im Miteinander aller SarNAZI!

  2. claudi74 sagt:

    Leidet Deutschland wieder einmal an Verfolgungswahn?!
    Früher fühlte man sich von den Juden bedroht- heute von Muslimen, angeblich sind bald alle Muslime auch Salafisten. Wie auch immer, aber Hauptsache Immer gegen Minderheiten und Randgruppen!!!

    Selber beachtet Deutschland die Menschenrechte nicht gross, z.B werden die Roma in den Kosovo abgeschoben, obwohl man weiss, dass sie dort verfolgt werden!!! Aber ständig andere Länder daran Erinnern, sie sollen sich gefälligst an die Menschenrechte halten. Dann macht es endlich selber vor!!!

  3. Optimist sagt:

    Das ist ja auch nichts neues, was sich nach und nach in die Medien so eingeschlichen hat. Wie lange war denn die Angelegenheit rund um die NSU mit irgendwelchen Konsequenzen in den Medien? Die BILD (und in kürzester Zeit sämtliche deutsche Medien) hatte ja sehr schnell ein Thema, das für D viel wichtiger war, nämlich die Wulff-Affäre. Wochen über Wochen wurde das Thema immer weiter hochgeschraubt, wie eine Staatsaffäre sondergleichen. Wer hatte denn da noch was für „Pleiten, Pech&Pannen“ der deutschen Behörden über? Gleichgepolt skandierten die Medien stattdessen einstimmig das „unfassbare“ Verhalten von Wulff, wofür die BILD sogar ausgezeichnet wurde. Der SPIEGEL, der sonst immer Informanten an vorderster Front hat, erzählte uns auch nur den gängigen Blödsinn, den man sonst überall liest und hört, nichts neues, wenn denn überhaupt was dazu geschrieben wurde.

  4. Optimist sagt:

    PS: Die „Verdächtigen“ kommen ohne großes Aufsehen in den Medien nach und nach wieder frei.

    http://www.tagesspiegel.de/politik/neonazi-zelle-mutmasslicher-nsu-helfer-auf-freiem-fuss/6674762.html

    Auch vom „kleinen Adolf“ hört man nichts mehr.

  5. Anmerkung sagt:

    @Optimist

    Vielleicht weil man denen nichts nachweisen kann?

  6. Optimist sagt:

    @ Anmerkung

    Dem Holger G konnte man nichts nachweisen? Was war denn mit der Waffe und den Papieren, die er den Uwes gegeben hatte? Was glauben Sie, zu was mich das Gericht verurteilt hätte, wenn ich einem nachweislichen Mörder (zB einem religiösen Fundamentalisten) ne Waffe und meine Papiere überlassen hätte? Wegen Beihilfe lebenslänglich mit anschließender Abschiebung ist hierbei wohl nicht unbedingt unwahrscheinlich, selbst wenn die Opfer mit einer anderen Waffe erschossen worden wären.

    Ach ja, stimmt, die Waffe von Holger G. war offenbar nur zum „Spielen“ gedacht, was machen Neonazis denn auch sonst mit Waffen, als auf ein paar Bäume und Bierflaschen zu schießen, oder wie?

    Nichts nachweisen, pah, ich würde ja sagen lächerlich, wenn die Sache nicht so bitter ernst wäre.

  7. Klausi sagt:

    @Optimist:

    Die Waffe von Holger G. wurde laut Medien nirgendwo eingesetzt und war auch nicht die Tatwaffe bei den Dönermorden.

    Wofür sollte man ihn dann verurteilen ?!?

  8. Ihr Reflex-Privileg? sagt:

    Ein insgesamt angestrengt reißerischer Artikel über einen dazu völlig ungeeigneten Fall.
    Ihre (tatsächliche?) Wahrnehmung über die Zusammenhänge und das objektive Mißlingen der Polizeiarbeit in diesem – extrem ungwöhnlichen und einzigartigen – Fall ist durchsetzt mit ex- und impliziten Annahmen und Mutmaßungen. Deutsche Justiz und Polizei geben nicht im geringsten Anlaß zu solcherlei beleidigenden Unterstellungen, leisten weit überwiegend gute und in höchstem Maße korrekte, gesetzeskonforme und erfolgreiche Arbeit. Auch und gerade die hierdurch gewährleistete, starke und stabile „innere Sicherheit“ und klare Rechtsstaatlichkeit ist ja für Verfolgte und Drangsalierte anderer Länder Einwanderungsmotiv.

    Sie werden den Opfern dieses Mördertrios nicht gerecht, wenn Sie den Fall dazu verwenden, Stimmung gegen das Einwanderungsland und seine Institutionen zu machen – solch ein unausgewogener und tendenziöser Beitrag ist für eine Seite, die sich dem (Im)Migrationsthema und damit ja wohl einem toleranten und vesöhnlichen Miteinander widmen sollte, nun wirklich denkbar unpassend!

    So wenig Sie Grund und Recht haben, pauschal der „urdeutschen“ Bevölkerung (und damit implizit zumindest auch allen nicht- und muslimischen Immigranten früherer Generationen) Emotionslosigkeit und mangelnde Solidarität vorzuwerfen, so wenig steht es Ihnen zu, den Salafisten-Spuk mit den Morden in irgend eine frei erfundene Beziehung zu setzen. Sie bewegen sich da auf niedrigstem Verschwörungstheorien-Niveau.

    Skandalisierungs-Reflex?
    Spielen mit der im Immigrations-Kontext immer heiklen „Verfolgten-Rolle“?
    Was nur läßt Sie die Wirklichkeit dermaßen verzerrt darstellen?
    Was nährt Ihren mehr oder minder unterschwelligen Haß gegen das Land, in dem Sie voll gleich berechtigt und mit großen Chancen leben, das Ihnen Rechtssicherheit, freie Religionsausübung und Bewahrung Ihrer kulturellen Besonderheiten und vieles mehr garantiert?

    Aufputschende Hetzreden sind offensichtlich nicht Privileg nur einer politischen Couleur – und schäbig allemal!

    Mich jedenfalls freut, daß sich in meiner Umgebung weit überwiegend „angekommene“ Immigranten muslimischen Glaubens wiederfinden. Die regen sich auch (zu Recht) über die Mord-Serie und das langjährige Versagen der Polizei auf. Die distanzieren sich aber durchaus auch, völlig unaufgefordert und selbstverständlich, vom Salafisten-Mob, der deutsche Beamte angreift und verletzt. Und siehe da – es gibt in beiden Themen gar keinen wirklich eklatanten Dissenz in der Wahrnehmung und Deutung deutscher Bürger, mit oder ohne jüngerem Migrationshintergrund, unabhängig von ethnischer Herkunft und Zugehörigkeiten zu religiösen Glaubensrichtungen. Gesunder Menschenverstand und universelle Moral sind eben in Wirklichkeit „Völker-verbindend“, mithin auch das Fundament unseres Staats.

  9. Pragmatikerin sagt:

    Ich stimme zu, dass der Artikel sehr reißerisch geschrieben ist, über eine eine Sache die zum Teil 10 Jahre zurückliegt und – sehr bedauerlich – 9 Menschenleben türkischer Nationalität gefordert hat.

    Was mich aber sehr aufregt ist, dass die z.B. ca. 3.000 Opfer am 11/9/2001 schon vergessen scheinen. Auch dort waren Deutsche zu beklagen und wurden – ohne dass diese es verhindern konnten – umgebracht. Wen interessiert das heute noch und wo wird – ausser an dem Gedenktag – darüber geschrieben, auch hier?

    Ausserdem, es werden in der ganzen Welt – hauptsächlich in muslimischen Ländern – tagtäglich Menschen – auch im Namen von Religion umgebracht, wer regt sich darüber hier auf?

    Also Leute bleibt auf dem Teppich, ein türkisches Menschenleben hat genauso seinen „Stellenwert“ wie ein Deutsches oder ein anderes.

    Die Deutsche Justiz wird – auch gemachte – Fehler sicher „ausbügeln“. Erinnert euch aber bitte daran, dass es hier auch viele Flüchtlinge aus muslimischen Ländern gibt, die nicht hierher geflohen sind um einem „Unrechtsstaat“ zu begegnen sodern – zu Recht – darauf hoffen, dass ihnen Gerdchtigkeit widerfährt.

    Pragmatikerin

  10. Cengiz K sagt:

    …Auch und gerade die hierdurch gewährleistete, starke und stabile “innere Sicherheit” und klare Rechtsstaatlichkeit ist ja für Verfolgte und Drangsalierte anderer Länder Einwanderungsmotiv….

    nichts ist umsonst, nicht wahr?

    ..so wenig steht es Ihnen zu, den Salafisten-Spuk mit den Morden in irgend eine frei erfundene Beziehung zu setzen. Sie bewegen sich da auf niedrigstem Verschwörungstheorien-Niveau…
    wow, Sie haben ja echt gehobenes Bild-Niveau! Und Mohammed Merah aus Toulouse, war der auch so ein Salafist? Die besten Verschwörungstheorien schreiben die meist-verkauften Blätter und meist-gesehenen Programme, und warum? Weil man/frau bei der Rezitation derselbigen so ein warmes Gefühl kriegt, dass alle einen verstehen..

    …Mich jedenfalls freut, daß sich in meiner Umgebung weit überwiegend “angekommene” Immigranten muslimischen Glaubens wiederfinden…..
    Sie sind SPD-Wähler, oder?

    …Was nährt Ihren mehr oder minder unterschwelligen Haß gegen das Land, in dem Sie voll gleich berechtigt und mit großen Chancen leben, das Ihnen Rechtssicherheit, freie Religionsausübung und Bewahrung Ihrer kulturellen Besonderheiten und vieles mehr garantiert?..
    Kein Land kann so etwas garantieren! Wie das Gros der deutschen Bevölkerung zum Grundgesetz steht , lässt sich allemal daran erkennen, dass immer wieder die gleichen Hochstapler in die höchsten Ämter gewählt werden, die selbiges am liebsten sofort abschaffen würden! Zuviel Pathos von Ihnen, das Bürger zur Unmündigkeit verhelfen soll! Was sie da sagen ist: Friss oder stirb! Anstatt zu sagen: weiter so Ihr freien Menschen, nichts ist umsonst!

    Da wo sie „angekommen“ sind, da will doch kein mensch hin: Gott bewahre..


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