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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Fünf vor Zwölf

Bundesweite Aktion am Welttag gegen Rassismus

Angestoßen von der Türkischen Gemeinde Deutschland wird heute um 11.55 Uhr gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Zahlreiche Verbände werden die Arbeit unterbrechen und vor die Tür gehen, Plakate hochhalten Lärm machen, hupen und schwarze Luftballons steigen lassen.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, heißt es im ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. An die gemeinsame Verantwortung, dieses Ideal zu fördern und zu schützen, erinnert der Internationale Tag gegen Rassismus jährlich am 21. März. Zurück geht das Datum auf das „Massaker von Sharpeville“ im Jahr 1960. In der südafrikanischen Stadt eskalierte die Situation während einer Demonstration gegen die Apartheidgesetze: 69 Menschen wurden von der Polizei getötet und mindestens 180 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Sechs Jahre später riefen die Vereinten Nationen den Gedenktag aus. Seitdem wird den Opfern von damals gedacht und Aktionen gegen Rassendiskriminierung gefördert und mobilisiert.

So auch heute. Dazu hat die Türkischen Gemeinden in Deutschland unter dem Motto „Es ist fünf vor zwölf“ aufgerufen. Bundesweit soll jeder zwischen 11.55 und 12 Uhr vor seiner Wohnung, vor seinem Büro, vor seinem Laden, im Auto oder auf der Straße gegen Rassismus protestieren“, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. Eine zentrale Veranstaltung soll es nicht geben. „Geh vor die Tür! Mach Lärm! Halte ein Plakat hoch! Lass Luftballons steigen! Hupe!“, heißt es in dem Aufruf.

Arbeitsniederlegung
Zahlreiche Verbände unterstützen die Aktion. Die AWO hat angekündigt, um 11.55 Uhr die Arbeit niederzulegen. Man dürfe nicht zulassen, dass rechte Ansichten durch das Unterwandern von zivilgesellschaftlichen Strukturen immer weiter in die gesellschaftliche Mitte vorstoßen, sagte AWO Präsident Wilhelm Schmidt. Auch der Deutsche Kulturrat unterstützt den Appell zur Arbeitsunterbrechung um 11.55 Uhr, sagte der Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Der Verband werde fünf Schweigeminuten einlegen. Außerdem forderte er alle Mitarbeiter des Kulturbereichs auf, ein „deutliches Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und für Vielfalt zu setzen“. In einer Gesellschaft ohne kulturelle Vielfalt möchte er nicht leben, sagte Zimmermann.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, hat davor gewarnt, Rassismus zum Problem einiger Radikaler zu erklären und zu verharmlosen. „Rassismus ist kein Randphänomen, pauschale Ablehnung von Menschen mit Migrationshintergrund findet sich allzu oft auch in der Mitte der Gesellschaft“, sagte Lüders und verwies auf den steigenden Anteil der gemeldeten Fälle zu Diskriminierungen aufgrund der Hautfarbe oder ethnischen Herkunft. Insbesondere nach dem Buch von Thilo Sarrazin werde in „öffentlichen Debatten um Migration und Integration, wie zuletzt über die Studie zur Lebenswelt junger Muslime des Bundesinnenministeriums, werden Migrantengruppen häufig auf vermeintliche Defizite reduziert“, so Lüders.

Vermeintliche Einzeltäter kommen nicht aus dem Nichts
Maria Böhmer (CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, verwies anlässlich des Rassismustages auf die „menschenverachtende Mordserie der Zwickauer Terrorzelle“. Das „hat uns auf dramatische Weise gezeigt, wozu Rassismus führen kann. Umso wichtiger ist es, gemeinsam gegen jede Form von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit aufzustehen. Es gilt, Rassisten und Extremisten ein deutliches Stoppschild entgegenzusetzen“, betonte Böhmer. Die Mordserie habe bei Menschen aus Zuwandererfamilien viele Fragen aufgeworfen: „Wie sicher kann ich in Deutschland leben?“ oder „Bin ich in Deutschland wirklich zu Hause?“

Auch Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, verwies auf aktuelle rassistische Angriffe: „Wir haben in den letzten Monaten rassistische Exzesse erlebt, die so von den meisten von uns nicht für möglich gehalten wurden. In Deutschland zieht über Jahre hinweg ein Nazi-Trio mordend und raubend durch unser Land. 10 Menschen werden getötet, weil sie nicht in das rassistische Menschenbild der Täter passten. In Toulouse werden drei jüdische Kinder und ihr Lehrer getötet, zwei weitere Kinder sind schwer verletzt. Zuvor tötete offenbar der gleiche Täter drei farbige Soldaten. In Norwegen ermordet ein Nazi 77 Menschen – zumeist Jugendliche – weil sie Sozialdemokraten waren. Diese Fälle rassistischer Verbrechen sind schockierend“, so die Sozialdemokratin. Vermeintliche Einzeltäter kommen „nicht aus dem Nichts, sondern von einem aggressiven gesellschaftlichen Klima“, sagte Nahles und fuhr fort: „Wir alle haben noch die Bilder der Brandopfer von Mölln und Solingen vor Augen.“ (hs)

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Ein Kommentar
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  1. krause sagt:

    „In Toulouse werden drei jüdische Kinder und ihr Lehrer getötet, zwei weitere Kinder sind schwer verletzt. … Vermeintliche Einzeltäter kommen „nicht aus dem Nichts, sondern von einem aggressiven gesellschaftlichen Klima“,

    Wahre Worte. Deshalb emigriere derzeit viele jüdische Franzosen nach Israel.



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