MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

ARD-Döner-TV

Öffentlich-rechtlicher Rassismus zur besten Sendezeit

Donnerstagabend. 20:15 Uhr. ARD. Fastnachtsendung: „Frankfurt: Helau“. Inhalt: Vorurteile und Klischees über Türken – verpackt als Witz und in gebrochenem Deutsch. Landesausländerbeirat fordert Entschuldigung. ARD und der HR nehmen Angebot aus dem Internet.

Würden Sie Geld dafür zahlen, um öffentlich lächerlich gemacht zu werden? Millionen Türken und Muslime tun das. Nicht weil sie zu viel Geld oder einen überdurchschnittlichen Sinn für Humor haben, sondern weil sie gezwungen werden, über ihre GEZahlten Rundfunkgebühren Fastnachtsendungen wie „Frankfurt Hellau“ mitzufinanzieren, die am 2. Februar 2012 zur besten Sendezeit (Uhr 20:15) im Abendprogramm im ARD ausgestrahlt wurde.

„Döner TV“ hieß die Büttenrede. Die Moderatorin trug ein Dirndl mit passendem Kopftuch in „Türk“is und machte in bewusst gebrochenem Deutsch plumpe Witze über „Eiche“ und „Achmed“. Die eine arbeitet als „Butzfrau“, der andere in der „geschlossenen Sendeanstalt“ – ausgestattet mit einem 10-jahres-Arbeitsvertrag ohne Bewährung. Der Saal jubelt.

Geschmacklosigkeit
Der Zuschauer vor dem Fernseher aber staunt über die Geschmacklosigkeit. So auch Corrado Di Benedetto, Vorsitzender des Landesausländerbeirats in Hessen (agah): „Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Hier ist uns aber das Lachen im Halse stecken geblieben. Die karnevalistische Freiheit ist ein hohes Gut. Und: Satire darf alles, nur nicht herabsetzend sein. Hier wurden aber alle Regeln des Anstandes verletzt.“

Die Büttenrednerin hat als „Türkin Eiche“ fast alle, gegenüber Türken bestehenden Vorurteile wie z.B. Kriminalität, Gewalt oder Klischees von der Unterdrückung der Frau und schlechter Bildung bedient, beklagt Di Benedetto. Der Beitrag sei eine Aneinanderreihung negativer Assoziationen gegenüber Türken und habe mit forschen Mitteln nichts als Abgrenzung praktiziert. Ein anderer Hintersinn sei bei bestem Wohlwollen nicht erkennbar. Die Büttenrede über Integration habe die Grenze der „Narrenfreiheit“ deutlich überschritten und sei eine öffentlich‐rechtliche Zurschaustellung von rassistischen Vorurteilen und im Ergebnis eine einzige Erniedrigung einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

Angebot gelöscht
Der Hessische Landesausländerbeirat hat beim Hessischen Rundfunk gegen die Ausstrahlung Protest eingelegt und eine Entschuldigung des Senders gefordert.

Dieser Forderung kam man bisher nicht nach. Nüchtern und im Lichte dieser Vorwürfe betrachtet, scheint die Sendung den Verantwortlichen aber doch peinlich geworden zu sein. Sowohl im Mediathek des Onlineangebots der ARD noch auf den Internetseiten des Hessischen Rundfunks findet man mittlerweile Informationen zur Sendung. „Leider konnte die gewünschte Seite nicht gefunden werden“, heißt es jetzt, wenn nach einem Suchlauf auf den entsprechenden Link geklickt wird. (bk)

Uptdate:
Einer Meldung der Frankfurter Rundschau zufolge will der Hessische Rundfunk die umstrittene Büttenrede, rotz des Vorwurfs, die Sendung bediene billige Klischees über Türken und türkisch stämmige Menschen, erneut ausstrahlen. „Das gehört zur sprichwörtlichen Narrenfreiheit“, verteidigt HR-Pressesprecher Tobias Häuser.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

74 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Shanelle sagt:

    Ein derartiger Rassismus, verpackt unter dumpfen Jux und Dollerrei, insbesondere nach den sogenannten „Döner-Morden“ ist, offen gesagt, eine Schweinerei und sollte strafrechtlich verfolgt werden!

  2. Meinung sagt:

    Eine ganz gemeine, geschmacklose Sache ist das! Und sowas kurz nach den menschenverachtenden „Döner-Morden“, einfach unglaublich, was sich die „Öffentlich-Rechtlichen“ hier erlauben.

    Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sich diese Sender mit „Qutotentürken und Quotenarabern“ schmücken (ZDF-Moderatoren, Metereologen), dass im Abendprogramm aber immer blonde und blauäugige Moderatoren die Sendung übernehmen? So offen und moderat will man dann doch nicht sein, der ANSCHEIN, dass man auch hier weltoffen ist, reicht dann auch!!!

  3. Mario sagt:

    Wen man die Kommentare auf anderen Webseiten liest, weiß man wie es um dieses Land bestellt ist.

    Ich habe diese Sendung live gesehen und mich danach schriftlich beschwert.

    In Hessen gibt es einen tiefen Sumpf dieser braunen Kacke, der weit in die etablierten Parteien speziell die CDU hineinreicht. Der Rassismus ist derart tief in der Struktur bei diesen Menschen, dass sie solche Kritik nicht einmal verstehen.

    Hier ist die Standard-Antwort:

    „Die Wahrheit muss man doch sagen dürfen, außerdem war es ja nicht böse gemeint, sondern lustig, wenn es Dir nicht passt verschwinde doch in das Land wo Du her kommst“

    Soviel dazu….

  4. delphin sagt:

    und wieder jammert die moslemische Umma! Ihr versteht wirklich keinen Spaß! Über uns Polen werden schon seit Jahren -auch gerne von Türken- Witze über Autoklauen gemacht. Wir nehmen’s gelassen. So eine Büttenrede bedient halt nun mal -auch aus satirischen Gründen- Pauschalurteile. Da geht es anderen Minderheiten nicht besser. Also, Heißblüter, ruhig Blut! Ist nicht alles so schlmm hier, wie ihr denkt!

  5. ultrahorst sagt:

    meine meinung dazu ist (und ich bin froh, dass ich sie unzensiert veröffentlichen darf):

    jeder soll das recht haben, sich über jeden lustig machen und jeder hat das recht verarscht zu werden, somit also ein recht auf humor: ostfriesen, frauen, männer, behinderte, kinder, hunde, ausländer, ethnische gruppen… kurzum: JEDER! das recht auf freie meinungsäußerung darf nicht verboten oder zensiert werden.
    inhaltlich kann ich nachvollziehen, dass sich leute durch so einen fernsehbeitrag gestört fühlen, auch ich verfolge teilweise sendungen im fernsehen, die mich beleidigen, teilweise schafft das selbst die tagesschau, aber auch niveaulose karnevalssendungen. was solls? ich bekenni mich zu einer freien gesellschaft, in der niemand zensiert oder verboten werden darf.

  6. Ich bin einfach nur erschüttert.. und sprachlos!

  7. Marco sagt:

    „Satire darf alles, nur nicht herabsetzend sein.“

    Seltsam falscher Kommentar wenn man bedenkt das der deutsche Begriff der Satire die „Spottdichtung“ ist.

    Demnächst beschweren sich vermutlich noch die schwer diskriminierten Mantafahrer.
    Und nochwas, nichts von dem in dieser Büttenrede war jetzt schlimmer oder stereotyper als das was Bülent Ceylan oder Kaya Yanar verzapfen.

  8. Shanelle sagt:

    Delphin, es ist leider so, dass Sie auf der Seite der Lachenden stehen und die Seite der Leidtragenden gar nicht verstehen können.

    Im Übrigen hört der Spass dort auf, wo der vermeindliche Spass der Einen auf Kosten der Anderen EINSEITIG gemacht wird (ich habe noch nie etwas vom türkischen Karneval gehört, wo sich die Leute über die Deutschen lustig machen):

    Auch ist Ihre Argumention wieder einmal unüberlegt: Glauben Sie allen Ernstes, es wäre möglich, Judenwitze auf Karnevalsfeiern zu machen???

    So, und bevor Sie sich jetzt wieder mokieren, sollten Sie einmal inne halten und Teile Ihres Cerebums benutzen, fürs Denken ist der nämlich da und nicht nur fürs Lachen!

  9. Bierdurst sagt:

    Können die Deutschen etwas dafür dass es keinen türkischen Karneval gibt?
    Wenn Sie sich durch Büttenreden beleidigt fühlen dann haben sie etwas in diesem Land nicht verstanden.
    Mann mann mann…

  10. Mirakel sagt:

    „Uptdate:
    Einer Meldung der Frankfurter Rundschau zufolge will der Hessische Rundfunk die umstrittene Büttenrede, rotz des Vorwurfs, die Sendung bediene billige Klischees über Türken und türkisch stämmige Menschen, erneut ausstrahlen. „Das gehört zur sprichwörtlichen Narrenfreiheit“, verteidigt HR-Pressesprecher Tobias Häuser.“

    Schön, dass man sich nicht einschüchtern lässt.


Seite 1/812345»...Letzte Seite

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...