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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Der deutsch-amerikanische Bindestrich

Multikultur-Lektionen aus Amerika vor hundert Jahren

Vor 125 Jahren tobte in den USA ein Kampf um Leitkultur und Parallelgesellschaft. Er klingt merkwürdig vertraut. Die Konfliktfelder sind Religion, Geschlecht und Sprache – es geht um deutsche Parallelgesellschaften oder Little Germanies.

VONY. Michal Bodemann

Der Autor, 66, ist Professor für Soziologie an der Universität Toronto und Leiter des europäischen Büros der Universität in Berlin.

DATUM21. Oktober 2011

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: "Blätter für deutsche und internationale Politik"

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Das Erbe der deutschen Einwanderung
Die deutsche Sprache als Kern des Ethnischen ist heute in den USA verschwunden – was aber ist von den vielen Millionen Menschen der deutschen Einwanderung des 19. Jahrhunderts geblieben? Erstens, zweifellos, vieles auf kulturellem Terrain. Die musikalische, die literarische und die akademische Kultur hat durch das deutsche Element des 19. Jahrhunderts einen maßgeblichen Impuls erhalten, der sich über Jahrzehnte fortgesetzt hat. Nicht zu vergessen ist hier auch eine – allerdings unter anderem durch Disney verkitschte – deutsche Weihnachts- und Märchenkultur.

Zweitens haben sich die Konsumtionsmuster durch als deutsch definierte Speisen und Getränke fortgesetzt. Was den Genuss von Bier betrifft, so könnte man, überspitzt formuliert, die Prohibition als kaum verdeckte Kontinuität der anti-deutschen Agitation verstehen: Es traf zum größten Teil Deutsche und in zweiter Linie die Iren, die hier den Deutschen in ethnischer Affinität und anti-britischer Haltung verbunden waren. So entstanden German-Irish Leagues, und St. Patrick’s Day und Bismarcks Geburtstag wurde gemeinsam gefeiert.

Drittens darf das Erbe der 1848er-Emigration nicht vergessen werden. Ihre radikaldemokratische Deutung der amerikanischen Verfassung, ihr Radikalismus allgemein, war etwas sehr Neuartiges für die junge Republik. Ihre ideologische Arbeit bestätigte letztlich, wenn auch ex negativo, amerikanische Werte. Ihr Radikalismus floss ein in die Arbeiterbewegung, und sowohl der gemäßigteren American Federation of Labor, als auch der breiteren Gesellschaft war dieser Radikalismus ein Dorn im Auge – was nicht zuletzt in der Haymarket-Affäre zum Ausdruck kam.

Neben der Arbeiterbewegung wären der Pazifismus, die Neutralitätsbestrebungen im Ersten Weltkrieg und spätere radikale Bewegungen in den 20er Jahren ohne den Einfluss des ursprünglich ethnisch-deutschen Radikalismus kaum denkbar gewesen. Nach Ende des Krieges, angesichts der erstarkenden Arbeiterbewegung, lebte diese immer noch von Deutschen beeinflusste radikaldemokratische Tradition also wieder auf, und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gewerkschaften. Sie wurde in der antikommunistischen Kampagne nach dem Ersten Weltkrieg („Red Scare“) massiv bekämpft.

Bei diesen Konflikten und dem offenbaren Verschwinden des deutschen Elements aus der Öffentlichkeit handelt es sich daher meines Erachtens weiterhin um untergründige ethnische Prozesse – wenn auch als Prozesse ideologischer Arbeit ohne Ethnos. Es war ein Kampf gegen eine fremde Kultur, die ihren Ethnos verloren hat. Was dagegen überlebt hatte, waren Mechanismen ideologischer Arbeit, obgleich ihr manifestes ethnisches Objekt abhanden gekommen war.

Die Deutschen kamen in großer Zahl ins Land, als sich die USA mit der Industrialisierung auf einen viel breiteren, technisch qualifizierteren Einwandererpool jenseits des Angelsächsischen stützen musste. Als deutsch definierte Eigenschaften wie Tüchtigkeit, Kultur und Ordnungsliebe wurden deshalb von der Hegemonialgesellschaft geschätzt und als Vorbild gepriesen. Andererseits wollte diese auf die englischen ethno-nationalen Fundamente nicht verzichten, wie schon von den Ausfällen Benjamin Franklins gegen deutsche Einwanderer bekannt.

Es war also eine Hegemonialgesellschaft, die zwischen Multi- und Monokultur hin- und herschwankte, am Ende aber den nationalen Rausch im Ersten Weltkrieg als Mittel nutzte, um Multikulturalismus und die Anerkennung des Andersseins des Fremden nicht weiter zu tolerieren. Infolgedessen wurde den Bindestrich-Amerikanern, sprich: den Deutschen, der Kampf angesagt – zu einem Zeitpunkt, als es deutsche Bindestrich-Amerikaner ohnehin kaum mehr gab. Dies mag teilweise – jenseits von staatlicher und zivilgesellschaftlicher Repression – auch erklären, warum die Deutsch-Amerikaner nur ein sehr schwaches, politisch naives und unvorsichtiges Führungspersonal hervorgebracht haben und weshalb selbst ihre Institutionen, also Vereine, Biergärten, deutschsprachige Schulen und Kirchen, letztlich nicht überlebten. So wurde aus einer hochgradig geschlossenen Gruppe ein assimilierter Teil der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft. Und dennoch: Als Ethnos mögen die Deutschen in den USA verschwunden sein, als vielschichtiges kulturelles Erbe lebt ihre ideologische Arbeit im Amerika der Gegenwart weiter fort.

Heute stellt sich die Frage, ob die deutsch-amerikanische Vergangenheit in der Zeit des Ersten Weltkriegs ein Spiegel unserer Zukunft in Deutschland ist, oder ob die deutsche Gesellschaft – wie in den USA vor dem Ersten Weltkrieg zumindest teilweise geschehen – weiterhin Multikulturalismus akzeptieren wird. Dann würden wir von einem Äquivalent der anti-deutschen Hysterie der Vereinigten Staaten von vor fast hundert Jahren verschont bleiben.

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