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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Der deutsch-amerikanische Bindestrich

Multikultur-Lektionen aus Amerika vor hundert Jahren

Vor 125 Jahren tobte in den USA ein Kampf um Leitkultur und Parallelgesellschaft. Er klingt merkwürdig vertraut. Die Konfliktfelder sind Religion, Geschlecht und Sprache – es geht um deutsche Parallelgesellschaften oder Little Germanies.

VONY. Michal Bodemann

Der Autor, 66, ist Professor für Soziologie an der Universität Toronto und Leiter des europäischen Büros der Universität in Berlin.

DATUM21. Oktober 2011

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: "Blätter für deutsche und internationale Politik"

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Deutsche Wirtschaft und deutsche Arbeitervereine
Es trifft sicherlich zu, dass die Einwanderer auch in der zweiten Generation weiterhin Deutsch sprachen, deutsche Zeitungen lasen, ihre Kinder in deutsche Schulen und deutschsprachige Gottesdienste schickten, deutsche Feiertage beibehielten, am Wochenende im Sommer in die Gartenlokale oder Biergärten zogen, im Winter in enge Wirtschaften, in Schützenvereinen, Arbeitervereinen oder deutschen Gesangvereinen und Theatern ihre Zeit verbrachten. Die Atmosphäre in diesen Wirtschaften ist im „Atlantic Monthly“ 1867 wie folgt beschrieben worden: „Noch charakteristischer als die Restaurants am Broadway, die nach deutschen Prinzipien geführt werden, sind die kleineren, die durch die gesamte Stadt verteilt sind – sonderbare schmutzig-braune klapprige Wirtschaften, in denen Familien teutonischer Rasse – Männer, Frauen und Kinder – einen Großteil ihrer Zeit zu verbringen scheinen. [….] Die Bar sieht aus wie eine Brustwehr, die von einem Regiment von Gourmands errichtet wurde, um dem Vormarsch des Hungers zu begegnen. Es ist hochgestapelt mit Haxen und zubereitetem Fleisch, angepasst an den starken deutschen Magen – enorm fette Schinken, nicht voll durchgekocht, weil der Deutsche sein Schwein halbroh vorzieht; Keulen von kaltem Corned Beef, bedrängt von kalter gebratener Keule und Flanken vom Kalb; Wurstpyramiden jeglicher Form und Größe, und eine Reihe verwandter Artikel von zubereitetem Schweinefleisch.“

Gerade die deutsche Einwanderung war also, wie es der kanadische Soziologe Raymond Breton treffend formulierte, durch ein hohes Maß an „institutional completeness“ charakterisiert: Die Einwanderer waren integriert in ein dichtes Netz ethnischer Institutionen, quasi von der Wiege bis zur Bahre, eine Abschließung, die hier und andernorts Ressentiments hervorgerufen hat. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass diese Institutionen wiederum in amerikanische juristische, bürokratische und ökonomische Strukturen eingebettet waren und deutsche Handwerker, Arbeiter und Kaufleute eben nicht nur für deutsche Brauereien arbeiteten, sondern in eine ortsansässige Klientel eingebunden waren. Dies ist auch an den deutschsprachigen Zeitungen zu sehen, die selbstverständlich nicht nur Nachrichten aus Deutschland und den Little Germanies, sondern eben auch über amerikanische Politik übermittelten.

Hierbei sollte gerade die bedeutsame, wenn auch widersprüchliche Rolle der deutschen Arbeitervereine nicht vergessen werden. Ein Großteil der deutschen Einwanderer war als Industrieproletariat in diese Organisationen integriert. Einerseits gerierten sich diese internationalistisch, waren also offen für die gesamte amerikanische Arbeiterklasse ohne Rücksicht auf die Herkunft; andererseits waren Goethe, Schiller und Beethoven, die deutsche Sprache und die Biergärten für diesen ganz eigenen Universalismus zumindest über lange Jahre unabdingbar. Bereits 1856 wird diese deutsche Eigenart in der „North American Review“ in auch für spätere Jahre typischer Weise beschrieben: „Unter den 48ern befanden sich die intellektuellsten und fähigsten unserer deutschen Bevölkerung. Doch waren unter ihnen zu viele jener ungestümen und rastlosen Geister, die immer durch Aufruhr aus dem Dunkeln hervortreten. Die Deutschen sind fast einstimmig gegen die Sklaverei und gegen das Verkaufsverbot berauschender Getränke. […] Die Deutschen haben bislang unsere Gesetze, unsere Sprache und die meisten unserer Gebräuche erhalten. Sie sind freilich dadurch kaum beeinflusst worden.“

Nach 1880: Der Weg gabelt sich
Vor allem nach 1880 gabelt sich die Immigration: Einerseits findet eine Konsolidierung der ethnischen Institutionen statt, andererseits erfolgt der langsame Verlust der deutschen Sprache und eine stärkere Assimilation, „Amerikanisierung“, bei der jüngeren Generation. Um die Zeit des Ersten Weltkriegs war diese Assimilation praktisch abgeschlossen, und in den 20er Jahren befand H. L. Mencken, Deutsch-Amerikaner der zweiten Generation und der herausragendste der deutschstämmigen Autoren: „Die Deutschamerikaner bilden eine Gruppe, die in schnellem Verfall begriffen ist. Dieser Verfall hat schon lange vor dem Kriege begonnen. Ja, der Krieg hat ihn sogar für einige Zeit aufgehalten. […] Das Deutschtum in Amerika war nur noch ein Spielzeug für drittrangige ‚Führer’, die meist etwas zu verkaufen hatten; im Übrigen war es tot. […] Der Schmelztiegel hat die Deutschamerikaner verschlungen wie keine andere Gruppe, wie nicht einmal die Iren.“

Wie aber reagierte das Umfeld, die hegemoniale Mehrheitsgesellschaft, auf die deutsche Einwanderung? Wenn wie in Chicago innerhalb weniger Jahre die Zahl deutscher Einwanderer auf ein Drittel der Bevölkerung anwuchs, so musste dies eine drastische Wirkung auf das Umfeld – sprich: auf die hegemoniale, vornehmlich durch Puritanismus und englische Kultur geprägte Gesellschaft – haben, und zwar in höchst ambivalenter, positiver wie negativer, Weise.

Was die Freizeitgestaltung anbelangte, deuteten die deutschen Einwanderer den Sonntag, den Sabbat der Puritaner, um. War für diese der Sonntag ein ernster und besinnlicher Tag, den es in der Kirche und still zu Hause zuzubringen galt, so war für die Deutschen, ob Protestanten, Katholiken oder Sozialisten, der Sonntag ein Familientag für Picknicks und Biergärten, mit großer Trink- und Sangesfreude.

Darüber hinaus brachten die Deutschen, wie sie es sahen und wie auch es von außen gesehen wurde, Kultur ins Land: deutsche Literatur, Theater und die Musik, Mozart, Haydn, Bach und Beethoven. Zusammen mit dem von Amerikanern an Deutschen damals gepriesenen Ordnungssinn und der deutschen Tüchtigkeit, der „industriousness“ (vor allem guter handwerklicher Arbeit), führte dies zu beträchtlicher Ambivalenz gegenüber den deutschen Einwanderern – mit desaströsen Konsequenzen für den Fortbestand der deutschen Einwanderer als Gruppe zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die deutschen Einwanderer kontrastierten mit der Gesamtgesellschaft, was die Frage des kulturellen Beitrags, die mangelnde religiöse Rigorosität sowie die Frage von Gender, Sprache und Geselligkeit mittels Konsumtion von Bier anbelangt.

Deutscher Gesang und deutsches Bier
Deutsche Kultur war für die hegemoniale Außengesellschaft vor allem musikalische Kultur – ein Novum für die puritanisch geprägte Gesellschaft, die mit Musik, dazu noch säkularer Musik, nicht viel anzufangen wusste. Dabei bestand in urbanen mittelständischen Milieus durchaus Interesse. So beobachtet der „Christian Examiner“ bereits im Jahre 1851: „Die Deutschen sind den Amerikanern tatsächlich überlegen, was die schönen Künste betrifft, die der Gesellschaft so viel ihrer Ausschmückung gibt. Ihr musikalischer Geschmack ist hervorragend, und sowohl mit Stimme wie mit Instrument haben viele von ihnen ein hohes Maß an Fertigkeit. Doch sind die Manieren ihrer einfachen Menschen vergleichsweise gering.“

Die musikalische Kultur der Deutschen in Amerika bewegte sich also auf zwei Ebenen: hier die Vorliebe für Mozart und Beethoven in den deutsch-amerikanischen Mittelschichten, von Goethe und Schiller im Theater- und Literaturbereich nicht zu sprechen, dort die proletarisch-kleinbürgerlichen Milieus der Männergesangvereine und ähnlicher Sangesfreude.

Eine entscheidende Rolle spielte bei Letzterem vor allem das Bier. Als leichter Alkohol konnte es die Geselligkeit fördern, wofür der eher individualisierende (da auch wesentlich teurere) Whisky sich weniger eignete. Er wurde daher zumeist privatisierend in kleinen Kreisen konsumiert. Die Konsumtion von Bier dagegen, seine Produktion und damit die gesamte ethnische Ökonomie – vor allem die Nahrungsmittelindustrie, mit Sauerkraut, Brot, Hamburgern und Frankfurtern usw. –, war das zweite Element spezifisch ideologischer Arbeit im Sinne einer Gegenmoral, mit der die Einwanderer die Mehrheitsgesellschaft provozierten. „Wir wünschen, sie würden weniger Bier trinken und unseren amerikanischen Sabbat mehr respektieren“, lautete der gängige Vorwurf. So wie öffentliche Musik war in der amerikanischen Gesellschaft vor allem der öffentliche Konsum von Alkohol stigmatisiert, etwa der Bierkonsum in den Biergärten und Gartenlokalen. Bis heute kann Alkohol, etwa eine Flasche Bier, in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nur eingepackt mitgenommen werden.

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