MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

DeutschPlus

Intelligente Zuwanderungspolitik – eine verpasste Chance

Mangelnder Mut und fehlende Weitsicht sind feste Bestandteile der deutschen Einwanderungspolitik. Zwar dürfen seit dem 1. Mai 2011 EU-Bürger aus Osteuropa ohne Beschränkungen in Deutschland arbeiten. Doch der Schritt kommt zu spät.

VONHans-Jörg Hess

 Intelligente Zuwanderungspolitik – eine verpasste Chance
Dr. Hans-Jörg Hess ist Mitglied im erweiterten Vorstand von „DeutschPlus – Initiative für eine plurale Republik“ . Er ist Geschäfts- führer der KrierHeß GmbH, einer Unternehmensberatung im Bereich Erneuerbare Energien. Zuvor war er drei Jahre Consultant bei McKinsey & Company. Er hat Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Berlin studiert und dort auch promoviert. Weitere Studien erfolgten am IMD in Lausanne.

DATUM5. Juli 2011

KOMMENTAREKeine

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Der deutschen Wirtschaft fehlen Fachkräfte. Insbesondere im Osten mangelt es an jungen, hochqualifizierten Arbeitnehmern. Kein Wunder, dass Wirtschaftsvertreter Alarm schlagen und der Fachkräftemangel zu einem der wichtigsten Konjunkturrisiken erklärt wird. Der Vorstandsvorsitzende von Daimler, Dieter Zetsche, sagte vor wenigen Tagen gegenüber der „Bild am Sonntag“, dass es lebensnotwendig für die Zukunft Deutschlands ist, eine aktive Einwanderungspolitik zu betreiben: „Wir müssen Leistungsträger aus dem Ausland holen. Ich halte es daher aus humanistischen ebenso wie wirtschaftlichen Gründen für unverantwortlich, wenn hier ausländerfeindliche Stimmungen geschürt werden.“

Eine gezielte Zuwanderung könnte zumindest das Fachkräfteproblem beheben. Ein Punktesystem – wie es z.B. in Kanada praktiziert wird – würde es ermöglichen, die Zuwanderung nach den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes zu steuern, stellt Klaus Zimmermann fest, Chef des Bonner Instituts der Zukunft der Arbeit. Kombiniert mit einer Quote erlaubt es zudem, auf aktuelle Entwicklungen auf den heimischen Arbeitsmarkt zu reagieren. Hört sich gut und funktioniert. Kommt aber trotzdem nicht!

Der Grund hierfür ist mal wieder banal. Der wirtschaftlich starke Süden zieht Jahr für Jahr qualifizierte Arbeitnehmer aus den anderen Bundesländern ab. Intelligente Zuwanderungspolitik ist daher kein süddeutsches Problem und eine zur Schau gestellte „harte Hand“ bei innenpolitischen Themen scheint gut anzukommen am bajuwarischen Stammtisch. Insbesondere aufgrund der sturen Haltung der CSU ist daher auf dem Fachkräfte-Gipfel der Bundesregierung Ende Juni so gut wie nichts rausgekommen. Nur drei Berufsgruppen soll zukünftig der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden: Ärzten, Elektro- und Fahrzeugbauingenieuren. Deutschland bleibt somit ein „Closed Shop“ und die Wirtschaft sowie der Rest der Gesellschaft müssen weiterhin auf eine intelligente Zuwanderungspolitik warten.

„Bleibt zu hoffen, dass wir bald wieder eine der berühmten politischen Kehrtwenden der schwarz-gelben Koalition erleben – oder eine neue Regierung.“

Es ist traurig aber wahr: Mangelnder Mut und fehlende Weitsicht sind feste Bestandteile der deutschen Einwanderungspolitik der letzten Jahre (und Jahrzehnte). Zwar dürfen seit dem 1. Mai 2011 EU-Bürger aus Osteuropa ohne Beschränkungen in Deutschland arbeiten. Doch der Schritt kommt zu spät. Die meisten der hochqualifizierten und begehrten jungen Polen, Tschechen, Ungarn, Slowaken und Balten sind längst abgewandert in andere EU-Staaten wie Großbritannien, die ihre Grenzen unmittelbar nach dem EU-Beitritt in 2004 geöffnet haben.

Deutschland ist, anders als uns viele Politiker vormachen wollen, für qualifizierte Ausländer nur bedingt attraktiv. Bevorzugt werden Länder wie Kanada, Australien, Großbritannien oder USA, da man dort Englisch spricht, meist weniger Steuern zahlt und Anerkennung erlebt. Hier in Deutschland gibt es Sprachbarrieren, Ressentiments und hohe formelle Hürden. Für Zuwanderer aus Staaten außerhalb der EU gilt als Voraussetzung für eine unbefristete Arbeitsgenehmigung eine konkrete Arbeitsstelle mit einem Jahreseinkommen von mindestens 66.000 EUR. Im Vergleich: Das Durchschnittseinkommen eines deutschen Hochschulabsolventen mit einem technischen Abschluss liegt deutlich unter 40.000 EUR im Jahr!

Ein modernes Zuwanderungsgesetzt wird von vielen Seiten wegen der positiven wirtschaftlichen Effekte gefordert, aber auch, weil es ein elementarer Bestandteil einer zukunftsorientierten Integrationspolitik ist. Fortschrittliche Einzelinitiativen gibt es durchaus. So hat z.B. die renommierte Berliner MBA-School ESMT in Kooperation mit dem Tagesspiegel und DeutschPlus ein Vollstipendium für Führungskräfte und Talente mit Migrationshintergrund ausgeschrieben. Schade nur, dass sich die Bundesregierung hier in den letzten Monaten wieder einmal von landespolitischen Einzelinteressen hat leiten lassen. Das Thema Zuwanderung und Integration wird aber nicht an Brisanz verlieren, sondern zunehmend wichtiger. Bleibt zu hoffen, dass wir bald wieder eine der berühmten politischen Kehrtwenden der schwarz-gelben Koalition erleben – oder eine neue Regierung.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...