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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Tarek Marestani

Reale Bilder der Integration

Der Berliner Künstler Tarek Marestani porträtiert Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Er möchte mit der dadurch entstehenden Ausstellung die herkömmliche Wahrnehmung von Migranten in Frage stellen, in der sie entweder Wurzel von Problemen oder Opfer von Diskriminierung sind.

VONKarin Schädler

 Reale Bilder der Integration
Karin Schädler, 30, arbeitet seit ihrer Ausbildung an der Berliner Journalistenschule als Freie Journalistin mit einem Schwerpunkt auf Migrations- und Auslandsthemen (bes. Naher Osten, Afghanistan, Nordafrika). Sie schreibt unter anderem für den Tagesspiegel, die tageszeitung und die Zeitschrift Kulturaustausch. Außerdem ist sie als Seminarleiterin in der Internationalen Jugendarbeit tätig.

DATUM27. April 2011

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Es fehlt nicht mehr viel. Die Haare sind schon da, dann bekommen die Augen weitere Details, alles in Bleistift auf dem Zeichenblock. Wassima Ait-Oufkir darf zwischendurch mal schauen, sie lächelt zufrieden, erkennt sich wieder. Die 13-jährige Schülerin sitzt im Atelier des deutsch-syrischen Künstlers Tarek Marestani in Berlin-Wedding. An der Wand hängen bereits fertige Porträts in Öl und Acryl -direkt hinter Wassima das Porträt eines Jugendlichen mit nigerianischen Eltern. Er sieht nachdenklich aus. „Das ist ein ganz besonnener junger Mann“, sagt Marestani.

15 Porträts von Berliner Jugendlichen zwischen sieben und 15 Jahren sind geplant, doch das kann noch dauern, denn die Porträt-Malerei ist kein schnelles Geschäft. Marestani möchte mit der dadurch entstehenden Ausstellung die herkömmliche Wahrnehmung von Migranten in Frage stellen, in der sie entweder Wurzel von Problemen oder Opfer von Diskriminierung sind. Er wolle ein „vielfältiges Bild“ der Jugendlichen zeigen. Auch ein paar deutschstämmige Jugendliche porträtiert er für das Kunstprojekt.

Nun blickt der Künstler angestrengt in Wassimas Gesicht. Im Vorgespräch hat er mehr über sie erfahren. „Was willst du mal werden?“, ist für ihn die Schlüsselfrage. Wenn er herausfinde, was ein Jugendlicher in der Zukunft bewegen möchte und warum er sich das wünscht, wisse er schon sehr viel über dessen Charakter, sagt Marestani. Den will er dann in die Bilder legen.

Wassima erzählt, dass sie Klavier und Gitarre spielt und sehr gerne malt und Musik hört. Das Internet findet sie langweilig: „Das ist doch irgendwie Zeitverschwendung“, sagt die Schülerin. Lieber komponiere sie selbst Musikstücke. Wenn sie gefragt wird, warum sie bei Marestanis Kunstprojekt mitmachen wollte, sagt sie: „Weil es an der Integration schlechte und gute Seiten gibt.“ Ob sie ein Beispiel für eine gelungene Integration sein will? „Ja“, sagt sie mit Nachdruck und senkt verlegen den Kopf, lächelt aber über das ganze Gesicht. Die Gymnasiastin will entweder Mode-Designerin oder Rechtsanwältin werden. Seit sie neun Jahre alt ist, fertigt Wassima Mode-Skizzen an. Eine Lehrerin unterstützte sie und brachte ein Buch dazu mit.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=OSp1saBno64[/youtube]

Debatten um Integrationsprobleme sind für sie weit weg. „Ich finde nicht, dass die Probleme so groß sind“, sagt die Schülerin. Zumindest an ihrer Schule, dem Lise-Meitner-Gymnasium in Hamburg, habe sie keine Schwierigkeiten. „Da ist es egal, wo man herkommt“, sagt Wassima. Etwa die Hälfte der Schüler seien deutschstämmig, die anderen hätten Eltern aus unterschiedlichsten Ländern, etwa auch Kuba oder Venezuela. Wassimas marokkanischer Vater Hassan Ait-Oufkir sagt: „Ich möchte, dass meine Tochter und andere Migranten der zweiten und dritten Generation sich hier in Deutschland wohlfühlen.“ Er hoffe, dass ein solches Kunstprojekt auch von Intellektuellen wahrgenommen werde.

Die meisten Schüler für die Porträts findet Künstler Marestani in Berlin selbst. Die Stadt sei besonders geeignet für das Kunstprojekt: „Sie ist einfach blumiger und vielfältiger als jede andere“, sagt Marestani wohlig lächelnd. Die Jugendlichen hätten ganz unterschiedliche Charaktere und so auch unterschiedliche Ausdrücke im Gesicht. „Die einen sind sehr nervös oder rebellisch, andere eher ruhig und dabei, mit sich selbst klarzukommen“, sagt Marestani. Der Künstler, der seine Ausbildung in den 70er Jahren an der Kunstakademie in Florenz absolviert hat, will mit dem Projekt einen Beitrag dazu leisten, die Integrationsdebatte sachlicher zu führen. Die Jugendlichen selbst möchte er motivieren, alle Möglichkeiten zu nutzen, „mitzumischen“. „Ehrliche Kunst kann auch etwas bewirken“, meint Marestani.

Info: Toleranz und Integration bekommen ein Gesicht – Weitere Informationen zum einmaligen Kunstprojekt von Tarek Marestani gibt es unter www.integration-gesicht.de.

Die Unterschiede zwischen den Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund seien bei näherer Betrachtung gar nicht so groß. „Alle haben Namen, alle haben Träume und alle wollen in der Zukunft etwas erreichen“, sagt Marestani. Er habe durch das Projekt spannende junge Menschen kennengelernt: Einen 13-jährigen Deutschtürken etwa, der Gedichte zum Thema Heimat schreibt.

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Ein Kommentar
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  1. Dr. Rita Zellerhoff sagt:

    Sehr geehrter Herr Marestani,
    Ihre kreative Idee, junge Menschen zu porträtieren und das Besondere ihres Lebensplanes zu erfassen zu suchen, finde ich großartig. Mit ihren Wünschen und Hoffnungen sind Sie vielleicht einander ähnlicher als wir vermuten, denn sie sind ja Teil unserer Gesellschaft.
    Ein gutes Gelingen und viel Freude bei der Arbeit wünscht
    Rita Zellerhoff



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