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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Muslime in Deutschland

Herkunft, Glaubensrichtung, Bildung, Partizipation

In der Diskussion um muslimische Zuwanderer wird selten auf die Vielschichtigkeit des muslimischen Lebens in Deutschland eingegangen. Ein Blick auf die verfügbaren Daten kann hier aufschlussreich sein und dient zudem der Versachlichung.

VONSonja Haug

Prof. Dr. Sonja Haug ist Professorin für Empirische Sozialforschung an der Hochschule Regensburg und leitete bis 2009 das Forschungsfeld Empirische Sozialforschung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

DATUM29. März 2011

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Gesellschaft, Meinung

QUELLE Dossier: "Islam - Kultur - Politik" des Deutschen Kulturrates

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Im Rahmen einer bundesweit repräsentativen Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wurden im Jahr 2008 im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz 6.000 Haushalte aus fünfzig muslimisch geprägten Herkunftsländern befragt.

Muslime in Deutschland kommen aus einer Vielzahl von Herkunftsländern
Die Ergebnisse belegen, dass zum Teil erhebliche Anteile der Personen mit Migrationshintergrund aus den untersuchten Herkunftsländern sich selbst nicht als Muslime betrachten. Beispielsweise gehören fast 40 Prozent der Migranten aus Iran gar keiner Religionsgemeinschaft an. Aus anderen überwiegend muslimisch geprägten Herkunftsländern wie etwa dem Irak oder afrikanischen Ländern sind verstärkt Angehörige religiöser Minderheiten wie Christen zugewandert. Aus der religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung des Herkunftslandes kann daher nicht automatisch auf die Religion der in Deutschland lebenden Migranten geschlossen werden.

Hinsichtlich der regionalen Herkunft handelt es sich bei den Muslimen in Deutschland um eine sehr heterogene Bevölkerung. Wie zu erwarten, dominiert die große Gruppe der Türkeistämmigen. So haben knapp 2,6 Millionen der in Deutschland lebenden Muslime türkische Wurzeln. Aus den süd-osteuropäischen Ländern Bosnien-Herzegowina, Bulgarien und Albanien stammen etwa 550.000 Personen. Die drittgrößte muslimische Bevölkerungsgruppe in Deutschland sind 330.000 Migranten aus dem Nahen Osten, hautpsächlich aus dem Libanon, dem Irak, Ägypten oder Syrien. Aus Nordafrika kommen zwischen 280.000 der in Deutschland lebenden Muslime, die Mehrzahl davon aus Marokko. Kleinere Gruppen stammen aus Zentralasien, Iran, Süd-/Südostasien und dem sonstigen Afrika. Eine pauschalierende Bewertung dieser Bevölkerungsgruppe ist angesichts ihrer unterschiedlichen Herkunftskontexte, Zuwanderungsmotive Aufenthaltsdauer und auch unterschiedlichem Integrationsstand nicht angemessen.

In Deutschland leben etwa vier Millionen Muslime
Die Hochrechnung auf Basis der direkten Befragung ergab, dass in Deutschland etwa 4 Millionen Muslime leben. Damit ist der Islam in Deutschland die drittgrößte Religionsgemeinschaft, mit großem Abstand zu den Christen – die katholische und die protestantische Kirche haben jeweils etwa 24 Millionen Mitglieder.

Muslime stellen einen Anteil von rund 5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die in Deutschland lebenden Personen mit Migrationshintergrund umfassen nach dem Mikrozensus 2007 insgesamt etwa 15 Millionen. Etwa ein Viertel von ihnen ist muslimischen Glaubens. Die Muslime verteilen sich auf das gesamte Bundesgebiet mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Rund 45 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund sind deutsche Staatsangehörige. Muslime weisen eine relativ junge Bevölkerungsstruktur auf, ein Viertel ist im Alter unter 16 Jahren.

Drei Viertel der Muslime in Deutschland sind Sunniten
Die größte konfessionelle Gruppe bilden mit 74 Prozent die Sunniten. Sieben Prozent der Muslime sind Schiiten, zumeist aus dem Iran, und sechs Prozent sind Anhänger spezieller Glaubensrichtungen, wie Sufis, Ibaditen oder Ahmadis. Daneben leben in Deutschland 13 Prozent Aleviten – diese stammen fast ausschließlich aus der Türkei.

Die überwiesende Mehrheit der Muslime ist gläubig, insgesamt 86 Prozent schätzen sich selbst als stark oder eher gläubig ein. Religiosität ist insbesondere bei türkeistämmigen Muslimen und Muslimen afrikanischer Herkunft ausgeprägt. Dagegen ist sie bei iranischstämmigen Muslimen eher gering. 10 Prozent sehen sich als sehr stark gläubig, aber etwa ein Drittel als gar nicht gläubig. Vergleiche zwischen den Muslimen und den Angehörigen einer anderen Religion zeigen außerdem, dass starke Religiosität keine Besonderheit der Muslime ist. Bei den meisten Herkunftsregionen unterscheiden sich Muslime und Angehörige einer anderen Religion in bezug auf die Gläubigkeit nur geringfügig. In der Religiosität spiegelt sich somit unabhängig von der Religionszugehörigkeit ein Aspekt der Herkunftskultur wieder.

Betrachtet man die religiöse Alltagspraxis, wie dasBeten, das Begehen religiöser Feste, der Einhaltung religiöser Speisevorschriften und Fastengebote, bestehen unter den Muslimen große Unterschiede je nach Herkunftsregion und je nach Glaubensrichtung.

Obwohl die Religiosität und die religiöse Praxis bei Muslimen stark ausgeprägt ist, sind nur 20 Prozent Mitglied in einem religiösen Verein oder einer Gemeinde. Auch die in der Deutschen Islam Konferenz vertretenen muslimischen Verbände sind bei Muslimen relativ unbekannt. Noch geringer ist deren Vertretungsleistung aus Sicht der Muslime – weniger als ein Viertel fühlen sich von einem der Verbände vertreten.

Nicht alle muslimischen Zuwanderer sind bildungsfern
Häufig wird davon ausgegangen, dass Muslime in Deutschland generell bildungsfern sind, eine Annahme, die aufgrund des Hintergrunds der Zuwanderung aus ländlich geprägten Regionen weniger entwickelter Herkunftsländer plausibel scheint. Zuwanderer aus muslimisch geprägten Herkunftsländern, wie z.B. aus dem Iran, aber auch aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Zentralasien oder Süd-/Südostasien, weisen jedoch häufig ein hohes Bildungsniveau auf. Insofern stimmt die Aussage der Bildungsferne nur bedingt und trifft nur auf einzelne Gruppen zu, hierbei vor allem auf türkeistämmige Zuwanderer und Migranten aus Südosteuropa. Dies ist auf die Anwerbung niedrig qualifizierter Arbeitsmigranten vor 1973 und den Familiennachzug zurückzuführen.

Differenziert man nach erster und zweiter Zuwanderergeneration zeigt sich bei allen Herkunftsgruppen, dass in Deutschland Geborene – die so genannte zweite Zuwanderergeneration – deutlich häufiger als ihre Elterngeneration einen Schulabschluss erwirbt. Noch immer jedoch erreichen jedoch 13 Prozent der zweiten Generation keinen Schulabschluss. Bei den aus der Türkei stammenden Männern der zweiten Generation sind es 15 Prozent, bei aus Nordafrika stammenden Migranten 12 Prozent.

Ein intergenerationaler Bildungsaufstieg lässt sich auch daran erkennen, dass 48 Prozent der männlichen Zuwanderer einen Abschluss einer weiterführenden Schule oder die Hochschulreife aus dem Herkunftsland mitbrachten, in der zweiten Generation bereits 64 Prozent die mittlere Reife bzw. das Abitur erlangen. Bei einer Betrachtung der Geschlechterunterschiede lässt sich insbesondere unter den türkeistämmigen Frauen ein bemerkenswerter Bildungsaufstieg erkennen. Waren noch 42 Prozent der türkeistämmigen Frauen der ersten Generation ohne jeglichen Schulabschluss zugewandert, so liegt dieser Anteil in der zweiten Generation bei knapp 14 Prozent, 21 Prozent erreichen die Hochschulreife. Bei Muslimen lässt sich somit ebenso wie allgemein ein Trend zu höheren Schulerfolgen bei Mädchen im Vergleich zu Jungen beobachten.

Muslime integrieren sich in deutschen Vereinen
Die soziale Integration hängt auch mit der Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, sei es Migrantenorganisationen oder herkömmliche Vereine. Vier Prozent der Muslime engagieren sich ausschließlich in einem herkunftslandbezogenen Verein. Dagegen sind mehr als die Hälfte der Muslime über 16 Jahre Mitglied in einem deutschen Verein, hierbei 37 Prozent ausschließlich in deutschen Vereinen und 18 Prozent in deutschen und herkunftslandbezogenen Vereinen.

Die Studie kann unter www.bamf.de/forschung heruntergeladen oder bestellt werden.

Am häufigsten ist dabei die Mitgliedschaft in einem Sportverein. 28 Prozent der Muslime sind in einem deutschen und acht Prozent in einem herkunftsbezogenen Sportverein. Bedeutend sind weiterhin berufsbezogene Organisationen wie Gewerkschaften und Berufsverbände. Eine weitere Gruppe von Organisationen sind Bildungs- und Kulturvereine. Zehn Prozent der Muslime sind in einem deutschen Bildungsverein Mitglied, fünf Prozent in einem herkunftslandbezogenen Bildungsverein. Fast ebenso hoch ist die Partizipation in Kulturvereinen, wobei hierbei die Kultur des Herkunftslandes etwas stärker im Mittelpunkt des Interesses steht. Acht Prozent sind in einem herkunftslandbezogenen Kulturverein Mitglied, aber neun Prozent in einem deutschen Kulturverein.

Die Mitgliedschaft in einem Bildungs- oder Kulturverein nimmt somit bei Muslimen einen relativ hohen Stellenwert ein. Hochgerechnet geben 380.000 und 376.000 Personen an, in einem deutschen Bildungs- bzw. Kulturverein Mitglied zu sein (doppelte Mitgliedschaften können dabei vorkommen). Diese hohe Beteiligung an Vereinen, sei es im Sport oder im Bildungs- und Kultursektor, kann als ein Hinweis für eine zunehmende soziale Integration der Muslime gewertet werden.

Zahl der Muslime mit Migrationshintergrund in Deutschland nach Herkunftsregion

Zahl der Muslime mit Migrationshintergrund in Deutschland nach Herkunftsregion

Prozentuale Verteilung der Glaubensrichtungen unter den Muslimen in Deutschland

Prozentuale Verteilung der Glaubensrichtungen unter den Muslimen in Deutschland

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6 Kommentare
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  1. Sinan A. sagt:

    Die Studie basiert auf Telefonbefragungen. Dazu wurden die Telefonbücher nach spezifischen Namen durchforstet.

    Auf Seite 39 gehen die Verfasserinnen zwar auf den Vorbehalt ein, dass viele jüngere Menschen keinen Festnetzanschluss besitzen, nicht aber auf die naheliegende Frage, wer sich überhaupt ins Telefonbuch eintragen lässt.

    Überlegt mal selbst:
    Wer ist im Telefonbuch eingetragen?
    Eure Eltern? Wahrscheinlich ja.
    Ihr selbst? Wohl eher nicht.

    Befragt wurden also Leute, die über einen Festnetzanschluss verfügen, im Telefonbuch eingetragen sind, erreichbar waren und Zeit und Lust hatten, sich 30 Minuten lang ausfragen zu lassen.

    Was meint ihr? Ist das repräsentativ?

    Auch die Feststellung, dass sich viele gar nicht als Muslime betrachten, kommt mir viel zu beiläufig daher. Das sollten wir noch genauer beleuchten. Mein Eindruck ist, dass sowohl Kerndeutsche als auch Islamverbände die Zahlen möglichst hoch halten, aus unterschiedlichen Motiven. Die einen suchen ein Bedrohungspotential, die anderen eine breite Basis.

  2. Bleier sagt:

    Zitat: „Die überwiesende Mehrheit der Muslime ist gläubig, insgesamt 86 Prozent schätzen sich selbst als stark oder eher gläubig ein. Religiosität ist insbesondere bei türkeistämmigen Muslimen und Muslimen afrikanischer Herkunft ausgeprägt. Dagegen ist sie bei iranischstämmigen Muslimen eher gering. “

    Daran liegt es also, dass die iranischstämmigen Menschen wesentlich besser integriert sind als türkisch- oder arabischstämmige…

  3. MoBo sagt:

    @ Bleier:

    „Zuwanderer aus muslimisch geprägten Herkunftsländern, wie z.B. aus dem Iran, aber auch aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Zentralasien oder Süd-/Südostasien, weisen jedoch häufig ein hohes Bildungsniveau auf. Insofern stimmt die Aussage der Bildungsferne nur bedingt und trifft nur auf einzelne Gruppen zu, hierbei vor allem auf türkeistämmige Zuwanderer und Migranten aus Südosteuropa. Dies ist auf die Anwerbung niedrig qualifizierter Arbeitsmigranten vor 1973 und den Familiennachzug zurückzuführen.“

    Daran liegt es also, dass die iranischstämmigen Menschen wesentlich besser integriert sind als türkisch- oder arabischstämmige…

  4. Sinan A. sagt:

    Ja, da kann sich jeder das passende raussuchen, wie immer.

    Soweit ich das verstanden habe, wurden Menschen, die sich selbst nicht als Muslime betrachten, nicht in die Wertung genommen. Auf Seite 32 räumt die Autorin ein, dass dadurch von einer Verzerrung der Studie auszugehen ist, in Richtung einer höheren Bedeutung der Religion. Mal ganz abgesehen von der Auswahl der Befragten. (s.o.)

    Allgemein muss man feststellen, hier wird konsequent in eine Richtung gefragt und anschließend immer nur in eine Richtung interpretiert. Der Kerndeutsche fragt, und er interpretiert in seinem Sinne. Das Salami-Problem bekommt hier einen wissenschaftlichen Anstrich. PI setzt die Themen und der Akademiker zieht mit.

  5. Zeyneb sagt:

    Seit wann sind Sufis einer besonderen konfessionellen Gruppe zuzuordnen? Der Sufismus beschreibt lediglich die innere spirituelle Dimension des Islam und ist somit im orthodoxen Rahmen anzusehen (auch wenn es einige salafitisch gesinnte Muslime anders sehen) Die Autorin sollte sich hier besser informieren

  6. sirup sagt:

    Lol, wenn hier teht das 4 millionen Muslime hier in Deutschland leben und alleine es 800 tausend alevuten hier leben und hier als 13 prozent dargestellt wird, kann doch da was nicht stimmen oder?
    Es ist bewiesen das hier 800 tausend aleviten leben „bei einer richtigen Studie“.



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