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Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Critical und Incorrect

Protest und Demokratie – von der dritten Welt lernen

Da können wir uns eine Scheibe von abschneiden! Erst verjagen die Tunesier ihren Diktator Ben Ali und nun gehen die Ägypter unter noch gefährlicheren Umständen auf die Straße. Auch in anderen arabischen Ländern brodelt es.

VONDr. Sabine Schiffer

 Protest und Demokratie – von der dritten Welt lernen
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdar- stellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medien- verantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwort- ung von Produzenten- und Nutzerseite. In Ihrer MiGAZIN-Kolumne kom- mentiert sie Entwicklung- en der Medienlandschaft in Deutschland.

DATUM9. Februar 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Längst überfällige Reformen und echte Demokratie wird eingefordert – von Menschen, die man hier vor allem als „demokratieunfähig“ erachtete. Dabei waren es nicht zuletzt unsere Regierungen, die die Despoten vor Ort an der Macht hielten – peinlich. Aber nicht nur das. Schließlich nehmen wir als „Demokraten“ unsere Regierungen nach wie vor hin – trotz derer Menschen- und Völkerrechtsverletzungen. Und wir nehmen hin, dass die Mehrheit des Bundestages gegen die Mehrheit der Bevölkerung entscheidet und den Krieg in Afghanistan um ein weiteres Jahr verlängert.

Während man bei Populisten wie Thilo Sarrazin gerne Umfrageergebnisse zur Rechtfertigung ausgrenzender Politrhetorik verwendet, treten die „Volksvertreter“ in Bezug auf die Ablehnung des Krieges weniger dafür ein, „die Mehrheitsmeinung ernst zu nehmen“. Verräterischer Doppelstandard! Aber auch das nehmen wir brav hin. Und während man sich noch als Hort der Zivilisation, Freiheit und Demokratie wähnt, ziehen andere an uns vorbei.

In Lateinamerika haben die landlosen Bauern solange für ihre Rechte gekämpft, bis sie Landwirtschaft für die Menschen statt der Industrie betreiben konnten. Viele verfügen heute über eigenes Saatgut und sind nicht von Großkonzernen abhängig. Dies bildet die Basis für ein stärker werdendes demokratisches Verständnis in Lateinamerika, denn ohne Ernährungssouveränität gibt es keine Selbstbestimmung.

Auch hinter dem erfolgreichen Kampf gegen die Privatisierung des Wassers in Bolivien steckt mehr als nur die Sorge um eine Wasserversorgung auch für die Armen. Es geht um Unabhängigkeit, von der zuweilen viel geredet wird, die man aber aus Gründen des industriellen Wachstums nicht fördert. Während wir auf Figuren wie Hugo Chavez oder Fidel Castro starren, geht eine echte demokratische Bewegung von den Völkern aus. So verschafften sich die indigenen Völker Amerikas zunehmend Gehör und haben es erreicht, dass „Mutter Erde“ eine juristische Größe wird. Dies setzt dem Wachstum und der Erdzerstörung klare Grenzen und fördert eine humanere, ökologische Wirtschaft. Sie scheinen wirklich verstanden zu haben, dass man Geld nicht essen kann.

Und nun erhebt sich das arabische Volk. Und es gehört ja wahrlich mehr Mut dazu, in Kairo oder Sanaa auf die Straßen zu gehen, als in Berlin oder Stuttgart. Noch! Denn die Repressionen in Stuttgart könnten einen Vorgeschmack geben auf das, was Demonstranten zukünftig zu erwarten haben. Nun, das soll kein Vergleich unserer Regierungsvertreter mit Tyrannen à la Mubarak sein – aber für Protest gibt es auch hier genug Gründe. Dabei wird es nie ausreichen, seine Erkenntnisse ausschließlich im Internet zu pflegen, wie es so manche Jubelbotschaft über Twitter und Facebook Glauben machen könnte. Wenn die Undemokraten weg sind, stehen die Daten ja weiterhin im Netz.

Auch in Schwarzafrika und Indien machen sich Bauern, Landlose, Verarmte auf den Weg – auf den Weg zu uns oder zu einer echten Demokratie vor Ort. Sie wollen ein Leben und sie haben ein Recht darauf. Vermutlich würde sie ein Wohlstand wie unserer auch davon abhalten, für mehr Gerechtigkeit einzutreten. Als logische Konsequenz wird heute die Demokratie nicht in Europa, sondern in der dritten Welt verteidigt. Wir sollten uns mit den Menschen dort solidarisieren – nicht nur, weil es sie sind, die gerade uns helfen!

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10 Kommentare
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  1. Gallus gallus sagt:

    Dieser Artikel ist einer der Besten, die in letzter Zeit zu Mubarak veröffentlicht wurde.
    Äußerst komplex mit wenigen Ausschweifungen, und doch treffend wird hier dargelegt, wozu die Bildung auch in Deutschland nicht mehr befähigen möchte. HINTERFRAGEN und ZUSAMMENHÄNGE erkennen. Beherrsche die Nahrung und du beherrscht die Menschen,
    globalisierte industrialisierte Tierproduktion, Gesetze, welche die Rahmenbedingungen für die Haltung bestimmen, machen auch in Europa die Selbstbestimmung, was kommt auf meinen Teller, bald unmöglich. Patente auf Rassen, Gene und Saatgut werden zum Nährboden für Hunger und Elend.
    Wer unser Land beobachtet, sieht eine Bildungspolitik der Verdummung, als Vorbereitung für weitere Streiche, auch hier so scheint es, will man ein Volk, welches zwar konsumiert aber nicht fragt und vor allem aus wirtschaftlichen Zwängen heraus ruhig ist.
    Jeder, der sein Land verlassen muss, oder von seinem Amt wegen Fehlverhalten zurück getreten ist, hat sein Recht auf Luxus verwirkt. Grundsicherung im eigenen Land, mehr steht ihm nicht zu. Es ist nicht einzusehen, dass ein Herr Mubarak einen Krankenhausaufenthalt in Deutschland gestiftet bekommt, wo mit diesem Geld so vielen Kindern hätte geholfen werden können.
    Und ja wir können von den landlosen Bauern in den Ländern nur lernen und hoffen, dass die Ängste und Blicke der Politiker in Deutschland daran nicht vorbei gehen.
    Möge die Entwicklung in den Ländern dort, den Politikern der westlichen Welt ein Spiegel sein.
    Logisches Denken wird nicht mehr in den Schulen vermittelt, sondern findet an Suppenküchen, Tafeln und in Blechhütten der Vorstädte Nährboden.
    Äußerungen, wie, das Volk sei dumm und könne die Tragweite politischer Entscheidungen nicht erfassen sind fehl am Platz.

  2. Eddie sagt:

    Was jubeln Sie denn schon so laut, Frau Schiffer? Warten Sie doch erst mal ab. Ich habe auch freudig gejubelt, als der Iran sich Herrn Pahlevi vom Hals schaffte. Sie wissen doch, was die Menschen dort sich dafür eingehandelt haben?

  3. basil sagt:

    Und ein Bekenntnis zu den Menschenrechten gibt es auch schon: Die ‚Kairoer Erklärung der Menschenrechte‘!
    Was kann da noch schiefgehen!

  4. Manfred O. sagt:

    Selten habe ich einen so klaren Zustands- und Begründungsartikel in einer deutschen Zeitung gelesen wie diesen, den ich hier als Link (die WELT verfügt über ein Impressum) bei MIGAZIN einstellen möchte, geschrieben von einem wirlich „Unverdächtigen“ algerischen Schriftsteller mit Namen Boualem Sansa. Überschrift:

    Das Problem der arabischen Demokratie heißt Islam.

    Die Aufstände in Tunesien und Ägypten verdienen Respekt. Aber solange Religion und Nationalismus dominieren, besteht wenig Aussicht auf bessere Zeiten.

    Jetzt bitte nicht gleich erschrecken oder beschimpfen, bitte einfach nur lesen und darüber nachdenken, ob und wo dieser Mann VÖLLIG recht hat.

    Hier nur 1 Zitat

    Diese Kategorie von Islamisten und Konservativen glaubt nicht (oder nicht mehr) an eine Machtergreifung durch Waffen oder Gewalt. Sie wollen sie an den Urnen erreichen, um nicht die Armee zu verschrecken und die einheimischen liberalen Familien und die Länder des Westens.

    Ihre Vorbilder sind die Regimes im Iran, in Saudi-Arabien oder der Türkei. Es wäre wohl nur die erste Etappe. Einmal an der Macht, gingen sie wahrscheinlich den bekannten Weg der Radikalisierung – um sich zu konsolidieren und wegen des Drucks der Ultrakonservativen und der aktuellen Probleme, vor allem der ökonomischen.

    Die andere Lesart der aktuellen Bewegung ist, dass sie nur eine neue Episode darstellt in den Kämpfen der Clans an der Spitze des Staates. In den arabischen Ländern ist die Macht eine illegitime. Jeden Tag muss – je nach Agenda – ein neues Gleichgewicht gefunden werden zwischen den verschiedenen Clans. Meistens ist eine Einigung schnell gefunden, man teilt sich problemlos den Gewinn.

    Zitat Ende

    Quelle (bitte in Ruhe lesen):
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article12480934/Das-Problem-der-arabischen-Demokratie-heisst-Islam.html

  5. bogo70 sagt:

    @Manfred O.
    Das ist nur eine Meinung. Ich weiß nicht warum sie den Hauch von einer wirklichen Revolution nicht verspüren, ich spüre ihn sehr wohl. Dieses Mal ist es anders, es ist keine politische und keine religiöse Revolution, es ist eine freiheitliche. Solange ich dieses Gefühl habe, will ich mir die Freude darüber nicht nehmen lassen und ich glaube, im Moment erreichen sie niemanden der davon überzeugt ist. Sollte es anders kommen, sollen sich die daran erfreuen denen es Genugtuung verschafft. Ich lasse mir meine Hoffnung nicht nehmen, egal was Gegenteiliges geschrieben wird.

    Bis dahin will ich nur solche Bilder sehen und alles andere perlt an mir ab. Dass ist weder beschimpfen, noch erschrecken, es ist einfach nur Hoffnung. 🙂

    http://www.youtube.com/watch?v=tJZDDSxSPrw

  6. Karl Willemsen sagt:

    @Eddie, basil, Manfred O.

    aber nicht doch, wer wird denn so skeptisch sein? Sie wollen doch wohl nicht die arabischen Demokratiebewegung mit dem Iran vergleichen, dort wo der Islam total falsch ausgelegt wird!

    Der modernen Twitter-&Facebook-Revolution wird selbstverständlich ein noch modernerer, moderater Herzjesu-Islam folgen! Endlich werden wir erleben dass der Koran nicht mehr missverstanden, sondern basisdemokratisch interpretiert wird… die Neufassung der Scharia wird vermutlich schöner, gerechter & barmherziger als alles, was wir dekadenten Ungläubigen jemals zu träumen gewagt haben!

    Näheres erläutert gerne Kommentartor „Loewe“…

  7. nachgedacht sagt:

    @gallus gallus
    Aus dem Artikel geht doch eindeutig hervor, dass nicht die Politiker gemeint sind, sondern die Souveräne – das Volk. Also wir alle! Und da haben wir ganz offensichtlich Hausaufgaben zu erledigen, von denen wir uns von diesen Vasallen des demokratischen Niedergangs, die auf einen Eskalationserfolg der ausländischen Geheimdienste in Ägypten hoffen, nicht ablenken lassen!

  8. Loewe sagt:

    Man darf bei basil, Manfred O. und Karl Willemsen vermuten, dass ihnen Mubarak und sein Regime lieber gewesen sind als diese Volksbewegung von Menschen, die Bürger sind und dabei auch Muslime.
    Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein Atom, hat mal Einstein – oder war es Nils Bohr – gesagt. Islam und Demokratie KÖNNEN gar nicht zusammen gehen, weil sonst ja das Vorurteil widerlegt wäre, und das darf nicht passieren.

    Jetzt stelle man sich mal vor, die Muslime entwickeln tatsächlich so etwas wie eine muslimische Moderne, nicht ganz so wie die unchristliche, unreligiöse Moderne, die wir hier in Deutschland haben, aber eben doch eine Lebensform, in der Religion zwar wichtig ist, privat und im Alltag, aber auch Spielraum gibt – religionsfreie Räume gewährt und großzügig viele Varianten in der Interpretation.

    Man merkt, wenn man mit Muslimen in Deutschland zu tun hat, dass so etwas im Gange ist. Im Iran passiert es – die Revolte gegen das theokratische Regime zeigt es. Es hat mich etwas überrascht, aber ganz offensichtlich ist der Prozess auch in Tunesien und Ägypten im Gange.

    Wie gesagt, das DARF NICHT SEIN, wenn es nach Manfred, Karl und basil geht. Also drücken sie den islamistischen Hardlinern die Daumen, denen es genau so geht. Die Fanatiker beider Seiten können die pragmatische Mitte nicht ertragen.

  9. basil sagt:

    Da dürfen wir mal gespannt beobachten wieviel religionsfreie Räume in besagten Ländern entstehen. Würde mich, entgegen Ihrer Annahme, sehr darüber freuen wenn Sie Recht behielten.

  10. Karl Willemsen sagt:

    @Loewe

    Sie irren mal wieder, ich finde die arabischen Völker solten NACH IHRER EIGENEN FACON glücklich werden! Ich bin wahrlich der Letzte, der denen da klugscheissend reinquatschen möchte! Ich bin sogar der Meinung – entgegen unserer Fachkräftephobiker™ – das die Qualifizierten UNBEDINGT dort bleiben sollten, weil sie nirgendwo dringender gebraucht werden!

    Aber ich hab die realistische Erwartung, dass wir (Europäer) mal wieder für die sozialen Kolateralschäden™ der – wie auch immer gerichteten – Bewegung zuständig zu sein haben, da die Clanstrukturen dieser Gesellschaften – Islam hin, Islam her – nicht aufzubrechen sein werden.

    Ich rechne mit einem satt 7-stelligen Flüchtlingsstrom – aus ganz Afrika, nach Europa, allein für 2011! … lassen Sie uns w.g. Ende des Jahres zwischenbilanzieren.

    Die eigentliche Katastrophe hat nämlich bereits stattgefunden, die VERDOPPLUNG der Bevölkerung dieser Länder in den vergangenen 20-30 Jahren… nur als stellvertr. Beispiel, Ägypten:

    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Egypt_demography.png



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