MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Migrospektive

Grippale Integration

In den letzten Wochen kam ich mir des Öfteren vor wie der Spielball bei den deutschen Meisterschaften im Populisten-Ping Pong. Auch muss ich immer öfter als Spalte und Prozentwert in Statistiktabellen herhalten und meine angeblich schon tote multikulturelle Existenz soll nur eine Fiktion in Rotwein getränkten Hirnen einiger unverbesserlicher Weltverbesserer sein.

VONYusuf Şahin

 Grippale Integration
Yusuf Şahin, Jahrgang 1976, geboren in der Türkei, lebt seit 1977 in Deutschland. Er hat Wirtschaftsinformatik studiert, ist ausgebildeter IT-System-Kaufmann und ist in der IT-Branche tätig als Vertriebs- und Marketingmanager. Außerdem hat er sich in der Jugendpflege engagiert und hat Jugendliche mit Migrations-Vita betreut.

DATUM4. November 2010

KOMMENTARE3

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Tatsächlich bestehe ich jedoch aus einer Ansammlung von menschlichen Zellen und Genen. Diese wiederum sind wohl nicht nur auf einem unterstellten Verdummungstrip und laufen Fortpflanzungsamok, sondern sind auch noch recht anfällig für Viren. Egal, ob rein deutsche oder immigrierte.

Auch ein Migrant wird mal krank
Übrigens bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ich gebe zu, in der Regel erlangt ein gewöhnlicher grippaler Infekt nicht die Prominenz, um in Kolumnen erwähnt zu werden, es sei denn er stammt originär von kranken Schweinen. Doch für mich begann mit Husten und Heiserkeit noch eine ganz andere Leidenszeit. Ich habe mir nämlich einen Sonntag zum Auskurieren ausgesucht und nun liege ich da auf meinem Sofa und genehmige mir eine Dosis Fernsehen mit Bildungsauftrag. Doch während sich mein Organismus krampfhaft bemüht Antikörper zu bilden, bilden sich auf Designermöbeln sitzende Diskussionsteilnehmer und ihre Stichwortgeber ein, dass die möglichst häufige Nutzung von BILD-haften Darstellungen zwangsverheirateter und durchweg kopftuchtragender „Einheitsmigrantinnen“ und ungebildeter vorderasiatischer Rasur-Verweigerer und Al-Qaida Fanclubs, den Gegenüber zur Einsicht motivieren und mich Zuschauer zum Kauf ihrer auf dem Designer-Couchtisch wenig dezent plazierten Bücher animieren könnte.

„Verdammt. Habe ich meinen Hustensaft überdosiert“ frage ich mich, als eine Diskutantin tatsächlich ihrem Gegenüber bitterböse vorwirft, ihr Buch nicht lesen zu wollen aber dafür den Sarrazin-Schmöker öffentlich zu diskutieren. Ist das Thema Einwanderungspolitik, Migrationsgeschichte und der richtige Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit und Generation, nur noch der Schminkspiegel eitler, medial gestylter Autoren und „Experten“? Deren alleinige Kompetenz scheint darin zu bestehen, dass sie die Härtefälle dokumentieren und in Form von intellektuellen Dauerwerbesendungen vermarkten dürfen. Gerade als mich dieses Gefühl unumkehrbar zu befallen scheint und ich nicht mehr unterscheiden kann, ob mein Kopfschmerz durch das Gesehene oder doch durch meine geschwollenen Lymphknoten ausgelöst wird, meldet sich eine Kulturkritikerin zu Wort. Ihre wohltuend differenzierte Kritik an jedweder Form von Extremismus und Fehlverhalten –unabhängig von der Ethnie- und die strikte Trennung von Religion, Kultur und Gesellschaft wirken wie Kräuterbalsam auf meine erkältete Seele. Doch ihre Worte wirken nicht viel länger als mein Schmerzmittel, denn gegen die Totschlag-Argumente Neukölln und die Next-Door-Ehrenmörder-Hysterie hat auch sie keine Chance, wie es scheint.

Öffentliche Diagnose und Therapievorschläge
Ich befinde mich fast im Delirium, als ich mich frage, was passieren würde wenn ich meine Medikamente in der gleichen Form so wild durcheinander mischen würde, wie es die vermeintlich gutgemeinte Diskussion mit den Begriffen und Teilbereichen in Bezug auf Migranten in Deutschland anstellt. Sie haben eine Vermutung? Ich auch.

Während ich so auf meinem Sofa dahinvegetiere, halluziniere ich. Ich sehe mich tatsächlich auf einer Art öffentlicher Krankenliege oder der Couch der „Mainstream-Psychologie“. Man versucht mich zu heilen bzw. zu therapieren, doch in Wirklichkeit hat mich eine breite Mehrheit als den eigentlichen Krankheitsverursacher bzw. Auslöser der Psychose identifiziert. Ist es nicht so, dass man Kranke und deren Erreger isoliert? Handelt die deutsche Mehrheitsgesellschaft etwa medizinisch richtig?

Etwas konkreter in eigener Sache: Als ob meine Influenza nicht schon schlimm genug wäre, muss ich mir analog und digital ansehen, anhören und durchlesen, welch extremistisches, machohaftes Potential in mir als muslimisch grundversorgten Bio-Türken doch schlummert. Ich bin wohl so eine Art „40 qm Deutschland – jetzt in 3D“ oder „Nicht ohne meine Tochter – Reloaded“, ausgestattet mit einer Dauerkarte für Open-Air Hasspredigten in der nächstgelegenen Hisbollah-Filiale. Nicht zu vergessen meine in diversen „Speed-Discussions“ oberflächlich sezierte, anscheinend extrem gestörte und mit religiösen Vorgaben durchsetzte sexuelle Identität.

Ansehen und Spiegelbild
Verzeihung aber das ist mal echt unter aller („halal“ Verfechter bitte mal weghören) Sau! Sie finden ich übertreibe? Stellen sie sich bitte mal vor, meinesgleichen lernt eine Frau während der derzeitig grassierenden Pauschalisierungs-Welle kennen. Dann kann man noch lange warten, bis man mit ihr den demographischen Wandel umkehren darf. So wie unsereiner dargestellt wird, dürfte man sich tagelang nicht im Spiegel ansehen. Das „Ansehen“ ist sozusagen dahin.

Apropos Ansehen. Ich liege immer noch fiebrig auf meiner Couch. Inzwischen habe ich den guten Rat meines Freundes Peter Lustig befolgt und den TV-Offenbarungseid abgeschaltet.

Ich ziehe meinen Schal fester und merke, dass meine Mandeln geschwollen sind. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr und sicherlich nicht zum letzten Mal.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Omar sagt:

    Gut geschrieben! Ich hab die Referenz zu „40 qm Deutschland“ aber nicht ganz verstanden. Ist das ein Buch? Übrigens: zum zweiten Mal Grippe dieses Jahr scheint wohl Standard zu sein..

  2. Niki Schaefer sagt:

    Hallo Yusuf,
    nur wer die Sense im Fleisch spürt (den Fehler spürt), kann „die Welt verbessern“. Geh in eine Partei, (fast) egal welche und melde Dich dort zu Wort und zur Gestaltungs-Tat, das macht aber nur einen Sinn, wenn es Dir gelingt, Deine Freunde und ähnlich Denkende mit dorthin zu nehmen.

    Lasst tausend Blumen blühen
    (ich bin – trotz alledem – in der SPD)
    Niki

  3. bogo70 sagt:

    @Omar
    Ist ein Film und wird passend zur Integrationsdebatte Morgen ausgestrahlt. (Hab nur nicht kapiert auf welchem Sender) 🙁

    40 qm Deutschland

    Ist ein ziemlich gruseliges Bild was da von Importbräuten und sexuellen Vorlieben der türkischen Männer gezeichnet wurde. Ich hab den Film vor Jahren gesehen und empfehle Zartbeseiteten ihn lieber nicht anzuschauen. Ansonsten denke ich, dass es sicher solche Schiksale gibt, sollte uns aber nicht dazu verleiten die Situation zu verallgemeinern.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...