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Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Studie

Deutschland! Rechts um! Marsch-Marsch?

Jeder dritte Deutsche hält sein Land für „überfremdet“, jeder Zehnte wünscht sich wieder eine Diktatur und einen „Führer“ und die Mehrheit möchte die Religionsfreiheit für Muslime „erheblich“ einschränken.

Rechtsextremismus und Islamfeindlichkeit sind tief verankert in der gesellschaftlichen Mitte Deutschlands. Das zeigt eine am Mittwoch (13.10.2010) in Berlin vorgelegte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Leipziger Wissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler, die die Studie durchgeführt hatten, sprachen von einer dramatischen Trendwende: „Im Jahr 2010 ist eine signifikante Zunahme antidemokratischer und rassistischer Einstellungen zu verzeichnen.“

Dabei wurden die Menschen im April 2010 befragt, also noch vor Thilo Sarrazins Thesen zur Integration. „Hätten wird die Befragung heute durchgeführt, wären die Befunde sicher noch extremer“, sagte Brähler.

Auch Wolfang Benz, Antisemistismusforscher an der Technischen Universität Berlin, sieht einen Zusammenhang: „Der Stammtisch fühlt sich bestärkt, wenn auch der Ministerpräsident einen Zuwanderungsstopp fordert,“ sagte er in Anspielung auf die jüngsten Aussagen von CSU-Chef Horst Seehofer. Insbesondere das Anwachsen der Islamfeindlichkeit sei für ihn wenig überraschend: „Wer sich heute als Antisemit öffentlich darstellt wird geächtet. Wer sich hingegen mit ganzen ähnlichen Methoden, Unterstellungen und Vermutungen als ein sogenannter Islamkritiker positioniert, bricht kein Tabu,“ sagte Benz.

Feindseligkeit gegen Muslime besonders ausgeprägt
So ist der Studie zufolge die Feindseligkeit gegenüber dem Islam besonders ausgeprägt. 58 Prozent würden die Religionsausübung für Muslime „erheblich einschränken“. Dabei ist bemerkenswert, dass islamfeindliche Einstellungen selbst bei der Hälfte der Deutschen verbreitet sind, die rechtsextremen Aussagen an sich überwiegend kritisch gegenüberstehen. Das sei ein Wandel hin zu einem „modernen Rassismus“, so die Forscher. Nicht eine „genetische Rassenzugehörigkeit“ würde in den Vordergrund gerückt, sondern vornehmlich kulturelle und religiöse Unterschiede.

Im Osten sind den Forschern zufolge Ausländer- und Islamfeindlichkeit stärker ausgeprägt, obwohl der Migrantenanteil dort am geringsten ist. Ein Grund sei die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern. Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit führen laut Brähler eher zu rechtsextremen Einstellungen.

Logik des Ressentiments
Etwa ein Drittel sieht die Bundesrepublik „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Über 34 Prozent der Bevölkerung ist der Meinung, dass Ausländer nur kommen, „um unseren Sozialstaat auszunutzen.“ Ebenso viele denken zudem, dass man bei knappen Arbeitsplätzen „Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“ sollte.

Für die Studie „Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ wurden im Frühjahr mehr als 2.400 Menschen im Alter von 14 bis 90 Jahren in direkten Interviews befragt. Die Studie kann auf den Seiten der Friedrich-Ebert-Stiftung als PDF-Datei kostenlos heruntergeladen werden.

Und dabei hätten Argumente „nur wenig Chancen gegen die Logik des Ressentiments“, so Decker. Zunächst würden Migranten von den gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten systematisch ausgeschlossen, um ihnen dann die Folgen einer verfehlten Integrationspolitik anzulasten.

13 Prozent wünschen sich „Führer“
Laut Studie ist fast jeder Vierte der Meinung, dass Deutschland jetzt „eine einzige starke Partei“ braucht, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. In diesem Zusammenhang überrascht nicht, dass der Zuspruch für eine Diktatur als Staatsform wächst. Einen „Führer“ wünschen sich rund 13 Prozent der Deutschen, damit „Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“ wird. „Unter bestimmten Umständen“ halten knapp neun Prozent sogar eine Diktatur für „die bessere Staatsform“. So sind auch gut 10 Prozent der Meinung, dass der Nationalsozialismus „auch seine guten Seiten“ gehabt habe.

Rechtsextreme Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft
Auch rechtsextremistische Einstellungen haben der Studie zufolge zugenommen. Die Forscher führen diesen Anstieg auf Abstiegsängste zurück. Dies habe mit der Wirtschafts- und Finanzkrise zugenommen und betreffe alle Gesellschaftsgruppen. Allerdings stimmten ältere und Menschen mit geringem Bildungsniveau wesentlich häufiger rechtsextremen Aussagen zu als junge und gebildete Menschen.

Rechtsextremismus ist den Forschern zufolge aber kein Randphänomen. In der Mitte der Gesellschaft sei sie ebenso vertreten. So hätten der Untersuchung zufolge alle Parteien Anhänger mit rechtsextremen Ansichten. Ein weiterer Befund sei, dass unter den Mitgliedern der evangelischen und katholischen Kirche diese Gedanken sogar noch etwas verbreiteter sei als unter Konfessionslosen.

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37 Kommentare
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  1. Andre sagt:

    Das ist doch wirklich Blödsinn…
    Islamfeindlichkeit oder Kritik ist nicht immer gleich Rechtsradikal!
    Ich bin selber Migrant und bin sicher nicht rechts, weil ich den Islam nicht mag!
    Da ist der feine Unterschied…
    Also bitte Journalisten…lasst die Kirche im Dorf und unterstellt nicht allen Menschen Nazis zu sein!

  2. Reseller Berlin sagt:

    Wer bewusst Hass und Ängste gegen „die Muslime“ schürt erntet Hass und Ängste gegen alles was vermeintlich anders ist .

    Ich finde es immer lächerlich wie die sogenannten westlichen Medien gegen das Islamtum und somit gegen die Muslime hetzen und wenn dann Inder durch die Städte gejagt werden oder jüdische Friedhöfe geschändet werden sie angeblich so betroffen seien gegen die bösen bösen Rechten …

    Dabei sind sie es selbst , die hier Brandstiftung betreiben .

    Wenn eine schwangere Merwe in einem Deutschen Gerichtssaal bestialisch abgeschlachtet wird mit den Worten „Islamisten Schlampe“ dann sollte sich jeder aufrichtige Mensch fragen wieviel Mitschuld Personen tragen die tägtäglich alle Arten von muslimischen Verbrechen „Islamisten“ nennen und von „produzierten Kopftuchmädchen“ sabbern .

    Diese Verräter der Deutschen Gesellschaft, die Bevölkerungs-Gruppen gegenseitig aufhetzen und ausspielen sind der wahre Hintergrund warum Menschenfeindlichkeit im sogenannten Westen seit dem 11.09.2001 rasant zugenommen hat.

  3. Bastian sagt:

    Diesen Artikel empfinde ich persönlich als Provokation und journalistisch unausgeglichen. Das ist in dieser Form kein konstruktiver Beitrag zur Integration, sondern nur Populismus.

  4. ??? sagt:

    Sich nicht mit einer bestimmten Kultur oder Religion konform zu fühlen ist was anderes als diese zu beschimpfen, alle in einen Topf zu werfen, zu pauschalisieren oder sich einen Führer zu wünschen…
    Es gibt auch deutsche Gewalttätige. Männer, die Ihre Frauen und Kinder schlagen. Es gibt auch eine Menge deutscher Kinder, die sich nicht in die Gesellschaft integrieren möchten/können… was soll also diese rassistische Türkenhetze?!?!

  5. Horst sagt:

    Also ich bin auch kein Frauenhasser. Nur weil ich meine Frau schlage. Ich liebe sie! Ich liebe alle Frauen.
    Also, liebe Journalisten: lasst die Kirche im Dorf und unterstellt nicht allen gleich, Frauenhasser zu sein.

  6. Realdenker sagt:

    Wir müssen analysieren, wie es zu den jetzigen Problemen kommen konnte, die Probleme auch ein Stück weit kompromisslos angehen, eine positive Veränderung herbei führen, und gleichzeitig in die Zukunft blicken, damit sich das alles nicht wiederholen wird, bzw. sich weiter dramatisch zuspitzt, was wir nun miterleben müssen. Tun wir das nicht, dann wird die Einstellung der Menschen noch weit aus radikaler werden – und es wird mehr und mehr Unfrieden, bis hin zu Gewalt entstehen. Oder gar die Entstehung von neuen radikalen Parteien mehr und mehr fördern. Wir haben ein Problem mit dem Islam, gewissen Menschen, welche diese Religion auf ihre eigene Art leben und kompromisslos ausleben wollen. Auch mit den vorhandenen Unvereinbarkeiten mit unserem Grundgesetz , unserer Werteordnung und der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Das muss man eben an- und aussprechen dürfen. Wer dies klein redetet fördert extreme Gedanken, welche sich mehr und mehr auszubreiten scheinen. In alle Richtungen gedacht.

  7. Othelo sagt:

    Jawohl, „..die Kirche im Dorf lassen“ wird gewünscht, ich lach mich kaputt… erst einmal ist hier im Artikel gekennzeichnet, dass von einer Studie ausgegangen wird und zweitens wüsste ich gerne mal, was hier für manche eigentlich so provokant vorkommt… kann doch nicht sein, dass der journalistsichen Arbeit, die in diesem Artikel zugrunde liegen, so ein Statement entgegnet wird und wenn es darum geht mal den verblendeten „Tatsachen-Berichten“ oder den, ach, so gut gemeinten „Prognosen“ kritisch gegenüber zu stehen, nur mit einem „das darf man doch wohl noch sagen“ entgegen geheuchelt wird. Ja, sorry!!! Ob Du den Islam magst oder nicht hat damit garnichts zu tun… sondern nur dass Du es nicht tolerieren willst, wenn es andersgläubige Menschen gibt. Und wärst Du so im Stolz verletzt, dann wärst Du meiner Ansicht besser aufgehoben Deinen deutschen Mitbürger zu entgegnen, dass sie aufhören müssen zu provozieren…. wir Ausländer und Migranten haben ein Recht fair und respektvoll behandelt zu werden…. schonmal was vom GG gehört. Artikel 1!!!!

  8. elimu sagt:

    was denn für Journalisten????

    Zitat: „Das zeigt eine am Mittwoch (13.10.2010) in Berlin vorgelegte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Leipziger Wissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler, die die Studie durchgeführt hatten, sprachen von einer dramatischen Trendwende: „Im Jahr 2010 ist eine signifikante Zunahme antidemokratischer und rassistischer Einstellungen zu verzeichnen.“

    Für die Studie „Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“ wurden im Frühjahr mehr als 2.400 Menschen im Alter von 14 bis 90 Jahren in direkten Interviews befragt. Die Studie kann auf den Seiten der Friedrich-Ebert-Stiftung als PDF-Datei kostenlos heruntergeladen werden.

    Erst lesen… dann kommentieren!
    Ich dachte immer, wenn die Wissenschaft ein Händchen im Spiel hat, dann muss man der Sache ja glauben schenken, oder nicht? Oder warum hatten sich „damals“ alle bestätigt gefühlt, als über Migranten mal wieder eine Studie herauskam und wo die Türken am schlechtesten abgeschnitten hatten in Punkto Bildung etc.?
    Da haben sich ja auch viele dahinter angelehnt und gesagt, dass es ja der Wahrheit entsprechen muss.
    Anscheinend gibt es doch noch „Nazis“ unter uns, die sich in Punkto Islam auslassen können, da die Mehrheit ja inzwischen diesen Standpunkt toleriert??!! Wie schon in dem Bericht gesagt, es ist nicht der Antisemitismus, sondern eine neue Art ….der „moderne Rassismus“ gegen Muslime…

  9. Andre sagt:

    @othelo

    wir Ausländer und Migranten haben ein Recht fair und respektvoll behandelt zu werden…. schonmal was vom GG gehört. Artikel 1!!!!

    Schon gelesen, das ich selber Migrant bin?
    Aber haben die Moslems auch den Respekt vor den Deutschen?
    Da ist der Haken an der Sache!

  10. waldfrucht sagt:

    „So hätten der Untersuchung zufolge alle Parteien Anhänger mit rechtsextremen Ansichten.“

    Welche Partei ist denn – nach Meinung des Migazins – dann überhaupt noch wählbar in Nazi-Deutschland?


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