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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Lamyas Welt

Danke, Politik – Ein Rückblick auf die Sarrazin-Debatte

Es kommt nicht so oft vor, dass sich Menschen bei Vertretern dieser Berufsgattung bedanken: den Spitzenpolitikern. In den vergangenen Wochen aber ist mir als Muslimin dieser Gedanke ein ums andere Mal durch den Kopf gegangen.

VONLamya Kaddor

 Danke, Politik – Ein Rückblick auf die Sarrazin-Debatte
Geb. 1978 im westfälisch- en Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer. Sie unterrichtet das Schulfach „Islamkunde in deutscher Sprache“, bildete an der Universität Münster deutschsprachi- ge Islamlehrer aus und berät die Politik zur Inte- gration von Muslimen, gehört zu den Sprecherin- nen des „Forum am Freitag“ des ZDF und ist Vorsitzende des 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bundes e.V. In ihrer MiGAZIN-Kolumne schreibt sie über ihre Welt - „Lamyas Welt“. Bei C.H.Beck erschien von ihr zuletzt „Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßem Islam“ (2010).

DATUM30. September 2010

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RESSORTAktuell, Meinung

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„Es heißt immer, dass so viele Sarrazin zustimmten. Ich wage dies zu bezweifeln.“

Es heißt immer, dass so viele Sarrazin zustimmten. Ich wage dies zu bezweifeln. Gewiss erhält er Zuspruch. Der alte Blut-und-Boden-Gedanke ist nach wie vor verbreitet. Aber bei Stammtisch-Debatten melden sich natürlicherweise zuvorderst Menschen zu Wort, die auch an den Stammtischen dieser Republik Platz nehmen. Leute, die sich von einfachen Parolen angesprochen fühlen, lassen sich leichter mobilisieren. Ich kann verstehen, dass sich entspannte Zeitgenossen von solchen hyperventilierenden Diskursen lieber kopfschüttelnd fernhalten. Gleichzeitig wird dadurch den Schreihälsen jedoch die zentrale Position auf dem Spielfeld überlassen. Während sich die meisten denken, „was für ein Unsinn“ und ihres Weges gehen, greifen diese zum Telefonhörer, zu Papier und Stift oder zur Tastatur und verleihen ihrer Empörung Ausdruck. Endlich kann man mal wieder Klartext reden – und es ist auch noch en vogue. Zugleich korreliert dieses Verhalten mit einem besonders unter sogenannten Islamkritikern auftretenden Phänomen: sich gegenseitig dazu anzustacheln, einen oder gleich mehrere Lesebriefe, Emails oder Postings zu schreiben. Bei manchen Journalisten kommen auf diese Weise zahlreiche „Eingaben“ an, die fälschlicherweise suggerieren, da draußen gebe es eine breite Meinungsfront.

Dummerweise muss man sagen, hat sich die Strategie letztlich durchaus erfolgreich erwiesen. Die Schreihälse trieben fast alle und jeden vor sich her. So fanden sich im Laufe der Debatte auch zunehmend in Medien, die den Sarrazin-Hype zunächst nicht mitmachen wollten, Stimmen, die meinten: Ja, also der Sarrazin hat ja nicht in allen Punkten Unrecht und außerdem stimmen ihm ja auch noch so viele Menschen zu, die überhaupt nicht ausländerfeindlich seien. Auch unter Politikern führte die Strategie der sogenannten Islamkritiker hier und da zu einer halben Rolle rückwärts. So bemühten sich einige auf einmal zu betonen, wie kompromisslos die Politik künftig mit „Integrationsverweigerern“ unter den Einwanderern umspringen müsse. Darüber, wie denn die Politik künftig mit „Intergrationsverhinderern“ in der Aufnahmegesellschaft umspringen müsse, hörte man hingegen nichts. Bereits vier Wochen nach Sarrazin scheint sich also der Eindruck zu bestätigen, dass die ganze Aufregung mal wieder nichts Positives gebracht hat – selbst die von vielen freudig begrüßte Aufmerksamkeit für die Probleme der Integration kamen über ein kurzes Spotlight nicht hinaus; inzwischen stehen nämlich längst wieder andere Themen ganz oben auf der politischen Agenda.

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11 Kommentare
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  1. Bambus sagt:

    Ich hätte eigentlich gewünscht, dass Sie Sarrazin mit Fakten widerlegen. Wenn Problem der Brennpunkte in großer Stadt doch Wahrheit ist, ist Ihr Dank an den Politikern sehr ironisch.

  2. NDS sagt:

    Toller Kommentar Lamya! Bei mir verhält es sich nämlich ähnlich mit dem „lesen“: ein Manuskript, das auf diese Weise angekündigt wurde und von einem so fachfremden Autor geschrieben wurde, muss ich mir wirklich nicht antun, um die Debatte ÜBER das Buch bewerten zu können. Sarrazin ist leider nicht der einzige, der sich als Hobbysoziologe hervortun möchte…

  3. Zeitzeuge sagt:

    Klingt alles im allen ganz schön Arrogant und am Thema vorbei !

    Denke es geht um mehr als nur Integration. Ob Sarrazin in allen Punkten recht hat sei dahingestellt. Diskussionswürdig sind seine Thesen und Fakten allemal !

    Ich sehe das als große Chance für Deutschland ,für deutsche mit migrationshintergrund und ohne,wie auch Ausländer. Dies kann aber nur dann eine Chance sein wenn die Diskussion offen und ohne Scheuklappen geführt wird . Auch wenn wenn es für manch einem in unserem Lande unangenehme Fragen aufwirft !
    Denke die Debatte hat gerade erst begonnen und hoffe das sie auch nachhaltig ist !!!

  4. NDS sagt:

    Sorry, aber von einer Diskussion ist die deutsche Öffentlichkeit ohnehin meilenweit entfernt. Die Thesen eines Mannes, die im Vorfeld mit abfälligen Bemerkungen gegenüber seiner „Untersuchungsgruppe“ (Migranten? Muslime bilden gerademal 20 % der Migranten. Waren die sozialen Schieflagen der anderen 80 % nicht medientauglich genug?) eingeleitet werden, Experten, die seit Jahren auf diesem Gebiet forschen, ausgebuhlt werden (siehe: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/lesung-in-muenchen-sarrazin-proletarisiert-sein-publikum-1.1006393) und die Diskussion nicht mit der Analyse sozialer Strukturen vollzogen wird, sondern im Streit über Minderwertigkeiten und Existenzrechte im Keim erstickt wird (und MigrationshintergründlerInnen & „Gutmenschen“ zu einer Verteidigungshaltung zwingt), wie bitte soll da diskutiert werden???

  5. Krause sagt:

    „Wer sich darüber hinaus schon mal mit Statistiken zu dem Thema befasst hat, weiß, dass Sarrazin Daten aus dem Zusammenhang reißt, ihm nicht zuträgliche Informationen unterschlägt oder falsche bzw. nicht gedeckte Schlussfolgerungen aus dem von ihm benutzten Material zieht. “

    Herr Sarrazin ist Volkswirt – mit Statistiken kennt er sich aus. Im übrigen ist immer alles aus dem Zusammenhang gerissen – sei eine Statistik oder eine Sure. Was sind denn die richtigen Schlüsse aus dem Material. Man muß sich schon inhaltlich mit ihm auseinandersetzen – mit Ausnahme natürlich mit dem widerlichen biologistischen Unsinn. Aber das hier ist zu billig.

  6. @Krause:

    Statistik ist nicht gleich Statistik. Volkswirte arbeiten mit anderen Statistiken als Soziologen oder Psychologen. Die Psychologen entwerfen andere Forschungsdesigns für empirische Erhebungen als Volkswirte. Es gibt Konventionen und Verfahrensregeln, die sich von Fach zu Fach ändern können.

    Ein gutes Beispiel, dass Sarrazin mit Daten aus der Integrationsforschung oder der Bevölkerungswissenschaft nicht umgehen kann, sind seine Zukunftsprojektionen für die demografische Entwicklung:

    Abgesehen davon, dass kein seriöser Bevölkerungswissenschaftler eine Vorhersage zur demografischen Entwicklung für die nächsten 100, geschweigedenn 200 oder 300 Jahre entwerfen würde, erstellen seriöse Bevölkerungswissenschaftler negative, mittlere und positive Szenarienmodelle, auf der Grundlage die demografische Entwicklung modelliert wird. Alles, was Sarrazin nicht gemacht hat.

    Er hat sein Datenpaket unter die Arme genommen und rannte auf einer gerade Strecke bis zu seinem Ziel. Mit anderen Worten: Er hat den IST-Zustand der Demografie linear extrapoliert. Bade hat schon Recht, wenn er sagt, dass Sarrazin ein Laie ist.

  7. Peter sagt:

    Wie Recht diese Frau doch hat: Hier schreien ganz offensichtlich nur diejenigen nach dem Buch, die entweder persönliches Interesse daran haben oder die sich als „Migrant“ bei den Sarrazin-Sympathisanten einschleimen wollen.
    @Zeitzeuge
    Auch wenn sich hier jemand dazu bekennt, sich nicht mit den Thesen inhaltlich auseinanderzusetzen – was ich gutheiße -, so haben diesen Job doch längst hunderte andere Personen längst gemacht. Im TV, in Zeitungen, online gibt es es – gefühlt – tausende Beiträge, die Sarrazin längst widerlegt haben. Wenn sich hier also jemand nach einer „inhatlichen“ Auseinandersetzung mit Sarrazin sehnt, ist das reine Ideologie.
    Die vermeintliche „Arroganz“, wie sie hier anprangert wird, ist gegenüber solchen Ideologen übrigens die einzig richtige Haltung.
    Wir können uns ja mal daran begeben, zu untersuchen, wo Stalin überall Recht hatte. War ja schließlich auch nicht alles falsch was er gesagt und getan hat, oder?
    Und wenn Sie erst durch Sarrazin von den Problemen der Integration gehört haben, dann sollten Sie sich erst recht nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dann haben Sie von der Materie offensichtlich keine Ahnung.
    @Krause
    Genau, weil Sarrazin Volkswirt ist, kann er Soziologie betreiben. Da frag ich mich warum es über zwei Studiengänge dazu gibt.

  8. Kevin sagt:

    Der Umgang der Sarrazinbefürworter mit dessen Buch erinnert mich an den Umgang der Muslime mit dem Koran:

    „Das ist falsch zitiert, das ist eine falsche Übersetzung, das ist aus dem Zusammenhang gerissen, das kann man so nicht sehen, sie haben es nicht gelesen, nicht ganz gelesen, nicht genau genug gelesen…“

    Irgendwie habe ich den Eindruck, daß es Menschen gibt, die das islamische Vorgehen für sich adaptiert haben und nun anwenden – nur halt andersherum, als die Muslime.

  9. Peter sagt:

    @Kevin
    Da hast Du vielleicht Recht. Aber warum outest Du dich selbst dann als Anhänger dieser Vorgehensweise?


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