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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Lamyas Welt

Danke, Politik – Ein Rückblick auf die Sarrazin-Debatte

Es kommt nicht so oft vor, dass sich Menschen bei Vertretern dieser Berufsgattung bedanken: den Spitzenpolitikern. In den vergangenen Wochen aber ist mir als Muslimin dieser Gedanke ein ums andere Mal durch den Kopf gegangen.

VONLamya Kaddor

 Danke, Politik – Ein Rückblick auf die Sarrazin-Debatte
Geb. 1978 im westfälisch- en Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer. Sie unterrichtet das Schulfach „Islamkunde in deutscher Sprache“, bildete an der Universität Münster deutschsprachi- ge Islamlehrer aus und berät die Politik zur Inte- gration von Muslimen, gehört zu den Sprecherin- nen des „Forum am Freitag“ des ZDF und ist Vorsitzende des 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bundes e.V. In ihrer MiGAZIN-Kolumne schreibt sie über ihre Welt - „Lamyas Welt“. Bei C.H.Beck erschien von ihr zuletzt „Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßem Islam“ (2010).

DATUM30. September 2010

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RESSORTAktuell, Meinung

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„Das Buch zu lesen mag für diejenigen interessant sein, die sowieso die gleichen Ansichten vertreten wie er und die lediglich nach einer (vermeintlichen) Bestätigung suchen.“

Man mag nun einwenden, dann sollte ich mir auch ein Urteil über das Buch ersparen. Ich darf kurz daran erinnern, wie das Buch eingeführt wurde. Bereits im Interview mit „Lettre International“ vor einem Jahr hatte Sarrazin erklärt, dass „eine große Zahl an Arabern und Türken keine produktive Funktion hat, außer für den Obst- und Gemüsehandel“ und: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate?“ Dann folgten in großen deutschen Medien ausführliche Auszüge aus dem Buch, die es in dieser Breite zuvor selten – wenn überhaupt – gegeben hat und die seine Grundannahme vom Grundübel der muslimischen Einwanderung untermauerten. Erst als die zentralen Botschaften des Buches bereits in aller Munde sind, stellt Thilo Sarrazin das Werk offiziell vor. Und plötzlich relativiert er Aussagen, zitiert nur noch Fakten und tut so, als ob es ihm tatsächlich nur um die Integrationsprobleme gehe. Er verallgemeinere gar nicht; das stehe so nicht in seinem Buch; das habe er so nicht geschrieben. Dieses dürften die häufigsten Sätze gewesen sein, die er bei seiner Tour durch die Redaktionsstuben und Sendestudios von sich gegeben hat. Es scheint, als sei er inzwischen selbst ein Opfer seiner eigenen PR-Strategie geworden. Zuerst Pauschalurteile propagieren und sich dann auf Halbwahrheiten zurückziehen, ist eben ein gefährliches Spiel mit dem ideologischen Feuer.

Wer Sarrazins vorab veröffentlichte Kernthesen mit etwas Verstand und Hintergrundwissen betrachtet, ahnt bereits, dass sie nicht haltbar sind. Wer sich darüber hinaus schon mal mit Statistiken zu dem Thema befasst hat, weiß, dass Sarrazin Daten aus dem Zusammenhang reißt, ihm nicht zuträgliche Informationen unterschlägt oder falsche bzw. nicht gedeckte Schlussfolgerungen aus dem von ihm benutzten Material zieht. Das Buch zu lesen mag für diejenigen interessant sein, die sowieso die gleichen Ansichten vertreten wie er und die lediglich nach einer (vermeintlichen) Bestätigung suchen. In Fachkreisen wird sein Buch jedenfalls keinen Einfluss gewinnen.

Also: Danke nochmals an die Politiker und all jenen, die direkt zu Beginn der Debatte öffentlichkeitswirksam Stellung bezogen. Danke, dass sie die Grundprinzipien unserer Verfassung verteidigt und sich vor die Minderheit in Deutschland gestellt haben. Ihr Gewicht in der Debatte war wichtig, da sich die Mehrheit unserer Mitbürger, die Sarrazins Thesen für nicht tragbar hält, nur unzureichend zu Wort meldete.

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11 Kommentare
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  1. Bambus sagt:

    Ich hätte eigentlich gewünscht, dass Sie Sarrazin mit Fakten widerlegen. Wenn Problem der Brennpunkte in großer Stadt doch Wahrheit ist, ist Ihr Dank an den Politikern sehr ironisch.

  2. NDS sagt:

    Toller Kommentar Lamya! Bei mir verhält es sich nämlich ähnlich mit dem „lesen“: ein Manuskript, das auf diese Weise angekündigt wurde und von einem so fachfremden Autor geschrieben wurde, muss ich mir wirklich nicht antun, um die Debatte ÜBER das Buch bewerten zu können. Sarrazin ist leider nicht der einzige, der sich als Hobbysoziologe hervortun möchte…

  3. Zeitzeuge sagt:

    Klingt alles im allen ganz schön Arrogant und am Thema vorbei !

    Denke es geht um mehr als nur Integration. Ob Sarrazin in allen Punkten recht hat sei dahingestellt. Diskussionswürdig sind seine Thesen und Fakten allemal !

    Ich sehe das als große Chance für Deutschland ,für deutsche mit migrationshintergrund und ohne,wie auch Ausländer. Dies kann aber nur dann eine Chance sein wenn die Diskussion offen und ohne Scheuklappen geführt wird . Auch wenn wenn es für manch einem in unserem Lande unangenehme Fragen aufwirft !
    Denke die Debatte hat gerade erst begonnen und hoffe das sie auch nachhaltig ist !!!

  4. NDS sagt:

    Sorry, aber von einer Diskussion ist die deutsche Öffentlichkeit ohnehin meilenweit entfernt. Die Thesen eines Mannes, die im Vorfeld mit abfälligen Bemerkungen gegenüber seiner „Untersuchungsgruppe“ (Migranten? Muslime bilden gerademal 20 % der Migranten. Waren die sozialen Schieflagen der anderen 80 % nicht medientauglich genug?) eingeleitet werden, Experten, die seit Jahren auf diesem Gebiet forschen, ausgebuhlt werden (siehe: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/lesung-in-muenchen-sarrazin-proletarisiert-sein-publikum-1.1006393) und die Diskussion nicht mit der Analyse sozialer Strukturen vollzogen wird, sondern im Streit über Minderwertigkeiten und Existenzrechte im Keim erstickt wird (und MigrationshintergründlerInnen & „Gutmenschen“ zu einer Verteidigungshaltung zwingt), wie bitte soll da diskutiert werden???

  5. Krause sagt:

    „Wer sich darüber hinaus schon mal mit Statistiken zu dem Thema befasst hat, weiß, dass Sarrazin Daten aus dem Zusammenhang reißt, ihm nicht zuträgliche Informationen unterschlägt oder falsche bzw. nicht gedeckte Schlussfolgerungen aus dem von ihm benutzten Material zieht. “

    Herr Sarrazin ist Volkswirt – mit Statistiken kennt er sich aus. Im übrigen ist immer alles aus dem Zusammenhang gerissen – sei eine Statistik oder eine Sure. Was sind denn die richtigen Schlüsse aus dem Material. Man muß sich schon inhaltlich mit ihm auseinandersetzen – mit Ausnahme natürlich mit dem widerlichen biologistischen Unsinn. Aber das hier ist zu billig.

  6. @Krause:

    Statistik ist nicht gleich Statistik. Volkswirte arbeiten mit anderen Statistiken als Soziologen oder Psychologen. Die Psychologen entwerfen andere Forschungsdesigns für empirische Erhebungen als Volkswirte. Es gibt Konventionen und Verfahrensregeln, die sich von Fach zu Fach ändern können.

    Ein gutes Beispiel, dass Sarrazin mit Daten aus der Integrationsforschung oder der Bevölkerungswissenschaft nicht umgehen kann, sind seine Zukunftsprojektionen für die demografische Entwicklung:

    Abgesehen davon, dass kein seriöser Bevölkerungswissenschaftler eine Vorhersage zur demografischen Entwicklung für die nächsten 100, geschweigedenn 200 oder 300 Jahre entwerfen würde, erstellen seriöse Bevölkerungswissenschaftler negative, mittlere und positive Szenarienmodelle, auf der Grundlage die demografische Entwicklung modelliert wird. Alles, was Sarrazin nicht gemacht hat.

    Er hat sein Datenpaket unter die Arme genommen und rannte auf einer gerade Strecke bis zu seinem Ziel. Mit anderen Worten: Er hat den IST-Zustand der Demografie linear extrapoliert. Bade hat schon Recht, wenn er sagt, dass Sarrazin ein Laie ist.

  7. Peter sagt:

    Wie Recht diese Frau doch hat: Hier schreien ganz offensichtlich nur diejenigen nach dem Buch, die entweder persönliches Interesse daran haben oder die sich als „Migrant“ bei den Sarrazin-Sympathisanten einschleimen wollen.
    @Zeitzeuge
    Auch wenn sich hier jemand dazu bekennt, sich nicht mit den Thesen inhaltlich auseinanderzusetzen – was ich gutheiße -, so haben diesen Job doch längst hunderte andere Personen längst gemacht. Im TV, in Zeitungen, online gibt es es – gefühlt – tausende Beiträge, die Sarrazin längst widerlegt haben. Wenn sich hier also jemand nach einer „inhatlichen“ Auseinandersetzung mit Sarrazin sehnt, ist das reine Ideologie.
    Die vermeintliche „Arroganz“, wie sie hier anprangert wird, ist gegenüber solchen Ideologen übrigens die einzig richtige Haltung.
    Wir können uns ja mal daran begeben, zu untersuchen, wo Stalin überall Recht hatte. War ja schließlich auch nicht alles falsch was er gesagt und getan hat, oder?
    Und wenn Sie erst durch Sarrazin von den Problemen der Integration gehört haben, dann sollten Sie sich erst recht nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dann haben Sie von der Materie offensichtlich keine Ahnung.
    @Krause
    Genau, weil Sarrazin Volkswirt ist, kann er Soziologie betreiben. Da frag ich mich warum es über zwei Studiengänge dazu gibt.

  8. Kevin sagt:

    Der Umgang der Sarrazinbefürworter mit dessen Buch erinnert mich an den Umgang der Muslime mit dem Koran:

    „Das ist falsch zitiert, das ist eine falsche Übersetzung, das ist aus dem Zusammenhang gerissen, das kann man so nicht sehen, sie haben es nicht gelesen, nicht ganz gelesen, nicht genau genug gelesen…“

    Irgendwie habe ich den Eindruck, daß es Menschen gibt, die das islamische Vorgehen für sich adaptiert haben und nun anwenden – nur halt andersherum, als die Muslime.

  9. Peter sagt:

    @Kevin
    Da hast Du vielleicht Recht. Aber warum outest Du dich selbst dann als Anhänger dieser Vorgehensweise?


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