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Migration und Integration in Deutschland

Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Trauergottesdienst nach dem Terroranschlag im norwegischen Oslo und Utoya, 2011

Prof. Dr. Klaus J. Bade

Wer sind die eigentlichen Integrationsverweigerer?

Förderung von „blinder Denunziation ohne zureichende Datenbasis“, wirft der SVR der Bundesregierung vor. Bei der Vorstellung des Integrationsprogramms hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière von von 10 bis 15 Prozent „Integrationsverweigerern“ gesprochen.

DATUM16. September 2010

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RESSORTPolitik

QUELLE SVR, MiG

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In einem ungewöhnlich scharfen Ton hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) die Wortwahl des Bundesinnenministers Thomas de Maizière bei Vorstellung des „Bundesweiten Integrationsprogramms“ kritisiert. Vergangene Woche hatte de Maizière von 10 bis 15 Prozent Integrationsverweigerern gesprochen.

„Das fördert im öffentlichen Nachvollzug blinde Denunziationen ohne zureichende Datenbasis.“ Es gebe dazu nur einige disparate Zahlen: die Angaben des Zentrums für Türkeistudien, die aber nur für die türkische Zuwandererbevölkerung in NRW gelten und die Kursabbrecherzahlen des BAMF, in deren Hintergrund zudem vielerlei private Gründe stünden (Arbeitsaufnahme, Schwangerschaft, Ortswechsel u.a.m.). Wichtiger wäre nach Auffassung des SVR der positive Hinweis, dass über die Hälfte der Kursteilnehmer freiwillig kämen.

Mehr noch: „Die Denunziation von Kursabbrechern als ‚Integrationsverweigerer‘ blamiert sich vor der Tatsache, dass das BAMF selber im Juli dieses Jahres aus finanziellen Gründen eine Zulassungssperre für eine freiwillige Teilnahme an den Integrationskursen erlassen musste“, erklärte der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) Prof. Dr. Klaus J. Bade. Wer, so könne man fragen, seien also hier die eigentlichen ‚Integrationsverweigerer‘: die migrantischen Kursinteressenten oder die staatlichen Kursanbieter?

Datenlage in Mediendiskussionen nutzen
„Die Sarrazin-Debatte hat“, erklärte Bade, „eine desintegrative Eigendynamik an der Grenze zu Hysterie und Panik entwickelt. Sie kann zerstören, was sie eröffnen könnte: eine sachliche Auseinandersetzung mit Erfolgen, Problemen und Aufgaben im Feld von Integration und Migration“.

Diese Debatte schüre abwegige Ängste vor kultureller und demografischer ‚Überfremdung‘, die auf muslimische Einwanderer projiziert würden, die zu 45 Prozent deutsche Staatsangehörige seien. Bade weiter: „Das verursacht Verletzungen bei der Zuwandererbevölkerung und belastet unnötig das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft in kultureller Toleranz und sozialem Frieden.“

Sarrazins demografische Prognosen sind laut Bade irrig: „So nähert sich z.B. die Geburtenrate der Bevölkerung mit türkischem Migrationshintergrund derjenigen der deutschen Mehrheitsbevölkerung an (türkische Frauen 1,9 Kinder, deutsche Frauen 1,3) und die Zuwanderung aus der Türkei ist längst geringer als die Abwanderung in die Türkei (2009: -10.000).“

Die kulturaggressive Polemik gegen eine angeblich geschlossene und bedrohlich wachsende Gruppe von ‚ungebildeten‘ oder gar ‚genetisch unintelligenten‘ muslimischen Migranten gehört laut Bade „ins Reich der mittelalterlichen Brunnenvergifter-Legenden“: Die Zuwandererbevölkerung, auch die muslimische, zerfällt in unterschiedliche Milieus – von international tätigen Fachkräften bis herab zu arbeitslosen Niedrigqualifizierten. Aus dem Iran z.B. wanderte mehrheitlich eine muslimische Elite ein. „Die dumpfe Agitation gegen ‚Muslime‘ kann dazu führen, dass sich die Abwanderung der bestens integrierten neuen Elite, die wir dringend brauchen, noch verstärkt“ erklärte Bade.

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18 Kommentare
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  1. […] angeblichen Zahl der “Integrationsverweigerer”, die das Innenministerium veröffentlicht hat, gibt es heute noch einen sehr guten Artikel vom […]

  2. Sehr geehrte Damen und Herren,

    endlich eine adäquate und differenzierte Auseinandersetzung mit diesem, gesellschaftspolitisch, wichtigen Thema. Ich kann Herrn Prof. Dr. Klaus J. Bade in seinen Ansichten unterstützen und wünsche mir, dass auch die Medien aufhören, mit den Ängsten der Menschen zu spielen. Eine konstruktivere Berichterstattung würde auch bedeuten, dass den Menschen, den es nur um PR und eigene Interessen geht, der Nährboden entzogen würde.

    Nuran Joerißen

  3. Loewe sagt:

    Das ist eine kompetente, faktenorientierte, umsichtige Analyse und eine konstruktive Liste von Vorschlägen. –
    Aber etwas darin ist politisch unzureichend, und das kommt zum Ausdruck, wenn sich der Sachverständigenrat über die Politik beschwert, die zu defensiv auf die Sarrazin-Welle reagiert habe.

    Politiker sind von den Stimmungen, den Meinungen ihrer Wähler durchaus abhängig. Sie können nicht einfach den Standpunkt der sachlichen Vernunft einnehmen, wenn sie überwältigt werden von einer hysterisch gewordenen Öffentlichkeit.

    Da braucht es dann schon mehr als den sachlich arbeitenden Fachmann, der seine ab- und ausgewogenen Urteile abgibt.

    Wie redet man mit einer wildgewordenen Menge? Mit professoralem Ernst ist da nichts zu machen.

    Leute mit dem Talent, spitz und eingängig zu formulieren, müssen sich mit Fachleuten wie Bade zusammentun und die einzelnen Argumente in eine Form bringen, die in der wüsten Auseinandersetzung mit den Hysterikern Wirkung erzielen kann. Unsere Argumente müssen handlich gemacht werden, und wir brauchen mehr Bereitschaft unter uns, sich der öffentlichen Debatte zu stellen.

  4. dottore83 sagt:

    Ich denke auf der Grundlage solch einer differenzierten Sicht- und Denkweise die dem Ruf Deutschlands als Land der Dichter und Denker gerecht wird, lässt sich eine Diskussion über die vermeintliche Integrationsproblematik sehr einfach gestalten. Eine Polemsierung/Stigmatisierung förder nachhaltig die Verdrossenheit der integrationswilligen „Ausländer“ und baut immer höhere Mauern in den Köpfen der „Einheimischen“.

  5. LI sagt:

    Erstmals meinen Glückwunsch an das wiederauferstandene Migazin.

    Zu der Feststellung des Bundesinnenministers zu einem Restanteil von angeblich 10 bis 15 % Intergrationsunwilliger kann unabhänig von der Frage, ob diese Zahlen letzlich überhöht sind gesagt werden, dass im Umkehrschluss 85 % bis 90 % der Migranten integriert sind.

    Mit dieser Zahl kann ich hervoragend leben, führt diese jedenfalls die aktuelle Migrationsdebatte ad absurdum.

    Nach der derzeitigen gesellschafftlichen Debatte haben jedenfalls mehr als 80 % der Deutschen ein Problem mit der Migration, während 85%-90 % der Migranten kein Probelm mit der Aufnahmegesellschaft haben.

    Welche Gruppe sollte wohl nun verpflichtend Integrationskurse besuchen?

    LI

  6. Boli sagt:

    Lieber Li,

    die 80% Deutschen haben kein Problem mit Migration sondern mit wir wissen es alle bestimmten Gruppen von Migranten. Und dazu gehören nun mal zu fast 100 % Menschen aus islamischen Ländern. Nur mal als Beispiel. Schweden hat mittlerweile die höchste Vergewaltigungsquote seitdem massenweise muslimische Iraker und auch Somalis eingewandert sind. Hättest Du da nicht auch ein Problem mit „Migration“? Und wenn es so weiter geht lebt in Malmö bald kein Jude mehr. Weißt Du diese Menschen sind vor über 60 Jahren von Deutschland nach Schweden geflohen um dem Tod von der Schippe zu springen und jetzt werden sie wieder bedroht. Es ist zum kotzen LI.
    Oder wie ist es mit dem Vorfall vor einiger Zeit in Hannover wo eine jüdische Tanzgruppe von ca. 30 muslimischen Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden und Juden raus gebrüllt haben. Kann das erwünschte Migration sein LI und muss man sich so etwas gefallen lassen?

  7. Boli sagt:

    Aus dem Iran z.B. wanderte mehrheitlich eine muslimische Elite ein.

    Das ist richtig. Eines der wenigen islamischen Länder aus denen wir gebildete Leute bekommen.
    Und jetzt Leute fragt Euch mal wieso sie hierher kommen.
    Richtig! Bildung fördert einen freien Geist und das wiederum passt dem […] aus Teheran nicht ausser wenn es um seine Atompolitik geht.
    Viele dieser Menschen sind Dissidenten und Verfolgte. Da kann man am ehesten davon ausgehen das sie nicht wirklich daran interessiert sind einen radikalen Islam zu leben.

  8. […] Stiftungen für Integration und Migration (SVR), widerspricht den Verängstigten und Wütenden (im MiGAZIN): Die kulturaggressive Polemik gegen eine angeblich geschlossene und bedrohlich wachsende Gruppe […]

  9. LI sagt:

    @ Boli,

    habe ich das richtig verstanden.

    In Schweden vergewaltigen islamsiche Religionsangehörige, vorzugsweise Iraker und Somalier, massenhaft schwedische Frauen.

    Deswegen flüchten Juden aus Malmö, auch deshalb weil in Hannover muslimische Jugendliche jüdische Tanzgruppen mit Steinen beworfen haben sollen..

    Und im Übrigens sind in Deutschland lebende Migranten sowieso geistig minderbemittelt.?

    Was ist denn das für ein Blödsinn (um nicht zu sagen „gequirrlte sonstwas“)

    Um die Qualität Deines Statements zu veranschaulichen eine kurze Gegenüberstellung qualitativ ebenbürtigen Blödsinns..

    „Eltern verlassen massenhaft Deutschland, weil chrislliche Männer einen üblen Hang zum Kinderschänden haben“.

    Du wirst mir nachsehen, daß ich in erheblichem Maße an Deiner intellektuellen Entwicklung zweifle.

    LI

  10. stef sagt:

    „Wir hätten selbstbewusst sagen sollen: Ihr dürft hier bleiben, aber das sind die Spielregeln, an die ihr euch zu halten habt.“

    ganz einfach..alle halten sich daran und schon ist alles gut.


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