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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Dr. Martin Greve

Individualität statt Mentalität

In den deutschen Medien wird oft von dem Islam, den Migranten und der Integration gesprochen. Für Dr. Martin Greve sind Pauschalisierungen kein geeignetes Mittel, denn sie werden der Komplexität der Thematik nicht gerecht. Der Musikethnologe begreift Vielfalt und Unterschiedlichkeit als eine Bereicherung, der er durch interkulturelle Musikprojekte Ausdruck verleiht. Im Interview mit dem MiGAZIN spricht er über Musik, die Türkei und Integrationsprozesse in Europa.

VONÖlcüm, Baumgärtner

DATUM12. April 2010

KOMMENTARE17

RESSORTInterview

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MiGAZIN: Herr Greve, was ist eigentlich Musikethnologie?

Martin Greve: Das ist ein Teilgebiet der Musikwissenschaft. Man beschäftigt sich mit Musik im Kontext von Gesellschaft und mit der Psychologie von Musik. Der Name ist etwas altertümlich, die Definition sehr problematisch und das Wort komisch, ursprünglich geht es dabei um nicht europäische (Volks-)Musik. Man kann es mittlerweile in Deutschland auch gar nicht mehr studieren.

MiGAZIN: Wann sind Sie das erste Mal mit türkischer Musik in Berührung gekommen?

Greve: Mein Interesse an der türkischen Musik kam durch meine Nachbarn. Deren Kindern habe ich Blockflöten geschenkt und zum Dank habe ich Kassetten mit türkischer Musik bekommen. Ich war 1984 das erste Mal in der Türkei und bin vom östlichen Kars ins westliche Marmaris gefahren. Mir ging sofort durch den Kopf: Das ist nicht das gleiche Land. Die haben nichts miteinander zu tun und dann dachte ich mir, dieses Land will ich irgendwann mal verstehen.

Dr. Martin Greve, geboren 1961, ist Leiter des Studiengangs »Türkische Musik« am Konservatorium Rotterdam und lebt in Istanbul. Der Musikethnologe betreut und leitet verschiedene musikalische Projekte, unter anderem die Reihe „Alla turca“ an der Berliner Philharmonie. Des Weiteren ist er Mitautor der Broschüre „Berlin Deutsch – Türkisch, Einblicke in die neue Vielfalt“.

MiGAZIN: Und wie ist es mit dem Verständnis heute?

Greve: Also deutlich besser als damals, aber ob ich es jemals verstehe, dass weiß ich nicht. Die Türkei ist so widersprüchlich. Das Land verändert sich fast täglich. Es gibt auch so viele Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd. Das kann man nicht verstehen. Es ist zu vielfältig. Was ja auch gut ist, ich finde das sehr positiv. Genau hier liegt auch das Hauptproblem von vielen, die sich mit der Türkei beschäftigen: Ist das jetzt typisch türkisch? Ist das jetzt türkische Musik? Man kann tausendmal sagen: Das gibt es nicht, es gibt nichts typisch Türkisches.

MiGAZIN: Von der Türkei zurück nach Deutschland: Wie schätzen Sie die Situation der türkischen MigrantInnen hier ein?

Greve: Das ist eine komplizierte Frage und man weiß eigentlich gar nicht mehr, wer die Türken in Deutschland überhaupt sind. Wenn man nach der Staatsangehörigkeit geht, hat ein großer Teil den deutschen Pass. Es gibt seit Generationen binationale Ehen und es gibt viele, die mittlerweile sagen, ich bin eigentlich nicht mehr türkisch, vielleicht europäisch oder ein Weltenbürger. Und es gibt einige, die gerade aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Und alles Mögliche dazwischen. Man kann diese Gruppe nicht mehr zusammenfassen und deswegen ist auch die Situation völlig unterschiedlich.

In Deutschland gibt es eben beides, Erfolg und Misserfolg. Ich denke, es entwickelt sich schon ganz gut, aber auch viel zu langsam. Ich merke das verstärkt in Istanbul. Hier ist es voll mit Deutschtürken, die aus Deutschland ausgewandert und nach Istanbul gezogen sind. Ich meine die zweite und dritte Generation. Das sind Leute, die in Deutschland zur Schule gegangen sind und eigentlich Erfolg haben könnten, aber die deutsche Gesellschaft macht es ihnen so schwer. Das sollte für Deutschland eigentlich total erschreckend sein. Dass sie diese klugen Leute wegziehen lassen. Da läuft doch was total schief.

MiGAZIN: Und wo sehen Sie Handlungsbedarf? Was könnte man ändern?

Greve: Man kann nicht einfach mit Reformen alles besser machen. Da gibt es so viele komplizierte Probleme. Es gibt zum Beispiel das Problem der antiislamischen Stimmung, die seit dem 11. September in Deutschland sehr stark verbreitet ist. Es gibt so einen Pauschalverdacht, türkische Männer seien alle Machos und schlagen ihre Frauen. Das Kopftuch ist sowieso ganz verdächtig. Egal wie religiös jemand ist, aufgrund der Tatsache, dass jemand Türke ist, wird unterstellt, er ist islamisch und ein Macho. Da nützen auch keine Reformen etwas. Und das hat man deutlich mit Sarrazin gesehen, der hat ausgesprochen, was viele gedacht haben und das ist erschreckend. Auf der anderen Seite gibt es viele soziale und ökonomische Probleme und die betreffen auch MigrantInnen stark. Und das ist eben nicht nur ein Integrationsproblem, sondern auch ein sozialgesellschaftliches.

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17 Kommentare
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  1. Mehmet sagt:

    Ach. So ein Blödsinn. Ich kenn genug leute, die aus Dresden, Schwerin, Berlin etc kommen und mir etliche Geschichten erzählen können. Entweder sind Sie naiv oder Sie halten die Leser hier für naiv. Im ersten Fall unterschätzen Sie sich, im zweiten den Gegenüber.

  2. Kevin sagt:

    Nein, das liegt daran, daß die wenigen friedlichen Muslime sich den ganzen Tag über im Keller verstecken und man sie deswegen nie sieht.

  3. elimu sagt:

    und Reisebüros…

  4. elimu sagt:

    “die wenigen friedlichen Muslime“

    na ja.. wenns so wenige waeren, dann würden Sie wohl kaum friedlich leben können… Oder wird man dort wo Sie leben tagtaeglich von Attentaetern angegriffen? Können Sie überhaupt diese “ wenigen friedlichen Muslime“ erkennen?? Vergessen Sie nicht, dass nicht alle ein Kopftuch tragen müssen und nicht alle dunkle Haare haben… Wie naiv….Man erkennt mich wohl kaum als Muslimin auf der Straße!!! Also falle ich dementsprechend niemandem auf! Ist ja wohl klar… dafür braucht man noch nicht einmal einen “Keller“.

  5. elimu sagt:

    “Mein Ratschlag: Bildung ist die halbe Miete zur Einsicht.“

    Genau.. da liegen Sie richtig. Bildung ist das Stichwort. Nur fehlt es in unseren (Haupt-)Schulen an richtiger Bildung für diese Jugendlichen, die Sie beschreiben. Sie sprechen gerade von gewaltbereiten Jugendlichen.. Das nennt man dann “no-go-Area“, verstanden. Mir geht es aber um den Begriff “muslimische no-go-Area“… Diese Jugendlichen, die man dann dort antrifft sind dem zu urteilen also immer dem gleichen Profil zuzuordnen: Gewaltbereit+türkisch+muslimisch…. aha. Und das erkennt man dort wohl sofort am aussehen?

  6. elimu sagt:

    Und? Sie gehen dort auch gern essen?oder sagen Sie: “ich war einmal dort und nie wieder.“ ?

  7. arabeska sagt:

    Den Ausführungen von Dr. Greve kann ich als Musikerin und Chorsängerin im cross-over nur zustimmen:

    Weltmusik = Weltversöhnung


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