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Migration und Integration in Deutschland

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Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Trauergottesdienst nach dem Terroranschlag im norwegischen Oslo und Utoya, 2011

Maurizio Bach

Die Gefühle der Gesellschaft

Maurizio Bach, 56, ist Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der Universität Passau. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Soziologie, soziologische Europaforschung und Gesellschaftstheorie seit den Anfängen der modernen Soziologie am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Interview spricht er unter anderem über die gefühlte Migrantenpopulation, Fremdenfeindlichkeit oder die doppelte Staatsbürgerschaft.

VONYulia Lokshina

DATUM22. Februar 2010

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RESSORTInterview

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Lokshina: In ihrem Buch „Europa ohne Gesellschaft“ schreiben Sie, das Staatsbürgerrecht sei ein mächtiges System der sozialen Schließung. Wäre die doppelte Staatsbürgerschaft auch für Nicht-EU-Bürger ein effektives Integrationsmittel?

Bach: Es gibt viele Länder, die mit der doppelten Staatsbürgerschaft kein Problem haben. Ich halte es für durchaus sinnvoll, dass jemand, der beispielsweise eine türkische Mutter und einen deutschen Vater hat, beide Staatsbürgerschaften besitzt. Die restriktive Handhabung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts lässt dies jedoch nicht zu. Gleichzeitig ist der türkische Staat auch sehr daran interessiert, dass seine Bürger ihre Staatsbürgerschaft nicht abgeben. Der Ausschluss der doppelten Staatsbürgerschaft bringt die MigrantInnen in erhebliche Bedrängnis. Sie müssen sich für eine Seite und damit gegen die andere entscheiden.

Lokshina: Weshalb wird diese Regelung dann nicht aufgehoben?

Bach: Mit der doppelten Staatsbürgerschaft würde eine Reihe von Folgeproblemen auftauchen, wie die Frage des Wehrdienstes oder des Wahlrechts. Diese ließen sich aber durch bilaterale Verträge einfach regeln, wie man dies innerhalb der EU bereits vielfach getan hat. Es ist an der Zeit, dass man das Staatsbürgerschaftsrecht von dem „Jus sanguinis“, der Idee einer Abstammungsgemeinschaft, abkoppelt. Stattdessen sollte es politischer gefasst werden, indem man die Staatsbürgerschaft an den Wohnort knüpft. Wer eine bestimmte Zeit in Deutschland lebt, sollte das Recht haben, an den politischen Prozessen teilzunehmen.

Lokshina: Und glauben Sie, dass diese Abkapselung, wie sie vor allem in Berlin beschrieben wird, damit zusammenhängt, dass die MigrantInnen sich in Deutschland nicht willkommen fühlen?

Bach: Es gibt in Deutschland, wie auch in anderen europäischen Ländern leider ein erhebliches Maß an statistisch belegten fremdenfeindlichen Ressentiments. Dieses Ressentiment wird dann häufig politisch virulent, wenn das Fremde sich an sichtbaren Äußerlichkeiten festmachen lässt, etwa am Kopftuch der muslimischen Frauen. Wenn so etwas zu einem Politikum wird – wie in Frankreich mit Le Pen, oder in Österreich, seinerzeit mit Haider – kommt die Angst auf, dass es in Deutschland ein ganz besonderes Problem sein könnte. Die hohe Politik der Parteien und der Regierung versucht diese Fremdenfeindlichkeit darum immer unter dem Deckel zu halten. Wir dürfen aber deshalb nicht davon ausgehen, dass dieses Problem verschwunden ist. Es gibt, trotz aller Globalisierung und Weltläufigkeit dieses vielleicht universelle Phänomen der Ablehnung des Fremden. Das hat mit der sozialen Alchemie der kollektiven Identitätsbildung zu tun. Man kann zwar die Meinungen der Menschen manipulieren aber um die Gefühle der Menschen grundlegend zu verändern, bedarf es weitaus größerer Anstrengungen. Es ist sehr schwierig, fast unmöglich. Vilfredo Pareto, ein Klassiker der Soziologie, bezeichnete solche tief verwurzelten Kollektivgefühle „Residuen“. Es sind Gefühle der Gesellschaft, die bedeutsamer sind als man denkt. Die Xenophobie ist ein solches Residuum, das man sehr schwer verändern kann und mit dem man wohl leben muss.

Lokshina: Dann sind alle Integrationsbemühungen umsonst?

Bach: Wir wissen, dass man durch Bildung, durch Sozialisierung der Menschen ein Stück weit etwas verändern kann. In den sozialschwachen Schichten ist die Fremdenfeindlichkeit offenbar, mit all ihren negativen Tendenzen, nicht zuletzt auch ein identitätstiftendes Merkmal. Ähnlich wie die das Kinderkriegen, wird es häufig zu einem Moment der Sinngebung. Auch dies ist ein sozialer Tatbestand, den man nicht einfach wegdiskutieren kann. Wir müssen nur darauf achten, dass Fremdenfeindlichkeit nicht durch populistiche Bewegungen politisiert wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Erstveröffentlichung: Herkunft als Schicksal? Hürdenlauf zur Inklusion

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