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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Maurizio Bach

Die Gefühle der Gesellschaft

Maurizio Bach, 56, ist Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der Universität Passau. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Soziologie, soziologische Europaforschung und Gesellschaftstheorie seit den Anfängen der modernen Soziologie am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Interview spricht er unter anderem über die gefühlte Migrantenpopulation, Fremdenfeindlichkeit oder die doppelte Staatsbürgerschaft.

VONYulia Lokshina

DATUM22. Februar 2010

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RESSORTInterview

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Lokshina: Wo sehen Sie die Ursache für die Integrationsschwierigkeiten türkischer und arabischer MigrantInnen?

Bach: Muslimische Zuwanderer haben offenbar eine höhere Integrationsschwelle. Die geht wohl vor allem auf die starke Bindung an die religiösen Wurzeln und an das Heimatland zurück. Es sind häufig MigrantInnen, die in ihren Herkunftsmilieus kulturell stark verankert bleiben. Man spricht immer pauschal von ‚den Türken’ und ‚den Muslimen’. Dabei muss man diese Herkunftsmilieus differenziert betrachten. Sarrazin weist aber auf ein Problem unserer Gesellschaft hin. Er unterscheidet zwischen den Muslimen in Deutschland und den muslimischen MigrantInnen in den Vereinigten Staaten. Da zeigt sich, dass die Integrationskraft von Gesellschaften größer ist, die nicht so stark sozialstaatlich organisiert sind, die den Menschen nicht so unter die Arme greifen. In den USA erfolgt die Integration aus dem Zwang der ökonomischen Verhältnisse: Selbst Geld verdienen zu müssen, um bestehen zu können.

Lokshina: Was ist das entscheidende Kriterium für Integration?

Bach: Sprache! Wenn, wie etwa bei vielen türkischen Einwanderern, das Bildungsniveau niedrig ist, lässt sich auch die Sprache nicht so einfach erlernen. In einer traditionellen Einwanderungsgesellschaft wie den USA ist eines ganz klar: Man muss Englisch sprechen können, sonst hat man überhaupt keine Chance, wo immer man herkommt. Der Druck ist viel größer. Die Sprache entscheidet, ob man in der Gesellschaft kommunizieren und an der politischen Willensbildung teilnehmen kann.

Lokshina: Gibt es in der Bundesrepublik also nicht genug Anreize für Integration?

Bach: Ich habe den Eindruck, dass sehr viel getan wird, sowohl politisch, als auch zivilgesellschaftlich. Auch seitens der MigrantInnen würde ich nicht mit dem Begriff „Unwillen“ operieren. Man muss analytisch und differenziert prüfen, welche kausalen und vor allem kulturellen Faktoren eine Rolle spielen. Ich rate aber von jeglichen Zuweisungen von Schuld oder böser Absicht ab. Migrantenpopulationen befinden sich zunächst immer in einer verschärften Ungleichheitssituation: Sie kommen in eine bereits konsolidierte Gesellschaft, in der die Positionen und Ressourcen im Grunde schon verteilt sind. Sie müssen zusehen, wie sie in diese Gesellschaft inkludiert werden. Bloße Deklarationen der Politik reichen da nicht aus – soziale Inklusion muss praktisch verwirklicht werden. Zuwanderer sind benachteiligt in ihrem Einkommen, auch beim Zugang zu Bildung. Hier leistet der Sozialstaat Unterstützung und Förderung. Diese Unterstützung ist aber nicht höher als die für andere sozialschwache Gruppen. Die Migranten werden von den sozialstaatlichen Institutionen so behandelt wie jene Gruppen der deutschen Bevölkerung, die sich in ähnlichen Situationen des Bedarfs, der Armut oder der Unterprivilegierung befinden. Eine darüber hinausgehende Unterstützung wäre auch nicht mit dem Gleichheitsgrundsatz vereinbar.

Lokshina: Ließen sich durch die Aufnahme der Türkei in die EU die Akzeptanz und die Integration der Türken in Deutschland verbessern?

Bach: Wenn die Türkei erst einmal Teil der großen Europäischen Union ist, ist es möglich, dass sich die Integrationsdiskussion veralltäglicht. Wir haben es schon mit Italienern, Spaniern oder Polen erlebt. Man muss jedoch sagen, dass die EU primär ein politisches Institutionen- und ein Elitenprojekt ist. Die europäischen Eliten zielten primär darauf ab, einen europäischen Binnenmarkt zu schaffen. Im Bereich der wirtschaftlichen Integration zeigt sich die EU auch außerordentlich erfolgreich. Daraus entwickelt sich aber nicht zwangsläufig eine europäische Gesellschaft. Wir haben es primär mit einer funktionalen Integration von Marktrationalitäten und –strukturen zu tun, außerdem mit einer politisch-institutionellen Integration. Die europäischen Gesellschaften bleiben national verfasst und gehen nicht in eine europäische Gesellschaft auf: dies ist weder gewollt, noch steht es auf irgendeiner politischen Agenda, noch ist es wahrscheinlich. Insofern sind auch die kulturellen Differenzen nicht zu überschätzen.

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