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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Studie

Weniger Ehrenmorde als gedacht

Die Mehrzahl der in den Medien als „Ehrenmord“ bezeichneten Gewalttaten in Migrantenfamilien haben andere Ursachen und werden nicht aus Ehrgründen begangen. Dies ist das Ergebnis einer Studie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

In Ihrer Dissertation über „Ehrenmorde aus kulturanthropologischer Perspektive“ hat die Volkskundlerin Anna Caroline Cöster sich auf die Suche nach den Hintergründen sogenannter Ehrenmorde begeben. Das Bundeskriminalamt spricht zwar von 55 Ehrenmorden innerhalb der vergangenen acht Jahre. „Diese Zahl ist aber viel zu hoch“, so ihr Resultat. Aus 25 untersuchten Gerichtsurteilen habe es sich „nur in zehn Fällen tatsächlich um einen geplanten Mord im Namen der Ehre“ gehandelt.

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Fememorde haben seit der Ermordung Hatun Sürücüs 2005 in Berlin wiederholt Entsetzen ausgelöst. Weltweit rechnen die Vereinten Nationen mit 5000 Todesopfern jährlich. Zu derartigen Exzessen kommt es auch in westlichen Ländern, jedoch weniger häufig als gedacht. Von 55 Opfern in acht Jahren spricht das BKA. Aber ist jeder dieser Morde ein Ehrenmord? Anna Caroline Cöster nähert sich den Hintergründen, um dem Phänomen schärfere Konturen zu verleihen. Auch die Bedrängnis möglicher Opfer bringt sie zur Sprache. Hier geht es  zum Inhaltsverzeichnis.

Fehlende Hintergrundinformationen
Gegenüber MiGAZIN erklärt sie, weshalb Ehrenmorde zahlenmäßig viel größer wahrgenommen werden, als es der Realität entspricht. „Dies hat meines Erachtens zwei Gründe: Zum einen hat man erst seit Ende der 1990er Jahre und insbesondere nach dem Mord an Hatun Sürücü im Jahr 2005 begonnen, Ehrenmorde wahrzunehmen. Es gibt in Pressearchiven Hinweise darauf, dass Ehrenmorde auch schon zu Beginn der 1980er Jahre verübt wurden, aber man hat sie in dieser Zeit statistisch noch nicht erfasst. Zum anderen beruhen die Zahlen, die immer wieder aufgegriffen werden, häufig auf der Vorstellung, dass ein Mann ausländischer Herkunft, der ein nahes Familienmitglied tötet, einen Ehrenmord begeht.“

Vielmehr seien detaillierte Hintergrundinformationen zu den Familien und dem Geschehen vor der Tat notwendig, um herausfinden zu können, ob es sich um einen Ehrenmord handelt oder nicht. „Diese Hintergrundinformationen fehlen bei der statistischen Erfassung der Fälle jedoch meist, da die Hintergründe bereits aus Datenschutzgründen auch nicht publik gemacht werden dürfen“, so die Wissenschaftlerin weiter.

Vermischung von Affekttaten und Ehrenmorden
So komme es, dass auch Fälle in die Statistiken mit einfließen, bei denen die Tat nicht auf verletzte Ehre (im kollektiven Sinne) zurückzuführen ist. Eine Affekttat eines Einzelnen sei jedoch kein Ehrenmord. Durch die Vermischung von Affekttaten und Ehrenmorden falle es jedoch schwer, ehrbezogene Gewalt von Formen häuslicher Gewalt zu trennen. Cöster weiter: „Da ehrbezogene Gewalt, deren extremste Form der Ehrenmord ist, aber eine spezifische Form häuslicher Gewalt darstellt, ist es notwendig hier zu trennen, um sie adäquat angehen zu können“. Diese Trennung habe nichts damit zu tun, Gewalt an Migrantinnen zu rechtfertigen. Das sei absolut nicht ihr Anliegen. “Es geht mir nur um eine Trennung von ehrbezogener und häuslicher Gewalt ohne das eine gegen das andere abwiegen zu wollen.“

Mit einem Beispiel führt Die Volkskundlerin weiter aus, wie das zu verstehen ist: „In einem der in die Statistiken eingehenden Fälle wurde eine Frau von ihrem Ehemann während eines Streits in der häuslichen Küche erstochen. Dieser war über seine Tat derart entsetzt, dass er die Frau ins Krankenhaus brachte. Taten wie diese sind zweifellos schlimm und verachtenswert, aber es handelt sich nicht um Ehrenmorde.“

Ehrenmorden liege nicht das Verständnis eines individuellen Ehrbegriffs, sondern eines kollektiven Familienehrbegriffs (türkisch namus) zugrunde. Sie würden meist nicht unüberlegt begangen. Darüber herrsche jedoch oft Unwissen, „was dazu führt, dass auch Taten als Ehrenmorde deklariert werden, die keine sind.“

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45 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Cajun Coyote sagt:

    Danke. Endlich mal eine gute Nachricht.

  2. Boli sagt:

    Ein Mord durch einen Einzelnen der im Affekt geschehen ist, ist kein Ehrenmord. Ein Ehrenmord fängt immer da an wo zum einen eine gezielte Planung in Verbindung mit angeblicher Familienehre oder auch eigenbezogene Ehre vorhanden ist, wo also mindestens 1 Person unter Erwähnung einer verletzten Ehre solch einen Mord begeht und eindeutig ist es wenn sich gar die Familie oder wenns ganz dick kommt noch die weitläufige Verwandschaft und am schlimmsten wenn sich das Ganze sogar noch als kollektive Verurteilung durch die lokale Glaubensgemeinschaft in eine Tötungstat (was in den letzten 3 Fällen in einigen Ländern sogar bis zu öffentlichen Steinigungen führen kann) mündet.
    Beenden kann man das nur wenn man generell den Begriff Ehre einmal unter die Lupe nimmt und vor allem einmal neu und im positiveren Sinne für sich und seine Umgebung interpretiert. Und das Schlimme daran ist das viele Leute dann nicht einmal wissen wieso sie es tun, sondern nur eine Antwort kommt wie „das haben wir halt schon immer so getan“ rauskommt.

  3. Keith sagt:

    Natürlich schreibt keine Religion Ehrenmorde vor, das hat auch noch niemand behauptet. Auch Hitler hat in „Mein Kampf“ nicht die Ermordung von Millionen Juden oder gar Auschwitz gefordert. Es kommt entscheidend auf den Geist der Lehre an – die minderwertige Rolle der Frau im Islam, ihre „Intaktheit“ als Garantie für ihre islamisch einwandfreie Einordnung in den Rollenhaushalt der Familie und speziell ihres Mannes (Der Himmel der Frau ist unter den Füßen ihres Mannes; Hadith), ihre Herabwürdigung zu einer Sache, die am besten unsichtbar bleibt, denn, wie eine Fatwa sagt: „Das Grundprinzip für Frauen ist, dass sie sich verbergen sollen“ ([…]). Aus der islamischen Einstellung zur Frau lassen sich jedenfalls die verabredeten muslimischen Ehrenmorde besser erklären als aus „anatolischen Traditionen“ – die im übrigen selbst ja im wesentlichen vom Islam durchdrungen sind. Muslimische Ehrenmorde geschehen auch in den USA, und hier sind es eben meist keine Migranten, die sie begehen, sondern Alteingesessene. Wenn ein Münchner Imam nach einem Ehrenmord behauptet, sowas habe mit Islam nichts zu tun, Begründung: „Es gibt im Koran keine Stelle, die Gewalt gegen Frauen rechtfertigt.“; immer wieder werde die Religion in Familiendramen instrumentalisiert, so [Imam] Fadai im „Münchner Merkur“ (SPOn: Letzte Ausflucht Religion, 21.7.09), dann lügt der Imam wissentlich, weil er die Sure 4,34 kennt, in der es heißt: „Die Männer stehen über den Frauen … Und wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie“. Kürzlich hat die Polizei in div. Bundesländern eine Schrift beschlagnahmt, in der dieses „Schlagen“ genau beschrieben wird. Die Wissenschaft sollte sich, anstatt solchen Lügen-Imamen Handreichungen zu verfassen, lieber um den Zusammenhang Islam-Ehrenmord kümmern, der allein schon durch bloßen Augenschein auffällt!

  4. BiKer sagt:

    hallo keith,

    schön hergeleitet und gut argumentiert. mann könnte leicht darauf reinfallen. denn sie haben vollkommen recht. nicht alles, was man tut, muss auch so dastehen, wenn man es sich herleiten kann. das ist eine gängige auslegungsmethode.

    das herleiten findet aber – und das müssten sie aber auch wissen – ihre grenzen dort, wo sie mit anderen sätzen unvereinbar wird. ein tötungsverbot beispielsweise ist im koran enthalten. von daher wäre die herleitung des ehrenmordes aus anderen sätzen, die nicht ehrenmorde regeln, unzulässig, wenn man damit ganz klar formulierte vorschriften missachtet – das tötungsverbot. ist doch logisch oder? und das wussten sie oder? wieso haben sie es dann nicht geschrieben? das überrascht.

    mich überrascht aber auch, dass sie ausgerechnet hitlers mein kampf als vergleich heranziehen. das lässt rückschlüsse zu.

  5. Keith sagt:

    Ich habe nicht gesagt, dass der Islam den Ehrenmord erlaubt, sondern dass er ihn erklärt.

    Dass auch die Scharia Mord ahndet, ist eine Binse. Es gibt bei Ehrenmord in einigen islamischen Ländern allerdings einen Bonus: „Wer in Jordanien „in einem Moment der Wut“ einen Mord begeht, kann dem Landesrecht entsprechend nur wegen eines „minderen Vergehens“ verurteilt werden. Ein Jordanier, der seine untreue Schwester erschossen hat, muss daher nur für drei Monate hinter Gitter… Die Mutter von zwei Kindern soll für mehrere Tage „ohne Erlaubnis ihres Ehemannes“ das Haus verlassen haben.“ (FOCUS, 4.4.2008). Dass „der Islam“ gegen derartige Auffassungen jemals protestiert hat, habe ich zumindest noch nicht vernommen.

  6. Mehmet sagt:

    EhrenMORDE sind im Islam verboten (wie Biker angegeben hat). Hier kann jedoch man auf jeden Fall die Stellung der Frau im Islam und die entsprechenden stellen kritisch betrachten.

  7. Mehmet sagt:

    Dann meinen sie die AUSLEGUNG des Islams und nicht den Islam selbst?

    Denn die AUSLEGUNG des Christentums hat früher Kreuzzüge gerechtfertigt, das Christentum an sich jedoch nicht.

  8. Mehmet sagt:

    Dass es schlimm ist und die türkische Gesellschaft hier an sich arbeiten muss und dies auch tut! ), da gebe ich Ihnen recht, zumindest teilweise. Denn „viele“ Personen ist zu relativ. Dass es dieses Phänonen Ehrenmorde gibt, ist klar. Die Menge ist jedoch nicht klar, zumal dazu geneigt wird auch sonstige Morde in Verbindung mit türkischen Familien als Ehrenmorde zu sehen.


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