MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

OECD-Studie

Migranten haben auch bei gleichem Bildungsniveau schlechtere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt

In Deutschland und Österreich sind Defizite bei den Höherqualifizierten besonders ausgeprägt – in der Schweiz gelingt die Arbeitsmarktintegration von Migranten vergleichsweise gut. Eine Erklärung könnte sein, dass in Deutschland und Österreich die Erwartung vorherrscht, dass Migranten eher gering qualifiziert sind.

Nachkommen von Einwanderern haben in Deutschland und Österreich deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als junge Menschen mit zumindest einem im Inland geborenen Elternteil. Dies gilt auch, wenn sie das gleiche Bildungsniveau erreichen. In der Schweiz gelingt die Arbeitsmarktintegration der sogenannten „zweiten Generation“ dagegen vergleichsweise gut. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsstudie zur Arbeitsmarktintegration (pdf, 1,3MB, engl.) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die gestern in Paris vorgestellt wurde.

Zum ersten Mal liegen mit dieser Studie Vergleichszahlen für 16 OECD-Länder zur Arbeitsmarktintegration der im Inland geborenen Nachkommen von Migranten vor. Die Daten sind ein wichtiger Indikator für den Integrationserfolg, da sowohl die Nachkommen von Migranten als auch die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (schließt auch Personen mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil ein) ihre gesamte Sozialisation und Ausbildung im gleichen Land erhalten haben. Die Studie ist Teil eines gemeinsamen Projektes von OECD und Europäischer Kommission und wurde Anfang Oktober in Brüssel unter Fachleuten diskutiert.

Geringqualifizierte unter Migrantenkindern deutlich überrepräsentiert
In Deutschland ist unter den 20 bis 29-Jährigen mit Migrationshintergrund der Anteil der Geringqualifizierten ohne Abitur oder abgeschlossene Berufsausbildung doppelt so hoch wie in der gleichen Altersgruppe ohne Migrationshintergrund, in Österreich sogar dreimal so hoch. Auch bei den PISA-Studien zeigt sich ein ähnliches Bild: Der vergleichsweise hohe Anteil an Geringqualifizierten bei den 20 bis 29-Jährigen mit Migrationshintergrund korrespondiert in Deutschland und in Österreich mit großen Defiziten, die Jugendliche mit Migrationshintergrund in ihren schulischen Leistungen aufweisen.

In Deutschland scheint das Berufsbildungssystem die schulischen Defizite etwas aufzufangen: Der Rückstand von jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ist bei den Ausbildungsabschlüssen etwas geringer, als der Rückstand von Migrantenkindern bei PISA erwarten ließe. In Österreich ist es dagegen umgekehrt: Hier gehen große schulische Defizite einher mit noch größeren Defiziten bei der Berufsausbildung.

Auch in Luxemburg, Dänemark, den Niederlanden und Belgien zeigt sich ein ähnliches Bild. Ganz anders in der Schweiz: hier zeigen die PISA-Studien ebenfalls schulische Defizite bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dennoch liegt bei jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund der Anteil der Geringqualifizierten auf dem gleichen niedrigen Niveau wie bei der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

36 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    „So haben in Deutschland 90 Prozent der 20 bis 29-jährigen hochqualifizierten Männer ohne Migrationshintergrund einen Arbeitsplatz. Bei der vergleichbaren Gruppe mit Migrationshintergrund sind es dagegen nur 81 Prozent. Bei den Geringqualifizierten gibt es hingegen kaum Unterschiede (56 Prozent für Personen ohne Migrationshintergrund und 54 Prozent für Nachkommen von Migranten). Ein ähnliches Bild ergibt sich in Österreich. Allerdings haben hier geringqualifizierte Nachkommen von Migranten sogar tendenziell eine höhere Beschäftigungsquote als geringqualifizierte Personen ohne Migrationshintergrund.“
    Das klingt recht erfreulich. Das heisst – je nach Sichtweise – dass man ungefähr 10 % „Lücke“ hat. (Wenn ich es richtig verstehe). Man hätte da eigentlich schlechtere Ergebnisse erwarten können – die besagte Lücke wird sich wohl durch verstärkte positive Erfahrungen von Bewerbungen mit Migrationshintergrund schliessen. Vielleicht wird auch das Thema mit grösserem Wohlwollen und Interesse in der Öffentlichkeit diskutiert. (Definitiv ein Prozess und eine Zeitfrage. Das Problem wird ja nicht geleugnet, deshalb sind solche Studien gut.
    Ärgerlich: Die Überschrift des Artikels suggeriert genau das Gegenteil dieses Ergebnisses. Dieser gepflegte „Pessimismus“/Tendenz-Journalismus erscheint mir unnötig und wenig konstruktiv für die Migrationsdebatte).

  2. Krause sagt:

    Ich finde die Werte 90% und 81% auch sehr gut. Schließlich muß man Bedenken, dass nicht alle migrantischen Akademiker perfekt deutsch sprechen. Da hat man natürlich und zu Recht einen Nachteil gegenüber anderen Bewerbern.

  3. Boli sagt:

    Was soll die Diskussion eigentlich. Es war schon immer so, das das authochtone Volk sich zurerst bedacht hat. Glaubt irgend jemand das das in der Türkei oder einem anderen Land großartig anders ist? Die USA kann man hier nicht zählen, da die Bevölkerung von Anfang an durch Einwanderer gestellt wurde.

  4. AB sagt:

    Hallo,

    nach dem Studium habe ich meine Koffer gepackt und habe Deutschland Richtung USA verlassen. (Und ich scheine nicht die Einzige zu sein, die Deutschland verlässt:
    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,554163,00.html
    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,645054,00.html.)
    Auch sind mehrere Versuche, mich wieder in Deutschland niederzulassen, gescheitert.

    Ich bin in D geboren, spreche Türkisch leidlich und sehe Deutsch als meine Muttersprache an. Ich selbst habe auch oft erlebt, dass mein türkischer Name hinderlich war, als ich mich in Deutschland bewarb.

    Man müsste mal hinterfragen, warum diese Schüler mit Migrationshintergrund keinen Abschluss machen. (Na ja, was nützt ein Abschluss, wenn man dann doch keine Chancen hat? 🙁 ) Leider sind solche Schüler auch oft mit Klischees konfrontiert, so dass sie oft trotz guter Noten einen Zweig niedriger in der Schule eingestuft wurden. Ich hatte Glück, dass man mich fürs Gymnasium vorgeschlagen hatte.

    Die einseitige Berichterstattung über Migranten tut ihr Übriges:
    „Das Bild, das in Deutschland von Migranten herrscht, ist häufig klischeebehaftet und einseitig.“
    Quelle: http://www.migazin.de/2009/04/24/migration-wahlkampfe-und-medien/

    Bzw. diese einseitige Berichterstattung ist aus „medialem Interesse“ erwünscht:
    „Innenministerium will „medial interessante Themen“
    Gestützt wird dieser Eindruck von einer Umfrage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge unter Muslimen: Hierzulande nehme die „große Mehrzahl“ der Schülerinnen und Schüler aus muslimisch geprägten Ländern am Sportunterricht teil, steht dort zu lesen.
    Ganz unverhohlen räumt das Ministerium denn auch ein, das Thema vor allem wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Agenda der Islamkonferenz gesetzt zu haben. Auf Nachfrage von tagesschau.de sagte eine Sprecherin, die tatsächliche Zahl der vorliegenden Fälle habe nicht den Ausschlag gegeben: „Man sucht sich halt die medial interessanten Themen.“ “
    Quelle: http://www.tagesschau.de/inland/islamkonferenz102.html

    Mich ärgert es z. B., dass türkische Frauen oft mit Kopftuch in den Medien gezeigt werden. Ich selbst trage kein Kopftuch; niemand in unserem Verwandten- und Bekanntenkreis trägt ein Kopftuch (außer meiner Großmutter, und die aus Gewohnheit).

    Ich bin jedoch erfreut, dass jetzt differenzierter geforscht wird. Vorher wurde immer die Tatsache, dass Schüler mit Migrationshintergrund keinen Abschluss machten, hervorgehoben. Jetzt zeigt eine andere Studie (was viele von uns schon wussten), dass oft ein guter Abschluss nichts bringt.

    Mal sehen, was die Politik dazu sagen wird.

    Krause schrieb:
    „Schließlich muß man Bedenken, dass nicht alle migrantischen Akademiker perfekt deutsch sprechen.“

    Glauben Sie mir, auch „perfektes“ Deutsch hat nicht weitergeholfen. 🙂 Oft ist es auch wieder die Sichtweise: Wenn Sie einen Tippfehler machen, verzeiht man es Ihnen eher als mir. Bei Ihnen ist es ein Versehen, bei mir ein Fehler.

    LG

  5. Johanna sagt:

    „Jetzt zeigt eine andere Studie (was viele von uns schon wussten), dass oft ein guter Abschluss nichts bringt.“

    Was möchten Sie mitteilen?

    Dass man sich in Zukunft überhaupt nicht mehr anzustrengen braucht, da das sowieso nichts bringt?

    Na toll!

  6. Boli sagt:

    @AB

    Die Situation ist heute auch eine ganz andere als in den 60er Jahren. Da haben die Arbeitgeber drum gebettelt bei ihnen zu arbeiten. Nur diese Zeiten sind schon lange vorbei. Früher war so viel Arbeit da, das die deutsche Wirtschaft zusätzliche Arbeiter anwerben musste und jetzt ist es umgekehrt. In den USA bekommst Du in der Regel leichter einen Job, wobei ich dazu sagen muss das wenn es Diskriminierung gibt Du als Türkin wohl denke ich nicht so betroffen bist oder wärst, wie z.B. Afroamerikaner seit Jahrzehnten. Du hast also daher mehr Chancen. Allerdings hängt Deine Zukunft noch mehr als in Deutschland davon ab ob die Arbeit die Du hast relativ sicher ist. Ansonsten sitzt man recht schnell wieder auf der Straße, weil diese Sicherheiten wie in Deutschland gibt es in den USA nicht.

  7. Non-EU-Alien sagt:

    Es geht hier um Nachkommen von Migranten und nicht um hier ausgebildete ausländische Studenten, die zuerst nur zu Studienzwecken nach Deutschland gekommen sind. Mit anderen Worten: Es geht hier um Bildungsinländer!

  8. Non-EU-Alien sagt:

    Das ist IHRE Schlußfolgerung, die Sie uns hier aufzwingen wollen. Konstruktiv ist das nicht…

  9. Markus Hill sagt:

    Diese von AB angeführte Perspektive empfinde ich als nicht sehr vielversprechend für die Zukunft der angesprochenen Problemgruppen bei den türkischen Migranten. Klingt etwas „wehleidig“ und resigniert. Vielleicht ist das auch nur eine temporäre Stimmung. Hoffentlich täuscht er sich zumindest zu einem bestimmten Teil bezüglich der unzureichenden Motivation der Schüler. Es wäre allen im Lande (auch natürlich AB!) zu wünschen.
    Zu der Pflege der kultivierten „Opfereinstellung“ hatte ich gestern in einem anderen Zusammenhang in ZEIT-online gefunden, einen interessanten Kommentar (passt zu unserer Diskussion und zum Beitrag oben):
    “Die türkische Bildungsmisere – eigentlich eine Schande für die Community in einem System wie unserem mit kostenlosem Service vom Kindergarten bis zum Hochsschulstudium für alle ! – wird der deutschen Sklavenhaltergesellschaft aufgebürdet.
    Diese Dauerbeschallung der türkischen Öffentlichkeit durch Hürriyet und andere, die sie zum weiteren Versagen geradezu ermutigt, indem sie Opferlegenden baut, ist viel schädlicher als die einzelnen Rufe irgendwelcher Hinterhof-Hassprediger.”
    http://blog.zeit.de/joerglau/2008/06/09/turk-obama_1195

  10. Markus Hill sagt:

    „Glauben Sie mir, auch “perfektes” Deutsch hat nicht weitergeholfen. Oft ist es auch wieder die Sichtweise: Wenn Sie einen Tippfehler machen, verzeiht man es Ihnen eher als mir. Bei Ihnen ist es ein Versehen, bei mir ein Fehler.“
    Sie haben ja die vielen Punkte oben gut erläutert. Und es ist auch nicht in Ordnung, wenn man die Leute wegen einem bestimmten Fehlverhalten anderer (die türkischen Eltern sind zum grossen Teil die Verursacher, aber auch der Schlüssel für die Lösung) pauschal „abkanzelt“ und unter Umständen ganze Karrieren und Lebensläufe – oft unbewusst – ins Wanken bringt. Die Deutschen, die nachweislich so reagieren – es gibt sie – tun dass wohl in der Regel aus Selbstschutz und auch aus Effizienzgründen. Ähnlich wie die Orientierung an Vorurteilen Aufwand ersparen können ist es wohl so, dass man es als zu äufwendig betrachtet, genauer hinzuschauen oder das persönlich Gespräch zu suchen. Aus Unternehmersicht verständlich – für den Bewerber (nicht nur türkische) im Extremfall ein „k.o.-Erlebnis“.(Eine Lösung fällt mir leider dazu nicht ein).


Seite 1/41234»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...