MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Reportage

Auf türkische Art ins Alter – Erstes deutsches Pflegeheim

Die Eltern zu Hause pflegen oder ins Altersheim bringen. Besonders Familien ehemaliger türkischer Gastarbeiter fällt diese Entscheidung schwer. Das erste deutsche Pflegeheim für türkische Rentner in Berlin krempelt dieses Diskussion langsam um. Vorbilder dafür hat es bisher keine gegeben.

VONJan Thomas Otte

Jan Thomas Otte hinterfragt mit kritischen Reportagen krustige Glaubenssätze und Denkstrukturen. Der Journalist schreibt Reportagen über Karrierestreben, soziales Engagement und Sinnsuche. Für seine Porträts über Einwanderer und Austeiger, Integration und Migration ist er zu mehreren Awards nominiert worden. Dabei bezieht er auch die Religion seiner Gesprächspartner mit ein. Als Theologe hält Jan Thomas Otte Fragen nach Glauben, Identität und Moral für unterschätzte Tugenden. Jan Thomas Otte studierte an der Universität Heidelberg. Parallel kam eine Journalistenausbildung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung hinzu. Der Business-Querdenker, Deutschland-Fan und bekennende Christ schreibt für Medien wie den Rheinischen Merkur, die Rhein-Neckar-Zeitung oder DIE WELT. Regelmäßig schreibt er bei Perspektive Mittelstand eine Kolumne zum Thema WorkLife. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich in Kirchen und dem Kinderschutzbund in Deutschland. Außerdem hat er als Journalist das Magazin Karriere-Einsichten gegründet. Mit einem Team von 10 Korrespondenten berichtet er hin und wieder auch über Integrationsthemen. Schliesslich bedeutet Karriere ja manchmal auch, international mobil zu sein. Mehr auf Jan Thomas Ottes Homepage.

DATUM8. Oktober 2009

KOMMENTARE3

RESSORTGesellschaft

SCHLAGWÖRTER , ,

Seite 1 2 3 4

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Übliche Überforderung: Altenpflege bleibt an der Frau hängen.
Über ernste Dinge, seine Ängste vor der Krankheit und die Geschichten von früher kann er mit Yildiz Akgün sprechen. Sie ist Sozialarbeiterin im Türk Bakim Evi und weiß, was alte Menschen brauchen. Und, dass viele Familien mit ihren pflegebedürftigen Eltern überfordert sind. Doch es falle Angehörigen schwer, einen pflegebedürftigen Menschen ins Heim zu bringen, sagt die Frau in fürsorglichem Ton. Es sei deshalb ihre Aufgabe, den jüngeren Türken die Altenpflege ihrer Liebsten näher zu bringen.

Akgün will fürs eigene Haus Vertrauen schaffen, ihrer Zielgruppe klarmachen, dass die Pflege der Eltern auch „auf eine gesündere Art“ zu machen ist. Gesünder, als die Pflege wie üblich allein der Frau zu überlassen, sagt die Sozialarbeiterin. Besonders konservative Türken würden denken, dass die Eltern das Gesicht gegenüber der Gesellschaft verlieren, wenn sie „ins Altenheim abgeschoben“ werden. Viele Alte würden deshalb noch zu Hause gepflegt, was „nicht immer ein Vorteil“ sei. Für viele der rund 270.000 lebenden Türken in Berlin ist der Gedanke, die Eltern ins Pflegeheim zu geben, ein Tabu. Deshalb geht Yildiz Akgün raus in die Berliner Moscheen, spult ihre Powerpoint-Präsentationen vom Laptop ab und spricht anschließend mit türkischen Familien über die Probleme mit den Eltern.

Werbung macht die Sozialarbeiterin fürs Heim, indem sie Interessierte einlädt, sich das Haus mal näher anzuschauen. Viele hätten einfach Angst vor dem, was sie nicht kennen: „Wenn sie mal die Bewohner und Pfleger sehen, sind sie meist zufrieden“. Doch so reibungslos klappt es längst nicht immer. Kritik von außen gebe es immer wieder, die Fragen seien oft dieselben: „Warum gibt man Angehörige hier ab? Haben Sie Kinder – und machen das trotzdem?“. Unter ihnen ist eine junge Dame, Mitte zwanzig, religiös, mit Kopftuch. Schüchtern spricht sie Yildiz Akgün an. Sie habe eine Schwiegermutter zuhause. Die Pflege würde allein an ihr hängen bleiben, die Familie denke konservativ und erwarte das so. Niemals könne sie ihrem Ehemann sagen „Du, ich kann das nicht mehr machen. Wir könnten die Schwiegermutter ja doch mal in ein Pflegeheim bringen, oder?“. Die junge Muslimin scheint mit ihrer Pflegerolle überfordert. Trotz aller Schwierigkeiten konnte sich die Frau nicht dazu durchringen, dieses Thema offen zu Hause anzusprechen.

Yildiz Akgün kann sie gut verstehen. Die Hürde der Scham sei nicht so leicht zu umgehen. Um Spannungen in der Familie zu vermeiden, würden die Frauen die Pflege der Eltern meist komplett übernehmen. Viele Frauen würden erst durch die Hochzeit nach Deutschland kommen, wobei dieses Opfer normal sei, sagt Akgün „die Familie geht davon aus, dass die Frau das macht“. Ähnlich war das bei ihr: „Selbstverständlich war das Thema auch bei uns zu Hause ein Tabu“, sagt sie. Lange Zeit konnte die Frau, die selber als Aufklärerin in Sachen Altenpflege unterwegs ist, nicht mit ihrem Vater darüber sprechen.

„Aber inzwischen ist er soweit, dass er selber sagt, er würde er dann doch ganz gerne zu uns kommen“, sagt Akgün beruhigt. Die Tradition „zu durchbrechen“ sei eben nicht leicht. Die Entscheidung fürs Pflegeheim falle Türken deutlich schwerer als Deutschen. Hinzu komme die Sorge um das Ansehen in der türkischen Gemeinschaft, was Bekannte und Verwandte denken könnten, sagt Yildiz Akgün. Die ersten Patienten kamen ins Türk Bakim Evi wegen eines Notfalls wie Ziya Bircan, auf den die Familien nicht vorbereitet waren.

Wenn Menschen älter werden, komme es vor allem auf ihre Sprache, Kultur und Religion an, mit der sie groß geworden sind. Man würde wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehren, das Langzeitgedächtnis ein größeres Gewicht habe, sich eher an Anatolien als gestern in Berlin zu erinnern. Zwischen heute und damals bei der Einwanderung, haben sie sich natürlich verändert, einen anderen Lebensstil gefunden. Daher sei es kaum möglich, wieder zurück in die alte Heimat zu gehen. Viele haben noch Verwandte in der Türkei – einen Sozialhilfeanspruch haben sie nicht.

Seite: 1 2 3 4
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. municipal sagt:

    Einige markante Auszüge aus diesem Bericht , die auch den Gesamtkomplex „türkisch/muslimische“ Migation beleuchten, und Sachverhalte in einem anderen Licht erscheinen lassen:

    …die hier nach ihren türkischen Bräuchen und Sitten im Alter leben. Das heißt zum Beispiel, dass Männer nur von Männern und Frauen nur von Frauen gepflegt werden, was Bircan wichtig ist.

    Er ist nur einer der ehemaligen Gastarbeiter, die vor mehr als vierzig Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, AUF EIGENEN WUNSCH, um hier gut bezahlte Arbeit zu bekommen.

    Besonders konservative Türken würden denken, dass die Eltern das Gesicht gegenüber der Gesellschaft verlieren, wenn sie „ins Alten-heim abgeschoben“ werden.

    …..die Fragen seien oft dieselben: „Warum gibt man Angehörige hier ab? Haben Sie Kinder – und machen das trotzdem?“. Unter ihnen ist eine junge Dame, Mitte zwanzig, religiös, mit Kopftuch. Schüchtern spricht sie Yildiz Akgün an. Sie habe eine Schwiegermutter zuhause. Die Pflege würde allein an ihr hängen bleiben, DIE FAMILIE DENKE KONSERVATIV UND ERWARTE DAS SO. Niemals könne sie ihrem Ehemann sagen „Du, ich kann das nicht mehr machen. Wir könnten die Schwiegermutter ja doch mal in ein Pfle-geheim bringen, oder?“. Die junge Muslimin scheint mit ihrer Pflegerolle über-fordert. Trotz aller Schwierigkeiten konnte sich die Frau nicht dazu durchringen, dieses Thema offen zu Hause anzusprechen.

    Die HÜRDE DER SCHAM sei nicht so leicht zu umgehen. Um Spannungen in der Familie zu vermeiden, würden die Frauen die Pflege der Eltern meist komplett übernehmen. Viele Frauen WÜRDEN ERST DURCH DIE HOCHZEIT NACH DEUTSCHLAND KOMMEN, wobei dieses Opfer normal sei, sagt Akgün „die Familie geht davon aus, dass die Frau das macht“.

    Sich an ein deutsches Heim anzugliedern kann sie sich nicht vorstellen – schon wegen der GLEICHGESCHLECHTLICHEN PLEGE,DIE DER ISLAM VORSCHREIBT.

    „Wir sind ein Haus für Menschen aus der Türkei“, sagt Akgün. Christen seien hier willkommen, WENN AUCH NICHT EXPLIZIT EINGELADEN, sagt die Sozialarbeiterin.

    ……
    Hervorhebungen wichtiger Punkte (durch GROSSSCHREIBUNG) durch mich.

  2. calahan sagt:

    Ein grandioses Beispiel für eine grandios geglückte Integration, nicht wahr? Sogar Christen seien willkommen, nanana! Was sagt denn das tolle ,einzigartige Buch dazu? Da sollten sie doch mal nachschlagen! Nicht das noch die Hölle wegen Apostasie droht!
    Wenn man da an die sterilen italienischen, griechischen, portugiesischen, englischen oder französischen Altersheime in Deutschland denkt, mein Gott, was sind die schlecht integriert!



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...