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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Cem Özdemir

„Migranten- und Arbeiterkinder werden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert“

In einem Interview mit Merkur Online erläutert Grünen-Chef Cem Özdemir, weshalb er für die doppelte Staatsbürgerschaft ist, wie er sich das Bildungssystem vorstellt und unter welchen Bedingungen er eine Volksabstimmung befürwortet.

„Die doppelte Staatsbürgerschaft gibt es doch bereits. Schließlich behält jeder zweite Eingebürgerte seinen früheren Pass. Dies gilt aber nicht für die größte Gruppe von Ausländern, die in Deutschland einen Einbürgerungsantrag stellt: die Türken. Hier wünsche ich mir Gleichbehandlung“, erklärt Cem Özdemir zum Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die doppelte Staatsbürgerschaft generell einzuführen.

Auf den Einwand, dass dadurch Migranten aus der Pflicht entlassen werden, sich aktiv für Deutschland zu bekennen erwidert er, dass erst durch das Optionsmodell ihr Bekenntnis zu Deutschland infrage gestellt wird. Er bleibe dabei: “Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sollten auch den deutschen Pass haben. In Amerika gilt die Haltung: Der amerikanische Pass ist der wichtige. Warum machen wir es nicht genauso? Viel entscheidender für die Integration ist nicht der Pass, sondern welche Bildungschancen wir Migranten bieten. Hier gibt es noch viel zu tun.“

In Deutschland würden Kinder aus Migranten- und Arbeiterfamilien strukturell benachteiligt werden. Migranten- und Arbeiterkinder würden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert. Das sei nicht nur menschlich eine Tragödie. Deutschland könne es sich auch volkswirtschaftlich nicht leisten, einen potenziellen Albert Einstein auf die Hauptschule zu schicken. Daher würden die Grünen gleiche Bildungschancen für alle fordern.

„Ich kann mich noch gut erinnern, wie unser Lehrer am Ende der vierten Klasse fragte, auf welche Schule wir gehen wollen. Bei der Hauptschule habe ich mich nicht gemeldet, bei der Realschule auch nicht. Als ich auf das Stichwort Gymnasium meine Hand hob, brach unser Lehrer in Gelächter aus. Kurz darauf die ganze Klasse. Dieses Lachen werde ich nie vergessen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, wo niemand lacht, wenn jemand, der Cem Özdemir heißt, sagt, er will aufs Gymnasium gehen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, das alle Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend fördert – egal, ob ihre Eltern Professoren oder Hartz-IV-Empfänger sind.“

Auf die Frage, warum die Grünen eine Volksabstimmung in EU-Themen ablehnen, wie sie von der CSU gefordert wird, erwider er, dass die Grünen bereits seit Jahren Volksabstimmungen auf Bundesebene wünschen. Die Union habe dies bislang verhindert. Der aktuelle CSU-Vorschlag ziele vielmehr darauf ab, sich bestimmte Stimmungslagen in der Bevölkerung für die Wahlen zunutze machen.

Die Grünen würden sich Abstimmungen auf der richtigen Ebene wünschen. Landesthemen müssten auf Landesebene abgestimmt werden, Bundesthemen auf Bundesebene und Europathemen auf Europaebene. „Wenn die CSU über die Erweiterung der EU abstimmen will, dann beteiligen wir uns gern an einer europaweiten Volksabstimmung nach dem Prinzip der doppelten Mehrheit, also Mehrheit der Länder und Mehrheit der absoluten Stimmen. Aber dann stimmen wir nicht nur über die Türkei ab, sondern auch über Kroatien.“, so Özdemir.

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52 Kommentare
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  1. Mehmet sagt:

    Schlimm wäre es nicht, aber es wäre BESSER, wenn mehr türkische Studenten an deutschen Hochschulen vorzufinden wären. Immerhin zieht man genau diese Zahlen heran, um das Bildungsniveau der türkischen Bevölkerung zu messen.

  2. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Sollte man dann enrsprechende Seiten heraustrennen? Oder schwärzen? Unsinn. Die Lehrinhalte an Schulen werden vom jeweiligen Kultusministerium des Staates festgelegt,ein arbeiten mit Lehrmaterial aus anderen Staaten (mit nach deutschem Standpunkt oft fragwürdigen Inhalten) ist inakzeptabel.

    P.S,
    Haben Sie übrigens die kompl. Studie im Thread VOR DEM VISUM gelesen, die Sie mit einem „Her damit“ von mir angefordert hatten? Thema „Gruppendruck“. Aufschlussreich im Gesamtkomplex, der hier behandelt wird.

  3. Markus Hill sagt:

    Mir ist noch nicht ganz klar: Für wen genau sind diese Schulbücher? Nur türkische Migranten oder auch für Deutsche mit türkischer Herkunft? In der offizielen Schulzeit benutzt oder bei privaten, türkischen Schulinitiativen? Oder staatlich türkisch gefördert? (Abkommen Lehre-Türkei)
    Die Zusammenhänge sind mir noch nicht ganz klar.

  4. Mehmet sagt:

    Als ob nur die türkische Gemeinde dies machen würde…

  5. Mehmet sagt:

    Könnte Sie den Link zu Ihrem Kommentar nochmal einfügen. Es ist in der schnellen Diskussion untergangen. Die ersten Paar Tage hatte Ich noch danach geschaut aber Sie hatten noch nichts gesendet.

  6. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Hier nochmals der Link zur Studie,die über den Innenausschuss des Bundestages veröffentlicht wurde:

    http://webarchiv.bundestag.de/archive/2005/0919/parlament/gremien15/a04/Oeffentliche_Anhoerungen/Anhoerungen_4/Stellungnahmen/Stellungnahme_4.pdf

  7. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Habe gerade versucht, den Link nochmals hier einzustellen, aber irgendwie klappt das nicht, wird nicht angenommen.

    Sie finden Ihn aber, wenn Sie im Thread VOR DEM VISUM durchscrollen.

  8. Jens sagt:

    Lesetip für Cem:

    http://www.zeit.de/2009/05/B-Vietnamesen

    „Die Kinder von Einwanderern aus Vietnam fallen durch glänzende Schulnoten auf. Ihr Erfolg straft Klischees der Integrationsdebatte Lügen“

  9. Markus Hill sagt:

    Zitat aus dem Zeit-Artikel:
    „Dass ihre Kinder dennoch zu den Musterschülern unter den Migranten wurden, ist der Beleg für die Kraft einer Kultur, deren Strebsamkeit selbst unter widrigen Bedingungen zum Aufstieg führt. Das zeigt sich seit Jahren bereits in den USA, wo überproportional viele Studenten aus asiatischen – genauer: von der konfuzianischen Mentalität geprägten – Nationen die amerikanischen Spitzenuniversitäten besuchen. Nun wiederholt sich das Bildungswunder in Deutschland.“
    Da können auch die Deutschen von lernen. Das ist die Form von Einwanderung, die man sich wünscht. Das bringt auch ein gutes Mass Wettbewerb in das Schulsystem. Man sollte die Erfolgsfaktoren etwas genauer erforschen, vielleicht lassen sich Anregungen gewinnen, wie auch türkische Migranten (natürlich auch Deutsche) von diesen Menschen lernen können. (Lerndruck bei Vietnamesen: Natürlich gibt es auch negative Effekte, glaube aber, dass sich auch dort in der Folgegenerationen einiges abschleifen wird.).

  10. Erkan sagt:

    Kosmopolit

    Sie sollten respektvoller mit ihren Mitmenschen umgehen, ihr Tonfall passt meines Erachtens nach nicht in dieses Forum. Das nur mal nebenbei angemerkt.
    Zunächst einmal zum Flughafen Frankfurt. Sie scheinen dort tätig zu sein. Stört sie das, dass dort viele ausländische Kollegen arbeiten. Mich würde auch sehr interessieren, in welchen Ebenen diese Menschen arbeiten. Zu meiner Studienzeit habe ich selber an einem Flughafen in NRW gearbeitet und kenne die Umstände sehr gut. Ich muss zustimmen, dass der Anteil von ausländischen Mitarbeitern relativ hoch ist und auch stark ins Auge fällt, doch muss an dieser Stelle herausgestellt werden, dass es zumeist Mitarbeiter waren, die einfache operative Tätigkeiten erfüllten.
    Zu der Behauptung, dass in großen deutschen Unternehmen die ausländischen Absolventen die selben Chancen hätten, wie die deutschen Absolventen kann ich nur folgendes sagen. Ich bin als Berater schon in vielen großen deutschen Unternehmen unterwegs gewesen und habe folgendes beobachten können. Die Entscheidung einen ausländischen Mitarbeiter einzustellen fällt wesentlich schwerer, als einen deutschen Mitarbeiter einzustellen, was meiner Bewertung nach auf Vorurteilen basiert und aus einem daraus folgendem Mißtrauen herrührt.
    In einem Multikultikonzern, was das auch immer sein mag, könnte die Personalauswahl anders aussehen; das könnte aber daran liegen, dass der Personaler nicht Heinz heißt, sondern John, falls ihr versteht, was ich meine.
    In diesem Zusammenhang hatte mir eine Kollegin von einem Unternehmen in DE erzählt, welches unter amerikanischer Führung war. In diesem Unternehmen hatte man als ausländer Absolvent genau dieselben Chancen, wie deutsche Absolventen, einen Job zu bekommen.
    Alles in allem kann nicht bestritten werden, dass der Aufstieg eines Ausländers karrieremäßig wesentlich höhere Hürden aufweist, was aber teilweise auch verständlich ist. Denn wir leben nun einmal in DE; in der TR bspw. hätten ausländische Absolventen hingegen bessere Chancen als unsere deutschen Freunde. Trotzallem kann generell von deutschen Unternehmen erwartet werden, dass diese die Personlauswahl objektiver fällen, was zum Vorteil von allen wäre u.a. auch vom deutschen Staat, als ein typisches „pareto Optimum“ falls ihr wisst, was das ist.


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