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Joachim Glaubitz © privat, Zeichnung: MiG

Belfast

Soziale Ohnmacht trifft die Schwächsten

In Belfast greifen rechte Mobs Migranten an und machen sie zu Schuldigen für Krisen, die sie nicht verursacht haben. Der Zorn trifft die Schwächsten statt die politischen und ökonomischen Verhältnisse.

Von Sonntag, 14.06.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 12.06.2026, 12:44 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Die Bilder aus Belfast zeigen brennende Häuser, Angriffe auf Migrant:innen und einen Mob, der seine Wut an den Schwächsten der Gesellschaft auslässt. Ähnliche Szenen waren zuletzt auch in anderen europäischen Ländern, etwa in Loosdrecht in den Niederlanden, zu beobachten.

Bekanntlich ist Gewalt durch nichts zu rechtfertigen. Trotzdem brechen solche abscheulichen Exzesse immer wieder aus. Warum?

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Die Versuchung ist groß, die Täter:innen als bloße Extremist:innen abzutun. Ja, das sind sie. Damit übersieht man jedoch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Feindbilder wirksam werden, die sie angreifen. Die Wut, die sich in Belfast entlädt, entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie speist sich aus sozialer Unsicherheit, steigenden Lebenshaltungskosten, Wohnungsmangel, Perspektivlosigkeit und dem Verlust des Vertrauens in politische Institutionen. Viele Menschen glauben nicht mehr daran, dass morgen besser sein wird als heute. Ein tiefer Nihilismus greift um sich.

Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt eine Besonderheit des neoliberalen Zeitalters. Während die Macht in der Industriegesellschaft sichtbar war, verschwindet sie im Neoliberalismus hinter dem Versprechen von Freiheit und Selbstverwirklichung. Aus den ausgebeuteten Arbeitenden wird der Unternehmer seiner selbst. Jeder soll sich als frei begreifen, als verantwortlich für seinen Erfolg ebenso wie für sein Scheitern.

„Wer jede Niederlage als persönliches Versagen deutet, stellt die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr infrage.“

Gerade darin liegt für Han die Stabilität des Systems. Wer jede Niederlage als persönliches Versagen deutet, stellt die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr infrage. Die Kritik richtet sich nicht gegen politische oder ökonomische Strukturen, sondern gegen das eigene Ich. Man problematisiert sich selbst statt die Gesellschaft. Die Folge ist eine eigentümliche Mischung aus Erschöpfung, Selbstvorwürfen und Ohnmacht.

Doch die Wut richtet sich nicht nur nach innen. Sie verschwindet dort nicht einfach. Wenn die tatsächlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse unsichtbar werden, entsteht ein Vakuum für ihre nach außen gerichtete Entladung. Genau dieses Vakuum füllen faschistische Bewegungen. Sie bieten einfache Erklärungen für komplexe Probleme und präsentieren konkrete Feindbilder: migrantische Menschen, Geflüchtete, Minderheiten. Plötzlich erhält die diffuse Erfahrung von Kontrollverlust einen Namen und ein Ziel und ermöglicht, die Selbstverstümmelung nach außen zu richten.

„Faschistische Politik lebt davon, gesellschaftliche Probleme nicht als Folge politischer Entscheidungen zu erklären, sondern als Bedrohung durch Fremde.“

Hier trifft sich Han mit den Analysen des Faschismusforschers Jason Stanley. Faschistische Politik lebt davon, gesellschaftliche Probleme nicht als Folge politischer Entscheidungen oder ökonomischer Strukturen zu erklären, sondern als Bedrohung durch fremde Gruppen. Die eigentlichen Ursachen von Unsicherheit und Abstiegsängsten verschwinden aus dem Blick. An ihre Stelle tritt der Sündenbock.

Diese Dynamik wird durch digitale Kommunikationsräume zusätzlich verstärkt. Plattformen belohnen Empörung, Zuspitzung und Feindbilder. Akteure mit enormer Reichweite – wie aktuell Elon Musk – können Stimmungen binnen Stunden verstärken und radikalisieren. Die Menschen werden dadurch nicht einfach manipuliert. Vielmehr treffen solche Botschaften auf bereits vorhandene Gefühle von Enttäuschung, Kontrollverlust und Orientierungslosigkeit und geben ihnen eine Richtung. Dazu passt, dass der Faschismus eher eine Angelegenheit des Bauchgefühls als des Verstandes ist.

Walter Benjamin sagte einst, dass der Faschismus den Massen ermögliche, sich auszudrücken, ohne ihnen zu ihrem Recht auf eine gerechtere Verteilung von Eigentum und Macht zu verhelfen. Das passt bemerkenswert gut zu dem Umstand, dass ein Milliardär – hier Musk, selbst Profiteur und Symptom eines leidverursachenden Systems – Menschen zum Kampf gegen die Schwächsten der Gesellschaft einpeitscht. Die Menschen sollen ihren Zorn artikulieren, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse, die diesen Zorn hervorbringen, sollen unangetastet bleiben.

„Unser Zusammenhalt sollte nicht auf Wut beruhen, sondern auf der gemeinsamen Forderung nach einem besseren Leben für alle.“

Deshalb reicht es nicht aus, rechtsextreme Gewalt lediglich moralisch zu verurteilen, auch wenn diese Verurteilung notwendig ist. Demokratische Politik muss zugleich die sozialen Bedingungen in den Blick nehmen, aus denen Verzweiflung, Nihilismus und Ohnmacht entstehen.

Es gibt gute Gründe, zornig zu sein. Aber unser Zusammenhalt sollte nicht auf Wut beruhen, sondern auf der gemeinsamen Forderung nach einem besseren Leben für alle. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, welche Gruppen für unsere Probleme verantwortlich gemacht werden können. Entscheidend ist, welche politischen und ökonomischen Verhältnisse diese Probleme tatsächlich hervorbringen. (mig) Meinung

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