
MIA-Bericht
Sinti und Roma erleben viele Vorfälle bei Behörden und Polizei
Die Meldestelle MIA hat 2025 mit 2.076 antiziganistischen Vorfällen einen neuen Höchststand dokumentiert. Besonders häufig traf Antiziganismus Sinti und Roma im Kontakt mit staatlichen Behörden, darunter auffällig oft mit der Polizei.
Von Jonas Grimm Dienstag, 09.06.2026, 15:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 09.06.2026, 15:18 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) hat für das Jahr 2025 mit 2.076 Vorfällen einen erneuten Höchststand dokumentiert. Im Vergleich zum Vorjahr handele es sich um einen Anstieg um rund 24 Prozent (2024: 1.678 Fälle), sagte MIA-Geschäftsführer Guillermo Ruiz bei der Vorstellung des vierten Jahresberichts am Dienstag in Berlin. Die Organisation geht zudem von einem großen Dunkelfeld von Vorfällen zulasten der betroffenen Bevölkerungsgruppen aus, darunter Sinti und Roma.
Besonders stark wuchsen Stereotypisierungen und Herabwürdigungen, konkret um rund 40 Prozent auf 1.193 Fälle. Diese Vorfallart kam am häufigsten vor. Zudem sei es zu 55 körperlichen Angriffen, 41 Sachbeschädigungen und 8 Fällen extremer Gewalt gekommen.
Viele Vorfälle mit staatlichen Behörden
Antiziganismus trat in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen auf. Besonders häufig seien solche Vorfälle beim Kontakt mit staatlichen Behörden (428 Fälle) gewesen. Besonders die Polizeibehörden stachen dem Bericht zufolge dabei heraus, bei 29 Prozent der Fälle seien Polizistinnen und Polizisten in die Vorfälle involviert gewesen. An zweiter Stelle bei den Lebensbereichen folgte die Bildung (364 Fälle). Auch beim Wohnen (279 Fälle) sei es häufig zu Antiziganismus gekommen.
Am häufigsten erscheine Antiziganismus in seiner „bürgerlichen“ Form (953 Vorfälle), hieß es. Laut MIA werden Sinti und Roma dabei als vermeintlich abweichend von gesellschaftlichen Normen dargestellt oder es werde ihnen eine Neigung zu Kriminalität und Sozialleistungsmissbrauch unterstellt.
Meldestelle: AfD-Politiker betreiben Hetze
MIA-Geschäftsführer Ruiz nannte als Gründe für den Anstieg den „Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft“. Er beklagte etwa einen gestiegenen Antiziganismus in der Politik. Vor allem AfD-Politiker trügen zu antiziganistischer Hetze bei.
Diese Einschätzung teilte der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Michael Brand (CDU). Sinti und Roma würden „von nationalistischen Kräften“ immer mehr ins Visier genommen, sagte er. „Antisemitismus, Antiziganismus und jeder andere Extremismus haben in Deutschland keinen Platz und werden bekämpft“, versicherte Brand. Gleichzeitig gebe es in der Gesellschaft viel Unwissenheit über Sinti und Roma, stellte der CDU-Politiker fest. Etwa wüssten viele Menschen nicht, dass es den NS-Völkermord an der Minderheit gegeben hat.
Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, mahnte: „Wir müssen die Demokratie heute verteidigen.“ Zu einer Demokratie gehörten die Minderheiten, erklärte er. „Wenn wir die Demokratie verlieren, verlieren wir alle.“
Maßnahmen im Bereich Wohnen gefordert
MIA forderte unter anderem eine solide Finanzierung der Meldestelle. Über 2026 hinaus sei die Finanzierung nicht gesichert. Weitere Maßnahmen für den Abbau antiziganistischer Vorurteile wurden insbesondere für den Bereich Wohnen verlangt.
Die Zahlen stammen aus der bundesweiten Arbeit der MIA-Bundesgeschäftsstelle sowie der Meldestellen in sechs Bundesländern. Antiziganismus beschreibt laut MIA die gesellschaftlich tradierte Wahrnehmung von und den Umgang mit Menschen oder sozialen Gruppen, die als „Zigeuner“ konstruiert, stigmatisiert und verfolgt werden. Die Diskriminierung richte sich unter anderem gegen Sinti und Roma, Jenische oder auch Reisende. (epd/mig)
Leitartikel PanoramaSinti und Roma: In Deutschland leben rund 60.000 Sinti und 10.000 Roma, offizielle Zahlen gibt es nicht. Sinti und Roma sind neben Dänen, Friesen und Sorben eine der vier gesetzlich anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Sinti leben seit mehr als 600 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fielen etwa 500.000 Sinti und Roma dem Rassenwahn zum Opfer. In Europa leben laut Schätzungen der EU-Kommission sechs bis zwölf Millionen Sinti und Roma.
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