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Rechtsextremisten greifen Polizei an © Justin Tallis/AFP

Großbritannien

Polizeifehler löst Debatte über Rassismus gegen Weiße aus

Eine Bodycam-Aufnahme zeigt die letzten Worte eines 18-Jährigen, dem Polizisten zunächst offenbar nicht glaubten. In Großbritannien machen Rechte daraus den Vorwurf einer Benachteiligung weißer Briten.

Von und Donnerstag, 04.06.2026, 13:08 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 04.06.2026, 13:08 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

„Ich kann nicht atmen“, „ich wurde niedergestochen“ – die Aufnahme einer Polizei-Bodycam, die Henry Nowaks letzte Worte festhielt, ist schwer zu ertragen.

Dem 18-jährigen britischen Studenten, der an einem Dezemberabend hilflos am Boden vor einem Haus im englischen Southampton liegt, wird von den Beamten kein Glauben geschenkt. Stattdessen legen sie dem Sterbenden Handschellen an. Zu sehen ist auch sein Mörder, der behauptet, als Anhänger der Sikh-Religion rassistisch beleidigt worden zu sein und sich als Opfer darstellt. Der inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilte Mann hatte angegeben, die Tatwaffe aus religiösen Gründen getragen zu haben.

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Gewaltsame Ausschreitungen

Der Vorfall erhitzt derzeit in Großbritannien die Gemüter. Am Dienstagabend kommt es sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen. Elf Beamtinnen und Beamte werden dabei verletzt, wie die Polizei mitteilte. Wie viele Verletzte es unter den Protestierenden gab, war zunächst unklar.
Hunderte Menschen waren zuvor einem Aufruf des Rechtsextremen Tommy Robinson gefolgt. Sie werfen der Polizei Ungleichbehandlung – konkret eine Benachteiligung der weißen Mehrheitsbevölkerung – vor.

Robinson, der eigentlich Stephen Yaxley-Lennon heißt, ist einer der bekanntesten Rechtsextremen Großbritanniens und mehrfach vorbestraft. Er stammt aus der Hooligan-Szene. Der frühere Chef der rechtsextremen Vereinigung English Defence League ist in rechten Kreisen international bestens vernetzt und bekannt für seine islamfeindlichen Aktivitäten.

Massive Gewalt gegen Polizei

Auf Videos, die im Internet kursieren, ist zu sehen, wie Mülltonnen, Warnkegel und andere Gegenstände auf Polizisten geschleudert werden. In verschiedenen Clips sieht man, wie Beamte in Schutzausrüstung eine aufgebrachte Menschenmenge mit ihren Schilden zurückdrängen. Zwei Menschen wurden nach Angaben von Polizeistaatssekretärin Sarah Jones festgenommen.

Die Szenen erinnern an den Krawallsommer von 2024, als es in etlichen Städten Englands und Nordirlands wochenlang zu rassistisch motivierten Ausschreitungen kam. Zum Anlass hatten die Krawallmacher damals den Mord an drei Mädchen im nordenglischen Southport genommen. Es kam zu Angriffen auf Asylbewerberunterkünfte, Moscheen und Läden muslimischer Inhaber, nachdem Gerüchte kursiert waren, es handle sich bei dem Täter um einen muslimischen Asylbewerber. Indessen war es ein in Großbritannien geborener Mann mit ruandischen Wurzeln.

Starmer: Angriffe „völlig inakzeptabel“

Premierminister Keir Starmer verurteilte die Krawalle. „Ungeachtet unseres Schmerzes gibt es keine Rechtfertigung für weitere Gewalt und Unruhen“, sagte Starmer im Parlament. Die Angriffe auf Polizisten seien „schändlich und völlig inakzeptabel“. Alle, die sich an den Ausschreitungen beteiligen, würden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.

Die Szenen in Southampton seien „komplett inakzeptabel“, schrieb auch Innenministerin Shabana Mahmood auf der Plattform X. Es gebe keine Rechtfertigung, die Tragödie zum Vorwand zu nehmen, um Gewalt und Unruhe zu schüren. Sie dankte der Polizei, die „großen Mut und Ruhe angesichts beschämender Gewalt gezeigt hat, die gegen sie gerichtet war“.

Auch der Vater des Opfers hatte zu Mäßigung aufgerufen. „Wir wollen nicht, dass sein Tod dazu benutzt wird, noch mehr Spaltung, Hass oder Spannung zu schaffen“, so ein Statement von Mark Nowak nach dem Urteil am Montag.

Weitere Ausschreitungen befürchtet

Der Chef rechtspopulistischen Partei Reform UK, Nigel Farage, warf der Regierung hingegen bei der Fragestunde im Parlament vor, ein Zwei-Klassen-System bei der Polizei geschaffen zu haben, das Weiße benachteilige. Er hatte den Fall mit dem des schwarzen US-Amerikaners George Floyd verglichen, der in Minneapolis im Griff eines Polizisten starb und als Reaktion zu „blanker, kalter Wut“ aufgerufen.

Im Parlament warnte Farage, der Ärger, der sich in Southampton Bahn gebrochen habe, könne noch deutlich stärker werden – und handelte sich damit etliche Zwischenrufe ein, in denen er bezichtigt wurde, die Gewalt angestachelt zu haben.

Starmer warf Farage hingehen vor, den Wunsch der Familie Henry Nowaks zu ignorieren, seinen Tod nicht zu instrumentalisieren. Das sei unverzeihlich und zeige „genau, wer er ist“, sagte der Premier über Farage, dessen Partei derzeit die Umfragen in Großbritannien anführt.

Mahmood: Beamter erhielt Morddrohungen

Das Vorgehen der Polizei soll nun von der Aufsichtsstelle für Polizeiverhalten (IOPC) untersucht werden. Einer der am Einsatz beteiligten Beamten hat laut Polizei bereits den Dienst quittiert, drei andere sind demnach hingegen weiter im Amt. Laut Innenministerin Mahmood hatte ein weiterer Beamter, der fälschlicherweise mit dem Fall in Verbindung gebracht wurde, Morddrohungen erhalten und musste mit seiner Familie umziehen.

Die Regierung unterstütze die Arbeit der IOPC bei der Aufklärung des Vorfalls voll und ganz, versicherte Starmer. Man müsse nun „schwierige Fragen“ klären, nicht zuletzt, ob der Umgang mit Rassismus die Entscheidungen der Polizisten beeinflusst habe. Er fügte jedoch hinzu: „Jetzt ist Zeit für ernsthafte Arbeit, nicht für Wut.“ (dpa/mig) Aktuell Ausland

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