
Blaulicht im Mai 2026
Der Frühling blüht, der Hass auch.
Dutzende Polizeimeldungen im Mai zeigen erneut rechte, rassistische und antisemitische Tatmuster im Alltag: Kinder werden im Bus geschlagen, Menschen auf offener Straße angegriffen, Schulwände und Gedenksteine beschmiert. Das Lagebild vom Blaulicht-Reporter der MiGAZIN-Redaktion für Mai 2026.
Dienstag, 02.06.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 01.06.2026, 16:17 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Manchmal beginnt ein Lagebild nicht mit Zahlen, sondern mit einem Bus. In Mönchengladbach soll eine 27-jährige Frau eine 24-Jährige, deren neunjähriges Kind und ein achtjähriges Kind geschlagen, bespuckt und rassistisch beleidigt haben. Als ein 38-Jähriger einschritt, soll auch er mit einem Handy geschlagen, geschubst und bespuckt worden sein. Das ist keine anonyme „Störung der öffentlichen Ordnung“. Das ist ein Alltag, in dem Menschen im Bus nicht einmal sicher davor sind, gedemütigt und angegriffen zu werden.
Die Recherche im Blaulicht-Bereich des Presseportals für den Zeitraum 1. bis 31. Mai 2026 ergibt mindestens 45 einschlägige Fälle oder Meldungsabschnitte mit Hinweisen auf rechte, rassistische, antisemitische, fremdenfeindliche, queerfeindliche oder sonst menschenfeindliche Motive. Es geht um Schläge und Tritte, Drohungen und Spuckattacken, Hakenkreuze an Schulen, antisemitische Schmierereien, Hitlergrüße auf Bahnhöfen, an Haltestellen, in Zügen und auf Festen. Es ist der Monat Mai im Polizeibericht. Der Frühling blüht, der Hass auch.
Wenn Ausgrenzung zuschlägt
Besonders schwer wiegen die Fälle, in denen Menschen direkt angegriffen wurden. In Bielefeld wurde ein 28-jähriger Radfahrer nach Polizeiangaben von zwei Männern rassistisch beleidigt, zu Boden gebracht, geschlagen und getreten. Er erlitt schwere Verletzungen und musste in ein Krankenhaus. In Kassel soll ein Mann eine 21-Jährige rassistisch beleidigt und volksverhetzende Parolen gerufen haben; anschließend hob er laut Polizei eine Glasflasche, um zuzuschlagen. Ein Passant nahm ihm die Flasche ab. Die Frau wurde nur Dank dem Eingreifen und der Zivilcourage eines Dritten nicht körperlich verletzt – über ihre Psyche ist nichts bekannt.
Auch in Bremen ging es nicht nur um Worte. Dort soll eine Frau an der Domsheide Menschen, die sie als „fremd“ gelesen hat, rassistisch beschimpft und eine 17-Jährige mit einem Schuh geschlagen haben. In Frankfurt-Seckbach soll ein 67-Jähriger zwei Kinder rassistisch beleidigt und später gegenüber der Polizei verfassungsfeindliche Parolen gerufen haben. Ebenfalls in Frankfurt wurden zwei junge Frauen in einem Schnellrestaurant beleidigt; der unbekannte Mann soll zudem den Hitlergruß gezeigt haben, wie die Polizei schrieb.
Die alte Pose im neuen Alltag
Der Hitlergruß zieht sich durch die Mai-Meldungen wie eine armselige Choreografie. In Siegburg sollen zwei Männer an einer Ampel den Hitlergruß gezeigt und fremdenfeindliche Äußerungen gemacht haben. In einem ICE zwischen München und Hamburg soll ein 40-Jähriger mehrfach den Hitlergruß gezeigt, „Heil Hitler“ gerufen und einen Mitreisenden bedroht haben; am Bahnhof Göttingen wiederholte er die Geste laut Bundespolizei weitere Male. Am Bahnhof Hamburg-Harburg soll ein 65-Jähriger Bundespolizisten beleidigt und zweimal den Hitlergruß gezeigt haben.
Weitere Meldungen kamen aus Crailsheim, Marburg, Nürnberg, Frankfurt am Main Flughafen, Nidderau, Darmstadt, Hagenow und Parchim. Mal ist es ein Bahnhof, mal eine Haltestelle, mal ein Fest, mal eine Straße. Die Geste ist immer dieselbe: rechtsextreme Selbstinszenierung im öffentlichen Raum. Der Staatsschutz ermittelt häufig. Das wird mitgeteilt, was danach passiert, bleibt in der Regel im Dunkeln.
Schulen, Stolpersteine, Gemeindehaus
Eine zweite große Fallgruppe betrifft Orte, an die eigentlich besonders geschützt sein sollten: Schulen, Erinnerungsorte, religiöse Gemeinden. In Göttingen wurden an die Fassade einer Grundschule ein Hakenkreuz und antisemitische sowie rassistische Begriffe gesprüht. In Gelsenkirchen wurden Hakenkreuze an eine Schule geschmiert, in Soest tauchte ein Hakenkreuz an einem Schulpavillon auf, in Maintal wurde ein frisch fertiggestelltes Graffiti-Kunstwerk an einer Turnhalle mit einem Hakenkreuz beschädigt.
In Nienburg wurde die Fassade der Türkisch-Islamischen Gemeinde mit „88“ und „NS Zone“ beschmiert. In Offenbach wurden acht Stolpersteine mit Hakenkreuzen beschmiert; laut Polizei könnte eine Gruppe junger Menschen in der Nähe damit in Verbindung stehen, ein Jugendlicher soll den Hitlergruß gezeigt haben. In Lahr soll ein E-Scooter-Fahrer Schülerinnen, Schüler und eine Lehrkraft antisemitisch beleidigt haben, als sie Stolpersteine reinigten und Blumen niederlegten; später meldete die Polizei, ein Tatverdächtiger sei ermittelt worden – erwähnenswert.
Hakenkreuze als Reviermarkierung
Daneben gab es zahlreiche Sachbeschädigungen und Propagandadelikte. In Kahla wurden im Freibad Hakenkreuze, SS-Runen und weitere Schriftzüge aufgesprüht. In Ronneburg wurden nach einem Einbruch verfassungsfeindliche Symbole an Wände und Gegenstände geschmiert. In Großrudestedt tauchte ein verfassungsfeindliches Graffiti an einer Bank im Skatepark auf. In Wallenhorst wurde eine frisch sanierte Fahrradstraße mit einem Hakenkreuz verunstaltet.
Weitere Hakenkreuze oder rechtsextreme Schmierereien meldeten die Polizeien unter anderem aus Bockenem, Marburg, Darmstadt, Soest, Lamspringe und Ascheberg-Herbern, wo rechtsextreme Aufkleber und Bezüge zur Gruppierung „Dritter Weg“ auftauchten. Für Betroffene sind solche Zeichen keine Schmierereien wie jede andere. Sie markieren Räume. Sie sagen: Ihr seid hier nicht willkommen.
Was die Karte zeigt – und was nicht
Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Bremen fallen in dieser Monatsrecherche besonders häufig auf. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass dort mehr passiert als anderswo. Es bedeutet zunächst nur: Dort sind im Mai besonders viele einschlägige Pressemitteilungen auffindbar gewesen. Die Karte rechter, rassistischer und antisemitischer Vorfälle ist immer auch eine Karte polizeilicher Pressearbeit. Manche Dienststellen melden Hakenkreuze und Hitlergrüße ausführlich. Andere fassen Vorfälle zusammen, veröffentlichen spät oder gar nicht.
Polizeimeldungen zeigen außerdem fast immer nur den Anfang eines Falls. Sie nennen Tatort, Tatzeit, Verdacht, manchmal ein Detail. Was sie selten erzählen: Wie geht es den Betroffenen? Wurden sie weiter bedroht? Hat die Tat ihren Alltag verändert? Wurde jemand angeklagt? Gab es eine Verurteilung? Oder verschwand der Fall nach der ersten Meldung im Aktenordner, während Betroffene mit den Folgen leben mussten?
Der Anfang einer Geschichte
Gerade deshalb darf diese Monatsbilanz nicht wie eine kalte Liste gelesen werden. Ein Hakenkreuz an einer Schule ist nicht nur Farbe auf Putz. Ein Hitlergruß im Bahnhof ist nicht nur eine betrunkene Geste. Eine rassistische Beleidigung im Bus ist nicht nur ein unschöner Zwischenfall. Hinter jeder Meldung stehen Menschen, die zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, zum Gebet, zu einem Erinnerungsort oder einfach nach Hause wollten.
Der Mai zeigt kein neues Problem. Er zeigt ein altes Problem in vielen kleinen, sehr konkreten Szenen. Der Hass trägt mal Bomberjacke, mal Bierfahne, mal Alltagskleidung. Er kommt als Schmiererei, als Parole, als Schlag, als Spucken, als Drohung. Und meistens verschwindet er nach wenigen Zeilen wieder aus der Öffentlichkeit. Für die Betroffenen ist er damit nicht vorbei.
Aktuell PanoramaHinweis der Redaktion: Hinter jeder einzelnen Polizeimeldung stehen echte Menschen: Menschen mit Familien, Kindern, Eltern, Freundinnen und Freunden. Sie können beleidigt, bedroht, verletzt, gedemütigt oder traumatisiert worden sein. Über viele dieser Fälle müsste eigentlich einzeln berichtet werden: Was ist aus den Betroffenen geworden? Welche Folgen hatte der Angriff? Wurde ein Tatverdächtiger ermittelt? Kam es zu einer Anklage? Wie ermittelt die Polizei? Welche strafrechtlichen Folgen hatte die Tat?
Viele dieser Fragen bleiben offen, weil Polizeimeldungen meist nur den Anfang eines Falls zeigen – und weil Medien häufig nicht weiter nachfragen, auch aus Zeit-, Kosten- und Ressourcengründen. Das gilt selbstkritisch auch für das MiGAZIN: Als kleine Redaktion können wir oft nur diesen monatlichen Überblick „Blaulicht“ leisten, obwohl viele Fälle eine eigene Recherche verdient hätten. MiGAZIN finanziert sich wesentlich über seine Leserinnen und Leser. Wer solche Arbeit ermöglichen möchte, kann uns mit einem Abo unterstützen.
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