Edgar Pocius, MiGAZIN, Migration, Klassen, Bildungsbürgertum, Migration, Gesellschaft
Edgar Pocius © prviat, Zeichnung: MiGAZIN

Russlanddeutsche

Angst vor dem eigenen Migrantenschatten

Viele Spätaussiedler verstehen ihre Einwanderung als Rückkehr nach Deutschland nicht als Migration. Problematisch wird diese Deutung, wenn daraus eine Abgrenzung nach unten und Verdrängung der eigenen Geschichte wird.

Von Donnerstag, 28.05.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.05.2026, 9:01 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Sind Spätaussiedler Migranten?

Diese Frage klingt auf den ersten Blick fast banal. Wer aus Kasachstan, Russland, Polen, Rumänien oder anderen Ländern nach Deutschland kommt, ist migriert. Trotzdem löst gerade diese Feststellung bei vielen Russlanddeutschen heftige Abwehr aus.

___STEADY_PAYWALL___

Ich habe eine virale Diskussion auf TikTok verfolgt, in der eine Autorin anderen Russlanddeutschen erklären wollte, dass Spätaussiedler ebenfalls Migranten sind. Die Reaktionen waren gespalten. Manche stimmten zu. Andere reagierten mit Empörung, und dem alten Reflex: Wir sind keine Migranten. Wir sind Deutsche.

Gerade diese Wut macht die Frage interessant.

„Es geht hier nicht nur um ein Wort. Es geht um Status.“

Denn sie zeigt, dass es hier nicht nur um ein Wort geht. Es geht um Status. Um die Angst, mit jenen Menschen in eine Kategorie gestellt zu werden, von denen man sich heute politisch oder kulturell abgrenzen will.

Seit dem Krieg gegen die Ukraine sind Russlanddeutsche wieder stärker in den Fokus geraten. In Medien und Debatten erscheinen sie mal als konservative Wählergruppe, mal als prorussisches Milieu, mal als gut integrierte Minderheit, mal als Problemfall zwischen Deutschland und Russland. Dieses Bild ist oft grob, manchmal unfair, aber es berührt einen realen Widerspruch: Viele Russlanddeutsche leben zwischen deutscher Herkunft, sowjetischer Sozialisation, russischer Sprache und deutscher Gegenwart. Es sind Identitäten, die zwischen mehrere Geschichten geraten sind und deshalb in keine saubere Schublade passen.

Genau deshalb ist die Frage nach Migration so unbequem.

Rechtlich wurden Spätaussiedler nicht einfach als Ausländer aufgenommen. Sie kamen über ein besonderes Aufnahmeverfahren nach Deutschland, wurden als deutsche Volkszugehörige anerkannt und erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit. Das unterscheidet sie deutlich von anderen Migrantengruppen. Für viele andere Einwanderer wirkt diese Gruppe deshalb privilegiert.

Aber dieses Privileg löscht die Migrationserfahrung nicht aus.

„Zugehörigkeit entsteht nicht nur aus dem, was man über sich selbst sagt. Sie wird im Alltag ausgehandelt.“

Das ist der erste Denkfehler vieler Russlanddeutscher: Sie glauben, weil ihre Einwanderung rechtlich anders begründet wurde, sei sie keine Migration gewesen. Doch die soziale Realität war eine andere. Viele kamen mit russischer Sprache, sowjetischem Habitus, anderen kulturellen Codes und wurden in Deutschland nicht als heimgekehrte Deutsche wahrgenommen, sondern schlicht als Russen.

Genau dort beginnt das Problem. Selbstidentität reicht nicht. Man kann deutsche Vorfahren haben, deutsche Nachnamen tragen, sich auf Familiengeschichte berufen und rechtlich als Deutscher gelten. Aber Zugehörigkeit entsteht nicht nur aus dem, was man über sich selbst sagt. Sie wird im Alltag ausgehandelt. Andere Menschen lesen Akzent, Kleidung, Verhalten, Sprache, Bildung, Herkunftsland. Und sehr viele Spätaussiedler wurden nicht als Deutsche gelesen, sondern als Migranten aus Osteuropa.

Viele Russlanddeutsche halten an der Erzählung fest: Wir sind zurückgekehrt. Das ist historisch nicht falsch. Deutschstämmige Gruppen in Osteuropa und der Sowjetunion hatten wegen ihrer Herkunft Diskriminierung, Deportation und Ausgrenzung erlebt. Das Aussiedlerrecht entstand nicht aus romantischer Blut-und-Boden-Fantasie, sondern aus der Geschichte von Krieg, Vertreibung und Folgen deutscher Gewalt. Viele Familien hielten gerade deshalb an einer deutschen Identität fest, weil diese Identität sie in ihren Herkunftsländern markiert hatte.

Aber die Rückkehr nach Deutschland war keine Heimkehr in eine warme Familie. Für viele war sie eine zweite Fremdwerdung.

„Russlanddeutsche, die gegen Migranten sprechen, verstehen oft nicht, dass sie ihre eigene Geschichte gegen andere wenden.“

Wer diese Erfahrung ernst nimmt, müsste eigentlich vorsichtiger sprechen, wenn heute über Migration geredet wird. Stattdessen passiert oft das Gegenteil. Manche Russlanddeutsche benutzen ihre deutsche Abstammung, um sich von anderen Migranten abzugrenzen. Sie sagen: Wir sind nicht wie die. Wir gehören hierher.

Aber genau diese Abwehr verrät, dass der eigene Status nie selbstverständlich war.

Wer wirklich selbstverständlich dazugehört, muss nicht ständig erklären, dass er kein Migrant ist. Diese Verteidigung zeigt eine alte Wunde. Man will nicht mit Fremdheit verbunden werden, weil man selbst lange genug als fremd behandelt wurde.

Das ist der blinde Fleck der Debatte. Russlanddeutsche, die gegen Migranten sprechen, verstehen oft nicht, dass sie ihre eigene Geschichte gegen andere wenden. Sie greifen eine Kategorie an, durch die ihre eigene Ankunft in Deutschland überhaupt beschreibbar wird. Sie wollen sich von Migration abgrenzen, obwohl ihre Familiengeschichte eine Migrationsgeschichte ist.

Spätaussiedler waren privilegierte Migranten. Das ist vielleicht die ehrlichste Formel. Privilegiert, weil sie rechtlich anders behandelt wurden. Migranten, weil sie aus anderen Gesellschaften kamen, in Deutschland neu anfangen mussten und im Alltag als Fremde gelesen wurden.

„Wer sich selbst als Deutsch versteht, aber von anderen als Russe gelesen wurde, lebt in einer Spannung.“

Die TikTok-Debatte zeigt deshalb mehr als nur einen Streit um Begriffe. Sie zeigt, wie stark Identität an Anerkennung hängt. Wer sich selbst als Deutsch versteht, aber von anderen als Russe gelesen wurde, lebt in einer Spannung. Und wenn diese Spannung nicht verstanden wird, sucht sie sich einen Ausweg. Oft nach unten. Gegen die, die noch sichtbarer fremd erscheinen.

Darum ist die Frage „Sind Spätaussiedler Migranten?“ so unangenehm. Sie zwingt Russlanddeutsche, den eigenen Mythos zu überprüfen. Nicht um ihnen ihr Deutschsein wegzunehmen. Sondern um zu zeigen, dass Deutschsein allein nicht erklärt, wie sie in Deutschland tatsächlich wahrgenommen wurden.

Spätaussiedler waren Deutsche im Gesetz, aber Migranten im sozialen Blick.

Und wer heute andere Migranten verachtet, sollte sich fragen, ob er wirklich über sie spricht oder über den Teil der eigenen Geschichte, den er nicht mehr sehen will. (mig) Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)