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Fans Halten Poster von Mesuz Özil, deutscher Fußball-Nationalspieler, hoch © Glyn Kirk/AFP

Neue ZDF-Doku

Warum der Fall Özil viel mehr als nur Fußball erzählt

Mesut Özil war einst Symbol einer vielfältigen Republik, heute steht er für einen tiefen Bruch – mit dem DFB und mit Deutschland. Eine neue ZDF-Doku zeigt nicht nur den Absturz eines Idols, sondern auch das Scheitern einer Gesellschaft im Umgang mit Zugehörigkeit und Rassismus.

Von Dienstag, 17.03.2026, 13:02 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 17.03.2026, 13:02 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Acht Jahre nach dem lautstarken Bruch mit der Nationalmannschaft bleibt Mesut Özil eine der rätselhaftesten und umstrittensten Figuren des deutschen Fußballs. Fast ein Jahrzehnt ist vergangen, seit der Weltmeister von 2014 ein Interview auf Deutsch gab. Heute soll der 37-Jährige in Istanbul leben – weit weg von seinem Geburtsort Gelsenkirchen.

Und doch bleibt Özil eine Person, die Deutschland nicht loslässt. Weil kein anderer deutscher Nationalspieler jemals solch einen Imagewandel erlebte? Oder weil seine Geschichte über den Fußball hinausgeht? Die ZDF-Doku „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ greift diese Fragen nun auf.

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„Die Debatte über seine Bilder mit Erdoğan, seine türkische und deutsche Identität wurden ungewöhnlich hart und lange diskutiert“, sagte Medienwissenschaftler Christoph Bertling der „Deutschen Presse-Agentur“ (dpa). Gleichzeitig gelte Özil als herausragende Fußballpersönlichkeit. „Ein solches Spannungsfeld von sportlicher Exzellenz, sozialer Verantwortung und politischem Statement bleibt lange in Erinnerung – trotz Schweigens“, befand Bertling.

Vom gefeierten Helden zur Reizfigur

Özils Geschichte war lange eine vorwiegend sportliche. Der frühere Profi vom FC Schalke 04 und Werder Bremen galt als eleganter Regisseur des deutschen Offensivspiels, als Schlüsselspieler beim WM-Triumph 2014 in Brasilien. Für den früheren DFB-Manager Oliver Bierhoff war er „ein Mozart“, für Ex-Bundestrainer Joachim Löw „einer der aller allerbesten Nationalspieler, die Deutschland je hatte“.

Info: Die Doku-Serie ist ab Freitag, 20. März 2026, im ZDF-Streaming-Portal und am Dienstag, 31. März 2026, 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

Der Enkel türkischer Gastarbeiter wurde zum Symbol eines vielfältigen (Fußball-) Deutschlands, erhielt 2010 sogar den Bambi in der Kategorie „Integration“. Dann kam der Bruch. Nach dem umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem historischen WM-Aus 2018 schlug die Stimmung um. Aus dem einstigen Helden wurde endgültig eine umstrittene Reizfigur. Özil zog sich zurück, erklärte seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft und beklagte Rassismus.

In Erinnerung blieb vor allem, was Özil über das Verhalten von Ex-DFB-Chef Rainer Grindel in der Erdoğan-Affäre schrieb: „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ Grindel war zuvor CDU-Politiker und Bundestagsabgeordneter gewesen und galt als Hardliner seiner Fraktion in Migrations- und Integrationsfragen.

Löw berichtete: „Die ganze Presseerklärung und die Gründe habe ich nie gelesen. Weil erstens war mir das zu lang und zweitens war ich in dem Moment enttäuscht, weil ich’s eigentlich nicht von ihm persönlich gehört habe.“

Özil als Stoff für Kultur-Formate

Özil selbst scheint mit seinem Geburtsland längst abgeschlossen zu haben. Doch hier hält die Faszination für den Deutsch-Türken an. Özils Geschichte ist längst zum Stoff für Kulturproduktionen geworden. Schon vor dem ZDF-Dreiteiler, der ab dem 20. März in der Mediathek und am 31. März im TV zu sehen ist, sang etwa der Rapper Fler in seinem Song „Stabiler Deutscher“ über Özil.

Es gibt eine Podcast-Serie über den früheren Kicker von Real Madrid. In Bremen läuft das Theaterstück „Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“. „Das Stück ist unheimlich gut besucht. Das hat natürlich mit der Person Mesut Özil zu tun. Seine Geschichte wurde nie zu Ende erzählt. Die Menschen wollen Antworten“, erklärte Autor Akin Emanuel Şipal. Es gehe um komplexe Themen wie Selbstwahrnehmung, Integration, Identität – Fragen, die viele berührten.

Doku mit Löw, Bierhoff und Özils Vater

Dass die Doku zur Primetime im Hauptprogramm läuft, zeigt, welche Resonanz sich das ZDF verspricht. „Ich war überrascht, wie viel gesellschaftlicher Sprengstoff da drinsteckt“, sagte Regisseur Florian Opitz der dpa und begründete das Interesse so: „Özil erzählt einfach so viel über unser Ringen als Gesellschaft. Dass wir uns immer noch nicht richtig entscheiden: Sind wir eine Einwanderungsgesellschaft oder nicht? Wie willkommen heißen wir die Leute, die eigentlich hier geboren sind?“

Zu Wort kommen neben Löw und Bierhoff auch Weggefährten wie Hamit Altintop und Per Mertesacker, Vater und Ex-Manager Mustafa Özil sowie Berater Erkut Söğüt. Auch Jugendtrainer Norbert Elgert oder Journalist Deniz Yücel sind dabei. „Ich war total verwundert, dass zuerst eigentlich niemand vor der Kamera etwas sagen wollte. Es bedurfte viel Überzeugungskraft“, berichtete Opitz und sprach von einer Geschichte, die die Gemüter aller Deutschen errege.

Özil selbst lehnte Interviews nach Senderangaben ab. Auch auf dpa-Anfrage gab es keine Rückmeldung. „Mesut ist einfach nur verletzt, weil er nicht die Geborgenheit von dem Land bekommen hat, wo er Weltmeister geworden ist“, berichtete sein Vertrauter Altintop und stellte klar: „Keiner kennt ihn.“

Vom Rasen in die Politik

2023 hatte Özil seine Karriere in der Türkei beendet. Wenn er in diesen Tagen in Erscheinung tritt, dann meist aufgrund politischer Botschaften und seiner Nähe zu Erdoğan. Der türkische Staatschef war Özils Trauzeuge. Seit dem Vorjahr ist Özil auch Mitglied in einem Führungsgremium von Erdoğans Partei AKP.

2023 hatte erneut ein Foto Wirbel ausgelöst. Auf Özils Brust war eine Tätowierung zu sehen, die drei Halbmonde und einen heulenden Wolf zeigt – dies sind Symbole der „Grauen Wölfe“. Als „Graue Wölfe“ werden die Anhänger der „Ülkücü-Bewegung“ bezeichnet. „Sie fußt auf einer nationalistischen, antisemitischen und rassistischen rechtsextremistischen Ideologie“, heißt es auf der Homepage des deutschen Verfassungsschutzes.

Soziologen halten dieser Formulierung entgegen, dass die türkische „Ülkücü-Bewegung“ in seiner Geschichte und Ideologie nicht vergleichbar ist mit dem Rechtsextremismus, wie man sie in Deutschland versteht. Insofern seien die Ausführungen des Verfassungsschutzes irreführend. (dpa/mig) Aktuell Feuilleton

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